Teil 3. Die Vorgeschichte des Polizistenmordes

3.1. Auseinandersetzungen während des Blizzards im April

Die Bereitschaftspolizisen gingen im April wieder gegen die Drogenszene vor. Am 24. April befanden sich beispielsweise zwei Bepo-Gruppen in Heilbronn: Von 12:30 bis 20:00 der TEZ 514, von 08:30 bis 16 Uhr die BFE 522.

Im Einsatzbericht der BFE 522 – Gruppe steht, dass der Einsatzort Heilbronn war, nicht wie im Einsatzbefehl angegeben Neckarsulm. Laut des Einsatzberichtes gab es in Heilbronn eine Verfolgungsjagd und drei Festnahmen, bei denen Kräfte der TEZ 514 halfen: „Es wurde ein flüchtendes Fzg. verfolgt und es kam in der Folge zu drei Festnahmen die mit den Kräften des EZ 514 zusammen getätigt wurden. (…) Des Weiteren wurden 55 Personen im Stadtgebiet HN kontrolliert.“1 Ungeklärt ist, wo die 55 Personen angetroffen und kontrolliert wurden, und um welche Personen es sich handelte. Von der BFE 522 waren folgende Beamte eingesetzt: Steven T., S. (Name taucht in Einsatzlisten nicht auf. Handelte es sich überhaupt um einen Bereitschaftspolizisten oder um einen LKA-Beamten?), Pierre K., Markus G., Thomas K. und Jessica B..

Jessica B. widersprach in ihrer Vernehmung, dass es jemals besondere Vorfälle gegeben hätte – es gab nicht einmal „Auffälligkeiten“2. Thomas K. steigerte die Aussage noch: Es hätte sie „immer fertig gemacht, dass jemand die Michèle umgebracht hat, ohne dass irgendetwas war.“ Jessica B. und Thomas K. waren auch am 25. April in Neckarsulm eingesetzt gewesen.

Der TEZ 514 bestand am 24. April aus sieben Beamten, darunter Dominik H., Elke S., Robert L., Melanie P., Patrick He., Jochen S. und Janette R., die beiden letztgenannten waren auch am 25. April in Heilbronn. Ein Vermerk bestätigte ihre Teilnahme an der spektakulären Festnahme am 24. April: Sie kontrollierten einen russischstämmigen Mann, „da einer der Mitfahrer nicht angegurtet war.“ Nach einem Fluchtversuch konnte Patrick He. ihn schließlich festnehmen. Es kam zu einer Drohung: „Ihr werdet schon sehen was ihr davon habt.“3 Nach dem Überfall bewertete die Soko-alt den Verdacht gegen den Mann als „überprüfungswert“, ohne dass irgendwelche Ermittlungen ersichtlich sind. Erst 2010 bemerkte die Soko-neu, dass seine DNA nicht vorliegt. „Nachermittlungen erforderlich“. „Spurenprüfung Rechtliche Prüfung bei StA. [Staatsanwaltschaft]4 Irgendwelche Aktivitäten geben die Hauptakten nicht wieder.

Der Gruppenführer der TEZ 514 am Tattag war Manfred E.. Er bestätigte am Tattag, 25. April, dass sie „bei jüngst zurückliegenden Einsätzen im Stadtgebiet Heilbronn von kontrollierten Personen, insbesondere russischer Herkunft, massiv angegangen wurden.“5 In seiner Vernehmung am 26. April betonte er dagegen, dass es „in den letzten Wochen“ keine Vorkommnisse gab, die „über das „normale Maß“ einer Bedrohung hinausging.“6 In einem Vermerk der Soko-alt ist zu lesen, dass es 2007 „keine Widerstandshandlungen“7 gab. Es könnte keine Vorgeschichte zum Überfall gefunden werden.

Gezielte Racheaktion gegen Kiesewetter und Arnold?

Eine offene Frage betrifft die Tatmotivation. Handelte es sich um eine gezielte Racheaktion, weil die Opfer am Vorgehen gegen die NSU-Russen beteiligt waren?

