Drohte Beate Zschäpe bereits 1998 Türken mit dem Tode?

Der Journalist Hans Leyendecker berichtete, dass das „Trio“ Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe schon vor Beginn der Ceska-Mordserie türkische Mitbürger mit dem Tode bedroht hätte. Die Beweise für die Behauptung erscheinen allerdings recht dünn.

Am 26.01.1998 durchsuchte die Polizei eine abgelegene Garage in Jena, die Beate Zschäpe von einem Polizisten (!) angemietet haben soll; dort sei eine TNT-Bombenwerkstatt ausgehoben worden. Bislang ist der Mietvertrag zwischen Zschäpe und dem Polizisten noch nicht veröffentlicht worden. Die einzigen DNA-Spuren des „Trios“ in der Garage befanden sich an Zigarettenkippen auf dem Boden. Fingerabdrücke wurden nicht gefunden.

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Die „TNT-Bombenwerkstatt“ macht auf folgendem Tatortfoto keinen besonders sauberen, gepflegten Eindruck. Wie schaffte es das Trio, in einem solchen Umfeld aus Gebrauchsgegenständen keine Fingerabdrücke und keine DNA zu hinterlassen?

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 Quelle: Aust/Laabs „Heimatschutz“

Laut Durchsuchungsprotokoll befand sich in der Garage, neben Rohrbomben, „ein Rucksack“ mit 25 Disketten.

Auf einer solchen Diskette, berichtete Leyendecker in der „Süddeutschen“ am 14.01.2012, sei eine Textdatei mit folgendem Inhalt gewesen:

„In der Garage wurde auch eine Diskette entdeckt, auf der über ein „Türkenschwein“, das „heut noch stirbt – so ein Pech“, hergezogen wird: „Alidrecksau, wir hassen dich.“ (sz)

Dies gibt auch der sogenannte „Schäfer-Bericht“ wieder, erstellt am 14.05.2012 im Auftrag des Thüringer Innenministeriums, allerdings ohne weiter gehende Infos bereitzustellen.

„Anschließend wurden auch alle anderen in der Garage befindlichen und für das Ermittlungsverfahren bedeutsamen Gegenstände sichergestellt,(…) sowie eine Diskette mit dem „Gedicht“ „ALIDRECKSAU WIR HASSEN DICH“. (Schäfer-Bericht, S. 72)

Bei dieser Diskette handelt sich zweifelslos um einen „bedeutsamen Gegenstand“; die darauf gefundene menschenverachtende Aussage würde den Verdacht bestätigen, dass das „Trio“ aus Rassismus die Ceska-Mordserie verübt haben könnte. Aus den seltsamen Umständen der Auffindung dieser Diskette ergeben sich folgende Fragen:

Wann fand die Auswertung der Disketten statt und durch wen?

Warum gab die Thüringer Polizei die darauf befindlichen Informationen nicht an die Sonderkommissionen weiter, die die Ceska-Mordserie ab 2000 aufklären sollten?

Während der Serie an grausamen Hinrichtungen kam niemand auf die Idee, die drei Untergetauchten zu verdächtigen – obwohl Türken Opfer der Anschlagsserie wurden! Der ehemalige Leiter der Sonderkommission „Bosporus“, Wolfgang Geier, wunderte sich vor dem Bundestags-Untersuchungs-Ausschuss:

“Warum haben wir nie aus Thüringen erfahren, dass da drei Verdächtige fehlen, die möglicherweise zu unserer Serie passen?” (Zeit)

Trotz mehrerer parlamentarischer Untersuchungs-Ausschüsse mit „NSU-Experten“ wie Petra Pau oder Eva Högl,  welche der Polizei “routinierte, oftmals rassistisch geprägte, Verdachts- und Vorurteilsstrukturen” vorwirft, …

… trotz Nebenklägern im Münchner NSU-Prozess, die darauf aus sind, Belege für die Vorwürfe auszumachen, …

… wartet die Öffentlichkeit weiter auf Antworten.

