Eigenartigkeiten und Widersprüche beim Polizistenmord von Heilbronn – Zusammenfassung

Am 25. April 2007 verlor die 22-jährige Polizistin Michèle Kiesewetter (MK) ihr Leben, als sie in Heilbronn ihren Dienst verrichtete, ihr Kollege Martin Arnold überlebte den Kopfschuss. Er hat seitdem Erinnerungslücken.

Seit Jahren untersuche ich den Heilbronner Polizistenüberfall, aufbauend auf Polizeiakten aus dem Internet und Wort-Protokollen der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse (UA), betreffend den „National-Sozialisten-Untergrund“ (NSU).

Anlässlich ihres baldigen Todestages fasse ich die unglaubliche Serie an Zufällen, Eigenartigkeiten und Widersprüchen im Fall zusammen, die bis heute trotz UA der Aufklärung harren. Sie sollen sich im Vorfeld der Bluttat ereignet haben, am 25. April selber und danach, sowie während der Ermittlungen der Sonderkommission (Soko).

Wie realistisch sind diese Abweichungen von der Norm? Für mich hat die offizielle Rekonstruktion kaum etwas mit den tatsächlichen Begebenheiten zu tun. Folgende Auflistung fasst die gravierendsten Ungereimtheiten zusammen:

Zwei-Drei Wochen vor Tat

Auf dem Gelände und in der Kaserne der Bereitschaftspolizei (Bepo) Böblingen finden Fortbildungen mit Bereitschaftspolizisten aus verschiedenen Standorten statt. Die Schulungsunterlagen des „zivilen Aufklärungstrupps“ (ZAT) kann die Soko nicht ausfindig machen, obwohl sogar das baden-württemberger Innenministerium um Mithilfe gebeten wurde. Der angereiste ZAT-Ausbilder von der Bepo Bruchsal sagte: Im Morgengrauen des 5. April fand eine „Observationsübung statt, bei der Michele Zielperson war.“1

Am 4. April war MK von 13:00 bis 22:15 Uhr im US-Objektschutz. Anschließend nahm sie in der Nacht bis 07:25 Uhr zehn Anrufe von fünf Kollegen an. In dieser Zeit soll die ZAT-Übung stattgefunden haben. Von einer dieser fünf Handynummern wurde MK auch am Tattag angerufen, abgespeichert im Handyspeicher als “Bb 71”. Es ist bis heute unbekannt, wer dieses dienstliche Handy der Bepo nutzte. Am 05. April telefonierte die Person zweimal mit Kiesewetter und am 25. April dreimal. 

Martin Arnold nimmt an einer der Fortbildungen teil. Laut der Soko wäre er anschließend Anfang April von der Bepo Göppingen zum Standort Böblingen gewechselt. Die Soko weist ihn zwar Einsätze zu, allerdings steht sein Name nirgends in den böblinger Einsatzlisten.

Gemäß der Soko wäre der „Blizzard“ Anfang April abgeschlossen gewesen, ein Schlag gegen die Drogenmafia in Heilbronn. Einsatzlisten der Bepo beweisen allerdings, dass die Aktion auch danach weitergeht. Bereitschaftspolizisten gehen gegen eine Bande vor, deren Mitglieder als „NSU-Russen“ bezeichnet werden, abgeleitet von der Abkürzung von Neckarsulm (NSU) und dorthin eingewanderten Russlanddeutschen. Die Kriminellen übernehmen im April den Markt, da der „Blizzard“ die ortansässigen Händler vertrieb. Es kommt zu Drohungen gegen Bereitschaftspolizisten. An der Wand des Trafohauses, dem späteren Tatort, ist das Grafiti „NSU“.

Vorwoche, Montag, 16. April, bis Sonntag, 22. April

Mitglieder von Kiesewetters Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) schreiben sich in eine Liste ein, um bei „sichere City“ am 25. April teilzunehmen. Die handschriftlich erstellte Liste verschwand laut des BFE-Büroleiters nachträglich. Bei der als harmlos geschilderten Aktion wurde durch uniformierte Präsenz in der Heilbronner Innenstadt ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Gemäß der Soko hätte sich Kiesewetter am 24. April in die Gruppe eingetauscht. Erst 2011 wird der Tauschpartner gefunden. Ein BFE-Kollege hätte dafür ihre Nachtwache am Kasernentor übernommen. Dies dementiert sowohl das BFE-Büro, wie auch ihr Freundeskreis: MK sicherte sich am Donnerstag, 19. April, den Heilbronner Einsatz. Sie hatte keinen Wacheinsatz am Kasernentor. Warum wird die Tauschgeschichte hartnäckig aufrechterhalten?