In der Vorwoche, vom Montag, 16. April, bis Sonntag, 22. April, hätte MK lediglich einen einzigen Einsatz gehabt, der auch noch abgebrochen wurde: Ihre Gruppe fuhr am 19. April zu einer Gerichtsverhandlung nach Stammheim. Gemäß Romy S. (BFE 523) waren sie „zum Personen- und Objektschutz eingeteilt (…). Als wir dort ankamen, wurde uns jedoch gesagt, dass wir eigentlich gar nicht hätten dort sein sollen, woraufhin wir wieder nach Böblingen zurückgefahren sind.“8 Die Eintragungen in ihrem Terminkalender sollen laut eines Vermerkes der Soko-alt mit „17.04.Abschlußübung / Zentrale“9 enden. Es handelte sich hier um eine Übung der BFE-Fortbildung, bei der auch Manuel B. teilnahmen.

Die anderen Mitglieder ihrer Einheit waren in der Vorwoche in mehr Einsätzen beteiligt gewesen. War MK eventuell bei Übungen eingebunden gewesen, die nicht in den Einsatzlisten der BFE 523 stehen? Sie half allerdings nur bei der „BFE-Fortbildung“. Deren Teilnehmer Jochen R. schränkte ein, dass MK nur „im Rahmen einer Übung“ teilnahm. Zu den ständigen Ausbildern gehörte sie nicht.“10

Was hat sie also in der Vorwoche eigentlich gemacht? Auch während der nächsten Woche scheint Kiesewetter mehr eingesetzt gewesen zu sein als zugegeben wird.

Hinweis auf Kiesewetter-Einsätze am 23. und 24. April

Am Donnerstag, den 19. April, fuhr MK nach Thüringen. Sie wollte ursprünglich bis Sonntag, den 22. April, bleiben. Stattdessen fuhr sie schon am Samstag wieder zurück. Laut Aussage ihrer Freundin Peggy P. planten sie ursprünglich, Samstagsnacht einen Film anzuschauen. Nachdem sie einen Anruf aus dem Geschäftszimmer erhielt, schrieb ihr MK am Freitagmittag eine SMS und sagte kurzfristig das Treffen ab. „Sie hat mir nur in der SMS geschrieben, dass sie angerufen worden sei und dass sie am Sonntag arbeiten müsse.“11 Sie traf sich Samstag mit Manuel B. (Bepo Göppingen). Laut des göppinger Bereitschaftspolizisten Stephan R. verabschiedete sich MK von Manuel B. am Samstag, 21. April, oder Sonntag, 22. April, da sie „am nächsten Tag nach Heilbronn zum Einsatz müsse“12. Das erzählte ihm Manuel B..

Der Zeuge Martin N. sagte, dass MK ihn am 24. April in Heilbronn kontrollierte.13 Martin N. eigentliche Aussage findet sich nicht in den Akten, sie wird nur sinnhaft zusammengefasst. Erstmals kommt er im Zuge eines Spuren-Controllings zum Vorschein: Dort wird angemerkt, dass er sich „häufig bei den Trinkerkreisen“ aufhält und „gehbehindert“ ist. Es war seitens der Soko-neu geplant, der Sache nachzugehen: Bei einer Auflistung geplanter Maßnahmen ist bei seinem Namen vermerkt „noch nicht abgeschlossen“14. Es wären „Nachermittlungen erforderlich“. „Opferumfeld und These Beziehungstat“.

Romy S. war mit Kiesewetter zusammen

Die Soko-alt stützte ihre Behauptung, der Mord hätte keine Vorgeschichte gehabt, auch auf Aussagen von Romy S. (BFE 523), die sich als sehr gute Freundin Kiesewetters darstellte. Sie hätten sich oftmals privat getroffen und dann soviel zusammen geredet, dass ihnen manchmal das Gesprächsthema ausging. Aber war das Verhältnis wirklich so gut? Romy S. beleidigte MK im Februar 2007, die daraufhin in Tränen ausbrach: Da Elena H. die BFE 523 verlasse, sei sie jetzt die neue „Zugschlampe“15.

