Archiv der Kategorie: Heilbronner Polizistenüberfall

Eigenartigkeiten und Widersprüche beim Polizistenmord von Heilbronn – Zusammenfassung

Am 25. April 2007 verlor die 22-jährige Polizistin Michèle Kiesewetter (MK) ihr Leben, als sie in Heilbronn ihren Dienst verrichtete, ihr Kollege Martin Arnold überlebte den Kopfschuss. Er hat seitdem Erinnerungslücken.

Seit Jahren untersuche ich den Heilbronner Polizistenüberfall, aufbauend auf Polizeiakten aus dem Internet und Wort-Protokollen der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse (UA), betreffend den „National-Sozialisten-Untergrund“ (NSU).

Anlässlich ihres baldigen Todestages fasse ich die unglaubliche Serie an Zufällen, Eigenartigkeiten und Widersprüchen im Fall zusammen, die bis heute trotz UA der Aufklärung harren. Sie sollen sich im Vorfeld der Bluttat ereignet haben, am 25. April selber und danach, sowie während der Ermittlungen der Sonderkommission (Soko).

Wie realistisch sind diese Abweichungen von der Norm? Für mich hat die offizielle Rekonstruktion kaum etwas mit den tatsächlichen Begebenheiten zu tun. Folgende Auflistung fasst die gravierendsten Ungereimtheiten zusammen:

Zwei-Drei Wochen vor Tat

Auf dem Gelände und in der Kaserne der Bereitschaftspolizei (Bepo) Böblingen finden Fortbildungen mit Bereitschaftspolizisten aus verschiedenen Standorten statt. Die Schulungsunterlagen des „zivilen Aufklärungstrupps“ (ZAT) kann die Soko nicht ausfindig machen, obwohl sogar das baden-württemberger Innenministerium um Mithilfe gebeten wurde. Der angereiste ZAT-Ausbilder von der Bepo Bruchsal sagte: Im Morgengrauen des 5. April fand eine „Observationsübung statt, bei der Michele Zielperson war.“1

Am 4. April war MK von 13:00 bis 22:15 Uhr im US-Objektschutz. Anschließend nahm sie in der Nacht bis 07:25 Uhr zehn Anrufe von fünf Kollegen an. In dieser Zeit soll die ZAT-Übung stattgefunden haben. Von einer dieser fünf Handynummern wurde MK auch am Tattag angerufen, abgespeichert im Handyspeicher als “Bb 71”. Es ist bis heute unbekannt, wer dieses dienstliche Handy der Bepo nutzte. Am 05. April telefonierte die Person zweimal mit Kiesewetter und am 25. April dreimal. 

Martin Arnold nimmt an einer der Fortbildungen teil. Laut der Soko wäre er anschließend Anfang April von der Bepo Göppingen zum Standort Böblingen gewechselt. Die Soko weist ihn zwar Einsätze zu, allerdings steht sein Name nirgends in den böblinger Einsatzlisten.

Gemäß der Soko wäre der „Blizzard“ Anfang April abgeschlossen gewesen, ein Schlag gegen die Drogenmafia in Heilbronn. Einsatzlisten der Bepo beweisen allerdings, dass die Aktion auch danach weitergeht. Bereitschaftspolizisten gehen gegen eine Bande vor, deren Mitglieder als „NSU-Russen“ bezeichnet werden, abgeleitet von der Abkürzung von Neckarsulm (NSU) und dorthin eingewanderten Russlanddeutschen. Die Kriminellen übernehmen im April den Markt, da der „Blizzard“ die ortansässigen Händler vertrieb. Es kommt zu Drohungen gegen Bereitschaftspolizisten. An der Wand des Trafohauses, dem späteren Tatort, ist das Grafiti „NSU“.

Vorwoche, Montag, 16. April, bis Sonntag, 22. April

Mitglieder von Kiesewetters Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) schreiben sich in eine Liste ein, um bei „sichere City“ am 25. April teilzunehmen. Die handschriftlich erstellte Liste verschwand laut des BFE-Büroleiters nachträglich. Bei der als harmlos geschilderten Aktion wurde durch uniformierte Präsenz in der Heilbronner Innenstadt ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Gemäß der Soko hätte sich Kiesewetter am 24. April in die Gruppe eingetauscht. Erst 2011 wird der Tauschpartner gefunden. Ein BFE-Kollege hätte dafür ihre Nachtwache am Kasernentor übernommen. Dies dementiert sowohl das BFE-Büro, wie auch ihr Freundeskreis: MK sicherte sich am Donnerstag, 19. April, den Heilbronner Einsatz. Sie hatte keinen Wacheinsatz am Kasernentor. Warum wird die Tauschgeschichte hartnäckig aufrechterhalten?