MK hätte in der Vorwoche nur zwei Einsätze gehabt: Sie ist am 15/16. April von 21:00 bis 07:00 im US-Objektschutz. Am 19. April wieder ein Objektschutz, der allerdings abgebrochen worden wäre. Ihre Gruppe sollte einen Prozess in Stammheim absichern. Laut des Bundeskriminalamtes (BKA) betreut Martin Arnold am 20. April einen Zeugen in der Böblinger Kaserne. Warum steht der Zeugenschutz nicht in den Einsatzlisten, genausowenig wie seine Observationen? Brachte Kiesewetter einen Zeugen am 19. April von Stammheim nach Böblingen?

Ihr Freund und BFE-Kollege Dominik W. bezeugte einen Einsatz, der ebenfalls in keiner Liste steht: Sie waren kurz vor der Tat zusammen in Heilbronn eingesetzt. Ihre Anfahrt auf die Theresienwiese fand entweder am „16.04. oder (…) 09.04.“2 statt. Sie kommentierte, dass hier doch ein guter Ort zum „beobachten“ wäre. Ab dem 16. April stehen am Trafohaus immer wieder Streifenwagen, teilweise sogar zwei gleichzeitig.

Schausteller bauen ein Volksfest auf der Heilbronner Theresienwiese auf. Landfahrer stellen dort ebenfalls ihre Wohnmobile und – wagen ab.

Nach einem dienstlichen Anruf kehrt Kieswetter am Samstag, 21. April, vorzeitig aus ihrem Urlaub in Oberweißbach, Thüringen, zurück. Laut einer ihrer SMS ist sie am Montag, 23. April, in der Böblinger Kaserne.

Tatwoche, 23. April – 25. April

Kiesewetters BFE-Einheit hat im Tatzeitraum eine Urlaubswoche. Ausnahme wäre nur die Gruppe gewesen, die am Mittwoch nach Heilbronn geht. Das BFE-Geschäftszimmer ist nicht vom regulären Leiter besetzt, sondern von einer Ersatzperson, die zum ersten Mal diese Arbeit machte.

Am Vortag, 24. April

Bereitschaftspolizisten aus unterschiedlichen Standorten führen Kontrollen in Heilbronn durch. Sie melden sich mit ihren spezifischen Funkrufnamen „Bruno xx“ bei der Heilbronner Datenstation, die die Abfragen protokolliert.

Laut der Soko hätte es einen Uhrzeiten-Tausch mit der Böblinger Gruppe namens „Taktischer Einsatzzug“ (TEZ) gegeben. Daher wäre der TEZug erst um 12:30 in Heilbronn gewesen, die Kiesewetter-Gruppe dafür schon um 09:30. Die TEZ-Kräfte dementieren aber einen Tausch oder Änderung ihrer Zeiten.

Ein Schausteller sieht neben dem Trafohaus ein geparktes Wohnmobil.

Trotz Urlaubswoche ist Dominik W. (BFE) im Objektschutz an einer US-Kaserne. Statt wie normal als Teil einer Gruppe, steht er in der Einsatzliste nur als Einzelperson. War er dort alleine? Hatte er einen Sonderauftrag?

Tattag, 25. April

Kiesewetter übernachtet in der Böblinger Kaserne der Bepo, statt wie normalweise zuhause. Sie ist aufgeregt, sie weiß in der früh um 06:30 noch nicht, ob sie zivil oder uniformiert eingesetzt wird. Eigentlich wird die Kleiderordnung Tage vor dem Einsatz festgelegt.

