NSU: Unklarheit über Kiesewetters tödlichen Einsatzplan

Die Polizei müsste angesichts des Heilbronner Überfalls auf ihre Kollgen motiviert sein aufzuklären, die Täter zu finden. Doch es gibt unterschiedliche Darstellungen, die sich entzünden an folgender grundsätzlicher Frage: Wurde Kiesewetter für den Einsatz an ihrem Todestag angefordert oder meldete sie sich freiwillig? Eine Zusammenfassung der Erkenntnisse und offenen Fragen.

1. Meldete sich Kiesewetter für ihren Einsatz am 25.04. freiwillig oder wurde sie eingesetzt?

Am 25.04. waren Kiesewetter und Arnold in der Beweis- und Festnahmeeinheit (BFE) 524 der Bereitschaftspolizei Böblingen gewesen (nsu-watch).

„Der Einsatz bezog sich auf die Einsatzkonzeption „Sichere City“ zur Verdrängung der Straßenkriminalität aus der Innenstadt.“ (Ermittlungsbericht, S. 92)

Im münchner NSU-Verfahren sagte ein Polizeibeamter näheres über Kiesewetters Einsatzplan aus. Am Donnerstag, 19.04., hätte Frau Kiesewetter den Wunsch geäußert, am 25.04. in Heilbronn bei der Einheit eingesetzt zu werden. Es hätte sie sogar noch der Kollege gefragt, „ob sie nicht nach Hause fahre“ und sie hätte erwidert „Nur übers Wochende“. Sie wolle „nicht sinnlos“ herumsitzen.

„Am 16. oder 17. April 2007 sei eine Anfrage zum Einsatz am 25.4.2007, einer Urlaubswoche, hereingekommen, habe der ausgesagt. Ho. habe einen Aushang für Freiwillige, die diese Schicht übernehmen wollten, gemacht und aufgehängt.

Kiesewetter habe sich am 19.4. gemeldet und gefragt, ob man sie nicht auf den Einsatzbefehl setzen könne, sie brauche noch Stunden. Sie säße sonst nur sinnlos herum, so könne sie noch ein paar Stunden etwas Sinnvolles machen. Sie habe dann einen Tauschpartner für die an sich volle Schicht gefunden, nämlich den Kollegen Lars De.

Richter Götzl ergänzt aus den Akten: Ho. habe noch nachgefragt, ob Kiesewetter denn nicht nach Hause nach Thüringen fahre. Sie habe das bejaht: übers Wochenende, dann sei sie aber wieder zurück. Deshalb habe ihrem Wunsch nach Einsatz in der Schicht entsprochen werden können.“ (nsu-watch)

Im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages bestätigte der damalige Leiter der Sonderkommission „Parkplatz“, Herr Mögelin, diese Darstellung.

Er ergänzt, dass Frau Kiesewetter sowieso am 25.04. hätte arbeiten müssen, für die „Nachtwache in Böblingen.“ Frau Kiesewetter hätte mit einem anderen Polizisten dann „getauscht“.

„Zeuge Axel Mögelin: Genau kann man das nicht eingrenzen. Es ist entweder – – So haben es die Ermittlungen ergeben: Am 17. April oder am 19. April stand das fest.
Was man sicher weiß, ist, dass aber Frau Kiesewetter bereits vorher schon zu einer Nachtwache in Böblingen eingeteilt war – das heißt, sie hätte Dienst gehabt, so oder so -,hat sich aber kurzfristig entschieden, mit einem Beamten zu tauschen. Und das war am 17. oder 19. Das ließ sich retrograd nicht mehr komplett – – also, ausermitteln. Die zwei Tage bleiben übrig. Ansonsten lässt es sich nicht mehr verifizieren.“
PUA-Sitzungsprotokoll Nr. 29a, S. 42
öööööööööööö

Am 30.07.2012 berichtete die Bild-Zeitung dementsprechend, dass Frau Kiesewetter telefonisch darum bat …

„… am 25. April doch Streife fahren zu dürfen, obwohl sie ursprünglich noch frei machen wollte.“ (Bild)

In dem Ermittlungsbericht, der Friedensblick vorliegt, wird jedoch der Sachverhalt anders dargestellt!

Kiesewetter hätte ursprünglich dienstfrei in der Einsatzwoche gehabt. Der Bericht zeichnet das Leben von Frau Kiesewetter genau nach und nirgends steht etwas von einer „Nachtwache in Böblingen“ oder „Nachtschicht“.

Dort steht, dass nur aufgrund der Erkrankung eines Kollegen sie am 19.04. gefragt wurde, ob sie an dem BFE-Einsatz weiter Interesse hätte. Erst am 20.04. erklärte sich Kiesewetter dazu bereit.

