Teil 7) Was passierte in der Nacht und im Morgen des 5. April?

Was in der Nacht vom 04. zum 05. April passierte, ist ungeklärt. Es muss sich um etwas Gravierendes gehandelt haben, was mit dem Polizistenmord zusammenhängt. Es spielen wieder die gleichen Polizisten eine Rolle, die auch am Tattag in Erscheinung traten und die offizielle Darstellung stützen:

Florian St. (Bepo Bruchsal) sagte, dass er Anfang April 2007 kurzzeitig an der BFE-Fortbildung teilgenommen hätte.1 Er besuchte mit MK einen Lehrgang des zivilen Aufklärungstrupps (ZAT), der vom 04. April bis 05. April ging. Es handelte sich um Observations- und Zugriffsübungen. Besteht ein Zusammenhang mit einer Verletzung Arnolds? Am 04. April schrieb er in einer SMS, dass er sich die Hand gebrochen hat und nicht mehr beim Sport der Fortbildung teilnehmen könnte. Laut Florian St. fand in der Nacht zum 05. April ein Fest in der Kaserne statt. MK und er gingen anschließend in ihr Umkleidezimmer und schliefen zusammen. Am nächsten Tag gab es „Gerede“. Am 05. April fuhren sie zum Kaffetrinken in ihre Privatwohnung. Er wüsste aber nicht, wo sie wohnte, „denn sie ist gefahren.“ Am Morgen gegen 06:00 Uhr früh fing dort eine ZAT-Observationsübung an, die bis 10:00 dauerte. MK war die Zielperson, die observiert wurde. Er war der Ausbilder. Danach fuhr er nach Hause.2

Diese Tarnlegende dürfte den wahren Hintergrund der verschiedenen Anrufe abdecken, die MK im Laufe der Nacht zum 05. April und in den Morgenstunden erhielt.

Erhaltene Anrufe laut Handyauswertung: „Kreßi“: 02:05 Uhr. „Floh“: 05:06 und 08:09. „Bb 72“: 06:42, 06:58, 07:30, 07:52. „Bb 71“: 07:11, 07:16. „Dome“: 07:25. Gewählte Rufnummern: Keine.

Am 02. und 03. April war Kiesewetter in Heilbronn eingesetzt, am 04. April bis 22:00 im US-Objektschutz. Am 05. April waren die ZAT-Polizisten Joachim H., Frank K. und Susanne V. ab 06:45 Uhr anlassbezogen in Stuttgart im Einsatz.3 Ansonsten gab es in der Zeit keine BFE-Einsätze.

Wer verbirgt sich hinter „Bb 71“, etwa Zivilpolizisten?

Die baden-württemberger (bw) Abgeordneten befragten die LKA-Ermittlerin Nicole K., die von Ende 2010 bis Februar 2012 in der Soko-neu tätig war. Würde sie wissen, wer hinter „Bb 71“ steht? Ihre Antwort war, dass die Soko-alt die Nummer schon abgeglichen hätte: „Das müsste wahrscheinlich irgendwas Dienstliches gewesen sein.“4 Ein bis heute unbekannter Polizist rief MK am Tattag dreimal an: 11:48, 11:51 und 12:11. Gesprächsthema auch unbekannt. Das Handy „Bb 71“ nutzte zuerst eine Funkzelle im Stadtzentrum, um 12:11 nutzte es eine Zelle, die das Polizeirevier abdeckte.

Parallelitäten

05. April

25. April (Tattag)

Matthias S. (BFE 523) war am 04. April bis 22:15 zusammen mit MK im US-Objektschutz. Am 05. April rief er morgens um 06:35 Uhr erfolglos Manuel B. (Bepo Bruchsal) an, um 07:56 rief B. zurück. Die DNA von Matthias S. befand sich am Gürtel von Kiesewetter. An ihrer Hose gab es DNA von zwei Polizisten der Bepo, die zur Tatzeit im US-Objektschutz eingesetzt waren.

Kiesewetter erhielt an beiden Tagen Anrufe von Bb 71.

Thomas K. (BFE 522) rief sie am 05. April an und war am 25. April in der Nachbarstadt Neckarsulm eingesetzt.