Gemäß der Soko wäre die Streife Kiesewetter/Arnold zum ersten Mal zusammen unterwegs gewesen, Arnold das erste Mal in Heilbronn. Kiesewetter hätte zum ersten Mal Pause auf der Festwiese gemacht. Deshalb wäre ein gezielter, geplanter Angriff unwahrscheinlich, außerdem hätte sich Kiesewetter ja erst am Vortag eingetauscht.

Laut der Soko hätte der Heilbronner Einsatz sichere City“ schon um 09:30 begonnen, nicht wie „eigentlich ausnahmslos“3 erst zur Mittagszeit. Der Heilbronner Einsatzleiter Uwe Z. dementiert: „Sichere City“ fing regulär um 12:30 an. Nach dem Angriff eilt der Büroleiter ins BFE-Geschäftszimmer. Er wird ebenfalls nicht über die Änderung der Uhrzeiten informiert. Was machen die Bereitschaftspolizisten am Vormittag in Heilbronn?

Obwohl zwei Böblinger Einsatzgruppen (BFE und TEZ) nach Heilbronn kommen, mit zwei Gruppenführern, wäre nur ein einziger BMW-Streifenwagen dabei gewesen. Ansonsten gab es eigentlich immer4 zwei BMW, die sogenannten Chef-Fahrzeuge der uniformierten Gruppenführer. Der uniformierte Gruppenführer der TEZ ist Manfred E. – er hätte zur Tatzeit kein eigenes Fahrzeug gehabt und hätte sich ein Auto im Revier ausleihen müssen. Kiesewetters Gruppenführer Timo H. (BFE) wäre in zivil mit einem „Fiesta“-Zivilfahrzeug unterwegs gewesen.

Im Heilbronner Polizeirevier gibt es zum Einsatzbeginn „sichere City“ um 12:30 immer eine Besprechung, stattdessen wird eine Schulung für die Bereitschaftspolizisten angeboten, wie Anzeigen in Computer eingegeben werden. Die Teilnehmerliste der Schulung ist verschwunden.

Nach dem Ende der Schulung um 13:30 wird die Besprechung nicht nachgeholt. Stattdessen hätten die Bereitschaftspolizisten beider Gruppen ihre Mittagspause angefangen und dazu verschiedene Orte in der Stadt aufgesucht. Kiesewetter wäre mit Arnold zum zweiten Mal zum Pausemachen zum Trafohaus gefahren. Um 10:30 waren sie zum ersten Mal dort.

Bereitschaftspolizisten aus Göppingen führen kurz vor dem Angriff eine Kontrolle in Heilbronn durch und melden sich mit ihrem „Bruno 2“-Funkrufnamen bei der Datenstation. Gleichzeitig sollen Bereitschaftspolizisten von verschiedenen Standorten eine Übung in Bruchsal gehabt haben. Übungsteilnehmer Manuel B. hält telefonisch SMS-Kontakt mit beiden Opfern, aber aus privaten Gründen. Er meldet sich nach dem Mord nicht bei der Soko. Als Ermittler ihn fragen warum, war seine Antwort: „Ich wusste nicht, dass ich irgend welche Angaben machen können.”5 Der Gruppenführer der Übung war der Ausbilder des Böblinger „ZAT-Lehrganges“, dessen Schulungsunterlagen der Soko nicht vorgelegt wurden. Manuel B. wechselt nach der Fortbildung in der Böblinger Kaserne von der Bepo Göppingen zum Standort Bruchsal.

13:59 Uhr: Unbekannte schießen den Bereitschaftspolizisten in die Köpfe. Laut Antonia S. (Bepo Biberach) tten die Opfer einem Drogengeschäft bei einer „Kontrollstelle“ zugeschaut. MK stand außerhalb des Streifenwagens, Arnold wollte im Wagen eine Abfrage machen.6 Offenbar wurde der Angriff beobachtet, aber warum griffen die Kollegen nicht ein?

Es gibt keine Tatzeugen, obwohl die Festwiese belebt ist, gut frequentierte Fuß- und Radwege am Trafohaus vorbeigehen. Die Angreifer verbleiben sogar am Tatort und berauben die blutenden Opfer. Revierleiter Andreas M. kommentiert: Keine Zeugen – „das kann doch überhaupt nicht sein. Aber an dem Tag war es einfach so.“7 Die Heilbronner Polizeiführung geht am Tattag von einem „gezielten Hinterhalt“8 aus. Im Jahr 2016 spricht dagegen der führende NSU-Ermittler des BKA, Axel Kühn, von einer „Zufallstat9, Zufallsopfern.