Romy S. sagte, dass sie die letzten Tage mit MK verbracht hätte: Sonntagabend kochten sie in Kiesewetters Wohnung in Nufringen. MK half ihr Montag und Dienstag, von morgends bis abends, die Wohnung der Schwester zu tapezieren.16 Auch am Dienstag hätte sie Kiesewetter „gleich wieder morgens abgeholt“. Dagegen kann eine SMS Kiesewetter angeführt werden, die MK am Montag um 10:43 Uhr vormittags verschickte. Aus der SMS geht hervor, dass sie sich in dem Moment in der Kaserne befand!17 Montagabend gingen sie laut Romy S. zusammen in ein Restaurant, Dienstagabend hätte sich Kiesewetter mit Marcello P. (Bepo Lahr) privat getroffen. Marcello P. nahm an einem Gruppenführer-Lehrgang teil und wohnte daher vorübergehend in der böblinger Kaserne. Zur Tatzeit war Romy S. mit ihrer Schwester zusammen gewesen.18

Yvonne M. (BFE 522) schwächt Darstellung von Romy S.

Die Soko-alt rekonstruierte die letzten Tage Kiesewetters. Dort berufen sich die Ermittler auf ihre WG-Partnerin Yvonne M. (BFE 522), dass MK am Dienstagabend ihre Zahnbürste aus der Wohngemeinschaft (WG) in Nufringen abholte. Ein Ermittler fasste ihre Aussage sinnhaft zusammen, dass, da die Zahnbürste zuhause fehlte, Kiesewetter „offensichtlich „planmäßig“ die letzte Nacht von Di. auf Mi. außer Haus verbracht“ hatte. Bereitschaftspolizisten würden nur dann in der Kaserne übernachten, wenn es dort ein Fest gäbe oder „wenn man am Vortag sehr lang gearbeitet hat und nicht in der Nacht noch heimfahren will.“

Die Ermittler der Soko-alt interessierten sich nicht dafür, ob Yvonne M. ihre WG-Partnerin zwischen Sonntag und Mittwoch gesehen hatte. Es gab keinerlei Fragen während ihrer Vernehmung. Die einzige Frage in diese Richtung war, wann sie Kiesewetter das letzte Mal traf. Sie antwortete, dass sie sich am Tattag um 06:40 Uhr in der Kaserne sahen, als MK gerade aus der Dusche kam.19 Ende 2010 befragte die Soko-neu Yvonne M., diesmal jedoch konkret nach ihren Erinnerungen an die Tage vor der Ermordung. Ihre Antwort: Sie hätte Kiesewetter in den Vortagen weder gesehen noch gehört, obwohl sie sich zeitweise in der gemeinsamen Wohnung aufhielt.20

War auch Martin Arnold beteiligt?

Die Soko befragte Arnold von 2007 bis 2011 mehrmals. Kein einziges Mal wurde er gefragt, wie er überhaupt an den heilbronner Einsatz kam. Die Ermittlerin Bettina F. vom bw LKA war ab Ende 2011 mehrere Monate bei den NSU-Ermittlungen beteiligt. Sie zeigte Interesse, dieser Frage nachzugehen. Arnold antwortete ihr, dass er sich „irgendwann“21 in der Vorwoche in einer aushängten „Liste eingetragen“ habe. Sie berichtete weiter, dass „er von sich aus (…) den Ablauf dieser Woche davor gar nicht mehr so richtig erinnern [konnte]. Und wir hatten ihm dann einfach die Eckpunkte, die wir eben hatten, auch diesen Einsatz, genannt. Und ich glaube, dass er daraufhin dann bestätigt hatte: „Ja, so war es.“

Gemäß der Ermittlungen von Bettina F. war Heilbronn sein dritter Einsatz gewesen. Sein erster Dienst fand am 19. April bei einer US-Kaserne statt, der zweite war in der „darauffolgenden Nacht dieser Zeugenschutzeinsatz. Dann kam das Wochenende, und montags oder in der darauffolgenden Woche hätte er eigentlich frei gehabt.“

