NSU Keupstraße: Bombenleger „Gerri auf Kamera“ ist nicht Uwe Böhnhardt

Auf dem Computer von Beate Zschäpe befand sich eine Kopie des sogenannten NSU-Bekennerfilmes, außerdem verschiedene Dateien, die auch aus dem Täterkreis stammen. Der Name einer abgespeicherten Datei stellt Uwe Böhnhardt als einer der Keupstraßen-Bombenleger dar, obwohl das dazugehörige Bild ihn nicht zeigt. Der dort gezeigte Mann ist zu klein. Offensichtlich sollte Böhnhardt angeschwärzt werden.

Im Bekennerfiilm wird der National-Sozialistische-Untergrund (NSU) für verschiedene Verbrechen verantwortlich gemacht, indirekt wird das Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe massiv belastet. In den zum Film gehörenden NSU-Dateien gab es Fotos, die aus einer Überwachungskamera stammen. Die Aufzeichnungen zeigen die zwei Bombenleger der Keupstraße. Daraus sind einzelne Bildausschnitte als Fotos abgespeichert worden. Ein Foto zeigt einen der zwei Bombenleger, wie er gerade zwei Fahrräder schiebt.

Ein Gutachten des Landekriminalamtes (LKA) Nordrhein-Westfalen stellte kurz nach dem Anschlag die ungefähren Größen der gefilmten Bombenleger fest.

„Täter 1 (schiebt die Fluchtfahrräder) 1,76 – 1,77 m (inkl. Kleidung) (…) Täter 1 erscheint leicht korpulent.“ (fatalist)

Folgendes Foto zeigt den „leicht korpulenten“ Mann, aus dem später nach Auswertung des Bundeskriminalamtes (BKA) Uwe Böhnhardt wurde.

gerri-auf-kamera-nsu

Quelle: youtube, zob

Bei diesem Mann ist jedoch ausgeschlossen, dass es sich um Uwe Böhnhardt handelt. Laut des Obduktionsberichts war Uwe Böhnhardt 183 Zentimeter groß und wog 76,4 Kilogramm. (welt) Laut des Fahndungsplakates des thüringer LKA´s wäre er sogar 186 cm gewesen.

Der Täterkreis wollte offensichtlich Böhnhardt als Bombenleger darstellen. Wollte er von sich ablenken? Wurde deshalb die Aufnahme als „Gerri auf Kamera“ abgespeichert? Böhnhardt benutzte als Aliasname „Holger Gerlach“ und trug den Spitznamen „Gerri“.

In den BKA-Ermittlungsakten ist obiges Bild zu sehen, darunter steht folgendes:

,gerri auf kamera.avi“
Hier ist vermutlich BÖHNHARD gemeint, welcher auf einer Überwachungskamera im Bereich Schanzenstr. 22, Köln-Mühlheim aufgezeichnet worden war als er sich – zwei Fahrräder schiebend – in Richtung des späteren Tatorts, Keupstraße 29 bewegte.
BÖHNHARD benutzte als Aliaspersonalie u.a. Holger GERLACH und trug den Spitznamen Gerri“. Der Ersteller dieser Datei hat die Person in der Videosequenz offensichtlich als ,Gerri“ identifiziert und den Dateinamen entsprechend gewählt.

Auch im NSU-Prozess war „gerri auf kamera“ ein Thema – diese Ungereimtheit wurde wie so viele andere auch nicht angesprochen.

Ellen Ha., Kriminalbeamtin beim BKA. Sie war für die Auswertung der Festplatte aus der Wohnung zuständig.

„Zur Keupstraße seien Dateien gefunden worden „gerri auf kamera“, da schiebe eine Person zwei Fahrräder und „max auf kamera“ sowie „max auf kamera von hinten“, da sehe man wie eine Person ein Fahrrad mit einem Koffer schiebt. Zu dem Zeitpunkt sei bereits klar gewesen, dass Böhnhardt die Personalien von Holger G. genutzt habe und Mundlos die von Max B.“ (nsu-watch)

Das ist keine Ausnahme!

„Aktion Polizeipistole“

In den Dateien zum Film, im Unterordner „Aktion Polizeipistole“, sind Fotos einer Handfeuerwaffe zu sehen. Sie fand Eingang in den Bekennerfilm in der Eingangs- und Abschlussfolie. Durch den Namen des Ordners wird der Eindruck erweckt, dass es dem NSU bei dem Heilbronner Polizistenüberfall nur um den Raub einer Polizeipistole gegangen wäre.

Erst las das LKA Stuttgart die Waffenummer Kieseswetter, danach erkannte das Bundeskriminalamt (BKA) die Waffennummer von Arnolds Waffe (nsu-leaks). Schließlich kam Harald Dern, ermittelnder Beamte zum Bekennervideo zum Schluß, dass es unklar ist, wessen Waffe es ist.

