NSU-Tribunal in Köln: Aufklärung oder Desinformation?

Das Internetportal „Rubikon“ veröffentlichte am 15.05.17 den Artikel „Aufklärung statt Desinformation“ von Wolf Wetzel. Er macht darin Werbung für das sogenannte „NSU-Tribunal“-Treffen, welches vom 17. Mai bis zum 21. Mai in Köln stattfinden wird. In dem Artikel sind einige irreführende Darstellungen enthalten, denen hiermit widersprochen wird. Folgt Wetzel einer vorgegebenen Linie, sogar gegen besseren Wissens?

Wolf Wetzel stellt Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos unwidersprochen als die Bombenleger in der Kölner Keupstraße dar. Dabei gibt es jedoch, wie in allen der 29 sogenannten NSU-Tatorten keine Beweise in Form von DNA oder Fingerabdrücke des sogenannten „NSU-Trios“. Im Gegenteil bis heute anonyme Spuren entlasten sie.

Wetzel stellt stattdessen Aussagen von Anwälten der Nebenkläger des NSU-Prozesses heraus. Den Zeugen der Keupstraße wurden keine Fotos der „abgetauchten Nazis“ vorgelegt. Eine Zeugin sagte, dass sie Uwe Böhnhardt wiedererkannt hätte:

»Ihr wurden aber keine Bilder deutscher Terrorverdächtiger aus der Naziszene gezeigt – mit einer solchen Lichtbildvorlage der bekannten abgetauchten Nazis hätte der gesamte NSU zu diesem Zeitpunkt aufgeklärt werden können.« (Quelle: Rechtsanwalt Alexander Hoffmann und Rechtsanwalt Dr. Björn Elberling). Wäre ihr, so die Zeugin vor dem OLG in München, damals das Bild von Uwe Böhnhardt vorgelegt worden, so hätte sie ihn klar erkannt.“

Tatsächlich entlasten die Zeugenaussagen Uwe Böhnhardt! Warum? Das einzige Phantombild geht auf die zitierte Zeugin zurück. Es zeigt -nicht- Böhnhardts abstehenden Ohren, desweiteren bezeichnete sie den Bombenleger als „mediterranen Typ“.

Aktenzeichen XY 02.06.2005:

„Jetzt gibt es einen Hoffnungsschimmer den Täter auf die Spur zu kommen, nämlich dieses Phantombild. Angefertigt wurde es mit Hilfe einer Zeugin, die einen der Täter gesehen haben will: Mitte 20, etwa 180 groß, schlank, dunkler Teint, dunkle Augen, mediterranen Typ.„

Nach ihren Vorgaben wurde folgendes Phantombild erstellt.

phantom keup

Quelle: youtube

Dass sie seine abstehenden Ohren nicht bemerkte, erklärt sie damit, dass sein Kappi sie verdeckte. Auf ihrem Phantombild verdeckt das Kappi jedoch nicht die Ohren! Erst nachdem Uwe Böhnhardt medial massiv vorverurteilt wurde, „erkannte“ ihn auch die Zeugin.

Das ist keine Ausnahme! Auch die Zeugenaussagen und Phantombilder der anderen 29 „NSU-Tatorte“ entlasten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos.

Eine Überwachungskamera filmte die Bombenleger der Keupstraße. Deren Bilder zeigen eindeutig -nicht- Uwe Böhnhardt. Er ist viel größer (186 cm) als die gefilmte Person – laut Analyse des Landeskriminalamtes NRW 176 – 177 cm.

„Täter 1 (schiebt die Fluchtfahrräder) 1,76 – 1,77 m (inkl. Kleidung) (…) Täter 1 erscheint leicht korpulent.“

Dieses Gutachten ist Wolf Wetzel bekannt. Ende 2014 zitierte er daraus und sah keine signifikante Ähnlichkeit zwischen Böhnhardt/Mundlos und den gefilmten Bombenlegern. Warum findet sich davon nichts in seinem Rubikon-Artikel? Ist etwa der Grund, dass das „NSU-Tribunal“ Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos als die Bombenleger vorverurteilen wird?

Desweiteren wurde am Fahrrad, auf dem die Bombe installiert war, verdächtige DNA festgestellt. Es handele sich um die „Spur Vorderradgabel“. Die DNA stimmt -nicht- mit der DNA eines Mitglieds des „NSU-Trios“ überein.

