Eine Sammlung unglaublicher NSU-Ermittlungspannen der Polizei

Nicht nur die Arbeit des Geheimdienstes namens „Verfassungsschutz“ ist voller „Pannen“. Auch die Polizei kann mit einer unglaublichen Sammlung aufwarten. Es folgt ein Sammelsurium haarsträubender Fehlentscheidungen und Entschuldigungen vor parlamentarischen Untersuchungsausschüssen (Stand 2015). 

Verschiedene parlamentarische Untersuchungs-Ausschüsse analysieren seit 2012 die Polizeiarbeit im Komplex „National-Sozialistischer-Untergrund“ (NSU) und stoßen immer wieder auf verheerende Ermittlungsfehler. Von den Ausschüssen befragte Polizisten erscheinen der Öffentlichkeit teilweise als Volltrottel. Aber inwieweit ist diese offen zur Schau gestellte Unfähigkeit realistisch, wenn es sich um ausgebildete Ermittler in hohen Rängen handelt, die ansonsten in Deutschland über 95% der Morde aufklären können? Warum sollten Polizisten die Ausschüsse über die wahren Hintergründe ihres Scheiterns belügen und ein unwürdiges Schauspiel abliefern?

14.04.96, Puppentorso mit gelbem Judenstern

Erst wurde der Torso von der Autobahnbrücke abgenommen, dann wieder angehängt, „aus ermittlungstaktischen Gründen“. Siehe Artikel „NSU-Bomben: Kaum Spuren von Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe

 27.12.97, missglückte Polizeikontrolle

Polizisten suchten das Trio Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos auf. Während eines polizeilichen Gesprächs mit Frau Zschäpe kam auf einmal Herr Böhnhardt „in seinem roten Hyundai angefahren.“ Die Polizisten erkannten ihn im Auto, doch der „erkannte die Polizisten [auch]“ und beschleunigte sein Fahrzeug sosehr, daß „eine Verfolgung im Rahmen der STVO nicht möglich war”. (NDR)

26.01.98, Bomben-Werkstatt in Zschäpes Garage

Uwe Böhnhardt begleitete Polizisten zur Garagen-Razzia, dann konnte er „fliehen“, dank eines geschwätzigen Polizisten:

“… die Beamten hätten ihn zur zweiten Garage Nr.5 in Burgau gefahren. Dort hätte ihm ein Polizist dann gesagt: “Jetzt bist du fällig, der Haftbefehl ist unterwegs!, er sei dann ins Auto gestiegen und weggefahren. ” (haskala)

Siehe: In Zschäpes Garage ist noch heute Sprengstoff

NSU: In Zschäpes Garage ist noch heute Sprengstoff
NSU: In Zschäpes Garage ist noch heute Sprengstoff
NSU: In Zschäpes Garage ist noch heute Sprengstoff
NSU: In Zschäpes Garage ist noch heute Sprengstoff

Ankündigung der Mordserie?

Die Sonderkommissionen, die die Ceska-Mordserie aufklären sollten, erhielten offenbar nicht einen  wichtigen Hinweis: Laut Gutachtens des Landeskriminalamts (LKA) Thüringen wurde in Zschäpes Garage eine Diskette entdeckt, mit einem Dokument …

“… auf der über ein “Türkenschwein”, das “heut noch stirbt – so ein Pech”, hergezogen wird: “Alidrecksau, wir hassen dich.” (SZ)

Während der Ceska-Morde kam aber niemand auf die Idee, die Untergetauchten zu verdächtigen – obwohl in erster Linie Türken und Kurden Opfer der Anschlagsserie wurden! Der ehemalige Leiter der Soku, Wolfgang Geier, wunderte sich vor dem Bundestags-Untersuchungs-Ausschuss:

“Warum haben wir nie aus Thüringen erfahren, dass da drei Verdächtige fehlen, die möglicherweise zu unserer Serie passen?” (Zeit)

Die Frage ist, ob es tatsächlich diese Drohung gab! Das Beweisstück wurde seltsamerweise nicht als Beweismittel im NSU-Prozess eingeführt. Warum nicht? Siehe Artikel: „Drohte Beate Zschäpe bereits 1998 Türken mit dem Tode?“

Übersehene Adressenlisten

In der Garage wurden außerdem drei Adressen-Listen sichergestellt, „zwei in einem Pappkarton und eine in einer Plastiktüte.“ Darin befanden sich „erstklassige“ Hinweise für die Suche nach dem flüchtigen Trio. Doch die Zielfahndung erhielt diese Listen nicht!