Wolfgang Fink vom Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) schilderte dem Bundestag eine ihrer Hypothesen, dass der Täter den Tatort vor der Tat „observiert“10hätte. Ihre Untersuchung ergab tatsächlich Kreuztreffer von Handynummern, die sich dann in die Tatort-Funkzelle einwählten, als dort um 10:30 und 13:50 die Opfer anwesend waren. Die grüne Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic fragte ihn, was mit dem Untersuchungsergebnis passierte. Seine Antwort: Ja, es hätte Kreuztreffer gegeben, „aber mit denen ist nichts gemacht worden.” „Der Ansatz wurde nicht weiterverfolgt, ja. Also, das Ergebnis liegt vor, wurde aber nicht überprüft.“

Die Soko sicherte zwar sämtliche Funkgespräche, die Polizisten im Zeitraum von 09:30 bis 18:00 Uhr in Heilbronn führten, aber: Es wurde lediglich der Zeitabschnitt von 13:30 bis 14:12 Uhr ausgewertet. Außerdem sollte nur nach Funksprüchen der späteren Opfer gesucht werden.11 Sabine Rieger erklärte: Als Ermittlerin steht für sie fest, „ich habe eine gute Soko-Leitung, da muss ich nicht jeden Auftrag hinterfragen“12 .

Ein Zeuge fällt um 13:15 eine Landfahrergruppe an Wohnwägen (ohne Autos) auf, „direkt nach der Schiffschaukel“. Anhand von Luftbildern, die von Hubschrauber aus zwischen 14:45 – 17:25 Uhr gemacht wurden, bemerkt der Zeuge „aufgeregt“13, dass die Gefährte verschwunden sind.

Die Wohnwägen und Wohnmobile der Landfahrer können nach der Tat die Festwiese verlassen, zum Teil ohne Vernehmungen, ohne erzwungene Durchsuchungen. Ein Oberstaatsanwalt untersagte dies.14 Die Regionalzeitung „Stimme“ fragte die Staatsanwaltschaft, warum sich die Polizei „an anderen Orten in der Stadt, wo sie zum Beispiel Busse und Bahnen gründlicher durchsuchte, nicht so zurückhaltend verhielt, beantwortet Lustig nicht: „Ich kann nicht mehr sagen, als ich gesagt habe.“15

Am Bahnhof gibt es „keinerlei Aufzeichnungen“16 der Überwachungskameras der Bundesbahn, da sie „derzeit defekt“ sind. Das GPS-Gerät des Opferfahrzeug ist kaputt, weshalb vergeblich versucht wurde, „die Aufenthaltsorte und die letzte Fahrtstrecke des Dienst-Kfz zu rekonstruieren.“17 Eine Auswertung beschlagnahmter Videoaufzeichnungen war teilweise nicht möglich, „da die Festplatte defekt ist und die CDs nicht lesbare .vfs-Dateien enthalten.“18 Wegen Softwareproblemen konnten die SMS aus dem Opferhandys erst am 30. April ausgelesen werden.

Im nördlichen Bereich der Theresienwiese stehen keine Autos von Pendlern. Normalerweise ist der Bereich wegen der Bahnhofsnähe vollgeparkt.

Ermittlungsschwerpunkt „DNA-Phantom“, „organisierte Kriminalität“

Mehrere Wattestäbchen mit DNA der unbekannten weiblichen Person (uwp) werden über Tage fast immer im gleichen Bereich am Fensterrahmen festgestellt. Kontrollstäbchen immer negativ. Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Trugspur der Nachfindungen laut Staatsanwaltschaft Heilbronn „1:625 Millionen.“19 2009 soll dieser Zufall eingetreten sein. Der bisherige Soko-Chef Frank Huber wird Dozent für Kriminaltechnik in der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen. Er sagt: „Ich gehe mit einem guten Gewissen. Es sind in dem Fall nur noch wenige Spuren offen.”20