Bereits am 24.11.11 verglich das BKA die DNA-Spuren mit denen des Trios, Zitat: „Der Abgleich verließ negativ“

„Zur ,Qualität“ der FA-Spuren ist zu der Spur aus Köln zu bemerken, dass es sich um eine daktyloskopische Spur an der Vorderradgabel des Fahrrades handelt. Es soll sich wahrscheinlich um das Fragment einer Handfläche handeln, mit absoluter Sicherheit ist dies jedoch nicht bekannt, es könnte sich auch um einen Fingerabdruck handeln.“ Ermittlungsakte „2 BJsST 14 – 162/11-2 140006/11

Es gibt eine Tatmitteldatei beim Bundeskriminalamt. Dort wurde das „NSU-Trio“ aufgenommen, weil in der Zschäpe-Garage 1998 eine Bombenwerkstatt ausgehoben worden wäre. Daher nahm das BKA das Trio in ihre Datei auf.  

Nun zitiert Wetzel sinngemäß den CDU-Abgeordneten Clemens Binninger folgendermaßen: Das NSU-Trio hätte als Keupstraßen-Bombenleger ins Kreuzfeuer der Ermittlungen kommen können, wenn die Tatmitteldatei benützt worden wäre. Die Bauweise der Bombe der Keupstraße ähnelt der einer Bombe, die in Saarbrücken gegen die Wehrmachtsausstellung gezündet wurde. Dort wurde das „NSU-Trio“ über die Tatmitteldatei überprüft. 

„Binninger ist fassungslos darüber, dass die sogenannte Tatmittelmeldedatei, die man mit Daten wie Zünder, Sprengstoff und so weiter füttert, nicht benutzt worden sei.
Hätte man diese Datei bemüht, hätte das Programm drei Namen ausgespuckt, nämlich: Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, weil in einem anderen Fall, beim Nagelbombenattentat 1999 auf die Wehrmachtsausstellung in Saarbrücken, genau dieser Bautyp von Bombe benutzt worden war und die Tatmittelmeldedatei die Bombenbauer aus Jena als mögliche Täter nannte – die es aber nicht waren, nicht in Saarbrücken (…)“

Die Saarbrücker Bombe wurde jedoch auch -nicht- vom „NSU-Trio“ gelegt. „Vergleichsuntersuchungen“ mit DNA-Spuren und Fingerabdrücken der drei Thüringer waren „negativ“. 

„Im März 1999 zerstörte ein Sprengstoffanschlag in Saarbrücken die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht. Möglicherweise im Zusammenhang mit der Tat verschickten Unbekannte bis ins Jahr 2000 Drohbriefe mit Bombenattrappen. Das Bundeskriminalamt prüfte, ob Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe die Absender sein könnten, da die Attrappen denen ähnelten, die die drei vor dem Gang in den Untergrund versandt hatten. Die Beamten machten sogar „Vergleichsuntersuchungen“ mit DNA-Spuren und Fingerabdrücken der drei Thüringer. Das Ergebnis war negativ (…).“ (tagesspiegel)

Weil das NSU-Trio nicht den Anschlag in Saarbrücken beging, hätte es stattdessen den Anschlag in der Keupstraße begangen, weil die Bomben ähnlich gebaut waren? Die Logik erschließt sich nicht.

Zurecht vermutete bereits am 16.11.11 der von der Keupstraßen-Bombe geschädigte Ali Demir, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nur als Sündenböcke vorgeschoben werden, um die wahren Hintergründe zu verschleiern.

„Ich befürchte, dass der Staatsapparat aufgrund seines Versagens dazu neigt, jetzt alle Taten den beiden Toten anzulasten, um von den eigenen Ermittlungspannen abzulenken und den politischen und wirtschaftlichen Hintergrund zu verschleiern.“ (nrhz)

5 Gedanken zu „NSU-Tribunal in Köln: Aufklärung oder Desinformation?“

  1. Wetzel ist wie die meisten Schreiberlinge. Wahrheit und Lüge geschickt mischen und damit Geld verdienen.
    Kein Wunder, daß dieser Berufsstand so ein mieses Image hat.

  2. Wolf Wetzel hat weiter „recherchiert“: Fatih Akin Film „Aus dem Nichts“ von 2017 kommt jetzt Theaterstück auf deutsche Bühnen. Anlass für ihn daran zu erinnern, dass 2004 der Nagelbombenanschlag auf ein türkisches Geschäft in Köln blitzschnell als „Kriminalität unter Ausländern“ ausgewiesen wurde, https://www.nachdenkseiten.de/?p=56147

    „An dieser Fake-Spur hielt man über acht Jahre fest. Dafür musste man alle Indizien und Fakten beiseiteschieben (und wenn nötig unter den Tisch fallen lassen), die einen neonazistischen Terroranschlag nahelegten.“

    Immerhin empört Wetzel (wie die Filmemacher) sich über Geheimdienstboss bzw. Staatssekretär Klaus-Dieter Fritsche, der als Zeuge am 18.10.2012 die Parlamentarier belehrt hatte:
    „Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren. Es darf auch nicht so weit kommen, dass jeder Verfassungsfeind und Straftäter am Ende genau weiß, wie Sicherheitsbehörden operativ arbeiten und welche V-Leute und verdeckten Ermittler im Auftrag des Staates eingesetzt sind.“

    Der allein schon dadurch naheliegende Gedanke, dass 2011 nur eine „alte Fake-Spur“ durch eine „neue Fake-Spur“ ersetzt wurde, kommt Wetzel nicht. Auch nicht, dass nicht nur Fritsche so seine Geheimnisse hat.