Die „Ali-Todesdrohung“ aus Zschäpes Garage scheint in der Versenkung verschwunden zu sein. Es gibt seit 2012 keine neuen Meldungen dazu im Internet. Wie ist das zu erklären?

Der Abschlussbericht des Thüringer U-Ausschusses vom August 2014 zitiert lediglich die betreffende Stelle des „Schäfer-Berichtes“. Der Abschlussbericht des Bundestages spart das Thema komplett aus.

In den zugespielten NSU-Ermittlungsakten des Bundeskriminalamtes (BKA) spielt die Todesdrohung auf der Diskette keine Rolle. Das BKA übernahm im NSU-Verfahren die  1998 dokumentierten Beweismittel aus Zschäpes Garage. Am 06.03.2012 listete das BKA jene Asservate auf, die in der Garage gefunden worden waren und als relevant erachtet wurden.

Dabei sind weder Disketten aufgeführt, noch gibt es Hinweise auf Todesdrohungen gegen Türken!

„Am 31.01.2012 wurden die noch vorhandenen Asservate aus dem Ermittlungsverfahren gegen die Beschuldigten Beate Zschäpe (…) der BAO Trio übergeben. Die Asservate wurden hier gesichtet. Bei folgenden Asservaten ergibt sich eine Relevanz für das vorliegende Ermittlungsverfahren bzw. sind weitere Auswertungen in Bezug auf das hier geführte Ermittlungsverfahren angezeigt.“

Hier können die Ermittlungsakten heruntergeladen werden.

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Gab es die Textdatei mit den Drohungen auf dem Disketten-Asservat also gar nicht? Ergibt sich deshalb aus den gefundenen Disketten keine „Relevanz für das Ermittlungsverfahren“? Oder wurden die Disketten vernichtet – aber wie können dann Hans Leyendecker und Gerhard Schäfer 2012 den Inhalt kennen und daraus zitieren?

Wenn Leyendeckers Ausführungen der Wahrheit entsprächen, dann wäre es mehr als seltsam, dass jene schrecklichen Drohungen bisher nicht als Beweismittel im Prozess gegen Beate Zschäpe vorgebracht und medial diskutiert wurden. An anderer Stelle sind viel weniger relevante Aspekte des „braunen“ Vorlebens der Verdächtigen lang und breit diskutiert worden.

Es ist daher davon auszugehen, dass die Meldung von der rassistischen Drohung auf der Diskette nicht der Wahrheit entspricht. Wollte Leyendecker mit dieser Desinformation die Öffentlichkeit von der Existenz einer mordenden NSU-Terrorgruppe überzeugen?

Dies ist nicht abwegig, da Leyerndecker in der NSU-Diskussion  auch an anderer Stelle aufgefallen ist. Er ist seit 2011 akribisch darauf bedacht, die behördliche Version eines „NSU“ zu verteidigen. So bewertete er den Fall des „zufälligen“ Erscheinens des Geheimdienstlers Andreas Temme bei einem Ceska-Mord als „ausermittelt“ oder betrachtete die Täterschaft des „Trios“ beim Polizistenmord in Heilbronn als erwiesen.

Nicht zuletzt verbreitete er die notorische Falschinformation, dass der Obduktionsbericht den angeblichen Selbstmord der beiden Verdächtigen bestätigen würde (sz).

Hans Leyendecker gilt zwar als „einer der profiliertesten investigativen Journalisten“ der Bundesrepublik, dies gilt jedoch für Bereich des NSU-Komplexes nicht, im Gegenteil. Die genannten Falschinformationen werfen drängende Fragen hinsichtlich Leyendeckers Agenda im Zusammenhang mit der Informationslage zum „NSU“ auf.

Ein Gedanke zu „Drohte Beate Zschäpe bereits 1998 Türken mit dem Tode?“

  1. Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen. Vielen dank für die Informationen.

    Gruß Anna

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