MK hätte in der Vorwoche nur zwei Einsätze gehabt: Sie ist am 15/16. April von 21:00 bis 07:00 im US-Objektschutz. Am 19. April wieder ein Objektschutz, der allerdings abgebrochen worden wäre. Ihre Gruppe sollte einen Prozess in Stammheim absichern. Laut des Bundeskriminalamtes (BKA) betreut Martin Arnold am 20. April einen Zeugen in der Böblinger Kaserne. Warum steht der Zeugenschutz nicht in den Einsatzlisten, genausowenig wie seine Observationen? Brachte Kiesewetter einen Zeugen am 19. April von Stammheim nach Böblingen?

Ihr Freund und BFE-Kollege Dominik W. bezeugte einen Einsatz, der ebenfalls in keiner Liste steht: Sie waren kurz vor der Tat zusammen in Heilbronn eingesetzt. Ihre Anfahrt auf die Theresienwiese fand entweder am „16.04. oder (…) 09.04.“2 statt. Sie kommentierte, dass hier doch ein guter Ort zum „beobachten“ wäre. Ab dem 16. April stehen am Trafohaus immer wieder Streifenwagen, teilweise sogar zwei gleichzeitig.

Schausteller bauen ein Volksfest auf der Heilbronner Theresienwiese auf. Landfahrer stellen dort ebenfalls ihre Wohnmobile und – wagen ab.

Nach einem dienstlichen Anruf kehrt Kieswetter am Samstag, 21. April, vorzeitig aus ihrem Urlaub in Oberweißbach, Thüringen, zurück. Laut einer ihrer SMS ist sie am Montag, 23. April, in der Böblinger Kaserne.

Tatwoche, 23. April – 25. April

Kiesewetters BFE-Einheit hat im Tatzeitraum eine Urlaubswoche. Ausnahme wäre nur die Gruppe gewesen, die am Mittwoch nach Heilbronn geht. Das BFE-Geschäftszimmer ist nicht vom regulären Leiter besetzt, sondern von einer Ersatzperson, die zum ersten Mal diese Arbeit machte.

Am Vortag, 24. April

Bereitschaftspolizisten aus unterschiedlichen Standorten führen Kontrollen in Heilbronn durch. Sie melden sich mit ihren spezifischen Funkrufnamen „Bruno xx“ bei der Heilbronner Datenstation, die die Abfragen protokolliert.

Laut der Soko hätte es einen Uhrzeiten-Tausch mit der Böblinger Gruppe namens „Taktischer Einsatzzug“ (TEZ) gegeben. Daher wäre der TEZug erst um 12:30 in Heilbronn gewesen, die Kiesewetter-Gruppe dafür schon um 09:30. Die TEZ-Kräfte dementieren aber einen Tausch oder Änderung ihrer Zeiten.

Ein Schausteller sieht neben dem Trafohaus ein geparktes Wohnmobil.

Trotz Urlaubswoche ist Dominik W. (BFE) im Objektschutz an einer US-Kaserne. Statt wie normal als Teil einer Gruppe, steht er in der Einsatzliste nur als Einzelperson. War er dort alleine? Hatte er einen Sonderauftrag?

Tattag, 25. April

Kiesewetter übernachtet in der Böblinger Kaserne der Bepo, statt wie normalweise zuhause. Sie ist aufgeregt, sie weiß in der früh um 06:30 noch nicht, ob sie zivil oder uniformiert eingesetzt wird. Eigentlich wird die Kleiderordnung Tage vor dem Einsatz festgelegt.

Gemäß der Soko wäre die Streife Kiesewetter/Arnold zum ersten Mal zusammen unterwegs gewesen, Arnold das erste Mal in Heilbronn. Kiesewetter hätte zum ersten Mal Pause auf der Festwiese gemacht. Deshalb wäre ein gezielter, geplanter Angriff unwahrscheinlich, außerdem hätte sich Kiesewetter ja erst am Vortag eingetauscht.

Laut der Soko hätte der Heilbronner Einsatz sichere City“ schon um 09:30 begonnen, nicht wie „eigentlich ausnahmslos“3 erst zur Mittagszeit. Der Heilbronner Einsatzleiter Uwe Z. dementiert: „Sichere City“ fing regulär um 12:30 an. Nach dem Angriff eilt der Büroleiter ins BFE-Geschäftszimmer. Er wird ebenfalls nicht über die Änderung der Uhrzeiten informiert. Was machen die Bereitschaftspolizisten am Vormittag in Heilbronn?

