Der Thüringer Heimatschutz – eine Geheimdienst-Operation?

Die drei mutmaßlichen Mitglieder des NSU, die Herren Böhnhardt, Mundlos und Frau Zschäpe, waren im sogenannten Thüringer Heimatschutz (THS) aktiv und vernetzt. Der THS entstand im Jahr 1996 aus der Organisation „Anti-Antifa“ (wiki). Der THS wurde auch mit Steuergeldern aufgebaut. Der Informant und Gründervater des THS Tino Brandt bestätigt, dass der Verfassungsschutz den Aufbau des THS mitfinanziert hat, „mit-finaziert, ja, mit Sicherheit.“ (ZDF) Wie sich heraus-kristalisiert, waren jedoch wesentlich mehr Mitglieder Informanten des Verfassungsschutzes. Welche Personen genau?

Laut des Schäfer-Gutachtens wurde die rechte Szene in Thüringer von folgenden Personen aufgebaut und getragen:

Grafik: Schäfer-Gutachten
 

„das Dossier“ recherchierte, dass diese Organisation dem typischen Aufbau einer Gladio-Einheit ähnelt (Field Manual 31-15).

grafik: das Dossier, Schäfer-Gutachten

Zu den einzelnen Mitgliedern:

Tino Brandt

Tino Brandt arbeitete ab Mitte der 90er Jahre in dem rechtsextremen Verlag „Nation und Europa“ in Coburg und arbeitete 1993 in einem bayerischen Ableger der „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (wiki), die rechtsextreme militante Gruppe weltweit zusammenbrachte. Ab 1994 wohnte Tino Brandt in Thüringen und wurde V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes bis zum Jahr 2001. Er erhielt bis zum Jahr 2001 rund 200.000 DM (wiki) und wurde vor polizeilichen Maßnahmen gegen ihn gewarnt. Günter Hollandt, Polizist im Ruhestand:

„Als bei Tino Brandt eine Hausdurchsuchung durchgeführt werden sollte, stand er morgens um 6:00 Uhr voll angezogen, angerichtet vor der Tür, öffnete den Beamten. Hatte alles schon bereitgestellt einschließlich Computer und bei einer späteren Untersuchung stellte sich raus, dass die Festplatte an diesem Computer ausgebaut war.“ (wdr)

Brandt bezeichnet sich als V-Mann aus Überzeugung, er hätte aus „politischen Gründen“ für den Verfassungsschutz gearbeitet, für die „nationale Sache“ (Nordbruch). Im Jahr 1994 Jahr gründete Brandt zusammen mit den Herren Wohlleben und Kapke die „Anti-Antifa Ostthüringen“:

„Der Terminus „Anti-Antifa“ tauchte erstmals 1972 in der 1951 von Arthur Ehrhardt, ehemals SS-Hauptsturmführer und Chef der „Bandenbekämpfung“ im Führerhauptquartier, gegründeten Monatszeitschrift „Nation Europa“ (heute: „Nation und Europa“), dem bedeutendsten ideenpolitischen Organ bundesdeutscher Rechtsextremisten jeglicher Couleur, auf.“ (DISS Duisburg)

Arthur Ehrhardt machte Karriere in der Wehrmacht, Arbeitsschwerpunkt Guerillakampf gegen die Sowjetunion. Damit dürfte Ehrhardt den Vater des deutschen Gladio Reinhard Gehlen gut gekannt haben. „Ehrhardt wurde von dem Verleger und DVU-Gründer Gerhard Frey unterstützt“ (Dossier), der später aus Ehrhardts Verlag wieder ausstieg (wiki).

Vorbereitungen auf den „Tag X“

Während Versammlungen sprach Brandt wiederholt von einem “Tag X”, ein Gladio-Ausdruck, auf dem man sich vorbereiten solle:

Tino Brandt sei eine Art Leitwolf in der rechten Szene Thüringens. (…) Tino Brandt gehe von Tisch zu Tisch und frage bei den einzelnen Kameradschaften, was los sei. Er gebe auch Anweisungen für geplante Unternehmen und was an den Wochenenden „abgehen solle“. (…)

Auf die Frage, welche Ziele die rechten Kameradschaften verfolgten,antwortete der Zeuge, dass in der rechten Szene oft vom „Tag X“ gesprochen werde. Tino Brandt habe häufiger darüber geredet. Es solle der Tag der Machtergreifung der Rechtsgesinnten sein. Wenn eine Vernetzung vollkommen sei, solle ein nationalsozialistischer Volksaufstand stattfinden. (Thüringer Landtag)

Brandt pachtete ein Berggrundstück und ermöglichte dort Mitte der 90er Jahre Wehrsport-Übungen, u. a. Herrn Böhnhardt. Es fanden Schieß-Übungen mit scharfen Waffen statt (taz).

