Jesus – Opfer eines blutrünstigen Gottes?

Die eigentliche Botschaft Jesu, in der Bergpredigt klar erläutert, steht im Abseits. Zum Teil extrem-fundamentalistische Christen miss-interpretieren seine Liebestat: Der Kreuzestod wäre verlangt worden von seinem zornigen Vater-Gott, der ein Blut-Opfer für die Sünden der Menschheit verlangt hätte. Diese furchtbare Vorstellung eines grausamen, strafenden Gottes ist nicht vereinbar mit der „frohen Botschaft“ von Christus. Folgende Theologen und Mystiker stellen sich entgegen:

Hans Küng zum Kreuzestod Christi als Sühneopfer für die Sünden:

„Dieses Opfer besagt keine versöhnende Beeinflussung eines zornigen Gottes: Nicht Gott, der Mensch muß versöhnt werden durch eine Versöhnung, die ganz Gottes Initiative ist.“ (Hans Küng, Die Kirche, S. 258).

Anselm Grün

„Gott braucht nicht den Tod Jesu, um uns vergeben zu können. Er vergibt, weil er uns liebt … Wir müssen uns vor dem magischen Missverständnis hüten, als ob der Tod Jesu notwendig war, damit Gott uns vergeben könne … Gott hat schon vor dem Tod Jesu am Kreuz Menschen ihre Sünden vergeben … aber offensichtlich braucht der Mensch das Bild des Kreuzes, um an die Vergebung durch Gott glauben zu können … Seine Selbstverurteilung hindert ihn daran, an die Vergebung zu glauben.“ (A. Grün, Dem Alltag eine Seele geben. Herder 2003, S.115)

Willigis Jäger

„Der Kreuzestod Jesu wurde von den Theologen zum Sühnetod erklärt, Jesu habe das Lösegeld für unsere Sünden bezahlt, sagen sie. Sünde wurde zur Beleidigung Gottes stilisiert für dieses „schreckliche“ Vergehen der Beleidigung Gottes kam nur eine unermessliche Reparation in Frage, nämlich der Tod des Gottessohnes Jesu. Jesu hat eine Strafe zu erdulden, die eigentlich der Mensch verdient hätte. Das bedeutet im Grunde einen Rückfall in eine alttestamentliche Religiösität. Dort wurden die Sünden des Volkes durch Handauflegung vom hohen Priester auf ein Tier übertragen, auf einen Ziegenbock oder Schafbock, der damit zum Sündenbock wurde. Dieser wurde vor das Lager geführt und geopfert. Mit dem Blut wurde das Volk entsünt. Diese Zeremonie wurde auf Jesus übertragen. Er wurde zum Opferlamm, das für unsere Sünden gestorben ist. Aber Jesus selber hat seinen Tod sicher nicht als Sühnetod verstanden, er wurde hingerichtet als Volksverführer. Er hat eine Lehre verkündet, die der Gesetzesreligion der Schriftgelehrten widersprach.“
(Willigis Jäger, Mystik im 21. Jahrhundert, S. 134)

Jürgen Fliege

„Ich will nicht, dass Jesus für mich gestorben ist.“ Wir müssen „Abschied nehmen vom Blut, Abschied vom Sühneopfer, Abschied davon, dass Leiden, das man freiwillig auf sich nimmt, jemanden erlösen kann.“ (Jürgen Fliege, die zehn Gebote, S. 50).

Nach Eugen Drewermann

Was aber sollte das für ein Gott sein, der erst durch einen so barbarischen Akt wie die Hinrichtung eines zudem völlig unschuldigen Menschen mit dem er in einer Vater- Sohn Beziehung steht „gnädig“ gestimmt werden muss?

Brief aus Taizé 2004/3

„Kann das Leiden eines Unschuldigen uns retten?

(…) Wir wissen, daß Jesus einen schrecklichen Tod erlitten hat. Die Kreuzigung war eine der schlimmsten Foltern der Alten Welt und für die Juden ein Zeichen dafür, von Gott verworfen zu sein (Deuteronomium 23,23; Galater 3,13). Das Neue Testament gibt uns zu verstehen, daß das Kreuz kein Fehlschlag und keine Verurteilung war, sondern ein Werkzeug zu unserem Heil ( z. B. Galater 6,14; Kolosser 1,20). Es ist nicht erstaunlich, daß es von jeher nur schwer zu begreifen war, wie etwas so Schreckliches so glückliche Folgen zeitigen konnte.