    Sondern auch ein Menzel als übereifriger „Vorort-Aufklärer des 4.11.11“ uns nichts zum wahren Todeszeitpunkt der zwei WoMo-Leichen verraten will (darf?), nichts zum „dritten Mann“ und nichts vom irrsinnigen „Beweisberg“ im WoMo.

    Wobei letzteres für einen Polizisten ja nur ein „Befund“ ist, den er treuherzig protokolliert. Es bräuchte „investigative Rechercheure“ wie Wetzel, um kritisch zu hinterfragen: Warum horten Bankräuber in ihrem Fluchtfahrzeug eigentlich ihr gesamtes Waffenlager, Beute aus alten Überfällen und eine aufdringliche Fülle weiterer „Beweise“, auf die die (Medien-)Welt zwar nicht gewartet hat, die sie aber dankbar als bare Münze annimmt, obwohl sie von einem Fritsche nicht mal ein Stückchen Brot annehmen würde?

    1. Sofort nach der Explosion lief der Anwohner Ali D. auf die Straße und redete mit zwei bewaffneten Zivilbeamten, die bis heute nicht identifziert sind. Für das Anschlagsopfer sind Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nur Sündenböcke, die dazu dienen „den politischen und wirtschaftlichen Hintergrund zu verschleiern“, und: „(…) man will die Akte schließen.“ Dieser Einschätzung schließe ich mich an.

      Mit dem unterstellten Tatmotiv „Terrorismus“ spielt man den Tätern in die Hände, die im Bereich organisierte Kriminalität zu finden sind.

      Laut befragter geheimdienstlicher Informanten wäre der Hintergrund des Bombenanschlages ein „Streit zwischen den dort lebenden Kurden und Türken [gewesen]. Eine dieser Gruppen habe Osteuropäer damit beauftragt, diesen Streit endgültig zu beenden.“ Anschließend sei „die „Zahlungsmoral der Kurden“ sehr viel besser geworden“. Die Bombe explodierte just vor einem Friseurgeschäft, der laut Ermittlungen der kölner Polizei ein „Treffpunkt der Kölner Türsteherszene um einen „Rotlichtpaten“ gewesen sei (…).“

      1. So richtig „verdächtig“ wurden Böhnhardt und Mundlos in Sachen Kölner Rohrbomben ja erst, als die Filme der Kölner Überwachungsbild-Kameras mit den undefinierbaren Personen in der Zwickauer Brandwohnung „gefunden“ worden waren – obwohl es kaum einen Grund gegeben haben kann, warum sie solchen inhaltsleeren Ballast hätten anhäufen wollen.

        Aber das ist ja das generelle Problem der unsinnig großen und am ungeeignetsten Ort angehäuften und ab dem 04.11.11 angeblich entdeckten „Selbstbelastungs-Beweisberge“ in Zwickau und Stregda.

        So richtig BMZ-haltig und damit OLG-tauglich wurden die unscharfen Filmchen erst, als angeblich Nebenkläger-Anwalt Narin 2013 „beim stundenlangen Sichten von Material (…) beim Bundeskriminalamt (BKA) die vollständigen Videoaufzeichnungen entdeckt“ hatte. So zumindest das offizielle Narrativ.

        Die vorbelasteten VS- und BKA-Beamten wollten klugerweise den späten Ruhm nicht für sich vereinnahmen – deren dubioses Rumgeeiere (und das des reuigen, aber merkwürdig kritikempfindlichen „Terror-Leugners“ Otto Schily) hatten wir schon mal behandelt auf:
        https://friedensblick.de/25443/nsu-untersuchungsausschuss-des-bundestags-gerri-ist-boehnhardt-trotz-groessenunterschied/

      2. Vielleicht sollte Nebenkläger-Anwalt Narin als „Beweisfinder“ 2013 nicht (oder nicht nur) von der dubiosen Rolle der Behörden ablenken, sondern als türkisch-stämmiger Verfechter des Narrativs einen Gegenpol zum türkisch-stämmigen Narrativ-Zweifler (und Vorort-Tatortzeuge) Ali D. bilden …

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