Obwohl zwei Böblinger Einsatzgruppen (BFE und TEZ) nach Heilbronn kommen, mit zwei Gruppenführern, wäre nur ein einziger BMW-Streifenwagen dabei gewesen. Ansonsten gab es eigentlich immer4 zwei BMW, die sogenannten Chef-Fahrzeuge der uniformierten Gruppenführer. Der uniformierte Gruppenführer der TEZ ist Manfred E. – er hätte zur Tatzeit kein eigenes Fahrzeug gehabt und hätte sich ein Auto im Revier ausleihen müssen. Kiesewetters Gruppenführer Timo H. (BFE) wäre in zivil mit einem „Fiesta“-Zivilfahrzeug unterwegs gewesen.

Im Heilbronner Polizeirevier gibt es zum Einsatzbeginn „sichere City“ um 12:30 immer eine Besprechung, stattdessen wird eine Schulung für die Bereitschaftspolizisten angeboten, wie Anzeigen in Computer eingegeben werden. Die Teilnehmerliste der Schulung ist verschwunden.

Nach dem Ende der Schulung um 13:30 wird die Besprechung nicht nachgeholt. Stattdessen hätten die Bereitschaftspolizisten beider Gruppen ihre Mittagspause angefangen und dazu verschiedene Orte in der Stadt aufgesucht. Kiesewetter wäre mit Arnold zum zweiten Mal zum Pausemachen zum Trafohaus gefahren. Um 10:30 waren sie zum ersten Mal dort.

Bereitschaftspolizisten aus Göppingen führen kurz vor dem Angriff eine Kontrolle in Heilbronn durch und melden sich mit ihrem „Bruno 2“-Funkrufnamen bei der Datenstation. Gleichzeitig sollen Bereitschaftspolizisten von verschiedenen Standorten eine Übung in Bruchsal gehabt haben. Übungsteilnehmer Manuel B. hält telefonisch SMS-Kontakt mit beiden Opfern, aber aus privaten Gründen. Er meldet sich nach dem Mord nicht bei der Soko. Als Ermittler ihn fragen warum, war seine Antwort: „Ich wusste nicht, dass ich irgend welche Angaben machen können.”5 Der Gruppenführer der Übung war der Ausbilder des Böblinger „ZAT-Lehrganges“, dessen Schulungsunterlagen der Soko nicht vorgelegt wurden. Manuel B. wechselt nach der Fortbildung in der Böblinger Kaserne von der Bepo Göppingen zum Standort Bruchsal.

13:59 Uhr: Unbekannte schießen den Bereitschaftspolizisten in die Köpfe. Laut Antonia S. (Bepo Biberach) tten die Opfer einem Drogengeschäft bei einer „Kontrollstelle“ zugeschaut. MK stand außerhalb des Streifenwagens, Arnold wollte im Wagen eine Abfrage machen.6 Offenbar wurde der Angriff beobachtet, aber warum griffen die Kollegen nicht ein?

Es gibt keine Tatzeugen, obwohl die Festwiese belebt ist, gut frequentierte Fuß- und Radwege am Trafohaus vorbeigehen. Die Angreifer verbleiben sogar am Tatort und berauben die blutenden Opfer. Revierleiter Andreas M. kommentiert: Keine Zeugen – „das kann doch überhaupt nicht sein. Aber an dem Tag war es einfach so.“7 Die Heilbronner Polizeiführung geht am Tattag von einem „gezielten Hinterhalt“8 aus. Im Jahr 2016 spricht dagegen der führende NSU-Ermittler des BKA, Axel Kühn, von einer „Zufallstat9, Zufallsopfern.

Wolfgang Fink vom Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) schilderte dem Bundestag eine ihrer Hypothesen, dass der Täter den Tatort vor der Tat „observiert“10hätte. Ihre Untersuchung ergab tatsächlich Kreuztreffer von Handynummern, die sich dann in die Tatort-Funkzelle einwählten, als dort um 10:30 und 13:50 die Opfer anwesend waren. Die grüne Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic fragte ihn, was mit dem Untersuchungsergebnis passierte. Seine Antwort: Ja, es hätte Kreuztreffer gegeben, „aber mit denen ist nichts gemacht worden.” „Der Ansatz wurde nicht weiterverfolgt, ja. Also, das Ergebnis liegt vor, wurde aber nicht überprüft.“

Die Soko sicherte zwar sämtliche Funkgespräche, die Polizisten im Zeitraum von 09:30 bis 18:00 Uhr in Heilbronn führten, aber: Es wurde lediglich der Zeitabschnitt von 13:30 bis 14:12 Uhr ausgewertet. Außerdem sollte nur nach Funksprüchen der späteren Opfer gesucht werden.11 Sabine Rieger erklärte: Als Ermittlerin steht für sie fest, „ich habe eine gute Soko-Leitung, da muss ich nicht jeden Auftrag hinterfragen“12 .