Bei der Beerdigung Kiesewetters machen manche Kollegen gegenüber der Pastorin Beate Kopf Andeutungen, der Mordfall würde nie aufgeklärt werden: „Dass sie schon damals also eigentlich ja schon Vermutungen geäußert haben, gesagt haben, also dass, es entsteht der Eindruck, das geht in Kreise hinein, das wird nie aufgeklärt werden. Weil es nicht aufgeklärt werden soll.“21

Die neue Hauptermittlungsrichtung war ab 2009 „organisierte Kriminalität“. Nach der sogenannten Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) im November 2011 waren dann auch diese Ermittlungen laut der Ermittlerin Sabine Rieger für den Mülleimer“22 gewesen. Sie wollte eigentlich diese ZAT-Beamten noch mal nachvernehmen wegen der Einsätze.“23

Es gibt keine Anhaltspunkte vor Ort, dass die angeblichen rechtsterroristischen Täter Böhnhardt/Mundlos die Polizistenmörder waren: Wie an allen übrigen achundzwanzig “NSU-Tatorten” – keine Zeugen, Phantombilder passen nicht, keine DNA-Spuren, Fingerabdrücke, Videoaufzeichnungen, nichts. 

1Polizeiordner 11, S. 436, Aussage am 02.05.07

2Polizeiordner 12, S. 65, Aussage am 04.05.07

3Landtag Baden-Württemberg, UA, 31. Sitzung, Aussage am 26.10.15, S. 98

4Polizeiordner 11, S. 257, Aussage am 14.10.10

5Polizeiordner 9, S. 339, Aussage am 30.04.07

6Polizeiordner 8, S. 188, Aussage am 02.05.07: „Es wird behauptet, dass das Ganze bei einer Kontrollstelle passiert sei. Er sei im Fahrzeug gesessen und habe eine Abfrage machen wollen und sie sei noch draußen gestanden. Ein weiteres Gerücht besagt, dass die beiden bei einem Drogendeal zugeschaut haben. (…) Es weiß aber keiner etwas Genaues.“

7Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 7. Sitzung, 07.12.15, Wortprotokoll, S. 174: „Das war also unser erster Kontakt auch, und da war niemand. Es war zu diesem Zeitpunkt, in diesem Zeitfenster, als diese Tat passiert sein muss dann bis zum Meldungseingang, da wirklich niemand. Da waren keine Fußgänger unterwegs, da waren keine Radfahrer unterwegs, wie man vermeintlich hätte annehmen können oder annehmen müssen, wenn man sich sagt: Mensch, das ist ein belebter Ort; das kann doch überhaupt nicht sein. Aber an dem Tag war es einfach so.“

8Polizeiordner 2, S. 508, „(…) Protokollierung von Einsatzmaßnahmen“, 25.04.07: (…) der Spurenlage entsprechend ist von einem gezielten Hinterhalt durch die Täter auszugehen, es ist anzunehmen, dass sie fest geplant hatten, Polizeibeamte zu töten.“

9Bundestag, NSU-UA, 39. Sitzung, Anlage 24, Aussage am 24.11.16, S. 49

10Bundestag, NSU-UA, 35. Sitzung, Anlage 19, Aussage am 20.10.16, S. 85

11Polizeiordner. 30, S. 138, Bericht über Maßnahme Nr. 46 vom 11.05.07

12Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 37. Sitzung, 07.12.15, S. 71

13Polizeiordner 34, S. 354, Vermerk vom 14.06.10

14Vgl. Polizeiordner 11, S. 286, Aussage am 02.05.11

15Stimme, „Suchten die Fahnder an der falschen Stelle?“, 01.04.09

16Polizeiordner 3, S. 80, Vermerk vom 25.04.07

17Polizeiordner 2, S. 24

18Polizeiordner 3, S. 85, Vermerk vom 30.09.10

19Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 25. Sitzung, Aussage am 24.07.15, S. 30

20Vgl. SPIEGEL, „Abgang des Phantomjägers“, 26.10.09, https://www.spiegel.de/panorama/justiz/Heilbronner-polizistenmord-abgang-des-phantomjaegers-a-657396.html

21ARD, „Tod einer Polizistin, Das kurze Leben der Michèle Kiesewetter“, 24.04.17

22Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, Abschlussbericht, 20.12.18, S. 866

23Landtag Baden-Württemberg, 2. NSU UA, 25. Sitzung, 24.07.15, Wortprotokoll, S. 15

5 Kommentare zu „Eigenartigkeiten und Widersprüche beim Polizistenmord von Heilbronn – Zusammenfassung“

  1. „Endlose Ungereimtheiten“ stellte 2021 (zum 10-jährigen Jubiläum der vermeintlichen NSU-Selbstenttarnung) selbst die öffentlich-rechtliche Tagesschau fest.