Zwei der drei Listen wurden verheimlicht oder erstmal nicht „entdeckt“:

„Denn zwei weitere Versionen der Adressliste entdeckte das BKA erst im vorigen Jahr, als sie die Asservate von 1998 noch einmal einer eingehenden Prüfung unterzog und dabei auch jene Papiere ordnete, die sich in zwei Einkaufstüten in jener Garage befunden hatten, in denen das Trio Sprengstoff und Bombenbaumaterial gelagert hatte.“ (BZ)

Im Thüringer Untersuchungs-Ausschuss kam heraus, dass eine der drei Adressenlisten „weg“ ist. Jürgen Dressler verteidigt sich, dass seine „Kollegen Brümmendorf und Packeiser vom BKA (…) für die Dokumentenauswertung zuständig gewesen [seien]. Im Anschluss seien die Asservate schließlich an die Staatsanwaltschaft Gera weitergegeben worden.“

“Und sie ist nicht da, diese Liste?” fragt der Zeuge nochmal irritiert. “Nein” wiederholt die Abg. König. “Da habe ich keine Erklärung dafür!” meint Dressler ernüchternd. (Haskala)

Laut des Bundestags-Untersuchungsausschusses (UA) waren bei der „Prüfung der bei der Garagenrazzia gefundenen Asservate“ beteiligt: Jürgen Dressler (LKA) und Michael Brümmendorf (BKA). (Bundestag)

Laut Brümmendorf hätte er den Thüringer Dressler auf den Wert der Liste im persönlichen Gespräch aufmerksam gemacht. An die anderen zwei Listen kann sich Brümmendorf nicht erinnern. Er übergab also Dressler eine Liste und hätte ihn beauftragt, die Thüringer Adressen abzuarbeiten; Dressler hingegen kann sich nicht einmal an eine einzige Liste erinnern, geschweige denn an das Gespräch bzw. Auftrag.

„(…) es sei vereinbart gewesen, dass Dressler sich um die Namensliste kümmert, da er selbst die Leute gar nicht gekannt habe. Dressler wiederum kann sich nach eigenem Bekunden an so gut wie nichts mehr erinnern.“

Brümmendorf hätte sogar auf einen möglichen Unterschlupf schriftlich hingewiesen:

„Thomas S.s Unterschlupf?“ Damit traf er – wie man inzwischen weiß – ins Schwarze: Bei Thomas S. aus Chemnitz kam das Trio nach seiner Flucht aus Jena unter.“

Brümmendorf gab die Liste mit diesem Vermerk versehen an das LKA weiter. Jedoch versäumte er schriftlich darauf hinzuweisen, dass die „Liste überprüfungswürdig war.“ Er hätte aber nur die „handschriftlichen Ergänzungen auf der Rückseite der „Garagenliste“ (…) seinerzeit als „nicht relevant eingestuft“ und gekennzeichnet (spiegel).

Jedoch gab es auf der Liste auch viele Adressen, die außerhalb Thüringens lagen. Für deren Bearbeitung wäre doch das BKA zuständig gewesen, fragte der CDU-Obmanns des UA, Clemens Binninger, kritisch nach. Auch informierte Brümmendorf …

„… weder andere Landeskriminalämter noch die Zielfahndung und schon gar nicht den Staatsschutz von der Liste. Er habe auf die Absprache mit Dressler vertraut, dass dieser als Verfahrensführer die Auswertung übernehme.“ (spiegel)

… und der Vorsitzende des Bundestag-Untersuchungsausschusses Sebastian Edathy (SPD) kommentiert:

„Mörder kann ruhig Adressbuch verlieren. Wertet eh keiner aus.“

2002 – Böhnhardt und Zschäpe werden polizei überprüft

Im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss (UA) sagte der ehemalige Polizist Friedhelm Kleimann aus. Im Jahr 2002 wäre er in die Ermittlungseinheit “Staatsschutz” gekommen, er hatte die Aufgabe „weitere Fahndungsansätze“ „zu den flüchtigen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt” zu finden. 

Im Jahr 2002 ging er in Chemnitz ins „Sachsencenter“ und wen sah er da in der zweiten Etage in einem Cafe sitzend?