Zu den möglichen Vorbereitung auf den „Tag X“ würde passen, dass November 2011 in der ausgebrannten Zwickauer Wohnung des Trios Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe eine Liste mit Namen entdeckt wurde:

„Hatte das Trio auch Politiker im Visier?

Das ist nicht sicher. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag bestätigte, dass sein Name ebenso wie der des CSU-Abgeordneten Hans-Peter Uhl auf einer Liste stand, die im abgebrannten Wohnhaus der mutmaßlichen Rechtsterroristen in Zwickau gefunden wurde. Insgesamt hätten 88 Posten auf der Liste gestanden: Namen, Organisationen und andere Angaben. Das BKA äußerte sich nicht. Ob es sich um potenzielle Ziele oder nur politische Gegner handelte, ist offen.“ (Stern)

Weitergehende Kontakte

Brandt unternahm mit einer Gruppe eine Reise nach Südafrika, wo man beim ehemaligen Bundeswehr-Panzergrenadier Claus Nordbruch Schießübungen abhielt (wiki). Nordbruch war mit Manfred Roeder verbunden (wiki) genauso wie mit Dr. Gerhard Frey (die Linke). Ein Kontaktmann des untergetauchten NSU-Trio fragte im September 1999 nach Kontakten zu Manfred Roeder, denn die Abgetauchten bräuchten „unbedingt“ ein neues Versteck (WAZ). Ralf Wohlleben soll im Jahr 1999 mit den Untergetauchten ein Telefon-Gespräch geführt haben, in dem eine Flucht zu einem Gönner nach Südafrika erwogen wurde (FAZ). Im Jahr 2002 wäre Südafrika für Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos wieder ein Thema gewesen (FAZ).

Tino Brandt kannte Helmut Roeder. Eine Antifagruppe schreibt über eine Kundgebung in Eisenacher Stadtteil Nord im Juni 2000:

„Bei der Nazikundgebung hatte neben Tino Brandt, Pressesprecher der NPD Thüringen, auch Manfred Röder gesprochen.“ (Alhambra)

Auch Böhnhardt und Mundlos dürften Roeder, wenigstens vom Sehen her, gekannt haben. Im Herbst 1996 tauchten sie bei einem Erfurter Prozess auf, indem Roeder  aufgrund eines Farbanschlages auf die Wehrmachts-Ausstellung verurteilt wurde. Folgendes, inzwischen traurige Berühmtheit erlangte Foto mit Kapke, Wohlleben, Mundlos und Böhnhardt wurde im Rahmen des Prozesses geschossen:

Neonazis um Uwe Böhnhardt (graue Jacke, 2.v.l.), Andre Kapke (4.v.l.), Ralf Wohlleben (3.v.l.) und Uwe Mundlos (r.). Foto: dapd

Neben Brandt soll es weitere Informanten in Führungspositionen im THS gegeben haben.

Andre Kapke (?)

In den 90er Jahren hatten Kriminalpolizisten des Landeskriminalamtes Thüringen Informationen, etwa aufgrund Telefon-Überwachung, dass Brandt und André Kapke Informanten des Verfassungsschutzes sein könnten.

„Die Ermittler der SOKO Rex haben die Informationen, dass es sich bei Kapke und Brandt möglicherweise um V-Männer handele, dem LKA-Präsidenten mitgeteilt, der habe den VS-Präsidenten Roewer dann versucht anzubohren, dieser sei aber sturr gewesen.“ (haskala)

Der Film “Jugendlicher Extremismus mitten in Deutschland – Szenen aus Thüringen” . entstand in einem Tarnunternehmen des Thüringer Verfassungsschutzes, dem Heron-Verlag. “Darin kommen auch der einstige V-Mann Tino B. und der Jenaer Rechtsextreme André K. zu Wort.” (tlz)

Laut des damaligen Thüringer Kriminalpolizisten Mario Melzer hätte die Zielfahndung das Trio Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt in Südafrika vermutet.

“Dort sollten sie vom Landesamt für Verfassungsschutz Thüringen gedeckt werden und versorgt werden (…). Andre Kapke soll dort hin geflogen sein, um sich nach ihnen zu informieren”.(haskala)

Haskala: Infos zu André Kapke – mutmaßlicher Unterstützer des NSU

„Im November 1997 gründet K. in Erfurt unter dem Namen „Neues Denken“ ein Zeitungsprojekt rechtsextremen Inhalts – vom Thüringer Sozialministerium mit 23.000 D-Mark Existenzgründungshilfe unterstützt. Als Redaktionsmitglieder fungieren neben André K. der später als V-Mann enttarnte Thomas D. sowie ein Aktivist der Deutschen Volks-Union (DVU). Die Finanzierung fliegt im Mai 1998 auf. André K. versucht, mit dem Versand von „Heideschmuck“ Geld zu verdienen.“ (Spiegel)

Kai Dalek

Vor dem bayerischen Untersuchungsausschuss behauptete der frühere Bayerische Verfassungsschutzpräsident Gerhard Forster, dass sein Verfassungsschutz (VS) nicht „an der konspirativ arbeitenden, kleinen [NSU] Zelle dran gewesen“ (dokmz) wäre. Jedoch besteht der Verdacht, dass der Bayerische VS schon einen V-Mann im Umfeld des Trios Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe gehabt haben könnte: Kai Dalek.  Er wäre von 1994 bis Juni 1998 Informant gewesen.