Die grüne Landtagsabgeordnete Petra Häffner fragte den Chef des Geschäftszimmers der BFE 523 Sven H. nach diesem Zeugenschutzeinsatz und gab dazu mehr Informationen: MA betreute am Freitag, den 20. April, einen Zeugen, der in der Kaserne der Bepo untergebracht gewesen war. Am 19. April fuhr MK nach Stammheim zu einem Gerichtsprozess. Häffner fragte, ob es einen Zusammenhang geben könnte? Sie meinte wohl, dass MK einen Zeugen von Stammheim nach Böblingen verbrachte. Betreute ihn anschließend Arnold? Die Antwort von Sven H. war völlig nichtssagend.22

Die Soko-alt vertuschte den Zeugenschutzeinsatz: Arnolds Einsätze wären stattdessen am „16.03.07 in Potsdam anlässlich G8, 13.04.07 in Reutlingen (Fußball Reutlingen/Stuttgarter Kickers), 19.04.07 in Stuttgart (Objektschutz), 25.04.07 in Heilbronn (Einsatzkonzeption)“23 gewesen. Die Soko-neu konnte keinen einzigen Polizisten finden, der angibt mit Arnold in den ersten beiden Einsätzen zusammen gewesen zu sein.

Wen observierte Arnold, in welcher Einheit, in welchem Auftrag?

  • In einer SMS erwähnte er eine Observation, die am 14. April 2007 stattfand: „(…) und sa obs bis abends 18:00 Uhr.“24

  • Am Donnerstag, 19. April, schrieb Arnold an seine Ex-Freundin Antonia S. eine SMS, dass er die nächste Woche Urlaub hat.25 Am Freitag, 20. April, um 22:42 und 22:44. textete er zwei SMS an Freunde, dass er die geplante Grillparty am Sonntag (22. April) absagen müsse. Er hat eine „Observation“, die Info hätte er gerade „gelesen“. Um 22:45 fügt er hinzu, dass er „die ganze nächste woche urlaub“26 hat.

  • Am Samstag, 21. April um 07:18, informierte er Simone F. (BFE 523), dass „die Obseinsätze für dieses Wochenende“ sich „erledigt“ haben, denn: „Täter wurde (…) erwischt.“ Simone F. (BFE 523) antwortete, dass sie die Nachricht bereits in der Nacht im Funk „mitgehört“ hätte! Sie wünschte ihm „ein paar erholsame (und natürlich vorallem schlafreiche ;)) Tage“.27Ab 21:00 Uhr war Simone F. vom 20. April auf den 21. April im US-Objektschutz in Stuttgart. In ihrer Gruppe waren Volker G., Olaf M., Ralf S., Romy S. und Maik S.! Wenn Simone F. über Funk von der Festnahme erfuhr, dann dürften diese Kollegen sie durchgeführt haben. Darüber ist jedoch nichts bekannt. Dagegen spricht, dass ein Objektschutz an einer US-Kaserne nichts mit Observationen zu tun hat. Es gibt ansonsten keine anderen Einsätze der BFE 523 an dem Tag.

  • Friederike T. traf Arnold am Sonntag, 22. April bei der Grillfeier und erfuhr, dass er am Mittwoch einen „Konzeptionseinsatz sichere Innenstadt in Heilbronn“28 hat. Sie machte zusammen mit Arnold die Ausbildung bei der Bepo Göppingen. Das Grilltreffen fand am Sonntag bei Celia S. auf dem Balkon statt. Laut Celia S. verließen MA und Friederike T. das Treffen früh, weil sie „am nächsten Tag einen Einsatz“29 hatten und „sich in Stuttgart melden“ mussten!

  • Sowohl Friederike T. und Celia S. bestätigen, dass sie am Sonntag, 22. April, mit Arnold grillten. Dem steht jedoch eine (angeblich geschriebene) SMS von MA gegenüber, die er an Friederike T. am Sonntag um 21:46 schrieb: Es wäre schade gewesen, dass sie nicht zum Grillen mitgekommen wäre. Sie antwortete ihm, dass sie „ende der woche mal telef. wünsch dir ne schöne (fast)freie woche,du fauli.“ Er antwortete, dass er die freie Zeit genießen würde und „dabei an dich und dein Studium denken!“ Diese SMS-Konversation könnte in den Gerätespeicher eingefügt worden sein, um ihren gemeinsamen Einsatz am Montag zu vertuschen.