Dieses Unverständnis beruht letztlich auf einer Zweideutigkeit, die zu klären sich lohnt. Seit Jahrhunderten hat diese Zweideutigkeit Verheerungen angerichtet und unzählige Menschen vom Glauben an Christus entfernt. Sie besteht in der Vorstellung, daß das Leiden Jesu als solches rettenden Wert besitzt. Anders gesagt, Gott der Vater wäre darauf angewiesen, stünde also in einem gewissen Einvernehmen mit der Gewalt, die auf seinen einzigen Sohn ausgeübt wird.

Es genügt fast, diese These auszuformulieren, um sich darüber klarzuwerden, daß sie nicht nur falsch, sondern gotteslästerlich ist. Wenn Gott nicht einmal möchte, daß böse Menschen leiden und sterben (Ezechiel 33,11), wie sollte er dann beim Leiden seines geliebten Sohnes, des Ersten aller Unschuldigen, Genugtuung empfinden? Das Leiden als solches hat in den Augen Gottes keinerlei Wert. Mehr noch, der Schmerz, der das Lebendige abtötet, steht in vollkommenem Widerspruch zu einem guten Gott, der will, das alle Menschen in Fülle leben (Johannes 10,10).

Woher kommt also diese Zweideutigkeit? Unter anderem von einer zu oberflächlichen Lesart biblischer Texte, die ihrerseits Zusammenfassungen sind. Bei dieser Lesart tritt nicht zutage, worum es im Letzten geht. Im Letzten geht es nämlich um die Liebe. Denn nur die Liebe kann Leben schenken, kann retten. Das Leiden hat zwar keinen Wert in sich, ist meistens nichts als zerstörerisch, aber es gibt Augenblicke, in denen man unbegreifliches Leid auf sich nimmt, um der Liebe treu zu bleiben. Die Texte im Neuen Testament, die das Leiden zu verherrlichen scheinen, feiern in Wirklichkeit die Liebe Gottes, der um des geliebten Menschen willen in der vollkommenen Hingabe bis zum Äußersten geht. Daran erinnert uns Johannes ausdrücklich: „Es gibt keine größere Liebe, als sein Leben für die Freunde zu geben“ (Johannes 15,13).

Im Satz „Christus hat für uns gelitten“ (1 Petrus 2,21) beispielsweise ist es das „Für uns“, worum es im letzten geht, die Gegenwart der Liebe. In seinem Sohn hat Gott das Menschsein angenommen und dabei aus Liebe den letzten Platz erwählt. So ist das Kreuz Ausdruck einer vollkommenen Solidarität (vgl. Philipper 2,6-8). Und wenn Paulus schreibt, daß er die Leiden Christi teilt ( z. B. 2 Korinther 1,5; Philipper 3,10; Kolosser 1,24), bringt er damit seine Sehnsucht zum Ausdruck, sich in der Nachfolge Jesu ohne Einschränkungen für die anderen zu verausgaben. Weil Christus die Leiden unseres Menschseins aus Liebe auf sich genommen hat, können diese Leiden nicht mehr als verdiente Strafe oder blindes und absurdes Schicksal erfahren werden, sondern als eine Begegnung mit der Liebe und als ein Weg zum Leben.  (chrismon)

Gregor von Nazianz

… lehrte schon im Jahr 380, dass der Tod Christi ein höchst freiwilliges Opfer des selbst göttlichen Christus an Gott sei, jedoch nicht um dessen Zorn zu befriedigen oder ihn mit der Menschheit zu versöhnen, sondern um umgekehrt die Menschen mit Gott zu versöhnen.

Er war einer der vier großen griechischen Kirchenlehrer der Alten Kirche und einer von nur drei Kirchenvätern, denen offiziell der Titel der Theologe verliehen wurde (die beiden anderen sind der Apostel Johannes und Simeon der Neue Theologe.) Zusammen mit Basilius von Caesarea und Johannes Chrysostomos ist er einer der drei heiligen Hierarchen.)