“Ach du liebe Zeit, dass ist doch die Beate und der Uwe Böhnhardt”. (haskala)

Kleimann rief sofort seine Kollegen und sie führten eine Kontrolle aus. Die Beiden hatten …

“… Ausweise dabei mit Ausstellungsdatum 1998 und 1999, was sie nicht weniger verdächtig machte. Er nahm sie mit zur Wache, dort wurden Fingerabdrücke genommen. Es gab jedoch keinen Treffer. Kleimann kommentiert: Entweder sie waren es nicht oder “man hat gründlich gearbeitet” und ihnen “eine andere Identität gegeben”.“ (friedensblick)

9.06.04 – Nagelbombe in Köln

Nach der Bomben-Explosion wurden Fotos einer Überwachungskamera veröffentlicht: Zu sehen sind zwei schlanke, weißhäutige Männer mit Baseballmützen, die ihre Räder schieben. Auf einem der Räder wäre die Bombe angebracht gewesen (Bild).

Daraufhin zeigten Bayerische Ermittler einer Zeugin eines Nürnberger Ceska-Mordes die Kölner Aufnahmen. Sie stellte fest, dass dieser Mann “mit einer hohen Wahrscheinlichkeit so aussieht, wie einer der Männer, die ich hier in Nürnberg auch gesehen habe.” Die Reaktion der ermittelnden Polizisten: Eine so “wacklige” Aussage könne man nicht nachgehen, nicht einmal ins Vernehmungsprotokoll aufnehmen (zdf).

Bei einer späteren Polizei-internen Besprechung wurde entschieden, „dass eine Vergleichsanalyse zwischen dem Nagelbombenattentat in Köln und der vorliegenden Serie nicht gefertigt werden wird“, da „Äpfel nicht mit Birnen verglichen werden können“. Der Unterschied wäre gewesen, dass bei dem Kölner Bombenanschlag es sich „nicht um eine gezielte Aktion in Richtung Einzelperson gehandelt [hätte], sondern (…) eben eine Art Globalvorstoß gegen Türken gewesen [sei]“. (taz)

“Nur vier Wochen nach dem folgenschweren Nagelbomben-Attentat von Köln” verfasste das  Bundeskriminalamtes (BKA) ein Dossier: „Dort sind Bönhardt, Mundlos und Zschäpe als mögliche Rechtsterroristen unter der Bezeichnung ‚Jenaer Bombenbauer‘ namentlich genannt.“ Die Strukturen wurden genau so beschrieben, wie die Zelle organisiert war: Kleinteilige Gruppen, keine Bekennerschreiben. Binninger fragt entgeistert:

„Warum ist niemand auf die Idee gekommen, die wenigen Personen aus dem Dossier mit dem Video der Kölner Tat zu vergleichen?“ (StZ)

Eine weitere, unfassbare “Panne” des Bundeskriminalamts war, die eigene Sprengstoff-Datei falsch oder gar nicht zu benützen zu können. Clemens Binninger:

“Es gab eine Sprengstoffdatei beim Bundeskriminalamt. Hätte man dort die Begriffe eingegeben, in diese Datei: Männlich, rechtsradikal, Koffer, alles Merkmale die in Köln offensichtlich vorlagen, wäre als Treffer angezeigt worden: Mundlos und Böhnhardt.”

Oliver Welke von der „heute-show“ kommentierte:

“Hmm, leider hatten die Ermittler die Worte “russisch, tabulos, rasiert” eingegeben. Schade. Schade. Ja, passiert.”

„Das war erst der Anfang. Deutsche, wehrt Euch!“

Vor dem Bundestag-Untersuchungsausschuss betonte der damals zuständige Kölner Kriminalhauptkommissar Markus Weber, dass es keine Hinweise auf Rechtsextremismus gegeben habe. Diese Aussage kann Ausschuss-Mitglied Clemens Binninger (CDU) aufgrund des deutschen Aussehens der aufgenommen Verdächtigen nicht nachvollziehen:

„Da laufen zwei Täter mit einer Nagelbombe auf dem Fahrrad zwanzigmal durchs Bild! Die Männer sind im Alter von Böhnhardt und Mundlos! Da stellt man doch einen Zusammenhang her!“

Weber bestätigte, dass nach dem Anschlag ein Flugblatt aufgetaucht wäre mit der Botschaft: „Das war erst der Anfang. Deutsche, wehrt Euch!“. Es wäre jedoch von der Kölner Polizei als Widerstand gegen den Anschlag gewertet worden! Dies führte zu kritischen Nachfragen seitens des Ausschusses:

Untersuchungsausschuss (UA): Haben Sie im Geschichtsunterricht gelernt was in der Zeit des Nationalsozialismus an die Scheiben von jüdischen Geschäftsleuten mit Farbe geschmiert wurde?