„Ursprünglich hätte Michele in der relevanten Einsatzwoche dienstfrei gehabt. Sie wollte von sich aus an dem Einsatz am 25.04.2007 teilnehmen, aber die Liste war bereits voll.
Am 19.04.2007 meldete sich telefonisch Herr Ho., vom Geschäftszimmer der BFE 523 und frage nach, ob sie immer noch Interesse an diesem Einsatz habe, da Kollege DE J. sich am 17.04.2007 krank gemeldet hatte. Mit Rückruf am 20.04.2007 erklärte sich Michele bereit den Einsatz am 25.04.2007 in Heilbronn zu fahren.“ (Ermittlungsbericht, S. 77)

Diese Darstellung wird gestützt von folgenden Aussagen und Medienberichten:

Am Donnerstag, 19.04, fuhr Frau Kiesewetter in ihre thüringische Heimat nach Oberweißbach. Bereits am Samstag, 21.04., reiste sie wieder ab.

Ihr Großvater Fritz W. berichtete vom letzten Besuch. Er vermutete, dass Michele nur vorgegeben hätte „dienstlich gebraucht zu werden.“ Stattdessen hätte sie „zu ihren Freunden“ zurückgewollt. Tatsächlich hatte sie einen neuen Freund, mit dem sie die Samstag-Nacht in Sulzfeld verbrachte (Ermittlungsbericht, S. 86).

„Bei ihrem letzten Besuch, am 19./20. April habe sie aus Böblingen einen Anruf bekommen. Sie wäre angeblich dienstlich gebraucht worden, aber sie habe dies nur als Grund vorgeschoben, um wieder nach Böblingen zu ihren Freunden zu kommen. Sie sei dann auch am Samstag schon gefahren und nicht wie geplant am Sonntag.“ (Ermittlungsbericht, S. 103)

Die Freunde von Frau Kiesewetter in Oberweißbach bestätigten, sie sei beim letzten Besuch …

„… trotz des bevorstehendem Festes vorzeitig zurück zu ihrem Einsatzort nach Böblingen gefahren, um für einen Kollegen einzuspringen.“ (stuttgarter-zeitung)

Es gibt inzwischen sogar eine dritte Version.

Frau Kiesewetter hätte am 25.04. Nachtschicht gehabt, die sie auf eigene Anregung mit einem Kollegen tauschte.

„Nach einer Pause wird der Zeuge Martin Gi., 30, Kriminalbeamter vom BKA in Meckenheim vernommen. Zu ihm liegt eine allgemeine Aussagegenehmigung vor. Götzl fragt, was er zum Einsatz Kiesewetters am 25.4.2007 und zum Einsatztausch zwischen zwei Einheiten wisse.

Es sei so gewesen, so der Zeuge, dass Frau Kiesewetter sich für die Nachtwache eingetragen hatte, dann mit dem Kollegen Alexander D. bei der Bereitschaftspolizei (BePo) Böblingen getauscht habe und nicht mit dem Kollegen De. Sie sei im Rahmen des Konzepts „Sichere City“ in Heilbronn im Einsatz gewesen.

D. habe sich nicht als Tauschpartner von Michèle Kiesewetter zu erkennen gegeben, um dem Stress der psychologischen Betreuung zu entgehen, habe er angegeben. Das Tauschangebot sei aber von Kiesewetter gekommen und nicht umgekehrt.“ (nsu-watch)

Das Magazin „cicero“ schreibt bestätigend, dass sie sich …

„… von Thüringen aus (…) in einem Telefongespräch mit der Dienststelle bereit erklärt hätte, „für einen erkrankten Kollegen einen Einsatz in der Nacht zum 25. April zu übernehmen. (…) Erst unmittelbar davor tauschte sie die Nachtschicht und übernahm den Tagesdienst am 25. April zusammen mit ihrem Kollegen Arnold.“ (cicero)

2. Martin Arnold meldete sich freiwillig, erster Einsatz

Martin Arnold meldete sich freiwillig zum BFE-Einsatz.

„Nachdem Martin im März 2007 mit der Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei fertig gewesen war, machte er in der Folge eine Sonderausbildung bei der BFE in Böblingen. Mit dieser Ausbildung war er erst am Wochenende vor dem Ereignis fertig. Obwohl er Urlaub hatte, meldete er sich freiwillig für den besagten Einsatz in Heilbronn.“ (Ermittlungsbericht, S. 102)

„Es sei nach seiner Ausbildung in der Polizeischule der erste solche Einsatztag für ihn gewesen.“ (welt)

Seine damalige Freundin Rebecca V. wunderte sich am Tattag über das Verkehrschaos in Heilbronn und schrieb ihm eine SMS , …

„… ob er daran schuld sei, weil sie wusste, dass er an diesem Tag in Heilbronn eingesetzt war, obwohl er eigentlich Urlaub hatte.“ (Ermittlungakten, S. 103)

Martin Arnold und Michele Kiesewetter kannten sich:

„Als mir erstmals bewusst wurde, dass Michèle nicht mehr da war, brach ich in Tränen aus, boxte den Kollegen in den Bauch. Ich wollte es nicht wahr haben!“ (…) „Sie war ein sehr aufgeschlossenes Mädel, ist immer locker flockig rumgesprungen. Tolles Mädel, sie war immer gut drauf. Sehr engagiert und lebensfreudig.“ (bild)

