NSU: Wurde Michele Kiesewetter während einer Drogen-Fahndung erschossen?

Es gibt klare Hinweise, dass Michele Kiesewetter und ihr Kollege Martin Arnold am Tatort auf der Theresienwiese eingesetzt gewesen waren. Auch Zeugenaussagen weisen auf Wissen hin, welches aus dem Täter-Kreis kommen könnte.

Rekonstruktion des 25.04.2007

Martin Arnold erinnert sich:

„Er weiß noch, dass sie im Zuge des Konzepts „Sichere Stadt“ an einschlägigen Orten drogenverdächtige Personen hatten kontrollieren sollen, er erinnert sich an einen betagten „Heroindrücker“ auf einer Parkbank auf dem Alten Friedhof. „Dann hört es langsam auf“, sagt er. Es folgten zehn Minuten, die er heute ein „riesiges schwarzes Loch in meinem Kopf“ nennt.“ (spiegel)

„Kiesewetter und er hätten zwei Kontrollen vorgenommen. Dabei habe es keinerlei Auffälligkeiten gegeben. Bereits am Vormittag hätten beide auf der Theresienwiese auch eine kurze Rauchpause eingelegt.“ (bz)

„Für Michele Kiesewetter ist der Einsatz an diesem April-Mittwoch nichts Besonderes. Die 22-jährige Bereitschaftspolizistin hat schon viel gefährlichere Aufgaben übernommen. Als Mietglied einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit hat sie nachts schon verdeckt in der Disko „Luna“ in Kornwestheim ermittelt. Um eine Razzia beginnen zu können, lässt Kiesewetter dann ihre Kollegen in Uniform von innen durch den Disko-Notausgang herein. Ein paar Monate zuvor hatte Kiesewetter undercover Drogen gekauft, zweimal 3,5 Gramm Heroin. Beide Dealer wurden daraufhin festgenommen.“ Buch „die Zelle“, S. 216 elektr. Ausgabe

Zeitliche Zusammenfassung

„• 10:50 Uhr Kontrolle mehrerer Personen im Bereich der Unteren Neckarstraße/ Hospitalgrün, beim Szenentreff „Fontäne“
• 11:09 Uhr Kontrolle einer männlichen Person beim alten Friedhof
• 11:00 Uhr- Einkauf von Backwaren bei der Bäckerei Kamps, Filiale
• 11:30 Uhr Pause auf der Theresienwiese                                                     • 12:30 Uhr Teilnahme an einer M-Text-Schulung im Lehrsaal der PD Heilbronn
• 13:30 Uhr Ende der Schulung
• 13:45 Uhr Fortsetzung der Streifentätigkeit
• 13:50 Uhr Mehrere Zeugen sahen zu dieser Zeit noch kein Dienstfahrzeug auf der Theresienwiese
• 13:55 Uhr Ein Zeuge sah ein Streifenfahrzeug BMW Richtung Theresienwiese fahren.“ (Ermittlungsbericht, S. 93)

Zwei Pausen in der Theresienwiese?

Die Theresienwiese war kein Pausen-Ort Kiesewetters anders “wie zunächst der Verfassungsschutz erklärt hatte.” (Friedensblick). Auch die Bild-Zeitung setzte diese Falschmeldung Mitte 2012 in die Welt (bild).

Sie wurde „schon mehrfach in Heilbronn eingesetzt“ und verfügte über Ortskenntnisse. Arnold war „erstmals in Heilbronn tätig“ (Ermittlungsbericht, S. 91).

„Der Ort, an dem Kiesewetter und A. damals eine Pause machten, war nach Angaben von mehreren am Donnerstag als Zeugen vernommenen Polizisten ein bekannter Pausenort von Polizisten.“ (rp-online)

Frage

Warum kehrten sie zur Theresienwiese zurück, wenn sie bereits 2,5 Stunden zuvor dort eine Pause einlegten, und es bislang kein Pausenort Kiesewetters war?

2. Hinweise auf einen Einsatz

In Kiesewetters Wohnung wurde ihr Notizbuch gefunden. Dort steht der Eintrag „Adolf H. + Haftbefehl“.