Weber (W): Das kann ich im Detail nicht sagen.

UA: Da stand: „Deutsche, wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!“ Es ist unverständlich, wie man das Flugblatt als Widerstand gegen den Bombenschlag werten kann.

W: Das kann man sicher so oder so interpretieren. (FR)

2012 – keine Fotos von Böhnhardt vorhanden

Im Zuge der NSU-Ermittlungen wurden 2012 einer Zeugin des Kölner Anschlages anfangs nur Fotos von Uwe Mundlos vorgelegt. Sie sollte offenbar nur ihn identifizieren. Der U-Ausschuss von Nordrhein-Westfalen stellte einen der Ermittler am 24.11.15 die Frage, warum nicht auch Fotos von Uwe Böhnhardt der Zeugin vorgelegt wurden. Seine freche Antwort: Sie hätten wohl keine Fotos von Böhnhardt gehabt.

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Quelle: twitter-Konto von „NSU-watch NRW“

04.04.2006 Tatort-Hülse wird von Polizei gesäubert

Beim siebten Ceska-Mord fanden Ermittler eine Hülse auf der Registrierkasse im Laden des Mordopfer Kubasik liegen. In den Ermittlungsakten steht wörtlich, dass die „Hülse (…) im Rahmen der Sachbearbeitung bei KT21 außen abgewischt“ wurde.

„Herr Pfoser wies den AG (…) darauf hin, dass DNA- Mikrospuren und daktyloskopischer Spuren dann nicht mehr auswertbar seien. Der AG hielt derartige Untersuchungen für entbehrlich. 

Im Nachhinein wurden daktloskopische und DNA-Untersuchungen an der Hülse gefordert. Derartige Untersuchungen sind jetzt nicht mehr möglich.“

Quelle: NSU-leaks

Januar 2007, Frau Zschäpe wird verhört

Im Januar 2007 stießen sächsische Polizisten zufällig auf die Zwickauer Wohnung. Zwar hätten die Beamten nicht geahnt, wen sie vor sich hatten, jedoch verwickelte sich Frau „Susann E.“ alias Frau Zschäpe bei ihrer Vernehmung bei der Polizei in große Widersprüche und offensichtliche Lügengeschichten. Es ist bis heute unbekannt, welche Ausweispapiere sie präsentierte. Die Beamten wären aber nicht misstrauisch geworden (Spiegel).

04.11.2011, Böhnhardt und Mundlos erschossen im Wohnmobil

Das Trio lebte 13 Jahre im Untergrund, mit falschen Ausweispapieren, von den Fahndungslisten war es längst verschwunden. Dann wurden die Leichen von Böhnhardt und Mundlos gefunden – mit teilweise verbrannten und zerschossenen Köpfen. Wie konnte der Polizeidirektor von Gotha innerhalb weniger Stunden die Toten identifizieren und die Verbindung zu Beate Zschäpe herstellen, fragt die zeit:

Der leitende Thüringer Zielfahnder Seven Wunderlich im Bundestag-Untersuchungsausschuss. Ihm hätte Jürgen Dressler, Chef der Ermittlungsgruppe Terrorismus/Extremismus (EG Tex), gesagt, dass …

… er schon am 4. November abends über die Identität der Toten [Böhnhardt, Mundlos] aufgeklärt worden sei.” (jw)

Laut Aussage des pensionierten Thüringer Verfassungsschützers Herrn Wießner hätte “Kurz nach Auffinden der Leichen von Mundlos und Böhnhardt am 4. November 2011″ der Leiter der Polizeidirektion Gotha bei ihm privat angerufen.  “Der Leiter habe ihm von den beiden Toten erzählt und ihn gefragt, ob er wisse, wo Zschäpe sei.

Bereits am 05.11.11 hätte die Polizei in Gotha “Informationen zu allen heute vom NSU-Ermittlungsverfahren Betroffenen (…) an die White­boards pinnen können”. (jw)

Ein weiterer Teil der Geschichte ist, dass am 04. November 2011 Uwe Mundlos seinen Freund Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil erschossen hätte.  Dann zündete er den Wagen an und erschoss sich selbst. Laut Obduktion befand sich jedoch kein Brandruß in seiner Lunge. Das Gegenteil berichtete anfangs der damalige Polizeichef von Gotha Michael Menzel dem thüringer Untersuchungsausschuss Anfang 2014. Die Obduktion hätte Brandruß in Mundlos Lunge festgestellt.