    Die Jogginghose von Uwe Mundlos mit Blutspuren von Michèle Kiesewetter verweise auf das Uwe-Duo als Täter – Zeugen wollen aber mehr als nur zwei blutverschmierte Männer weglaufen gesehen haben.

    „Doch zu dem Zeitpunkt, als die Bundesanwaltschaft den Fall Kiesewetter zur Mordserie des NSU zurechnen konnten, wollte sie nichts mehr wissen von mehr als zwei männlichen Tätern. Die Bundesanwaltschaft hatte sich auf die These festgelegt: Der NSU sei ein Mord-Trio, wobei Mundlos und Bönhardt diejenigen gewesen seien, die an den Tatorten die Schüsse abgefeuert hätten.
    Die Untersuchungsausschüsse des Bundestags kritisierte diese frühe Festlegung auf nur drei Täter immer wieder.“

    Der Verdacht weiterer Täter werde auch dadurch erhärtet, dass die Ermittler an keinem der 27 Tatorte des NSU die DNA-Spuren von Mundlos und Bönhardt gefunden haben.

    „Allerdings konnten sie in Heilbronn zwei anonyme DNA-Spuren finden, die sie bis heute überhaupt keiner Person zuordnen können: Es sind Spuren auf dem Rücken des Kollegen von Kiesewetter, der den Anschlag zwar überlebt hat, sich aber nicht mehr an das Attentat erinnern kann.“

    https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/nsu-verbrechen-aufklaerung-103.html

    Wurden „alte“ Beweise beseitigt, „neue“ geschaffen & platziert? Und wie staatsnah müssen DIESE Täter wohl gewesen sein?
    Keine Fragen für die Tagesschau, denn dass der Fisch vom Kopf her stinken könnte, zieht das staatstragende Medium natürlich aus Prinzip nicht in Betracht.

  2. Bei aller Bereitschaft zur Kritik:
    Als halbstaatliche bzw. halbamtliche Vierte Gewalt will die Tagesschau also zumindest eine gewisse Basis-Loyalität wahren gegenüber den Kollegen der Ersten Gewalt, der Exekutive.

    Gegenüber den Kollegen der Dritten Gewalt, der Judikative, gilt dies im Prinzip genauso. Der Tagesschau-Bericht von 2021 steht in einem Website-Rahmen, der zwar auf mehrere Berichte aus dem NSU-Urteilsjahr 2018 verweist – selber beschweigt der Bericht von 2021 aber das (in vielen Monaten ab Verhandlungsende „herangereifte“) Götzl-Urteil.

    Warum eigentlich?
    „Der Rechtsstaat leidet“ – diese Tagesschau-Überschrift schreit doch geradezu danach, einige von den „endlosen Ungereimtheiten“ nicht nur im wirren Geflecht zahlloser (und fürs Publikum meist gesichtsloser) bundesweiter Ermittler zu suchen, sondern auch mal das jahrelange richterliche Rampenlicht in München einer kritischen Betrachtung zu unterwerfen.

    Würde das Urteil über das Urteil zu vernichtend ausfallen?
    Keine DNA-Spuren der Uwes an allen 27 Tatorten des NSU – bei der zu lebenslanger Haft verurteilten Zschäpe wurde eine Tatort-Anwesenheit nicht mal behauptet.
    Zu eindrucksvoll Zschäpes Waffen-Abneigung und die daraus resultierende Ceska-Anschaffung hinter ihrem Rücken?

    Zu peinlich die häufigen und langen Abwesenheiten der Uwes vom trauten Heim ihrer hilfreichen Socken-Wäscherin?

