Wie unsere Demokratie in den Faschismus abdriftet und was der Antisemitismusbeauftragte Baden-Württembergs damit zu tun hat

 

Wer die verantwortungsvolle Position eines Antisemitismusbeauftragten inne hat, der sollte wissen, von was er redet und warum er dieses Amt bekleidet.

Der Beitrag Lüge als faschistisches Staatsprinzip endete mit einem Zitat aus dem Buch „“Zeugnis vom Untergang Königsbergs – Ein „Geltungsjude“ berichtet““. Der Autor, Michael Wieck, leitet das Kapitel „Kristallzeit“ mit der zentralen Frage ein, Zitat:

„Wie konnte eine hier und da bestehende Animosität – so möchte ich den Antisemitismus nennen – zu so viel individuellem Haß, zu solch einer Haßpsychose anwachsen“

um diese danach wie folgt zu beantworten, Zitat:

„Schon 1933, nachdem Hitler durch das „Ermächtigungsgesetz“ und immer neue Verordnungen die Demokratie abgeschafft hatte, begannen die Verfolgungen jüdischer Menschen. Boykotte jüdischer Geschäfte und Gesetze zur Ausschaltung der Juden aus dem Berufsbeamtentum (7. April 1933), aus der Reichskulturkammer (22. September 1933) und aus den Medien durch das Schriftleitergesetz (4. Oktober 1933) waren die ersten Maßnahmen. Danach folgte eine Zeit systematischer Propaganda, bevor die 1935 erlassenen Nürnberger Gesetze die völlige Aussonderung der Juden befahlen. Das „Reichsbürgergesetz“ und das „Gesetz zum Schutz des deutschen Bluts und der deutschen Ehre“, die praktisch jeden intimen Kontakt zu Juden – später bei Todesstrafe – untersagten, sowie die Unterscheidung von „Reichsbürgern“ und Bürgern minderen Rechts, die man „Staatsangehörige“ nannte, waren der Anfang für eine mit Vernichtungslagern endende Minderheitendiskriminierung. Allein bis zum Kriegsbeginn 1939 wurden mehr als 250 antijüdische Maßnahmen verkündet.

Wie so oft im Zusammenleben von Menschen brauchte der Mächtige nur deutlich zu machen, was er will, und schon sind unzählige Karrieristen da, die sich mit übereifrigen Initiativen beliebt zu machen versuchen. Verwaltungsbeamte, Richter, Professoren, Schullehrer, Künstler, Journalisten, sogar einige Theologen verbreiten auf einmal antisemitische Beschuldigungen. Es gab nichts Negatives, wofür sie nicht die Juden verantwortlich machten. Damit schufen viele für sich die Voraussetzungen zu beruflichen Vergünstigungen oder Beförderungen, aber gleichzeitig für andere die Voraussetzungen für unsägliches Leid und schließlich mitleidlosen Massenmord.

Es ist gewiss richtig, dass niemand in Deutschland sich der nationalsozialistischen Propaganda entziehen konnte. Rundfunk, Presse, Plakate und Rundschreiben indoktrinierten jeden. Wer in ein Kino ging, sah am Eingang ein Schild „Juden unerwünscht“ und hörte immer wieder in der dem Hauptfilm vorangestellten Wochenschau „Die Juden sind unser Unglück – an allem schuld – und bereiten den nächsten Krieg vor“. Dann las man dasselbe in der Zeitung und hörte die Wiederholung auf der Partei – oder Betriebsversammlung. Selbst Parkbänke, Geschäfte und Restaurants trugen Schilder mit „Juden nicht gestattet“. Karikaturisten, Fotomonteure, Liedermacher und Gedichteschreiber dienten antisemitischer Volksverhetzung. So schnell man konnte, wurden Schul- und Lehrbücher umgestaltet, und wehe dem, der auch nur zaghaft versuchte, Juden zu verteidigen. Bücher, Bilder, Kompositionen – alles, was auf den großen jüdischen Anteil am deutschen Kulturleben verwies, wurde entweder verbrannt oder verboten. Der „Arierparagraph“ konnte von jedem Berufsverband genutzt werden, um Juden auszuschließen. Verordnungen und Rechtsentscheide nahmen Juden den Rechtsschutz. – Sicherlich konnten immer noch die meisten Deutschen denken, daß nicht alles mit Massenmord enden würde. Aber durfte man soviel Entrechtung und Demütigung deutscher Mitbürger anderen Glaubens – und wenn sie getaufte Juden waren, nicht einmal das – tatenlos hinnehmen?

Wen wundert es da, daß sehr bald schon nicht nur Kinder und Jugendliche die Juden zu Prototypen des Bösen machten. Der schwarze Mann, die Hexe und der Teufel waren vergleichsweise harmlos. Kommunisten und Zigeunern ging es nicht viel besser. Aber als man später in den KZs kriminelle, politische und jüdische Häftlinge unterschiedlich kennzeichnete, tat man dies, um für Juden die schlechteste Behandlung, Verpflegung, Arbeit oder Unterbringung verfügen zu können. Alle diese Maßnahmen wurden leider gleichzeitig durch pseudowissenschaftliche Rechtfertigungen ehrgeiziger Wissenschaftler legitimiert, wobei „Rassenkundler“ eine ganz besonders schlimme Rolle gespielt haben.