Ein Zeuge fällt um 13:15 eine Landfahrergruppe an Wohnwägen (ohne Autos) auf, „direkt nach der Schiffschaukel“. Anhand von Luftbildern, die von Hubschrauber aus zwischen 14:45 – 17:25 Uhr gemacht wurden, bemerkt der Zeuge „aufgeregt“13, dass die Gefährte verschwunden sind.

Die Wohnwägen und Wohnmobile der Landfahrer können nach der Tat die Festwiese verlassen, zum Teil ohne Vernehmungen, ohne erzwungene Durchsuchungen. Ein Oberstaatsanwalt untersagte dies.14 Die Regionalzeitung „Stimme“ fragte die Staatsanwaltschaft, warum sich die Polizei „an anderen Orten in der Stadt, wo sie zum Beispiel Busse und Bahnen gründlicher durchsuchte, nicht so zurückhaltend verhielt, beantwortet Lustig nicht: „Ich kann nicht mehr sagen, als ich gesagt habe.“15

Am Bahnhof gibt es „keinerlei Aufzeichnungen“16 der Überwachungskameras der Bundesbahn, da sie „derzeit defekt“ sind. Das GPS-Gerät des Opferfahrzeug ist kaputt, weshalb vergeblich versucht wurde, „die Aufenthaltsorte und die letzte Fahrtstrecke des Dienst-Kfz zu rekonstruieren.“17 Eine Auswertung beschlagnahmter Videoaufzeichnungen war teilweise nicht möglich, „da die Festplatte defekt ist und die CDs nicht lesbare .vfs-Dateien enthalten.“18 Wegen Softwareproblemen konnten die SMS aus dem Opferhandys erst am 30. April ausgelesen werden.

Im nördlichen Bereich der Theresienwiese stehen keine Autos von Pendlern. Normalerweise ist der Bereich wegen der Bahnhofsnähe vollgeparkt.

Ermittlungsschwerpunkt „DNA-Phantom“, „organisierte Kriminalität“

Mehrere Wattestäbchen mit DNA der unbekannten weiblichen Person (uwp) werden über Tage fast immer im gleichen Bereich am Fensterrahmen festgestellt. Kontrollstäbchen immer negativ. Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Trugspur der Nachfindungen laut Staatsanwaltschaft Heilbronn „1:625 Millionen.“19 2009 soll dieser Zufall eingetreten sein. Der bisherige Soko-Chef Frank Huber wird Dozent für Kriminaltechnik in der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen. Er sagt: „Ich gehe mit einem guten Gewissen. Es sind in dem Fall nur noch wenige Spuren offen.”20

Bei der Beerdigung Kiesewetters machen manche Kollegen gegenüber der Pastorin Beate Kopf Andeutungen, der Mordfall würde nie aufgeklärt werden: „Dass sie schon damals also eigentlich ja schon Vermutungen geäußert haben, gesagt haben, also dass, es entsteht der Eindruck, das geht in Kreise hinein, das wird nie aufgeklärt werden. Weil es nicht aufgeklärt werden soll.“21

Die neue Hauptermittlungsrichtung war ab 2009 „organisierte Kriminalität“. Nach der sogenannten Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) im November 2011 waren dann auch diese Ermittlungen laut der Ermittlerin Sabine Rieger für den Mülleimer“22 gewesen. Sie wollte eigentlich diese ZAT-Beamten noch mal nachvernehmen wegen der Einsätze.“23

Es gibt keine Anhaltspunkte vor Ort, dass die angeblichen rechtsterroristischen Täter Böhnhardt/Mundlos die Polizistenmörder waren: Wie an allen übrigen achundzwanzig “NSU-Tatorten” – keine Zeugen, Phantombilder passen nicht, keine DNA-Spuren, Fingerabdrücke, Videoaufzeichnungen, nichts. 

