War Michele Kiesewetter bereits am 24.04 im Einsatz?

Am Mittwoch, 25.04.2007, überfielen Unbekannte die Böblinger Bereitschaftspolizisten Michele Kiesewetter (MK) und Martin Arnold in der Heilbronner Theresienwiese. Vom 23-29.04 hatte ihre Einheit, die BFE-523, eine Urlaubswoche. Eine Ausnahme bildete lediglich der 25.04.: Eine Gruppe war in Heilbronn eingesetzt gewesen, ansonsten wären sämtliche andere Beamte im Urlaub geblieben. In Ordner 32 der Ermittlungsakten steht jedoch, dass MK schon am 24.04. eine Kontrolle durchgeführt hätte! Siehe Aktenauszug:

aus Ordner 32) Die Klarnamen wurden von mir unkenntlich gemacht.

Nach Überprüfung der Hintergründe besteht für mich der begründete Verdacht, dass MK tatsächlich bereits am 24.04. eingesetzt gewesen war. Es handelt sich wahrscheinlich nicht um einen Fehler in der Aktenführung.

Die Sonderkommission (Soko) Parkplatz rekonstruierte kurz nach dem Überfall die letzten Tage der Opfer und befragte dazu die Kiesewetter-Freundin Romy R., die WG-Partnerin Yvonne M. und Marcello P.

aus Ordner 1) Klarnamen unkenntlich gemacht.

Bei allen drei Personen handelt es sich um Bereitschaftspolizisten. Romy R. war in der gleichen Einheit wie MK und hatte deshalb auch eine Urlaubswoche.

Romy R.

Romy R. wohnte in Sindelfingen. Sie holte MK am Montag und Dienstag in ihrer Wohnung in Nufringen ab, dann fuhren sie gemeinsam nach Waiblingen. Dort halfen sie tagsüber ihrer Schwester Kathleen F. beim tapezieren. Anschließend brachte Romy S. MK zurück nach Nufringen.

Am Dienstag fuhr MK abends zur Romy S. nach Sindelfingen, um sich ihre Schutzweste auszuleihen. Ihre eigene wäre ihr zu klein. Statt von Sindelfingen nach Nufringen zurückzufahren, fährt MK nach Böblingen und übernachtet in der Kaserne.

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Die 54 zugespielten Ermittlungsakten enthalten nicht die Aussage der Schwester, Kathleen F.. Sie befindet sich im Ordner 4-1, der einer größeren Geheimhaltungsstufe unterliegt und nicht der Öffentlichkeit zugespielt werden konnte. Dort sind viele Zeugenaussagen zu finden, sortiert nach den Anfangsbuchstaben der Nachnamen A bis M.

Über „Tapezier-Arbeiten“ sagte Romy S. 2015 während ihrer Befragung im baden-württemberger Untersuchungsausschuss nichts mehr aus, freilich wurde sie von den Abgeordneten auch nicht explizit danach befragt.

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Romy S. und MK hatten ein gemeinsames Zimmer in der Kaserne der Böblinger Bereitschaftspolizei. Am 29.04 besichtigte die Soko im Beisein von Romy S. die Räumlichkeit, die in erster Linie als Umkleideraum genutzt wurde. Dabei erkannte Romy S. eine Blue Jeans als die Hose wieder, die MK „vermutlich am Tattag morgens getragen“ hätte, MK´s Kulturbeutel mit Zahnbürste. Es gab weitere zurückgelassene Kleidungsstücke im Zimmer, aber von einer anderen BFE-523 Bereitschaftspolizistin, die gleichfalls das Zimmer benützte: Simone F. – sie wurde von der Soko niemals befragt. Offiziell hatte Simone F. Urlaub – warum befand sich dann zivile Kleidung von ihr in der Kabine?

WG-Partnerin Yvonne M.

MK hatte in Nufringen eine Wohngemeinschaft mit der  Bereitschaftspolizistin Yvonne M.. Sie war in der betreffenden Zeit in der Wohnung anwesend. Sie bestätigte jedoch die Darstellung in den Ermittlungsakten nicht, MK hätte sich am Dienstagabend ihre Zahnbürste abgeholt. In den Wortprotokollen von Yvonne M. findet sich nirgends diese Aussage! Auch die Aussage von Romy S. wird geschwächt:

Yvonne M. bekam von den zweitätigen „Tapezierarbeiten“ ihrer WG-Partnerin nichts mit. Als Yvonne M. 2007 kurz nach der Tat befragt wurde, interessierte sich die Soko nicht dafür, ob sie MK am Montag oder Dienstag gesehen hat. Es gab keinerlei Fragen. Yvonne M. sagte lediglich, dass Bereitschaftspolizisten nur dann in der Kaserne übernachten, wenn es ein Fest dort gab oder „wenn man am Vortag sehr lang gearbeitet hat und nicht in der Nacht noch heimfahren will.“ 

Ende 2010 befragte die Soko Yvonne M. erneut, diesmal jedoch konkret nach ihren Erinnerungen an die Tage vor der Ermordung von MK. Unglaublicherweise konnte sich Yvonne M. nur an das morgendliche Zusammentreffen am 25.04 in der Kaserne erinnern! An dem Tag hatte Yvonne M. Dienst; sie war in einer anderen Einheit, die keine Urlaubswoche hatte. MK übernachtete in der Kaserne, nicht in ihrer Wohnung in Nufringen.