Z.H. D.: Also, wir gehen davon aus. Diese Dienstpis- Diese Walther P2000, meine ich, war das, ist von denen ja auch aufwendig fotografiert worden. Dazu gibt es ein paar Bilddateien. Also, da hat man geguckt: Wie kann man die am besten positionieren, das Licht und so? Und sie ist ja auch sehr prominent in diese Folie eingefügt worden, sodass man davon ausgehen kann, dass es eine große Bedeutung für sie hatte.

Vorsitzender Wolfgang Drexler: Auf der Schlusssequenz des Bekennervideos ist ebenfalls eine Dienstwaffe zu erkennen.
Z.H. D.: Ja.
Vorsitzender Wolfgang Drexler: Können Sie etwas zu diesen Auswertungen, insbesondere zur Frage sagen, ob da jetzt
tatsächlich die Dienstwaffe von M. A. abgebildet ist?
Z.H. D.: Das kann ich nicht sagen.
Vorsitzender Wolfgang Drexler: Das konnte man nicht herausfinden?
Z.H. D.: Das weiß ich nicht.
Vorsitzender Wolfgang Drexler: Ach so. War das der Herr K., der das gemacht hat, also die Untersuchung?
Z.H. D.: Das weiß ich nicht.
Vorsitzender Wolfgang Drexler: Wissen Sie nicht?
Z.H. D.: Nein, da muss ich sagen: Das weiß ich nicht. Ich bin ja nicht in den Ermittlungen gewesen, sondern in der Auswertung.“ (die-anstifter)

16 Gedanken zu „NSU Keupstraße: Bombenleger „Gerri auf Kamera“ ist nicht Uwe Böhnhardt“

  1. Viel versprechender Ansatz, finde ich. Könnte man nachweisen, dass es sich bei der abgebildeten Person NICHT um Böhnhardt alias Gerri handelt, dann wäre das ein schwer zu leugnender Beleg für die zielgerichtete Manipulation der gefundenen Dateien. „Korpulent“ fand ich den Mann auf dem Video übrigens noch nie, das ist aber evtl. Ansichtssache. Aber die Körpergröße ist ein objektives Kriterium und sie passt nicht. Nun bräuchte man einen Experten der beurteilt, wie wahrscheinlich es ist, dass das LKA NRW bei der ermittelten Größe um satte 6-7 cm daneben lag. Immerhin beträgt die angegebene Fehlertoleranz bei der ermittelten Größe nur 1 cm…
    Des Rätsels Lösung: Böhnhardt hatte im Zeitraum von 2004 bis zu seinem Ableben wohl noch einen Wachstumsschub…

    1. Vielversprechend, auch weil die geschätzte Größe inklusive Bekleidung ist, also mit Schuhen, Kappi. Das macht die Größe des Bombenlegers im Foto mindestens 1,5 cm höher, als er wirklich ist. Für mich ist Böhnhardt draußen.

      Ich frage mich, wann der NSU-Film und Dateien auf Zschäpes Computer abgespeichert wurden. Erstellung ist 2007, aber wann wurde es kopiert?

      1. Das mit der Körpergröße ist m.E. ein Irrweg.
        Die Differenz von 5 cm , 183cm gemessen an einem liegenden Toten mit den 177 cm rückgeschlossen von einer laufenden ! (leicht gebückten?) Person, sind nicht signifikant.

        Daß an den diversen Tatorten keine DNA geschweige denn Fingerabdrücke der beiden Uwes nachgewiesen wurden, taugt da schon eher.

        1. Klar bei der Obuktion fehlte ein Teil des oberen Kopfes, da weggeschossen.
          Aber laut des Fahndungsplakats aus dem Jahre 1998 wäre Uwe Böhnhardt exakt 186 cm groß gewesen. Da er bereits vorher polizeilich erfasst, verurteilt und eingesperrt wurde, dürfte diese Vorgabe nicht geschätzt sein. Dann würde sich die Differenz von geschätzt „1,76 – 1,77 m“ (inklusiv Schuhe & Kappi) zu real 186 cm (ohne Schuhe & Kappi) nochmals vergrößern.

          Für mich bleibt ausgeschlossen, dass auf der Keupstraßen-Aufnahme Böhnhardt zu sehen ist.

  2. Die Bilddeutung ist aus meiner Sicht sekundär.
    Primär ist der Umstand, das das Bombenfahrrad ja noch existiert.
    Entsprechend wurden Spuren am Rad gesichert.

    Da keine Fingerabdrücke oder DNA der Uwes drauf sind, kann der leichtbekleidete Bildmänni, der sowas auf dem Rad hinterlassen haben muss, auch kein Uwe sein.