    Gab es beim Münchener Prozess zwischen den vielen „Ungereimtheiten“ überhaupt wenigstens ansatzweise ein Gerüst harter, verlässlicher Fakten, die überzeugend für ein „lebenslang“ sprechen?

    Das Schweigen der Tagesschau ist vielsagend, denn es macht Sinn: Wo nur noch vernichtende Kritik möglich ist, kann das mit dem erhofften Erfolgs-Paket „kritische Attitüde & Basis-Loyalität“ nichts werden.
    Dann zu diesem Teil-Thema doch lieber gleich ganz schweigen…

  3. Aufgrund des morgigen 19. Jahrestages der Ereignisse von Heilbronn, habe ich mich nach jahrelanger Abstinenz nochmal mit dem Thema auseinandergesetzt. Mit ein wenig Abstand, hat man vielleicht nochmal einen anderen Blick auf die damaligen Geschehnisse. Wie auch den Betreiber des Blogs, hat mich das Thema nie wirklich losgelassen, weil der Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter und die damit verbundene , gewollte, “Nichtaufklärung” ja einmalig in der deutschen Kriminalgeschichte sind. In diesem Zusammenhang möchte ich auch nochmal Georg Lehle meinen Respekt und Hochachtung für seinen unermüdlichen Kampf für die Wahrheit zum Ausdruck bringen. Nur war dieser Kampf wahrscheinlich von Anfang an zum scheitern verurteilt. Die parallelen zum Nordstream Anschlag sind schon frappierend.
    Hier wie da stand das sogenannte Staatswohl an oberster Stelle der Prioritäten. In beiden Fällen ist unserem Staat der oder die wahren Täter bekannt. Dies führt zu der naheliegenden Überlegung, das der Mord an Kiesewetter,
    zumindestens unter der Beobachtung der Geheimdienste
    auf der Theresienwiese passierte. Dabei glaube ich stand heute nicht, dass die Tat Kiesewetter und Arnold persönlich galten, sondern, das sie wahrscheinlich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Nach wie vor gibt es keine stichhaltigen Indizien dafür, das die beiden am Tattag eine gemeinsame
    Streife bildeten oder sich ihre Wege erst schicksalhaft am Tatort trafen. Wahrscheinlich musste auch deshalb der Original Einsatzbefehl aus dem Dienstzimmer verschwinden. Außer der Aussage von Arnold beim Prozess im München gibt es noch nicht mal den Beweis, dass sie sich überhaupt näher kannten.
    Beide lagen neben dem BMW Streifenwagen, aber innen keine Fingerabdrücke von beiden. Kein Schmauch außen am Auto.
    Also muss der Angriff außerhalb des Fahrzeuges stattgefunden haben.
    Aber was könnte an diesem Tag wirklich geschehen sein. Warum durfte der Mord nicht aufgeklärt werden und warum wurde die Pausenlegende erfunden und der Tatort dementsprechend präpariert. Obwohl es viele ja anders sehen,
    steht die Tat für mich wahrscheinlich doch im Zusammenhang mit der Sauerlandzelle. Im Jahr 2007 standen die beteiligten der Sauerlandgruppe unter ständiger Observierung der Geheimdienste, Tag und Nacht! Stellen wir uns mal folgendes vor, rein hypothetisch. Mitglieder der Sauerlandzelle befinden sich am 25.04.2007 in Heilbronn und werden von den Geheimdiensten überwacht. Vielleicht ist auch ein Treffen/Übergabe auf der Theresienwiese geplant. Ein sogenannter Handy Kreuztreffer aus der Ulmer Islamistenszene ist ja über Europol kurz vor Tatausführung aktenkundig,, wurde aber natürlich nicht weiter verfolgt Gegen 11:00 an diesem Tag hat ein Fahrzeug aus Ulm in Heilbronn einen Unfall und der Fahrer begeht Fahrerflucht. Der Unfall wird von einem Heilbronner Streifenpolizisten aufgenommen und das Kennzeichen über Dasta abgefragt. Dieses Kennzeichen wird später der einzige Eintrag sein den man in Martin Arnolds Notizbuch findet. Warum eigentlich?