3.2. Sonderaktion auf der Theresienwiese

Zum anderen gab es parallel eine Sonderaktion auf der TW, die wohl als „Pausemachen“ legendiert wurde. Waren Kiesewetter und Arnold auch hier beteiligt?

Dominik W. (BFE 523) schilderte, dass er und Kiesewetter ein oder zwei Wochen vor dem 25. April gemeinsam in Heilbronn im Einsatz waren. Es war entweder der 16.04. oder der 09.04.“30. Damals bat sie ihn plötzlich anzuhalten, sie wolle telefonieren. Da sie zufälligerweise an der TW waren, stoppte er in der Nähe des späteren Tatortes.31 Nach dem Gespräch kam MK zu ihm zurück in den Wagen und sagte, dass hier doch ein guter Ort wäre um zu „beobachten“. Die „süddeutsche-Zeitung“ schrieb im Mai 2007, dass die überfallenen Polizisten den Festplatz „beobachteten“32. Auch in seiner zweiten Vernehmung 2011 wiederholte Dominik W. seine Aussage: Die Anfahrt fand „eine Woche vor der Tat [statt], bei dem ich mit Michèle in Heilbronn eingesetzt war.“33 MK war aber am 15. April ab 21:00 im US-Objektschutz in Stuttgart eingesetzt gewesen, der Einsatz dauerte bis 07:00 am 16. April. Dominik W. hatte keinen Dienst. War das „Beobachten“ am Trafohaus mit einem Sondereinsatz für die US-Truppen verbunden?

Dieser Einsatz ist allerdings nirgends aufgeführt, weder in der Zusammenstellung ihrer Einsätze, noch in den Einsatzlisten der BFE 523. Im April wäre MK nur am 02., 03. und 25. April in Heilbronn gewesen. Die Soko-neu sprach daraufhin Dominik W. auf diesen Widerspruch an. Es müsste sich um ihren gemeinsamen Einsatz am 02. April handeln. Er bejahte den Vorhalt. In einem Vermerk wird dazu kritisch angemerkt, dass die Fahrtenbücher der Dienstwagen „an den Einstatztagen 19.02/02.04/03.04.“34 ergebnislos überprüft wurden. MK ist dort weder als Fahrerin noch als Beifahrerin eingetragen.

Dominik W. wiederholte im bw UA seine ursprüngliche Darstellung. Sie waren am späteren Tatort kurz vor der Tat: „Ich würde behaupten, eine Woche oder zwei Wochen vorher.“35 Teilweise gestützt wird seine Aussage von der Heilbronnerin Karin S., die am 25. April von MK kontrolliert wurde. Sie sah Kiesewetter zwei Wochen vor der Tat in Heilbronn, während einer Kontrolle im Stadtpark.36

Ab 16. April standen Streifenfahrzeuge am Trafohaus

Die Anwohnerin Margret S. beobachtete Streifenwagen in der TW und in der Hafenstraße. Die Wagen fuhren immer wieder langsam herum. Sie vermutete einen dienstlichen Hintergrund. Pausende Beamte oder einen geparkten Streifenwagen habe sie noch nie gesehen.“37 Devinder S. ging im April täglich am Trafohaus vorbei. Er sah dort geparkte Streifenfahrzeuge „erst seit ca. 2 Wochen dort“38 stehen. Der Soko-Leiter Alex Mögeling bestätigte diese Beobachtung und spezifierte den Zeitraum: „Ab dem 16.04 (…) stand im Prinzip jeden Tag bis auf das folgende Wochenende ein Auto an dem Trafohaus (…).“39 Laut der Auflistung der Soko-neu standen ab dem 16. April an acht verschiedenen Tagen insgesamt elfmal ein Bepo-Streifenwagen am Tatort, ausgenommen am Wochenende.40 An dem Wochenende besuchte Kiesewetter ihre Mutter in Thüringen und Manuel B..