    1. Machen Sie es sich da nicht ein wenig einfach? Ob nach einer Bombenexplosion noch Fingerabdrücke und/oder DNA gesichert werden können, kann ich nicht beurteilen. Wäre es zwangsläufig der Fall dass man immer etwas findet, so wären vermutlich viele Verbrechen leichter aufzuklären. Offenbar ist es halbwegs plausibel zu sagen: Wir haben nix gefunden.

      1. Nein, ich halte mich an die Fakten.
        Natürlich gibt es Fingerabdrücke, eine Nagelbombe reinigt doch kein Fahrrad. Entsprechend wurden die erfassten daktyloskopischen Spuren auch mit den Fingerabdrücken der Verdächtigen verglichen. Negativ.
        Deshalb eindeutig, wenn keine Fingerabdrücke zu den Uwes passen, ist der Phantomschieber auch kein Uwe.

        Die gefundenen Fingerabdrücke sollten aber mal mit dem Zivipolizisten verglichen werden, der mit Knarre an der Hüfte in die Kamera schaut.

        1. „eine Nagelbombe reinigt doch kein Fahrrad.“
          Stimmt. Sie verschmutzt es.
          Also m. E. nicht so eindeutig, was da zu sichern ist.

          Den Abgleich mit dem Waffenträger in Zivil fände ich auch gut! Auch wenn ich nicht denke, dass Profis so doof sind erst vor der Tat durch die Kamera zu latschen und sich danach am Tatort fotografieren zu lassen. Trotzdem ist wichtig, wer das war.

    1. Ich denke wir dürfen bei der vom LKA NRW hoffentlich fachkundig ermittelten Körpergröße davon ausgehen, dass Haltungsdefizite, Gehbewegungen etc. rausgerechnet sind. Ansonsten hat man nicht die objektive Körpergröße ermittelt, sondern eine Momentaufnahme. Das wiederum hätte die Täterermittlung behindert statt unterstützt, da man dann ja mit einer falsachen Größe sucht. Ach so, Sie denken, das war genau so gedacht? So wie man in Heilbronn die Diesel-Fahrzeuge bei der Suche nach dem Audi mit MOS-Kennzeichen ausgeschlossen hat?

  3. „Ich denke wir dürfen bei der vom LKA NRW hoffentlich fachkundig ermittelten Körpergröße davon ausgehen, dass Haltungsdefizite, Gehbewegungen etc. rausgerechnet sind. Ansonsten hat man nicht die objektive Körpergröße ermittelt, sondern eine Momentaufnahme.“

    Ich denke, dass da nicht gross nachgedacht wurde, die von mir genannten Einflussgrößen korrekt sind und deshalb der „Längen“ bzw. Größenvergleich n i c h t taugt „Gerri“ reinzuwaschen.
    Die fehlenden Fingerabdrücke und insbesondere die fehlende DNA am Tatort, Fahrrad taugen da sehr wohl.

      1. Sehe ich auch so. Allenfalls bei 23:54 f. könnte man glauben, ein dunkleres Feld an dieser Stelle zu erkennen. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass es das selbe Shirt (und die selbe Person) ist, aber wie schon geschrieben: Ich denke nicht, dass sich der Bombenplatzierer wenige Minuten nach der Tat am Tatort fotografieren lässt. So viel kriminelle Intelligenz müssen wir dem mutmaßlichen Täterkreis wohl schon zubilligen.

  4. Hat eigentlich jemand die Videoaufzeichnung des angeblichen Bombenfahrradschiebers daraufhin genau beobachtet, ob auf einem dieser Fahrräder überhaupt eine Kofferbombe transportiert wird?
    Also ich kann da zwischen 23:05 und 23:55 nichts dergleichen erkennen, beide Räder haben weder Gepäckträger noch einen Fahrradkoffer darauf.
    Aber ich kann mich da natürlich irren, odr?
    Ich plädiere:
    Weder Bombenfahrrad …
    noch Bombenfahrradschieber!

    1. Da irren Sie sich in der Tat. Es wurden die Räder in der Diskussion aber auch nicht sauber auseinandergehalten: Das oben verlinkte Video zeigt zunächst einen evtl. Tatbeteiligten, der zwei Räder ohne Hardcase schiebt. Möglicherweise stellt er eines davon als Fluchtfahrrad in Tatortnähe ab und fährt mit dem anderen wieder weg zur „Basis“. Ab 1:04 läuft selbige(?) Person mit Tüten in der Hand Richtung Tatort, schaut evtl. wie die Lage ist oder bringt/deponiert die Fernsteuerung. Ab 1:05 erscheint dann der andere Tatverdächtige und dieser schiebt ein Rad mit Hardcase aufm Gepäckträger. Übrigens, diese Person trägt eine lange Hose und Handschuhe, muss also nicht zwangsläufig verwertbare Spuren an dem „Bomben-Rad“ hinterlassen haben.

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