Prof. Dr. Ratzinger (Papst Benedikt XVI)

„Damit ist nun im Grunde auch schon die Frage beantwortet, von der wir ausgegangen sind, ob es nicht ein unwürdiger Gottesbegriff sei, sich einen Gott vorzustellen, der die Schlachtung seines Sohnes verlangt, damit sein Zorn besänftigt werde. Auf eine solche Frage kann man nur sagen: In der Tat, so darf Gott nicht gedacht werden. Aber ein solcher Gottesbegriff hat auch nichts mit dem Gottesgedanken des Neuen Testaments zu tun.“ (a.a.O. S. 274 in Einführung in das Christentum (München: Kösel-Verlag, 1968), neu aufgelegt, (Augsburg: Weltbild, 2005)

Dazu im Gegensatz eine Stellungsnahme pro Sühneopferlehre:

 Heidelberger Katechismus (Glaubensbekenntnis reformierter Landeskirchen):

 „Auf daß er aus Kraft seiner Gottheit die Last des Zornes Gottes an seiner Menschheit ertragen und uns die Gerechtigkeit und das Leben erwerben und wiedergeben möchte.“

7 Gedanken zu „Jesus – Opfer eines blutrünstigen Gottes?“

  1. Die Einbildung, wir lebten in der “besten aller möglichen Welten”, gehört bekanntlich zur so genannten Allgemeinbildung, in der die folgende Weisheit aber nicht vorkommt:

    Diejenigen, die sagen: “Der Herr ist zuerst gestorben und dann auferstanden”, sind im Irrtum. Denn er ist zuerst auferstanden und dann gestorben. Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, wird er sterben.

    (Nag Hammadi Library / Philippusevangelium / Spruch 21)

    Den elementaren Erkenntnisprozess der “Auferstehung aus dem geistigen Tod der Religion”, der zuerst dem Propheten Jesus von Nazareth gelang, als ein “Herausklettern des toten Jesus aus seinem Grab” zu verkaufen, ist schon mehr als abenteuerlich. Aber bis heute glauben ungezählte Millionen an diesen aberwitzigen Unsinn! Warum? Weil der religiös verblendete “Normalbürger” eine Heidenangst vor der Auferstehung hat, dem endgültigen Ausstieg aus dem “Programm Genesis”. Nach dem Ausstieg muss er nämlich erkennen, dass er sich nicht in der “besten aller möglichen Welten” befindet, sondern ganz im Gegenteil im schlimmsten Horror, vor dem sich die Augen nun nicht mehr verschließen lassen:

    Jesus sagte: Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden. Und wer einen Leichnam gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.

    (Nag Hammadi Library / Thomas-Evangelium / Logion 56)

    Die Programmierung des kollektiv Unbewussten mit dem künstlichen Archetyp Jahwe (Übergang vom Vielgottglauben zum Eingottglauben) befreite zwar einerseits die Menschheit aus der unbewussten Sklaverei des Ursozialismus, ließ aber andererseits dem bis heute unbewussten Kulturmenschen die systemische Ungerechtigkeit der Erbsünde nicht erkennen, aus der zwangsläufig alle Zivilisationsprobleme erwachsen, die sich überhaupt thematisieren lassen. Jesus erkannte die Erbsünde und fand als erster Denker in der bekannten Geschichte die einzige Lösung (Erlösung) zu ihrer Überwindung. Wo die Menschheit heute wäre, hätte die Moralverkaufs-Mafia der “heiligen katholischen Kirche” das größte Genie aller Zeiten nicht zu einem moralisierenden Wanderprediger degradiert und die originale Heilige Schrift des Urchristentums verbrannt, sprengt jedes Vorstellungsvermögen! Aber es ist nun mal passiert, und selbstverständlich agiert die schlimmste Verbrecher-Organisation der Welt nicht aus Bosheit, sondern aus purer Dummheit, sodass man ihr nicht einmal böse sein kann. Die Volksverdummung durch den Katholizismus (stellvertretend für alles, was sich heute “christlich” nennt) war so “erfolgreich”, dass noch zwei Weltkriege stattfinden mussten, zwischenzeitlich ein Teil der Menschheit mit der Ersatzreligion des Marxismus wieder in den Staatskapitalismus zurückfiel, und heute die totale atomare Selbstvernichtung droht, während das konkrete Wissen zur endgültigen Überwindung von Massenarmut und Krieg schon seit über einem Jahrhundert erneut zur Verfügung steht:

    Macht oder Konkurrenz

  2. Ich empfehle allen Lesern Stott’s Buch „Das Kreuz“.
    Jesus allein kann uns sein Geschenk am Kreuz offenbaren. Wann hören wir auf uns selbst eine Lösung zu suchen? Unser Stolz hält uns ab, anzunehmen, was wir selbst nie schaffen , sondern nur annehmen können. Jesus selbst ist die Wahrheit und in ihm allein werden wir wahrhaft frei.