Antonia S. war eine Freundin von Arnold und Bereitschaftspolizistin in Biberach: Nach dem Überfall fuhr sie in die böblinger Kaserne und wartete mit Kollegen auf Nachrichten aus dem Krankenhaus. Am 02. Mai 2007 schilderte sie, dass die Opfer einem Drogengeschäft bei einer „Kontrollstelle“ zugeschaut hätten. Kiesewetter stand außerhalb des Streifenwagens, Arnold wollte eine Abfrage machen.41

Warum standen zwei Streifenwagen nebeneinander? Gab es einen Fahrzeugwechsel?

Wenige Tage vor dem Mord sah der Anwohner Devinder S. am Trafohaus „sogar 2 Polizeiautos nebeneinander“42. Jochen S., Natascha K. sowie Cecille R., Dominik H. (alle TEZ 514) berichteten, dass sie am 19. April am exakt gleichen Ort pausten, wo sechs Tage später der Überfall sich ereignete. Es parkten zwei Streifenwagen am Trafohaus nebeneinander. Natascha K. war noch deutlich in Erinnerung, dass wir dort genauso parkten, wie später die Michèle Kiesewetter und der Martin Arnold.“43 Am 19. April waren ab 12:30 sowohl der TEZ 514, wie die BFE 523 in Heilbronn.

Drogenumschlagplatz?

Der heilbronner Polizist Hans D. sagte Ende 2010 beiläufig in seiner Vernehmung: „Vor 4-5 Jahren“44 nutzten Littauer die TW “als Übergabeort für Rauschgiftgeschäfte“. Zwei Tage vor dem Polizistenmord nahm die Kripo nach „Observationsmaßnahmen“45 zwei „litauische Rauschgifthändler“ fest. Am 23. April wartete ein Autofahrer gegen 14:00 an der Ampel der Kreuzung Karlsruher Straße/Theresienstraße. Hinter ihm befand sich ein weißer Mercedes, „neues Modell, dessen Fahrer eine Schusswaffe in der Hand hielt und dann wieder weglegte.“46

Sandra Bärbel P. (TEZ 512) sagte in ihrer ersten Vernehmung am 23. Juli 2007, dass sie im Zuge einer Drogenfahndung von der heilbronner Polizei zur TW geschickt wurde. Ihr Einsatz „sichere City“ fand am 7. April 2007 statt. Als sie am 14. Oktober 2010 auf diese Aussage angesprochen wurde, war ihre Antwort: „Nein, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“47 Das Wortprotokoll ihrer ersten Vernehmung befindet sich nicht in den Hauptakten.

Hypothese der heilbronner Einsatzlage in den Tagen davor

Durch den „Blizzard“ konnten die NSU-Russen ab April den heilbronner Drogenmarkt übernehmen, da die Bereitschaftspolizisten die ortansässigen Drogenhändler vertrieben. Im April gab es auch Einsätze gegen die NSU-Russen.

Datum

Einheiten in Heilbronn

Streifenwagen

am Trafohaus

US-Objektschutz

So., 15.04.

Letzter (offizieller) Einsatz Kiesewetters: Sie war von 21:00 bis 07:00 Uhr im US-Objektschutz. In ihrer Gruppe waren Volker G., Rainer K., Ringo L., Ralf S. und Romy S. (alle BFE 523). In der Zeit entdeckte sie mit Dominik W. die TW als Platz zum „beobachten“.

Nein

Ja

Mo., 16.04.

TEZ 514 (08:45–17:45 Uhr)

Ja

Ja

Di., 17.04.

TEZ 513 (11:30-21:45 Uhr) + TEZ 514 (11:30-21:45), BFE 522 (07:00-16:00, „Blizzard“)

Ja, BMW-Streifenwagen

Ja

Mi., 18.04.

TEZ 514 (11:30-20:45 Uhr)

Ja

Ja

Do., 19.04.

TEZ 514 (11:30-20:30 Uhr), BFE 523 (11:30-20:30)

Abgesagter Objektschutz von MK in Stammheim.