Der spätere Nobelpreisträger Konrad Lorenz schrieb 1940 als Ordinarius für Allgemeine Psychologie in Königsberg: „… so müsste die Rassenpflege dennoch auf eine noch schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht sein, als sie es heute schon ist (…). (…) So wie beim Krebs (…) der leidenden Menscheit nichts anderes geraten werden kann als möglichst frühzeitiges Erkennen und Ausmerzen des Übels (…). (…) wir müssen – und dürfen – uns hier auf die gesunden Gefühle unserer Besten verlassen und ihnen die Gedeihen oder Verderben unseres Volkes bestimmende Auslese anvertrauen.“ (Ich komme noch ausführlicher darauf zurück.) Die „Besten“ – das waren doch damals schon die Rechtsbrecher und Mörder – brauchten genau solche Wissenschaftler, um bei ihrem Vorgehen gegen geistig und körperlich Behinderte, Juden, Zigeuner und natürlich alle Oppositionellen, die sie einfach „Volksfeinde“ nannten, gerechtfertigt zu sein. An dieser Stelle soll der unzähligen Opfer gedacht sein, die ihrer anderen Überzeugungen wegen sterben mussten. Wie groß die Anzahl derjenigen war, die unter dem Unrecht litten und sich wirklich der unheilvollen Massenpsychose entzogen, kann niemand mehr genau sagen. Natürlich gab es sie in der ersten Zeit in großer Zahl; Erschrockene, Eingeschüchterte, Bedrohte und Verfolgte. Aber leider wurde die Zahl der Verführten immer größer – unglaublich groß.

Mit der Einführung einer Kennkarte für Juden und den Zwangsvornamen „Sarah“ und „Israel“ sowie der Kennzeichnung der Pässe durch ein großes „J“ war ein wichtiger Schritt zur unmißverständlichen Markierung der „Auszumerzenden“ getan. Eine weitere Steigerung solcher Maßnahmen konnte nur noch der gelbe Judenstern sein – den man dann auch 1941 einführte – sowie die vollkommene Isolierung in KZs und Ghettos. Das waren dann die Orte, denen kaum jemand entfliehen konnte, und wo man mit dem „Ausmerzen“ in großem Stil begann. Aber zuerst einmal war das Niederbrennen der Synagogen, die Zerstörung jüdischer Geschäfte und jüdischer Schulen die logische Folge von Hetze und ständig neuen Verordnungen. Man kann sich vorstellen, wie solche Geschehnisse ein Kind zwischen acht und elf Jahren belasten.

Es ist nur scheinbar ein Widerspruch, daß gleichzeitig die späten dreißiger Jahre eine intensive und durch viele Erlebnisse schöne Zeit war. Die kindliche Welt hat sehr viel Autonomie, und nicht vergessen darf man den Kaufmann, der, wenn niemand im Laden war, Bonbons schenkte, oder einzelne Nachbarn, die betont freundlich und herzlich waren. Ich registrierte das immer mit großer Erleichterung.

Daß sie alle auch sehr viel Angst hatten, haben konnten, blieb mir nicht verborgen. Später – nach der Einführung des Judensterns und des Kriegsrechts – mussten sie beruflich und sogar lebensgefährdende Nachteile befürchten. Die Zeit für wirkungsvolle Proteste hatte man ungenutzt verstreichen lassen. “ (Seiten 59 bis 63)

und weiter auf Seite 99:

„Es kostete große Überwindung, als Gekennzeichneter die Straße zu betreten und den erstaunten, neugierigen, ablehnenden, aber auch mitfühlenden Blicken ausgesetzt zu sein. Wegen der mitfühlenden Menschen kam nur einen Monat nach Einführung des Judensterns eine weitere Verfügung heraus (RSHA / Reichssicherheitshauptamt / IV 84b – 1027/41 24. Okt. 41), die besagte: „Alle deutschblütigen Personen, die in der Öffentlichkeit freundschaftliche Beziehungen zu Juden zeigen…sind in Schutzhaft zu nehmen bzw. in schwerwiegenden Fällen bis zur Dauer von drei Monaten in ein KZ einzuweisen. Der jüdische Teil ist in jedem Fall bis auf weiteres unter Einweisung in ein Konzentrationslager in Schutzhaft zu nehmen.“ – Mitgefühl wurde polizeilich verboten. „Krebszellen“ schützt man nicht, und auf keinen Fall kommuniziert man mit Juden. Die meisten kritischen Gemüter, solcherweise verängstigt, trauten sich nicht mehr, irgendwelche Sympatie zu zeigen.“ Zitat Ende

(Quelle: Michael Wieck;  „Zeugnis vom Untergang Königsbergs – Ein Geltungsjude berichtet“;  Verlag C.H.Beck, 2. Auflage, Seiten 59 bis 63; 99)

Wo Deutschland mittlerweile wieder hingekommen ist, sieht man fast täglich an den „Entgleisungen“ von Poltikern, Künstlern und Geschäftsleuten, z.B.  hier und hier und hier. Wohin es u.a. führt, wenn man sich Wissenschaft zu unterwerfen hat weil man deren Ergebnisse nicht „leugnen“ darf, hat Michael Wieck  sehr ausführlich am Beispiel des Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Konrad Lorenz verdeutlicht.

Das aber nun sogar ein Antisemitismusbeauftragter – also jemand, welcher gerade deswegen im Amt ist, um den Anfängen zu wehren –  verlangt, dass,  Zitat:

„Ich würde Herrn Aiwanger dringend dazu aufrufen, dass er sich als stellvertretender Ministerpräsident entweder zur Wissenschaft bekennt – oder Konsequenzen für sich zieht. Ein öffentliches Amt sollte in Deutschland nicht mit Wissenschaftsleugnung vereinbar sein.“

und das der SWR diese, im Angesicht der deutschen Geschichte geäußerte Ungeheuerlichkeit unreflektiert weiterverbreitet, zeigt einmal mehr, dass der „Kampf wider des Vergessens“ in Deutschland selbst bei Personen zur sinnentleerten Worthülse verkommen ist, welche dafür bezahlt werden um genau dies zu verhindern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.