Brandt bezeichnet Dalek während seiner Zeit in Thüringen als …

„… sowas wie mein Vorgesetzter in der rechten  Szene. Er war für den Aufbau in Thüringen zuständig, er hat uns versorgt mit Aufklebern, Flugblättern und hat für uns Kontakte hergestellt, bundesweit.“

http://www.youtube.com/watch?v=os99yq9CdeQ

Vor seiner Thüringer Zeit war Dalek …

„… einer der Führungsköpfe der 1984 vom damaligen Neonazi-Führer Michael Kühnen gegründeten  „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF) und Mitglied der 1989 aus dem Bremer Landesverband der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) heraus gegründeten  Kühnen-treuen „Deutschen Alternative“ (DA). Der umtriebige Neonazi leitete ab 1988 die GdNF-Vorfeldorganisation „Antikommunistische Aktion“ (ANTIKO), eine Vorläuferorganisation der Anti-Antifa.“ (bnr)

Laut dem Nordbayerischen Kurier hätte er auch an der Anti-Antifabroschüre »Der Einblick« (vgl. »Drahtzieher im Braunen Netz«) mitgewirkt. Dort wären Todeslisten mit den Namen politischer Gegner geführt worden. Das Ziel wäre gewesen, sie bei Gelegenheit „endgültig auszuschalten“. Desweiteren galt Dalek „als digitaler Fachmann“ und wäre als alais „Undertaker“ einer der  Köpfe des am 20. März 1993 gegründeten Neonazi-Mailbox-Verbunds „Thule-Netz“ gewesen.

„1997 schlug „Undertaker“, Betreiber der Mailbox „Kraftwerk“, im „Thule-Netz“ zunehmend militante Töne an: […] „Sie werden uns auf Knien bitten, dass wir die Kameraden wieder zurückpfeifen, damit es nicht weitere Tote geben wird.“ (bnr)

Vor diesem Hintergrund schrieb der Spiegel im März 1995 in »Werwolf der Zukunft«:

„Nach dem Verbot der neonazistischen FAP zirkulieren im rechten Untergrund erneut Pläne für eine Braune Armee Fraktion. […] »Die ortsgebundenen Neonazi-Zellen haben weder Vorstand noch Kassenwart, statt dessen treiben sie Hitlerismus mit High-Tech. Auf einem »Führerthing« in Berlin beschlossen FAP-Kader wenige Wochen vor dem Verbot, ihre Gruppen mit Computern und Funktelefonen für den Untergrund zu rüsten. In einem neonazistischen Netz aus Computer-Mailboxen kommunizieren die Rechtsextremisten in verschlüsselten Systemen unter Decknamen und mit Codewörtern.“

Bei Dalek sind Verbindungen zu Friedhelm Busse (Mitgründer FAP) vorhanden, der wiederum im deutschen Gladio-Netzwerk aktiv war – siehe „Gladio, NSU und Terror von Rechts“.

Thomas Dienel

Dienel „organisierte Wehrsportübungen“ und agitierte vor Hakenkreuzfahnen.

„1992 wurde er beispielsweise wegen Volksverhetzung zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. 1995 wird er dann vom Thüringer Verfassungsschutz als Informant angeworben.“ (tlz)

Er erhielt für seine Tätigkeit 287.000 DM (taz). Laut seiner Aussage hätte er „das Geld von der Behörde sofort wieder eingesetzt, um beispielsweise Papier für neue Flugblätter oder Zeitschriften zu kaufen.“ Der Thüringer Staat habe „indirekt rechtsradikales Propagandamaterial finanziert.“ Der Verfassungsschutz hätte auch genau gewusst, „wofür er das Geld, das ihm gegeben wurde.“  So habe das Amt etwa seine Flugblätter gegengelesen. Außerdem wäre er vor polizeilichen Maßnahmen gegen ihn gewarnt worden (TA).

Beate Zschäpe

Während ihrer Zeit im Untergrund, nannte sich Frau Zschäpe „Susann Dienelt“. Mehr Infos: Siehe „NSU-Wer war alles Informant?

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