“Michael Menzel: „… wobei es den Hinweis gab das bei der Sektion einer der Personen Russ in der Lunge gefunden worden ist und bei der anderen Person nicht. Bekanntlich ist bei Herrn Mundlos Russ gefunden worden, bei Böhnhardt nicht.” (Querläufer)

Nachdem der Ausschuss, dem der Obduktionsbericht vorlag, Menzel anschließend auf das gegenteilige Ergebnis hinwies, sprach der damalige Polizeichef von „Übermittlungsfehler“.

“Michael Menzel : Das kann durchaus möglich sein, ich kann ihnen nur das wieder geben was ich am Samstag [05.11.11] gegen 16.30 Uhr als Polizeiführer an telefonischer Übermittlung bekommen habe. Ob es sich um einen Übermittlungsfehler handelt weiß ich nicht, das ist die Information die ich von meiner SOKO entgegengenommen habe.”

Ermittler verwechseln Hülse mit Patrone 

Während der Untersuchung des Wohnmobiles stellte sich heraus, dass thüringer Polizisten offenbar nicht zwischen einer vollen Patrone und einer leeren Hülse unterscheiden können. Folgendes Foto befindet sich in den polizeilichen Ermittlungsakten und soll eine „Hülse“ zeigen. Der Inhalt der vollen Patrone ist jedoch ersichtlich.

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Quelle: nsu-leaks

Das Landeskriminalamt Thüringen gab Anfang 2015 den Irrtum zu und erklärt, dass deswegen “nicht mehr nachvollzogen werden kann, wo im Fahrzeug seinerzeit die beiden Patronenhülsen gefunden wurden.” (ksta)

2013 – Polizistin übersieht Beweismittel und erklärt sich für „blöd“

Am 16. September 2013 hätte sich der NSU-Zeuge Florian Heilig in seinem Auto selbst verbrannt. Im Auto „übersahen“ Ermittler Beweisstücke. Eine zuständige Ermittlerin verteidigt sich im Ausschuss von Baden-Württemberg als „blöd“ seiend und erlitt einen Erinnerungsverlust:

„In dem Fall bin ich eigentlich blöd gewesen. Den Namen der Kollegin weiß ich definitiv nicht mehr.“ (twitter)

“Eine Kriminalhauptkommissarin, die den Zündschlüssel im Brandauto suchen sollte, tat es nach eigenen Angaben nur oberflächlich im Bereich des Fahrersitzes. ‘Ich war nicht zuständig’, so Astrid B. lapidar. Drexler ärgert sich: ‘Ich bin zunehmend überrascht über die Frage der Zuständigkeit. Können Sie mir erklären, wieso Sie nicht auf die Idee gekommen sind, hinten zu suchen? Das hätte sich doch bei einer Explosion aufgedrängt.’ Nikolaos Sakellariou (SPD) hat mittlerweile rund ein Dutzend Ermittler nach einem College-Block gefragt, der im Auto lag. Keiner hatte darin nach einem Abschiedsbrief gesucht. Astrid B. sagt dazu: ‘Es stand für mich nicht zur Debatte, da drin zu wühlen. Ich war zu keinem Zeitpunkt mit tiefergreifenden Maßnahmen befasst.’ Allerdings hat sie als Sachbearbeiterin die Protokolle unterschrieben.
Achim K., der das Fahrzeug untersuchen sollte, hatte nach eigenen Angaben nur den Auftrag, die Brandursache aufzuklären. ‘Ich darf nicht einfach irgendwo suchen. Waffen oder Schlüssel hätten diese Grenze überschritten.’ Daher sei plausibel, dass die Familie von H. Machete, Schlüssel und Pistole gefunden haben, nachdem das Auto von der Polizei freigegeben worden war.” (swp)

Der zuständige Staatsanwalt Stefan Biehl, inzwischen bei der Bundesanwaltschaft, sah keinen Grund für „weitere Ermittlungen“, noch am Todestag! Er sah „keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden am Tod von Florian H., das Opfer habe Suizid begangen. Ein Ermittlungstempo, das hörbar Erstaunen unter den Ausschussmitgliedern auslöst.“ (kontext)

Das war eine unglaubliche Entscheidung angesichts der Drohungen, von denen die Eltern Heiligs berichteten und dem Obduktionsergebnis, dass Florian Heilig zum Todeszeitpunkt mit einer tödlichen Dosis Drogen und Medikamenten vollgepumpt war. Dr. med Dipl. Phys. Heinz-Dieter Wehner führte die Obduktion durch und sprach von einem fragwürdigen „Doppelselbstmord”.