„Die Überprüfung ergab, dass Michele den Eintrag im Rahmen einer Einsatzbesprechung in Heilbronn gefertigt hatte. A. H. wurde dazu vernommen, er konnte sich nicht erklären, wie sein Name in das Notizbuch des Opfers gekommen war. Er sei nie von der Polizeibeamtin kontrolliert worden14. „(S. 76)

Ein Adolf H. (selber Nachname) befand sich tatsächlich auf der Theresienwiese und wurde später festgenommen!

„Adolf H. war laut seinen Angaben am Tattag gegen 10.30 Uhr auf der Theresienwiese, um dort eine bekannte Schaustellerfamilie zu treffen.“ S. 197

Das Buch „die Zelle“ schreibt auf S. 216, dass Frau Kiesewetter tatsächlich um 10:30 auf der Teresienwiese eintraf:

„Aber heute, an diesem 25. April 2007, ist sie zum routinemäßigen Streifendiensteinsatz eingeteilt. (…) Um 8:30 Uhr ist Dienstbeginn. (…) Der Streifendienst am 25. April 2007 beginnt um 9:30 Uhr in Heilbronn. (…) Zwei Stunden nach Arbeitsbeginn machen sie eine Pause an der Theresienwiese.“

Ein Gilbert H. hätte „von seinem Bruder Scotty -Gerhard H.-“ erfahren, dass „P. und eine weibliche Begleiterin an der Tat in Heilbronn beteiligt sind.“ (S. 197)

Es ist nicht bekannt, ob Gilbert mit Adolf H. verwandt oder bekannt ist. Laut Gilbert H. wäre es auf der Theresienwiese um Abrechnungen für  Rauschgiftgeschäfte gegangen, …

„… die zwischen dem 17.03.2007 und Anfang April 07 in Heilbronn stattgefunden [haben sollen]. Gemäß den Angaben des H. soll der P. bei einem dieser Treffen eine Schusswaffe im Hosenbund getragen haben. Es hätte sich hierbei um eine Tokarev mit einem seltenen Kaliber gehandelt.“

„Bei einem Gespräch erklärte Gilbert weiter, dass die Polizistin in der Brusttasche den Namen des Adel (Adolf H.) hatte und dieser gefragt worden sei, ob er um diese Zeit kontrolliert worden sei.“ (S. 139)

Tatsächlich waren bei Kiesewetter ihre „beiden Brusttaschen (…) geöffnet“. Von dem Zettel steht im Ermittlungsbericht nichts. (Ermittlungsbericht, S. 145)

Eine polizeiliche Vertrauensperson sagte, dass „eine Person mit dem Spitznamen „Chico“, (Mijodrag P.) wiederholt gesagt habe, dass er an dem Polizistenmord in Heilbronn beteiligt war.“

Chico habe wörtlich erklärt: „Wenn ich nicht auf die Polizei geschossen hätte, wäre ich jetzt für mindestens 10 Jahre im Gefängnis. Zur Tatausführung äußerte Chico, dass seine Begleiterin auf der Fahrerseite auf die Polizistin und er auf der Beifahrerseite auf den Polizisten geschossen habe. Der Filmbeitrag in der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“, in dem die Polizistin als Fahrerin dargestellt worden ist, wurde erst nach der Aussage des Chico veröffentlicht. Seine Begleiterin habe nach der Tat die Waffen der Polizeibeamten mitgenommen, da ihr Tod nicht gesichert war.“ (S. 195)

Frage

Offenbarte „chico“ Täterwissen als er und seine Begleiter aussagten, dass Kiesewetter auf der Fahrerseite sitzend erschossen wurde, Kiesewetter nach einem Adolf H. suchte und eine Pistole „Tokarev“ mit seltenen Kaliber beim Überfall eingesetzt wurde?

„Vorne rechts vor Auto eine Hülse, Kaliber 7,62, Marke: Tokarev; Ein Hülse, Kaliber 9 mm, sei hinter dem Auto gefunden worden. Im Fahrersitz steckte ein Projektil, ebenfalls 7,62 mm;“ (nsu-watch)

Mehr Informationen gibt der Ermittlungsbericht nicht her.