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Auch bei ihrer Befragung 2015 im Untersuchungsausschuss konnte sie sich nicht erinnern, MK in den Tagen vor ihrem Tod gesehen zu haben.

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Martin N. wurde tatsächlich am 24.04 kontrolliert

Böblinger Bereitschaftspolizisten aus der Einheit TEZ 514 führten am 24.04 in Heilbronn Kontrollen durch, darunter auch die Thüringerin Elke S., die am 24.04. in der Theresienwiese Pause machte. Die Gruppe bestand aus sieben Beamten, darunter auch Jochen S. und Janette R.. Die beiden waren auch am 25.04 in Heilbronn im Einsatz, neben fünf weiteren Polizisten, 

Janette R. befand sich nach dem Überfall am Neckar, wo zu der Zeit auch blutverschmierte Männer gesehen wurden. Auch zu Jochen S. gibt es, etwas zu berichten: Er wollte exakt in dergleichen Zeit zur Theresienwiese, zum Trafhäuschen, fahren, um dort zu pausen, als dort der Überfall passierte. Er wäre jedoch in seiner Gruppe überstimmt worden. Eine Diskussion über den Pausenort bestätigen die anderen Mitglieder der Gruppe nicht.

Einer der am 24.04 kontrollierten Personen war Martin N.. Er wurde um 14:20 in Heilbronn kontrolliert, von der TEZ 514. Es wurden zur Uhrzeit noch drei weitere Personen kontrolliert. Alle vier waren „Polas positiv“. Die Streife hatte den Rufnamen „5/406“. Um welche Polizisten es sich konkret handelte, geht aus Ordner 31 nicht hervor.

Kiesewetter wäre am 24.04. eingesetzt gewesen!

Ab 2009 fing die Soko richtig zum ermitteln an. Die Zuständigkeit wechselte von der Kriminalpolizei Heilbronn zum Landeskriminalamt, der damalige Soko-Chef Frank Huber wurde abgelöst.

Im Zuge der „Maßnahme 135“ prüfte die Soko die Zeugenaussagen, und kam offenbar daher zum Schluss, dass MK am 24.04 eine Kontrolle in Heilbronn durchführte. Hier ist nochmal der Aktenauszug:

„Kontrollzeit 24.04.07, Seine Kontrolle wurde von Michele durchgeführt.“

„N. konnte sich daran erinnern, von Michele Kiesewetter kontrolliert worden zu sein, wusste jedoch nicht genau wo. (…) N. hält sich häufig bei den Trinkerkreisen auf und ist gehbehindert. Seine DNA lag bereits ein.“

Es war seitens der Soko geplant, der Sache nachzugehen: Bei einem Dokument ist bei seinem Namen vermerkt „noch nicht abgeschlossen“. Es wären „Nachermittlungen erforderlich“. „Opferumfeld und These Beziehungstat“. Wegen der sogenannten „NSU-Selbstenttarnung“ kam es jedoch nicht mehr dazu.

Martin N. eigentliche Aussage findet sich auch nicht in den Akten. Sie dürfte sich auch im geheimgehaltenen Ordner 4-1 befinden, genauso wie die Aussage der Schwester von Romy S.

Weiterer Hinweis auf vertuschten Einsatz

Laut des Geschäftszimmers der Einheit, waren sämtliche Bereitschaftspolizisten der BFE-523 im Urlaub. Ausnahme war nur am 25.04 Heilbronn. Im Gegensatz dazu geht aus den Akten jedoch hervor, dass eine ganze Reihe BFE-523 Bereitschaftspolizisten bei anderen Einheiten eingesetzt gewesen waren. In Heilbronn tauchten schnell BFE-523 Einheitschef Thomas B. und zwei weitere BFE-523 Beamte kurzfristig auf, die gar keinen Dienst hatten.

Die Polizeibeamtin Sonja N.  sagte der Soko 2007, dass ein Verwandter des Bereitschaftspolizisten Volker G. gesagt hätte, dass Volker G. am 24.04 mit MK auf Streife war. Das hätte ihr der Sozialarbeiter Peter H. gesagt, der diese Aussage der Soko bestätigte.