Florian St. (Bepo Bruchsal) rief Kiesewetter am 05. April wegen einer ZAT-Übung an und war auch am 25. April an einer Übung beteiligt. Die ZAT-Übung war Teil der BFE-Ausbildung an der auch Manuel B. und das spätere Opfer Martin Arnold teilnahmen.

Bei der Übung am 25. April war auch Manuel B. (Bepo Göppingen/Bruchsal) beteiligt, der währenddessen mit MK und MA SMS-Nachrichten austauschte.

Offizielle Erklärung: Affären, Eifersuchtsszenen von Liebespartnern

Meine Erklärung: Einsatzkommunikation

Gehörten Bb-Nummern der ZAT-Einheit?

  • MK hatte den Ausdruck „Bb 90“ im privaten Handy abgespeichert. Die Nummer stimmt mit einem weiteren Eintrag in ihrem Telefonbuch überein, und zwar „ZAT“. Sie hatte also zweimal die gleiche Nummer mit unterschiedlichen Einträgen.

  • Die Nummer von „Bb 72“ speicherte Manuel B. (Bepo Bruchsal) abgekürzt als „S(……) 5.BPA“5 ab. Es dürfte sich um die Nummer des „ZAT-Gurus“6 Marcus S. (BFE 523) handeln, der nie befragt wurde.

Die Punkte würden darauf hinweisen, dass die Bb .. – Nummern ZAT-Beamten zugeordnet waren.

Sind Affären und Übungen nur Legendbildung des zivilen Aufklärungstrupps?

Die Anrufe am 05. April entstammen keiner Eifersuchtsszene, da die Kollegen von der Liebesnacht zwischen Florian St. und MK gar nichts wussten. Es gab kein „Gerede“. Genauso gibt es Zweifel, ob wirklich Übungen am 05. und 25. April stattfanden:

Die Ermittler suchten bis Ende 2011 vergeblich, die Teilnehmerliste des öminösen „ZAT-Lehrgangs“ zu erhalten. Ende 2010 schrieben sie in einem Aktenvermerk, dass „bis zum heutigen Tage (…) Zweifel“ bestünden, dass „Unterlagen der Soko Parkplatz vollumfänglich vorliegen.“ Die Soko-neu vernahm dazu Susanne M., die die Karrierleiter hochgestiegen war: Zur Zeit des Überfalls war sie die Sprecherin der Bepo und stand während der Ermittlungen in Kontakt mit Soko-alt Chef Frank Huber. Sie war „für das Innenministerium Ansprechpartner in Sachen Soko Parkplatz“7 gewesen. Susanna M. wechselte anschließend ins bw Innenministerium. Laut ihr hätte es eventuell gar keinen ZAT-Kurs gegeben. Es könnte sich um den „herkömmlichen Gruppenführerlehrgang“8 gehandelt haben. Am 01. Dezember 2010 kam es zu einem Eklat – Susanne M. blieb trotz wiederholter Bitte bei ihrer Weigerung, eine DNA-Probe abzugeben.9

1O. 11, S. 435, A. a. 02.05.07: „Vor drei oder vier Wochen fand von der BFE eine zentrale Fortbildung in Böblingen statt, bei der ich als Ausbilder tätig war. Im Rahmen der ZAT Fortbildung, ZAT ist der zivile Aufklärungstrupp, fand eine Observationsübung statt, bei der Michele Zielperson war.“

2Vgl. O. 11, S. 436, A. a. 02.05.07: „Im Rahmen der BFE Fortbildung habe ich Michele nicht mehr gesehen. Ich habe bei dem Lehrgang auch nach der genannten Übung keine Verwendung mehr gehabt und bin zurück nach Bruchsal gefahren.“

3O. 9, S. 82, BFE-Einsatzlisten

4Vgl. Landtag Baden-Württemberg, NSU-UA, 37. Sitzung, 07.12.15, S. 68

5O. 9, S. 348

6O. 9, S. 374, Aussage von Manuel B. am 14.12.10

7O. 11, S. 104, A. a. 06.10.10

8O. 11, S. 107, Vermerk vom 01.12.10

9Vgl. O. 11, S. 107

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