Fluchtwege der heilbronner Polizistenmörder

Auf Grundlage der Ermittlungen der heilbronner Sonderkommission (Soko) erstellte das stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) am 21. Mai 2007 eine „Vorläufige Rekonstruktion des Tathergangs und fallanalytische Bewertung“. Dort steht, dass für die Polizistenmörder kein „unmittelbarer Rückzugsraum“ vorhanden war. Außerdem sind „alle denkbaren Fluchtwege (…) als nicht besonders geeignet anzusehen, dies gilt vor allem für den Umstand, wenn sich die Täter beschmutzt haben und damit optisch einer (Blut)Tat zuzuordnen sind.“ Es handelt sich hier um eine falsche Einschätzung.

Fluchtweg, Möglichkeit 1

Zeuge Nr. 2: Noch am Abend des Tattages meldete sich Thorsten Udo B. bei der Polizei. Er war Paketfahrer und fuhr mit mit seinem Transporter die Hafenstraße in südliche Richtung. Kurz vor der Eisenbahnbrücke sah er „drei Männer auf der rechten Seite die Böschung“ herunterrennen. Für ihn machte es den Eindruck, als würden die drei Männer vor etwas davon laufen. In einem Vermerk steht, dass sie „in Richtung Puff“ gelaufen wären. Er vermutete eine Kontrolle von Schwarzarbeiter, da er auf der Theresienwiese (TW) Polizei sah hatte. Daraufhin rief er „kurz nach 14:00“ seine Verlobte Tina K. – Frau K. bestätigt die Angaben ihres Verlobten und legte die Anrufzeit auf „kurz nach 14:00 Uhr“ fest.“1

Fußpfad: Dort, wo Thorsten Udo B. die Männer sah, suchten Ermittler am 26. April die Böschung ab. Sie fanden im Gebüsch einen versteckten Fußpfad, der zur TW führte. Es lagen Kleidungsstücke, Decken und Kondome herum. Laut Ermittlern hätten die Täter am Trafohaus „durch den Zaun schlupfen“ können „und so unter die Eisenbahnbrücke gelangen kann. Von dort kann die Brücke auf einem etwa 1 m breiten Betonsockel unterquert werden. Dann gelangt man an die Stelle, an der die drei Männer gesehen wurden.“ Es gab zwar einen 2-Meter hohen Zaun zwischen dem Trafohaus und dem Neckarkanal, er hätte aber auch überstiegen werden können. Am Trafohaus gibt es außerdem eine eingebaute (abschließbare) Türe im Zaun.

Zeugin Nr. 1: Theresia F. hörte einen Schuss, sah MK neben dem  Wagen liegen und sah drei Männer wegrennen.

Möglichkeit 2

Dieser Fluchtweg unterscheidet sich gravierend: Der Weg basiert auf der zweiten Aussage von Zeugin Nr. 1, Theresia F.: Sie wäre an der Frankfurter Straße gestanden und hätte die drei Männer zum Treppenaufgang rennen gesehen. Der Treppenaufgang war zu dem Zeitpunkt von einem aufgestellten Zaun abgesperrt. Der Zaun hätte allerdings umklettert werden können. Daher suchten dort Ermittler nach DNA. Die gesammelten DNA-Proben wurden nicht untersucht. Dann hätten die Täter über die Bahngleise rennen müssen, um zum Fußpfad zu gelangen.

Aber warum sollten die Täter das Entdeckungsrisiko auf sich nehmen? Uwe B. (BFE 523) ging dementsprechend davon aus, dass die Täter nicht in den offenen Platz rannten, sondern das Gebüsch als Deckung für ihre Flucht nutzen:

Was ich mich während dieser ganzen Zeit überlegte, war, in welche Richtung die Täter denn geflüchtet sein könnten. Ich erinnere mich noch daran, dass hinter dem Opferfahrzeug ein Gebüsch war und ich diese Richtung als Fluchtweg geeigneter finde als nach vorne, wo der Platz offen ist.“2

Soko verfolgte Hinweis von Thorsten Udo B. nicht weiter

Im Spuren-Controlling wird der Zeitpunkt seines Anrufes wiefolgt festgelegt: „Laut Verbindungsdaten rief der Zeuge seine Freundin um 14:48 Uhr an. Die 3 beobachteten Männer dürften Polizeibeamte gewesen sein, da ab 14:40 in diesem Bereich Suchmaßnahmen liefen.“3 In diesem Zeitraum war der Verkehrsfluss allerdings wegen der Ringfahndung zum Erliegen gekommen, und Thorsten Udo B. hätte um 14:40 nicht an der TW vorbeifahren können.

Belauschte ein Angler die russisch-sprechenden Täter?

Um 11:10 funkten Volker G. und Ralf S. (Bruno 5/70) die Personalien von Hans Peter R. an die Datenstation. Als einer der wenigen Personen hatte er keinerlei einschlägige Einträge in den Datenbanken. Er bestätige, dass er bei der Fontäne kontrolliert wurde und am Tattag alleine am Neckar angelte.4 In einem Vermerk heißt es: „Möglicherweise der gesuchte Angler“5. Der Hintergrund ist, dass am 14. Januar 2010 die Soko-neu den Hinweis erhielt, dass ein in Tatortnähe angelnder Mann die Schüsse hörte und die auf russisch sprechenden Täter. Der Hinweis ging auf eine aus Kasachstan kommende Frau zurück, die ihrem Arzt und einem anderen Patienten davon berichtete. Bei ihrer Vernehmung durch die Soko-neu verneinte sie jedoch, diese Aussage so gemacht zu haben.6

1O. 19, S. 58, Vermerk vom 20.09.10

2O. 9, S. 393, A. a. 25.05.11

3O. 50, S. 128, Spuren-Controlling vom 04.05.11, S. 82

4Vgl. O. 51, S. 8

5O. 9, S. 206

6Vgl. O. 35, S. 112

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