Aktualisierung 02/03.09.14

Durch Veröffentlichungen des Bloggers „fatalist“ kamen weitere Informationen zu „chico“ ans Tageslicht.

Erst im Jahr 2010 analysierte man die 2007 beschlagnahmten Videoaufzeichnungen von Überwachungskameras.

„Mit der Bearbeitung der Video- Bildauswertung wurden ab dem 08.02.2010 PMin K. und PMin S. betraut, die dafür von der Bereitschaftspolizei Göppingen zur Soko Parkplatz abgeordnet wurden.“

Treffer „Chico“

„Auf dem ges. Bild- und Videomaterial waren Mijodrag P. und Aisa F. zu erkennen.“ (fatalist)

Außerdem wurde einer seiner Telefonnummern in einer Heilbronner Funkzelle festgestellt.

„Bei Ermittlungen zur Person „chico“ (Mijodrag P.) wurden i.Z.m. einem Rip-Deal mehrere franz.- Ruf-Nr. bekannt. Die Nummer … war in der Funkzelle in HN. Sämtliche Personen, die mit dieser Nummer Kontakt hatten, konnten sich daran nicht erinnern und hatten teilweise keinerlei Kontakt nach Frankreich.“

Der schwer-verletzte Polizist Martin Arnold identifizierte „chico“ im Jahr 2009!

„Außer dem Dreitagebart kommt der Mann auf Bild 11 der 1. Lichtbildmappe, der auch in Bild 19 der 3. Lichtbildmappe abgebildet ist, meiner Beobachtung am ähnlichsten. Es passen sämtliche Gesichtszüge zu meiner Beobachtung. Es waren lediglich bei dem von mir beobachteten Mann die Haare an den Seiten dünner geschnitten.“

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Chicos DNA wurde jedoch nicht am Tatort festgestellt!

[spoiler]„16.22 KT-Arbeit „Herausragende Ermittlungskomplexe“
16.22.1 Komplex Chico / Marko M., alias Mijodrag P.
Im Komplex Chico wurden von den Kontaktpersonen aus dem Bereich der Angehörigen Reisender Familien und dem Schaustellerbereich Vergleichsspeichelproben und Fingerabdruck-/
Handflächenabdruckblätter erhoben und mit den SOKO-relevanten Spuren abgeglichen. Es ergaben sich keine Übereinstimmungen.
Der verdächtige Chico selbst befindet sich nach wie vor in Serbien. Ein DNA-Abgleich war bislang nur über eine von der serbischen Polizei erhobene Zigarettenkippe (Ass. SO.444) möglich. Diese Spur wurde in die DAD eingestellt. Ein Abgleich mit den SOKO relevanten Spuren verlief negativ.[/spoiler]

Ein Gedanke zu „NSU: Wurde Michele Kiesewetter während einer Drogen-Fahndung erschossen?“

  1. Endet die Geschichte in den Akten denn so, man hat einen Top-Verdächtigen, den Chico-H., und das wars denn ?
    Hat Gilbert H. die Aussage :“Es hätte sich hierbei um eine Tokarev mit einem seltenen Kaliber gehandelt.“ gemacht bevor oder nachdem das Kaliber oder die Waffe in den Medien erwähnt wurden ?
    So wie sie das zusammenfassen sieht es ja so aus als ob ohne erkennbaren Grund ein vielversprechender Ermittlungsansatz fallengelassen wurde…

    Die Geschichte mit Kornwestheim ist auch hier zu finden :
    “ Andere Spuren führen zu Kiesewetters letzten Einsatz. Sie war in Kornwestheim in einer Disco als verdeckte Ermittlerin bei der Rockergruppe „Hells Angels“ im Einsatz, die seit 1999 über einen „chapter“ in Heilbronn verfügt. Mit einer Razzia gegen die Hells Angels flog ihre Rolle auf. Das soll wenige Wochen vor dem Mord gewesen sein. “
    http://unvergessen.blogsport.de/kiesewetter-michele/

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