„Die Zeugin und Polizeibeamtin gab am 28.04.2007 einen Hinweis auf ihren Nachbarn Peter H. Dieser sei Leiter der Suchtkrankenhilfe in Schwaigern. Er habe erzählt, dass sein Stellvertreter nach der Tat total fertig war, weil dessen Sohn ein guter Freund oder Bekannter der Getöteten gewesen sei. Dessen Sohn sei ein Tag vor der Tat mit Michele Streife gefahren.

Der Schwiegervater von Volker G. sagte der Soko am 30.05, dass „einige Tage“ vor dem Überfall Volker G. mit MK gemeinsam auf Streife waren.

„Der Name seines Schwiegersohnes sei Volker G.. Er sei noch einige Tage vor der Tat zusammen mit der Getöteten Michele KIESEWETTER Streife gefahren.“

Die eigentliche Aussage von Norbert S. befindet sich nicht in den Akten, nur die inhaltliche Zusammenfassung, an der gezweifelt werden muss:

Ich fand keine gemeinsame Streifentätigkeit von MK und Volker G. „einige Tage“ vor dem 25.04. Lediglich am 15.04. gab es einen Objektschutz in Stuttgart, den sie in einer Gruppe mit anderen BFE-523 Angehörigen leisteten.

Die Aussage des Schwiegervaters macht überhaupt nur dann Sinn, wenn Volker G. am 25.04. gar nicht mit MK zusammen eingesetzt war.

Dafür gibt es einen starken Hinweis: Volker G. war am 25.04 uniformiert, jedoch waren MK und Arnold die einzigen uniformierten BFE´ler bei der Schulung zur Mittagszeit im Polizeipräsidium Heilbronn. Auch der (angebliche) Streifenpartner von Volker G. Ralf S. wurde nur 2007 kurz vernommen, seitdem nicht mehr.

Volker G. war am 24.04 im Einsatz!

Volker G. war während der Urlaubswoche seiner Einheit BFE 523 gleich zweimal im Einsatz, ohne dass das Geschäftszimmer davon etwas gewusst hätte.

„Wenn es eine Anweisung zum Urlaubmachen gegeben hat, warum gab es dann diesen Einsatz in Heilbronn, bzw. laut unseren Einsatzlisten auch noch andere Einsätze? Auf den Listen bist du zum Beispiel am 23.04.2007 bei einem Einsatz in Pforzheim und am 24.04.2007 bei einem Einsatz in Mössingen dabei gewesen.“

Volker G.s Antwort war, dass er Überstunden machen wollte. Er erklärte nicht, wie er an die Einsätze von anderen Einheiten herankam.

„Wie oben schon erwähnt wollte ich bis zu meinem Weggang aus der Bepo einfach noch Stunden machen. Die Einsätze in Pforzheim und Mössingen waren Einsätze von anderen Zügen, die ich freiwillig unterstützt habe. In Pforzheim war es ein Gerichtschutzmaßnahme und in Mössingen war es eine ganz normale Konzeption.“

Wo wurde Martin N. überprüft? Wenn Volker G. in Mössingen war, konnte er nicht mit MK Martin N. in Heilbronn kontrolliert haben.

Der Einsatz in Mössingen begann um 11:45, er war dort der einzige BFE 523´ler, „Einsatzkonzeption“. Ordner 9. In Ordner 31 gibt es ein paar mehr Infos: Sein Einsatz ging um 13:00 los und bestand in einer „Aufklärungsgruppe Straßenkriminalität“. Befehlsnummer 1043. Als beteiligte Einheit steht dort nur die BFE 512 mit , 4xDA, 4 x Zivil, AN. Weder der Name Volker G. fällt, noch die BFE-523.

Der langjährige Freund von MK Dominik W. arbeitete am 24.04 als einziger BFE 523´ler im Objektschutz in Stuttgart. Als Einheit wird wieder nur 512 genannt.

Zwei weitere BFE-523´ler waren in Stuttgart bei der EG Sonnenreiter eingesetzt Frank K. und Susanne W. Dort wird in Ordner 31 auch auf BFE 523 als beteiligte Einheit hingewiesen.

Marcello P.