Ihre Partnerin in der Wohngemeinschaft war Frau M. Sie fand einen Zettel mit Arnolds Handynummer im Schuh Kiesewetters:

„Vor der Wohnung wurde von Frau M. ein Zettel übergeben, der sich in einem Schuh der Verstorbenen in einem Schuhregal befand. Auf diesem Zettel steht die Rufnummer 0163/…, die späteren Ermittlungen zufolge auf Martin ARNOLD ausgegeben war.“ (Ermittlungsbericht, S. 74)

Fragen

Wurde Frau Kiesewetter am 19.04. gefragt, den Dienst am 25.04 zu übernehmen, als Ersatz für einen erkrankten Kollegen?

Hatte sie eine „Nachtwache in Böblingen“, die sie mit einem Kollegen tauschte?

Warum versteckte Fra Kiesewetter die Handynummer von Martin Arnold im Schuh?

Warum wollte Martin Arnold an dem Tag den BFE-Einsatz machen? Hat er sich mit Frau Kieswetter abgesprochen?

3. Der NSU-Wohnwagen

Das Wohnmobil wurde zunächst für die Zeit vom 16. bis 19. April 2007. (bz) Die „Bild“ schlägt vor, dass der NSU in diesen Tagen Kiesewetter in Heilbronn „aufgelauert“ hätte. (bild)

Böhnhardt hätte dann den Mietvertrag am 19.4. verlängert. Frau Kiesewetter hätte jedoch laut des Ermittlungsberichtes erst am folgenden Tag zugesagt, den Einsatz am 25.04. durchzuführen.

„Böhnhardt aber verlängerte die Mietzeit telefonisch bis zum 26. April.“ (bz)

Tatsächlich …

„… gebe es eine Einmietung vom 24.-26.6.2007 auf dem Campingplatz Cannstatter Wasen unter den Namen Ralph Beier und Max Burkhardt. Schriftvergleichsuntersuchungen hätten ergeben, dass es eine gewisse Ähnlichkeit der Handschriften von Max Burkhardt mit Uwe Mundlos sowie von Ralph Beier mit Uwe Böhnhardt gebe.“ (nsu-watch)

Siehe auch: „Das Gelüge um das NSU-Wohnmobil“ (Friedensblick)

Aufbauend auf dem Ermittlungsbericht ist es unmöglich, dass Böhnhardt / Mundlos am 19.04. informiert waren, dass Kiesewetter am 25.04. den Einsatz in Heilbronn macht. Der Grund ist, dass Frau Kiesewetter erst am nächsten Tag, am 20.04., zusagte, den Einsatz durchzuführen. Warum sollte jemand Kiesewetter überhaupt 9 Tage „auflauern“?

Ein Gedanke zu „NSU: Unklarheit über Kiesewetters tödlichen Einsatzplan“

  1. Zur Version vom 75. Verhandlungstag :
    Die Anfrage für eine Vertretung kam spätestens am 17. rein, dann wurde eine Liste aufgehängt in der sich Interessenten dafür eintragen konnten. Michéle Kiesewetter erhält am 19. einen Anruf, ob sie dafür immer noch in Frage kommt. Sie muss sich also vor dem Anruf dafür zur Verfügung gestellt haben, demnach hat sie sich spätestens am 19. auf der Liste eingetragen. Es könnte aber auch schon am 17. gewesen sein. Wenn es der NSU auf Kiesewetter abgesehen hat dann könnte ja der Eintrag auf der Liste und damit die Möglichkeit der Vertretung dafür ausgereicht haben den Mietvertrag zu verlängern. Die Verlängerung des Mietvertrages erfolgte bevor Kiesewetter am 20. noch mal zurückgerufen hatte, aber es ist gut möglich das sie da schon auf der Liste stand, die ja auch für andere Kollegen einsehbar gewesen sein müsste.

    Zur Version vom 77. Verhandlungstag :
    Tja, nebenbei wird erwähnt das sie mit jemand anderen getauscht hatte, nichts mit Krankheit. Das sollte aber eigentlich nichts daran ändern das Kiesewetter spätestens am 19. versucht hatte ihre Nachtschicht gegen den ‚Sichere City‘-Einsatz zu tauschen( soll ja von ihr ausgegangen sein). Die Daten zu den Telefonaten mit Ho., der für die Dienstpläne zuständig war, sollten ja trotzdem stimmen. Nun weiss man also nicht wann Kiesewetter diesen Tausch angeregt hat. Aber auch bei dieser Version sollte es spätestens am 19. gewesen sein.
    Die Geschichte mit der Liste kann trotzdem stimmen, auch wenn es nicht zu diesem sondern einem anderen Tausch kam. Wenn sie erfunden war müsste sich die Zahl derer, die von Kiesewetters Änderungsplänen wussten, theoretisch eingrenzen lassen.

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