Sie fährt in den Urlaub nach Thüringen.

Ja. Zwei Streifenwagen nebenander

Ja

Fr., 20.04.

TEZ 514 (11:30-20:30 Uhr), MK in Thüringen

Ja

Ja

Sa., 21.04.

Keine Einheiten in Heilbronn. MK muss nach Anruf aus Geschäftszimmer vorzeitig zurückkehren.

Nein

Nein

So., 22.04.

Keine Einheiten in Heilbronn

Nein

Ja

Mo., 23.04.

BFE 522 (08:45-17:30 Uhr, „Blizzard“)

Ja. BMW-Streifenwagen, Fahrzeugwechsel

Ja

Di., 24.04.

BFE 522 (Einsatzgebiet verlagerte sich von Neckarsulm nach Heilbronn), TEZ 514 (11:30-22:00 Uhr), Bepo-Kräfte aus verschiedenen Standorten.

Ja

Ja

Mi., 25.04.

Tattag

TEZ 514 (11:30-21:00 Uhr), BFE 523 (08:30-19:45), Bepo-Kräfte aus Göppingen.

Ja

Ja

Neue Artikelserie über heilbronner Polizistenüberfall http://friedensblick.de/31833/neue-artikelserie-ueber-heilbronner-polizistenueberfall/
Einführung http://friedensblick.de/31840/einfuehrung-der-tiefe-staat-im-mordfall-kiesewetter/
Teil 1 https://friedensblick.de/31849/teil-1-michele-kiesewetter-und-martin-arnold-waren-bei-der-bereitschaftspolizei-boeblingen/
Teil 2 http://friedensblick.de/31864/teil-2-einsaetze-ihrer-beweissicherungs-und-festnahmeeinheit-523-im-tatzeitraum/
Teil 3 http://friedensblick.de/31873/teil-3-die-vorgeschichte-des-polizistenmordes/
Teil 4 http://friedensblick.de/31876/teil-4-der-tatort-theresienwiese-in-heilbronn-umschlagszentrum-des-menschenhandels/
Teil 5 http://friedensblick.de/31884/teil-5-entdeckung-durch-den-radfahrer-peter-s-gegen-1408/
Teil 6 http://friedensblick.de/31889/teil-6-reaktion-der-heilbronner-polizei/
Teil 7 http://friedensblick.de/31899/teil-7-tatrekonstruktion-und-operative-fallanalyse/
Teil 8 http://friedensblick.de/31915/teil-8-welche-einsaetze-fanden-am-tattag-in-heilbronn-und-neckarsulm-statt/
Teil 9 http://friedensblick.de/31923/teil-9-wie-reagierten-die-bereitschaftspolizisten/

1O. 31, S. 409: „Es wurde der Einsatz nicht wie im E-Befehl geschrieben, in NSU sondern für die FEG HN gefahren.“

2O. 9, S. 498, A. a. 06.10.10

3O. 9, S. 306

4O. 50, Bericht zum Spurencontrolling vom 04.05.11, S. 28 ff.

5O. 9, S. 297, Vermerk vom 26.04.07, A. a. 25.04.07

6O. 10, S. 55, Aussage (A.) am (a.) 26.04.07

7O. 6, S. 52, Vermerk vom 10.05.07: „Die Bereitschaftspolizei Böblingen wurde mit der Erhebung der registrierten Widerstandshandlungen im Jahr 2007 beauftragt. Ergebnis: Keine Widerstandshandlungen 2007 in Heilbronn. Keine Widerstandshandlungen gg. PM’in Kiesewetter 2007 (…).“

8O. 11, S. 450, A. a. 30.04.07

9O. 6, S. 453, Vermerk vom 09.05.07

10O. S. 262, A. a. 14.10.10

11O. 6, S. 323, A. a. 04.05.07

12O. 11, S. 279, A. a. 07.12.10

13O. 50, S. 449

14O. 34, S. 202, Vermerk vom 01.02.12

15O. 9., S. 294 ff., Vermerk vom 29.04.07

16O. 11, S. 454, A. a. 30.04.07: Kiesewetter hätte „am Montag (…) ja den ganzen Tag bis abends“ mit ihr tapeziert.