1Polizeiordner 11, S. 436, Aussage am 02.05.07

2Polizeiordner 12, S. 65, Aussage am 04.05.07

3Landtag Baden-Württemberg, UA, 31. Sitzung, Aussage am 26.10.15, S. 98

4Polizeiordner 11, S. 257, Aussage am 14.10.10

5Polizeiordner 9, S. 339, Aussage am 30.04.07

6Polizeiordner 8, S. 188, Aussage am 02.05.07: „Es wird behauptet, dass das Ganze bei einer Kontrollstelle passiert sei. Er sei im Fahrzeug gesessen und habe eine Abfrage machen wollen und sie sei noch draußen gestanden. Ein weiteres Gerücht besagt, dass die beiden bei einem Drogendeal zugeschaut haben. (…) Es weiß aber keiner etwas Genaues.“

7Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 7. Sitzung, 07.12.15, Wortprotokoll, S. 174: „Das war also unser erster Kontakt auch, und da war niemand. Es war zu diesem Zeitpunkt, in diesem Zeitfenster, als diese Tat passiert sein muss dann bis zum Meldungseingang, da wirklich niemand. Da waren keine Fußgänger unterwegs, da waren keine Radfahrer unterwegs, wie man vermeintlich hätte annehmen können oder annehmen müssen, wenn man sich sagt: Mensch, das ist ein belebter Ort; das kann doch überhaupt nicht sein. Aber an dem Tag war es einfach so.“

8Polizeiordner 2, S. 508, „(…) Protokollierung von Einsatzmaßnahmen“, 25.04.07: (…) der Spurenlage entsprechend ist von einem gezielten Hinterhalt durch die Täter auszugehen, es ist anzunehmen, dass sie fest geplant hatten, Polizeibeamte zu töten.“

9Bundestag, NSU-UA, 39. Sitzung, Anlage 24, Aussage am 24.11.16, S. 49

10Bundestag, NSU-UA, 35. Sitzung, Anlage 19, Aussage am 20.10.16, S. 85

11Polizeiordner. 30, S. 138, Bericht über Maßnahme Nr. 46 vom 11.05.07

12Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 37. Sitzung, 07.12.15, S. 71

13Polizeiordner 34, S. 354, Vermerk vom 14.06.10

14Vgl. Polizeiordner 11, S. 286, Aussage am 02.05.11

15Stimme, „Suchten die Fahnder an der falschen Stelle?“, 01.04.09

16Polizeiordner 3, S. 80, Vermerk vom 25.04.07

17Polizeiordner 2, S. 24

18Polizeiordner 3, S. 85, Vermerk vom 30.09.10

19Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 25. Sitzung, Aussage am 24.07.15, S. 30

20Vgl. SPIEGEL, „Abgang des Phantomjägers“, 26.10.09, https://www.spiegel.de/panorama/justiz/Heilbronner-polizistenmord-abgang-des-phantomjaegers-a-657396.html

21ARD, „Tod einer Polizistin, Das kurze Leben der Michèle Kiesewetter“, 24.04.17

22Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, Abschlussbericht, 20.12.18, S. 866

23Landtag Baden-Württemberg, 2. NSU UA, 25. Sitzung, 24.07.15, Wortprotokoll, S. 15

Polizistenmord von Heilbronn – wechselten Polizisten kurz vor Angriff die Streifenwagen?

Am 25. April 2007 verlor die Polizistin Michèle Kiesewetter (MK) ihr Leben, als sie in Heilbronn eingesetzt gewesen war. Jahrelang untersuchte ich den Mord, aufbauend auf Polizeiakten aus dem Internet und Protokollen von parlamentarischen Untersuchungsausschüssen. Das Ergebnis meiner Nachforschungen ist, dass aufgrund des „Staatswohles“ die Ermittlungen fehlgeleitet werden, bis heute. Ihr wahrer Einsatz wird vertuscht, damit auch ihre Mörder.

Ich veröffentlichte in meinen Blog verschiedene Auszüge meines Buches, für das ich keinen Verlag fand: Nach meiner Hypothese gab es zur Tatzeit in Tatortnähe einen zweiten BMW-Streifenwagen. MK und ihr Partner Martin Arnold (MA)  mussten neben dem Streifenwagen hinknien, als Ihnen Unbekannte in die Köpfe schossen. 

Angesichts des heutigen Jahrestages behandel ich einen Aspekt, den ich bisher ausgespart habe. Die Neuigkeit ist, dass MK ihren Dienstwagen, den sie am Vormittag nutzte, mit diesem zweiten Streifenwagen am Tatort tauschen wollte. Sie wurde an einem Streifenwagen erschossen, mit dem sie vorher nicht unterwegs war.
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Erschoss heilbronner Polizistenmörder das Opfer kniend?