Wollen Polizisten keine „Verräterschweine“ sein?

Diese mögliche Erklärung der sogenannten „Pannen“ würde zu den Aussagen zweier mutiger thüringer Polizisten passen.  Sie sagten aus, dass der damalige Präsident des Landeskriminalamtes Thüringen, Werner Jakstat, im Jahr 2003 die Fahndung nach Uwe Böhnhardt verhindert hätte.

2003 gab ein Augenzeuge der Polizei einen Hinweis auf den möglichen Aufenthaltsort von Uwe Böhnhardt. Laut der Aussage eines anonymen Polizisten hätte Jakstat daraufhin vorgegeben, dass sie nur oberflächlich den Hinweis nachgehen sollten, mit der klaren Anweisung: “Kriegen sie da nichts raus”.

Ein weiterer Polizist, Herr Grosa, bestätigte sogar öffentlich im thüringer Untersuchungsausschuss: Werner Jakstat hätte ihn 2003 angerufen und sinngemäß geäußert „Fahrt da hin, aber kriegt nichts raus“. (haskala)

Die Kollegen der beiden mutigen Polizisten wollten weder deren Aussagen bestätigen noch dementieren.

Im Zuge der polizei-internen Ermittlungen schaltete sich der damalige thüringer Innenminister Jörg Geibert (CDU) ein. Er hätte offenbar die aussagebereiten Polizisten als „Verräterschweine“ bezeichnet.

“Hat Thüringens Innenminister potenzielle Zeugen des NSU-Ausschusses von Aussagen vor dem Gremium abgehalten? Jörg Geibert weist solche Vorwürfe zurück – und macht gleichzeitig keinen Hehl daraus, was er von anonymen Anschuldigungen hält. (…)

Geibert sagte, er könne sich nicht mehr an den genauen Wortlaut seiner Ausführungen bei der Personalversammlung erinnern. Er bestritt aber, Worte wie “Verräterschwein” benutzt zu haben. “Das entspricht nicht meinem Vokabular”, sagte Geibert.

Die Linke-Abgeordnete Katharina König hatte dem Innenminister vorgehalten, Polizisten hätten – wiederum anonym – Mitgliedern des Ausschusses gegenüber erklärt, Geibert habe derartige drastische Worte benutzt.” (ta)

Es ist auch ein Trauerspiel, dass die Politiker bei dem Spiel mitmachen. Im Fall Florian Heilig reden sie zum Beispiel von unglaublicher “Schlamperei”

Es müsste seitens der Innenminister eine klare Weisung erteilt werden und zwar öffentlich, dass Beamte endlich die Wahrheit aussagen, auch wenn es Kollegen und Politiker belasten würde. Es müssten dann, konsequenterweise, verdächtige Beamte und Politiker eingesperrt werden, im Rahmen der U-Ausschüsse wäre Beugehaft möglich. Das passiert aber nicht. Der Fisch stinkt vom Kopf oder wie sagt der Volksmund: „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.“

Polizisten und Staatsanwälte sind weisungsgebunden!

Die „Pannen“ könnten aber auch damit zu tun haben, dass Polizisten sich den Vorgesetzten fügen müssen. Wenn sie dies nicht tun, würden sie bestraft. Ein Beispiel bietet die mutigen Aussagen der Polizisten Christian Kappert, Sven Gratzik und Swen Ennullat. Sie sagten aus, dass ihnen der stellvertretende Polizei-Präsident Hans-Christoph Glombiza 2007 mitgeteilt hätte, dass sie im Kampf gegen das rechte Unwesen “nicht alles sehen müssen”, denn das “Ansehen” von Sachsen-Anhalt würde leiden. Sie wehrten sich gegen diese Anweisung und wurden versetzt.

Später entschied der Untersuchungsausschuss mit schwarz-roter-gelber Mehrheit, dass der stellv. Polizei-Präsident diese Anweisung so nicht so gesagt haben konnte, und warf stattdessen den Polizisten eine “ausgeprägte Persönlichkeitsstruktur” vor (die Linke).

Das sind keine Einzelfälle, wie folgende Übersicht zeigt: „Mutige NSU-Informanten werden aus dem Apparat entfernt!

Höchstwahrscheinlich kann der NSU-Fall nur von einer anderen Politiker-Generation gelöst werden, die nicht politisch korrumpiert oder erpressbar ist.

Ein Gedanke zu „Eine Sammlung unglaublicher NSU-Ermittlungspannen der Polizei“

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