17Vgl. O. 8, S. 62: Kiesewetter-SMS: „War kurz und hab geschaut [im Geschäftszimmer], wegen mittwoch. (…)“

18O. 11, S. 484, A. a. 30.06.11: „Ich war damals aber bei meiner Schwester in Waiblingen in der Wohnung um fertig zu renovieren.“

19Vgl. O. 11, S. 130, A. a. 28.04.07

20Vgl. O. 11, S. 142, A. a. 16.12.10

21Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 36. Sitzung, 30.11.15, S. 75

22Vgl. Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 30. Sitzung, 19.10.15, S. 106: „(…) Aber ich habe so weit nicht gedacht, dass es aus einem Einsatz herrühren könnte. Für mich waren die Einsätze, die wir gefahren haben, einer wie der andere. Es gab auch in der Vergangenheit keine Vorfälle, die darauf hätten hindeuten können.“

23O. 9, S. 233, Aktenvermerk Soko-alt 2007

24O. 8, S. 59

25Vgl. O. 8, S. 61

26O. 8, S. 61

27O. 8, S. 61

28O. 12, S. 27, A. a. 05.04.11

29O. 11, S. 405, A. a. 05.04.11

30O. 12, S. 65

31Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 35. Sitzung, 27.11.15, S. 97: Dominik W.: „Wir standen auch nicht neben dem Häuschen, wo die Tat passiert ist, (…) sondern wir standen rechts Richtung Wall, (…) wo die Bäume standen. (…) Richtung Fußgängerüberweg.“

32Süddeutsche-Zeitung, „Quälende Ungewissheit“, 23.05.07, https://www.sueddeutsche.de/panorama/erschossene-heilbronner-polizistin-quaelende-ungewissheit-1.684871

33O. 12, S. S. 77, A. a. 04.05.07

34O. 9, S. 115

35Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 35. Sitzung, 27.11.15, S. 97

36O. 7, S. 146, A. a. 28.02.08: „Damals sah ich sie wie sie mit anderen Beamten eine Kontrolle bei der Harmonie durchführte.“

37O. 4-2, A. a. 18.05.07, S. 82

38O. 4-2, S. 86, A. a. 26.04.07

39Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 19. Sitzung, 22.05.15, S. 89

40Bericht über die bisherigen Ermittlungen und Auswertungen im Umfeld der Polizeibeamtin M.K., 20.03.12, Sachakte Generalbundesanwalt (GBA), Band 6.5 Ordner 2, Mord und Mordversuch in Heilbronn, AS 30, 60 f.

41O. 8, S. 188, A. a. 02.05.07: „Es wird behauptet, dass das Ganze bei einer Kontrollstelle passiert sei. Er sei im Fahrzeug gesessen und habe eine Abfrage machen wollen und sie sei noch draußen gestanden. Ein weiteres Gerücht besagt, dass die beiden bei einem Drogendeal zugeschaut haben. (…) Es weiß aber keiner etwas Genaues.“

42O. 4-2, S. 86, A. a. 26.04.07

43O. 11, S. 497, A. a. 27.10.10

44O. 10, S. 19. A. a. 15.12.10

45O. 12, S. 44

46O. 50, S. 133, Spuren-Controlling

47O. 11, S. 169, A. a. 14.10.10

2 Gedanken zu „Teil 3. Die Vorgeschichte des Polizistenmordes“

  1. > Russen-Mafia
    Mir gefällt die Ku-Klux-Klan-Hypothese besser.
    Dass Kiesewetters Pistole in dem feuer- und rußabweisenden Rucksack im Kinderfickerbauwagen gefunden wurde deutet imho auf eine größere Verschwörung hin.

    Sowohl Gladio als auch der KKK kommen aus dem selben okkulten Umfeld.

    Außerdem liegt Heilbronn auf der NSU-Route, falls da was dran ist:
    https://img9.uploadhouse.com/fileuploads/29078/29078689c13e994c2e3e381be624799ae7fd3b3f.jpg

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