Laut Marcello P. hätte MK die Nacht zum 25.04 mit ihm verbracht. Sie hätten sich in der Kaserne getroffen und wären bis in die Morgenstunden zusammen im Bett der MK (im Umkleideraum) gewesen. Es gibt auch hier Ungereimtheiten, die grundsätzliche Zweifel aufkommen lassen:

Der Bereitschaftspolizist Peter S. (BFE 422 in Lahr) besuchte zusammen mit Marcello P. in der Böblinger Kaserne eine Fortbildung. Er sagte am 01.12.2010 der Soko, dass Marcello P. vom Treffen mit MK zurückkehrte, weil sie sich mit ihrem Freund treffen wollte.  …

Frage:
Kannst du dich noch genau an das Gespräch mit Marcello erinnern? Könntest du sagen, ob dieses Gespräch am Abend vor der Tat stattgefunden hat oder eher weiter zurückliegt?
Antwort:
Ich erinnere mich ehrlich gesagt nicht mehr daran. Ich meine mich daran erinnern zu können, dass Marcello nachdem er vom Besuch bei Michele zurückgekommen ist mir erzählt hat, dass er gegangen sei, weil sich Michele wohl noch mit ihrem Freund treffen wollte. Ich will mich zeitlich da nicht festlegen.“

Kiesewetters Freundin Elena H. (BFE 523 Böblingen) sprach von „Gerüchten“ über angebliche Männergeschichten von MK, und dass Marcello P. „keine Option“ gewesen wäre. In einem Soko-Vermerk aus dem Jahr 2007 wird ihr Name als Elena Fuck beschrieben, was viel über die Qualität der damaligen Ermittlungen aussagt.

 Ob es sich bei Romy S. um eine Freundin von MK handelte, für die sie zwei Tage lang tapeziert hätte, ist fraglich: Im Februar sagte Romy S. zu MK: Da Elena H. jetzt die Einheit verlasse, sei sie jetzt die neue „Zugschlampe“. Daraufhin brach MK in Tränen aus.

Ein Gedanke zu „War Michele Kiesewetter bereits am 24.04 im Einsatz?“

  1. Die Unstimmigkeiten wurden hier gut zusammengefasst und erläutert. Im Fall Heilbronn stößt man dabei allerdings direkt auf die nächsten Ungereimtheiten und man könnte damit ganze Bücher füllen. Man weiß einfach nicht, was gelogen ist, was wahr ist, was dazu gedichtet und was weggelassen wurde. Manchmal hilft da einfach nur der gesunde Menschenverstand….
    Laut Akten war Romy S. die Person, die in den letzten Lebenstagen ja den meisten Kontakt mit MK hatte. Sonntag Abend gemeinsames kochen und Mo.,Di. ganztägig tapezieren.
    Also müssten sie ja 3 Tage lang über Gott und die Welt geschwatzt haben und was weiß Romy S. dem Untersuchungsausschuss zu berichten? Fast nichts, allerdings muss man auch festhalten, dass fast nichts sinnhaftes gefragt wurde. Kennen die eigentlich die Akten selber nicht?
    Der 24.04.2007 war ein schöner warmer Tag, wenn ich da stundenlang gearbeitet habe, abends noch mit nem Kerl ausgehen will, was mache ich da als Frau? Ich gehe wenigstens noch Duschen und mach mich schick. Das ist in der Zeit von 19:30 -20:05 mit Fahrzeit unmöglich. Wenn man dann noch die angeblichen SMS von Kiesewetter (oder die erfundenen) sieht, wird das Chaos perfekt!
    19:08: Sie schreibt, dass sie noch in Waiblingen am werkeln sind und Manuell B. doch bitte erst um halb acht anrufen soll!
    19:33: Telefonat der beiden.Länge und Inhalt unbekannt.
    19:49!!:MK befindet sich auf dem Rückweg, irgendwo bei Stuttgart (Romy S. die ja angeblich fährt wird gar nicht erwähnt, fährt sie doch selber)??
    20:17!!!: SMS an ihr Abenddate Marcello P., sie käme ne viertel Stunde später, weil sie immer noch in Stuttgart! wäre und erst noch heim müsste.
    Dieser will sich ja dann allerdings ja schon laut eigener Aussagen um 20:30 mit ihr an der Kaserne in BB getroffen haben und wäre anschließend mit ihr ins „Dreamball“ und dann ins „Frechdachs“ gegangen.Später ändert er die Lokalitäten ins „Tabas“ (was auch immer das ist) und anschließend in einen Chinaimbiss um.
    Das ist zeitlich unmöglich!
    Um 20:24 also 7 Minuten nach der Mail, wo sie angeblich noch im Auto irgendwo in Stuttgart ist, schreibt sie an Manuell B. eine SMS, dass sie gerade in Nufringen unter die Dusche geht.
    Also da fehlen einem die Worte. Entweder sind die SMS gefakt,
    (sie tauchen bei M.B auch nicht im Handy auf) oder die ganze Story um den Tagesablauf ist hin konstruiert, was am plausibelsten ist. Wahrscheinlich hat es den Abend/Nacht mit M.P nie gegeben. Es wurde nichts, aber auch gar nichts ermittelt, wie auch wenn man selber alles erfunden hat und dazu auch noch miserabel……..

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