    Warum macht sich ein Angehöriger der BFE eine Notiz über eine belanglose Fahrflucht in Heilbronn? Mir ist nicht bekannt, dass Arnold jemals danach befragt wurde. Der selbe Streifenpolizist wird übrigens später bestätigen, dass sich Kiesewetter gegen 12.15 im Polizeipräsidium Heilbronn aufhielt. Stellen wir uns nun vor, dass dieses Fahrzeug und seine Insassen Bezug zur Sauerlandzelle haben und ihr Fahrzeug auf der Theresienwiese geparkt haben, vielleicht auch um der Fahndung wegen der Fahrerflucht zu entgehen.
    Kiesewetter/ Arnold fahren nach der Schulung zur Theresienwiese. Eine Zeugin wird später sagen, das das Fahrzeug nach der Einfahrt zum Platz immer wieder kurz anhielt und ruppig wieder anfuhr. Vielleicht weil man die Kennzeichen der Fahrzeuge auf dem Platz im vorbeifahren kontrollierte. Plötzlich sagt Arnold, schau mal hier, da steht doch das Fahrzeug, welches wegen Fahrerflucht gesucht wird.
    Beide steigen aus und wollen die Fahrzeuginsassen kontrollieren und damit nimmt das Schicksal seinen Lauf. Interessanter weise hat das Mitglied der Gruppe Daniel S. bei seiner späteren Festnahme im September 2007 es tatsächlich geschafft den Polizeibeamten aus dem Holster zu entwaffnen. Ist dies auch Kiesewetter passiert? Beobachteten die Geheimdienste die Tat und griffen nur nicht ein um die späteren gesamten Zugriff nicht zu gefährden? Wäre das denkbar? Unglaublicherweise wurde die Waffen der beiden Beamten unmittelbar nach Auffliegen der Zelle in das sogenannte Paulchen Video eingearbeitet? Zufall?
    Auf jeden fall kann das anschließende präparieren des Tatortes nur von Geheimdiensten durchgeführt worden sein. Die dabei gemachten “Fehler” wie die beiden Zigarettenstümmel mitten auf den beiden Sitzen, zeigen dass es sich hierbei um nichts geplantes, sondern um eine Aktion aus der Not heraus handelte. Die Wahrheit werden wir niemals erfahren, weil der deutsche Staat es so will! Möge Michelle Kiesewetter in Friede ruhen und die Täter, Mitwisser und Vertuscher müssen das bis zu ihrem Lebensende mit ihrem Gewissen ausmachen, so sie denn eins haben. Für mich ist das Thema damit auch endgültig beendet. Am Ende ist mir dann doch tatsächlich noch etwas neues aufgefallen. Aufgrund von Zeugenaussagen war immer davon auszugehen, dass am Tattag ein 2. BMW der 5-er Serie im Einsatz war, es vielleicht sogar einen Besatzungswechel unmittelbar vor der Tat gab. Von den Behörden hieß es immer, kein 2.BMW an diesem Tag in Heilbronn, außer dem Tatfahrzeug. Zufälligerweise habe ich mir nochmal die Bilder vom Tatort angeschaut, die von der Heilbronner Stimme am Tattag gemacht wurden. Einige waren auch für mich neu und was sieht man dort auf der gegenüberliegenden Seite des Trafohäuschens direkt am Fluss stehend, also direkt in Tatortnähe? Der verschollenen 2. BMW der 5er Reihe………

    1. Ab 2009 war die Hauptermittlungsrichtung “organisierte Kriminalität”. Ein Mitglied der neckarsulmer „Russen-Mafia“ sagte der Soko, dass man am 25. April eine Heroin-Lieferung am Tatort erwartete. Die Bande wollte „ein Drogengeschäft mit Türken“ abwickeln, dem die Bereitschaftspolizisten in die Quere kamen. War der türkische Geschäftspartner Mevlüt Kar?

      Der zweite BMW-Streifenwagen ist mir in den Fotos auch aufgefallen. Daraufhin schrieb ich den Fotografen an, wann er die Fotos machte, und ob er das Kennzeichen fotografierte. Ich erhielt keine Antwort. Die Politik/Behörden können daher sagen, dass der zweite BMW erst nach der Tat nach Heilbronn gefahren ist.

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