Am 25. April 2007 schossen Unbekannte zwei böblinger Bereitschaftspolizisten in Heilbronn in die Köpfe. Die Polizistin Kiesewetter starb, ihr Kollege Arnold überlebte. Der Angriff wird heute dem „National-Sozialistischen-Untergrund“ (NSU) zugeschrieben und als „heilbronner Polizistenüberfall“ bezeichnet. Nach meiner Recherche sollte das Verbrechen eher in „Polizisten-Hinrichtung“ umbenannt werden. Erschoss heilbronner Polizistenmörder das Opfer kniend? weiterlesen

Täterprofil – das verbindet alle “NSU-Morde”

  • Selber Täterkreis: Ceska-Mordserie und heilbronner Polizistenüberfall

Kiesewetters Onkel Mike W. schloss 2007 unter anderem aus dem „skrupellosen Vorgehen“ der Täter, dass der Hintergrund des Polizistenmordes organisierte Kriminalität gewesen sein könnte, „im Bereich russisch oder georgisch“. Es könnte ein „Zusammenhang mit den den bundesweiten Türkenmorden“ bestehen. „Ein Kollege von der KI 1 hat mich nur angesprochen, dass ein Zusammenhang bestehen könnte.“1 Ende 2011 wurde bekannt, dass der „Kollege von der KI 1“ Uwe M. gewesen sein soll. Der thüringer Untersuchungsausschuss (UA) vernahm Uwe M. und Mike W. am 06. März 2014. Dabei traten unlösbare Widersprüche auf: Beispielsweise hätte laut Uwe M. ihr Gespräch nicht „so nah nach dieser Tötung stattgefunden (…), glaube ich persönlich gar nicht, sondern ich denke, da war eine ganze Zeit vergangen.“2 Es ist ungeklärt, vom wem W. die Informationen erhielt. Laut des Journalisten Thomas Moser wäre für Mike W. der Polizistenüberfall bis heute nicht aufklärt. Er würde sich die Frage stellen: Warum kann der Staat einen Polizistenmord nicht aufklären?” Und die Antwort, die sich der Onkel des Opfers zurechtgelegt habe, ist gleichfalls eine Frage: “Wird der Mord vielleicht nicht aufgeklärt, weil der Staat beteiligt war?”3 Täterprofil – das verbindet alle “NSU-Morde” weiterlesen

Es gab zwei BMW-Streifenwagen – war Tatort während Polizistenmord polizeilich abgesperrt?

Am 25. April 2007 schossen Unbekannte zwei jungen Bereitschaftspolizisten in die Köpfe, am hellichten Tag, mitten in Heilbronn, auf dem belebten Festplatz namens Theresienwiese (TH). Der Tatort war ein Kombi-Streifenwagen der Marke BMW, der neben einem Trafohaus geparkt war. Martin Arnold überlebte, dank einer Kopfbewegung traf das Projektil nicht sein Stammhirn, Michele Kiesewetter (MK) war sofort tot. Danach beraubten die Polizistenmörder die Opfer und lagerten sie am Tatort um. Dabei verschmierten sie sich mit Blut. Bei den Tätern handelte es sich nicht um Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, dies ergab mein Studium der Ermittlungsakten. Es gab zwei BMW-Streifenwagen – war Tatort während Polizistenmord polizeilich abgesperrt? weiterlesen

Polizistenmorde von Kusel und Heilbronn

Die Polizistenmorde von Kusel stehen offenbar im engen Zusammenhang mit einer Kontrolle, siehe Pressekonferenz: Die Polizisten kontrollierten Wilderer, die daraufhin den Beamten in die Köpfe schossen, um nicht verhaftet zu werden. Es handelt sich hier um ein wenig glaubhaftes Motiv. Ich vermute, dass eine zusätzliche Tatmotivation vorliegt. Das Vorgehen der Täter erscheint mir bei der Tatausführung professionell und skrupellos. Offenbar nahmen sie die Polizisten eine längere Zeit unter Beschuss, ohne selbst getroffen zu werden. Die Spurensicherung fand andererseits den Ausweis und Führerschein eines der Tatverdächtigen am Tatort.

Der heilbronner Mord an Michele Kiesewetter (MK) vom 25. April 2007 wird dagegen nicht mit einer Kontrolle erklärt, auch nicht mit der Polizeiaktion „Blizzard“ gegen die örtliche Drogenmafia. Die schnelle Festnahme der (mutmaßlichen) Mörder von Kusel und ihre mediale Präsentation steht im Kontrast zum heilbronner Polizistenüberfall. Hier kam es gleichfalls zu frühzeitigen Festnahmen, aber die Polizei ließ die beiden Männer noch am selben Tag laufen. War die damalige Entscheidung berechtigt? Was steht in den Ermittlungsordnern der Sonderkomission (Soko)?
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Teil 4) Sicherten neckarsulmer Polizisten die Dienstwaffen der überfallenen Kollegen Kiesewetter und Arnold?