  3. Theologen können aus einem Bibel-Text alles mögliche herauslesen bzw. in ihn hineinlesen. Und wer hat schon was gegen sympathische Vorstellungen einer zeitgemäßen Theologie, die sich bis ins Jahr 380 zurückverfolgen lässt.

    Aber ist das auch HISTORISCH haltbar, quasi Kern der ursprünglichen Jesus-Religion? Wenn ich mir eine beliebige religiöse Seite im Internet suche (deren ideologische Tendenz mich jetzt mal nicht interessiert), dann finde ich Aufsätze, in den massenhaft Bibelstellen („Neues Testament“) zitiert werden, die die „Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer“ bestätigen, z.B.:
    http://herold-blog.com/2015/08/31/ron-kubsch-jesu-tod-als-gottes-hingabe-und-stellvertretendes-suehneopfer/

    Zusammen mit Schöpfungsfluch und Erbsünde (vgl. die Story vom Paradies-Apfel, den Adam & Eva auf Anraten der sprechenden Schlange verbotswidrig anknabberten) haben wir die drei etwas peinlichen Säulen unseres christlichen Erlöser-Glaubens, die so unschön nach einem rachsüchtigem Gott aussehen, der seine (Langzeit-)Wut nur durch generationenübergreifende Sippenhaft und Ersatzopfer an möglichst unschuldig, aber qualvoll Sterbenden (Golgotha) stillen kann. Alle biblischen Zuschreibungen von All-Barmherzigkeit können diese Seite des (ur)christlichen Gottesbildes nicht aufheben.

    Es sind zugleich die drei wichtigsten Unterschiede zum Islam.
    Auch der Islam kennt Menschen- und Gottesliebe – der Koran schöpft ja reichlich aus Altem und Neuem Testament („wahrscheinlich mündlich durch die syrische Kirche überliefert“) – aber dort muss und kann jeder nur für seine eigenen Sünden büßen.

    Dass ein etwas moderner gedachtes Christentum sich gerade dadurch ausgerechnet dem Islam annähert, sollte uns in diesen weihnachtlich-kriegerischen Zeiten hoffnungsvoll stimmen. Ein dreifaltiger Gott als vierte Barriere gegenüber dem strengen Monotheismus von Moslems (UND Juden) taucht in heutigen theologisch-kirchlichen Verlautbarungen kaum noch auf und war schon früher eher ein hochtheoretisches Konstrukt, das in den praktischen Lebens- und Glaubenserfahrungen der normalen Leute nicht vorkam und nicht einmal in den Schauungen der Mystiker.

    Klar, dann wären da noch christliche Hexenverbrennungen und islamisches Handabhacken. Aber wenn wir den Himmlischen für alle Fehler und Eigenmächtigkeiten seines (selbsternannten) Bodenpersonals in Haftung nehmen, stoßen wir nie zu den Kernbotschaften der Religionen vor.
    Nicht jeder Moslem ist ein saudisch-salafistischer Fanantiker und nicht jeder Papst ruft zu blutigen Kreuzzügen gegen Ungläubige auf.

  4. „… und nicht jeder Papst ruft zu blutigen Kreuzzügen gegen Ungläubige auf.“

    Wenn es nur die Kreuzzüge gewesen wären.
    Denken wir nur an die islamophoben Massenmorde in Österreich 1683. Oder die ausländerfeindlichen Pogrome in Frankreich 732.
    Nicht zu reden von den Vertreibungen der Muslime aus Ungarn, Rumänien und Bulgarien.

  5. „alles mögliche herauslesen“ – ne, Leute, den Spruch lasst mal stecken. Natürlich gibt es eine Vielfalt in der Interpretation (sonst wäre es ja auch langweilig), aber keine Beliebigkeit. Wir katholischen Christen achten unser Lehramt UND erfreuen uns der Freiheit der selbständigen Auslegung. Alles, was hier läuft, fußt natürlich auf Prinzipien, die die Heilige Schrift UND die Tradition der Kirche (= Gemeinschaft der Gläubigen) hergeben. Ein Kleinreden dieser Prinzipien von außen empfinde ich als beliebig-unqualifiziertes Gehabe.

  6. Wie die zig Aufspaltungen der „christlichen“ Kirche (aber nicht nur dieses, leider bis heute sehr einflussreichen Vereins) , die Häresieprozesse z.B. von den Templern über die Katharer bis hin zu Boff und Küng klar beweisen , ist die Bibel (AT und NT) ein nahezu beliebig interpretierbares Geschichten-, Mythen- und Märchen Buch.

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