Bei Einsatzbeginn rüsteten sich die Bereitschaftspolizisten aus. In ihrer Kaserne gab es ein abgeschlossenes Waffenfach, über welches die Polizisten die Schlüsselgewalt hatten. Dort befand sich die gesamte Ausrüstung, die in die Holster und Taschen der Gürtel gesteckt wurde: Dienstwaffe, Ersatzmagazin, Taschenlampe, Reizstoffsprühgerät, schnittfeste Handschuhe, Handschließe und Multifunktions-Taschenmesser. Teil 4) Sicherten neckarsulmer Polizisten die Dienstwaffen der überfallenen Kollegen Kiesewetter und Arnold? weiterlesen

Teil 3) Alternativer Ablauf wirft neue Fragen auf

Der alternative Ablauf wirft folgende Frage auf:

  • Welcher Kollege benachrichtigte die neckarsulmer Polizisten Steffen B. und Daniela B. über den Polizistenüberfall? Welche Polizisten standen mit einem zweiten BMW-Streifenwagen an der Zufahrt, als die neckarsulmer Polizisten dort eintrafen und zum Tatort weiterfuhren?
  • Warum sahen die Zeugen Jörg H. und Kerstin K. nicht?

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Teil 1) Zeitstrahl der alternativen Hypothese

Zeitstrahl der alternativen Hypothese

13:50

Michele Kiesewetter (MK) und ihr Streifenpartner, im BMW-Streifenwagen, und der zivile beige Mercedes der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) 522 fuhren gemeinsam auf die Theresienwiese (TW). Im beigen Mercedes saßen die neckarsulmer Polizisten Steffen B. und Daniela B.. Kurz darauf verließ der Mecedes die TW, in Richtung Neckarsulm.

Die Zeugin Martina R. machte um 13:45 folgende Beobachtung: „Alter brauner Mercedes“1, dahinter BMW-Streifenwagen, stoppen in Frankfurter Straße an einem Zebrastreifen. Mercedes fährt anschließend in die TW ein. Das Auto wird in den Polizeiakten als “Zivilfahrzeug” bezeichnet.

13:58

Die Polizisten Kiesewetter und Arnold werden, außerhalb des Wagen und kniend, mit Kopfschüssen angegriffen.

13:58-14:02

Sofort nach dem Angriff, veränderte der Täterkreis den Tatort. Die Opfer wurden vom Boden aufgehoben und folgendermaßen im Wagen zurückgelassen: MK saß auf dem Fahrersitz. Ihr Oberkörper hing aus dem Fahrzeug heraus. Arnold Kopf lag auf dem Beifahrersitz, die Füße außerhalb auf dem Boden.

Die Tatortmanipulation war gegen 14:02 abgeschlossen. Die Täter verließen zu Fuß den Tatort, nördliche Richtung.

14:05

Athanasios B. befand sich mit seinem Auto an einer roten Ampel, an der Stadtgrenze zwischen Heilbronn und Neckarsulm. Ein beigefarbenen Mercedes raste von hinten heran, überholte und überfuhr die rote Ampel.2

Der beige Mercedes rast zur TW zurück.

14:08
Jamil-Ahmad C. kam am Tatort an und sah beide Polizisten, samt Schutzverletzungen. Er traf auf den Radfahrer Peter S. und informierte ihn. Daraufhin radelte Peter S. zum Bahnhof, um Hilfe zu holen.

14:10

Die Inder Devinder und Pargat S. stehen am Trafohaus und sahen MK auf dem Fahrersitz sitzen und kopfüber heraushängen. Pargat S. sagte aus, dass er um 14:10 die Polizei anrief. Diese Aussage bestätigte die Funkzellenauswertung.3 Dann kam ein Taxi zum Tatort hergefahren, darin ein Mann und eine Frau. Pargat S. brach seinen Telefonanruf ab. Als Grund nannte er den Taxifahrer, der ausgestiegen war und ihm zunickte. Der Taxifahrer gab ihm ein Zeichen, dass er bereits mit der Polizei telefoniere.

Heiko N. fuhr mit der Straßenbahn S-4 von Böckingen kommend in Richtung Heilbronn. Währenddessen sah er beim Vorbeifahren den Streifenwagen neben dem Trafohaus stehen, eine Person hing aus der geöffneten Fahrertür heraus. Beide Türen waren geöffnet. Unmittelbar vor dem Streifenwagen, ungefähr drei Meter schräg davor, stand ein silberner, viertüriger PKW, „eventuell Taxi“4.

Trafen die Inder auf zwei Zivilpolizisten? Als beiden (als Taxifahrer getarnten?) Polizisten Steffen B. und Daniela B. an der TW eintrafen, stand an der Einfahrt ein Streifenwagen, Kollegen standen draußen zur Zufahrtskontrolle“5. Sahen sie den zweiten BMW-Streifenwagen? MK wäre noch halb” aus dem Auto gehangen. Laut ihrer Aussage gab keine Rettungskräfte, keinen Notarzt, keinen Rettungshubschrauber. Stattdessen trafen sie lediglich auf die Kriminalpolizisten Jörg T. und Bettina S.. Fand in der Zeit die zweite Umlagerung statt? Lagen danach beide Opfer auf dem Boden, die Füße hochgestellt auf dem Schweller?

Steffen B. informierte telefonisch das Polizeirevier. Um 14:11 kam es laut des stuttgarter „Polizeiführers vom Dienst“ zur ersten Funkmeldung im Dora-Betriebskanal 426 über angeschossene Kollegen“.6 Das heilbronner Polizeirevier, Dora 5/31 informierte das Führungs- und Lagezentrum (FLZ), Dora 5/21. Um 14:12 wurde die Ringfahndung ausgerufen und die Hubschrauberstaffel alarmiert.

Laut Steffen B. verließen er und Daniela B. auf Anregung des Kollegen T.“7 den Tatort. Der beige Mercedes fuhr in hoher Geschwindigkeit zur Böckinger Brücke am Neckarkanal, die etwa 1,5 Kilometer südlich der TW liegt.

14:12

Der neckarsulmer Polizist Jörg H. teilte mit, dass er mit hoher Geschwindigkeit anfuhr“8. Die heilbronner Polizistin Kerstin K. sagte im NSU-Prozess aus, dass sie um 14:08 einen Anruf von einem Taxifahrer [erhielt]“9. Erhielt sie den Anruf von Steffen B.? Sie rasten zum Tatort und kamen um 14.10 Uhr“ an. Kerstin K.: Wir waren wirklich in zwei Minuten da. Wir sind wirklich gerast.” Sie hätte gleich gesehen, dass die Kollegin ex ist.“ Ihre Angabe wird vom stuttgarter „Polizeiführer vom Dienst“ bestätigt: Um 14:15 funkte eine Polizistin, dass eine Kollegin tödlich verletzt wurde (…). Gemeldet wurde dies von einer Kollegin, ohne Nennung eines Rufnamen.“10 Kerstin K. schickte die Zeugen Devinder und Pargat S. sowie Jamil-Ahmad C. vom Tatort weg. Danach kam der neckarsulmer Polizist Erich Anton K. zum Tatort. Er traf auf den neckarsulmer Polizist Jörg H. und seine Streifenpartnerin Kerstin K., die Arnold erste Hilfe leisteten.

14:14

Devinder und Pargat S. befinden sich an der Zufahrt zur TH, wo ihre Personalien aufgenommen wurden. Der Zeuge Jürgen N. steht auf dem Fußweg an der Hafenstraße und sieht einen zweiten BMW-Streifenwagen an der Zufahrt und einen Polizisten, der einen der Inder kontrolliert. Hatte der Inder längere dunklere Haare, weshalb ihn der Zeuge für eine Frau hielt? Danach verließ der BMW die Zufahrt und entfernte sich gleichfalls vom Tatort.

14:15

Als der Radfahrer Peter S. kurz nach 14:12 am Bahnhof ankam, bekamen zwei Taxifahrer seine Schilderung über zwei angeschossene Polizisten auf der TW mit. Ralf D. und Marianne H. fuhren gemeinsam zur TW. Die Taxifahrer sahen Kiesewetter und Arnold außerhalb des Autos auf dem Boden liegen.11 Um 14.15 Uhr ging der Notruf von Ralf D. bei der Polizei an.12 Nachdem heilbronner Polizisten ankamen, verblieben die Taxifahrer am Tatort. Ralf D. beschrieb den Moment als sich ein Rettungssanitäter über Kiesewetter beugte und nur mit dem Kopf geschüttelt“13 hätte.

14:18

Hermina Z. ging zu Fuß gegen 14:22 am Tatort vorbei. Sie bemerkte einen Streifenwagen aufgrund seiner eingeschalteten Sirene. Ein Taxifahrer zeigte einem ausgestiegenen Polizisten den Tatort. Es dürfte sich hier um Ralf D. und den heilbronner Polizisten Joachim T. handeln. Dann hätte der Polizist die bereits am Boden liegende MK am Kopf angefasst”14. Anschließend ging er auf die Beifahrerseite. Hermina Z. bemerkte außerdem ein Paar, welches in der Nähe stand, und nur rumgestanden und geschaut” hätte. Daraufhin verließ sie den Tatort.

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