Kommentar zum Amoklauf von Hanau

„Bekir“ verfasste einen interessanten Kommentar, den ich als Artikel hier veröffentliche:

„Wir waren eine Gruppe von fast 30 Jugendlichen, die coolste Multikulti-Truppe von Hanau“ – … sagt ein Jugendfreund von Amok-TäterTobias Rathjen laut
https://www.derwesten.de/panorama/vermischtes/hanau-tobias-rathjen-terror-fussball-juergen-klopp-id228492241.html

Rathjen kickte einst unter Trainer-Legende Jürgen Klopp in der Jugendmannschaft von Eintracht Frankfurt, musste aber wegen einer Verletzung den Sport aufgeben. In der Folgezeit verfiel er immer stärker Wahnvorstellungen: „Schon als Baby sei ihm der Gedanke gekommen, dass er überwacht werde“.
Kriminalpsychologin Lydia Benecke „sieht eine Mischung aus Wahn und Narzissmus. Die Ermittler gehen von einer ,schweren psychotischen Krankheit‘ aus. Anzeichen dafür blieben offenbar unentdeckt.“

Wie schön daher, dass Deutschland wenigstens eine, über aller Fachkenntnis stehende, aber umso „entdeckungsfreudigere“ Berufsgruppe hat: die Politiker. Die sind nämlich sofort zum Schluss gekommen, bei so viel Wahn könne es sich nur um Rechtsradikalismus handeln.

Der gute Rathjen hatte in der Tat Vernichtungsfantasien bezüglich etlicher kompletter Völker (moslemische plus Israel) geäußert und dann ergänzt:
„Und dies wäre erst die Grob-Säuberung. Danach muss die Fein-Säuberung kommen, diese betrifft die restlichen afrikanischen Staaten, Süd- und Mittelamerika, die Karibik und natürlich das eigene Volk. Wobei ich anmerkte, dass nicht jeder der heute einen deutschen Pass besitzt reinrassig und wertvoll ist; eine Halbierung der Bevölkerungszahl kann ich mir vorstellen“.

Sein eigentlicher Rassismus gilt aber (in Verbindung mit einer Art göttlicher Allmachts-Fantasie) der Menschenrasse als Ganzes: „Zudem müssen wir eine ,Zeitschleife‘ fliegen und den Planten, den wir unsere Heimat nennen zerstören, bevor vor vielen Milliarden Jahren das erste Leben entstand. Denn wir können nicht, dass was alles jemals auf dieser Erde passiert ist, das Millionenfache Leid dass Menschen erlitten haben, so stehen lassen.“
https://sezession.de/62200/hanau-zweierlei-psychosen

Nun ja, strenggenommen hassen Rassisten nicht die gesamte Menschenrasse, sondern unterscheiden zwischen mehreren Rassen, wovon sie immer nur andere als die jeweils eigene Rasse hassen. Entsprechend war auch die Umsetzung seiner Genozidpläne nicht so richtig zielführend, wenn er nach neun nicht durchweg als Migranten erkennbaren Menschen bereits zwei eindeutige „Arier“ tötet (nämlich Mutti und sich selber) und damit dann schon Feierabend ist.

Außerdem muss ich gestehen: Bei Vernichtungsfantasien gegen den Weltschädling Menschheit als Ganzes fallen mir spontan eher militante Klimaschützer ein, viel weniger die typischen Rechtsradikalen. Tatsächlich äußerte er eine gewisse brennende ökologische Sorge: „Bei dieser Einzigsten relevanten Mission haben wir zudem nicht unbegrenzt Zeit, da Naturkatastrophen jeglicher Art ins Kalkül genommen werden müssen, die uns vielleicht nicht komplett eliminieren werden, bevor wir das Ziel erreicht haben, aber uns immer wieder entscheidend zurückwerfen können.“

Im Grunde denke ich aber bei solchen Zitaten ganz vorrangig und altmodisch an einen unpolitischen Amoktäter mit kranker Psyche, wie 2002 in Erfurt oder 2009 in Winnenden (gerne auch in Verbindung mit dubiosen, evtl. nicht ganz so unpolitischen Ermittlern).

Aber damit gehöre ich wie gesagt zu den Altmodischen.

„Wahnsinn und Faschismus sind eben keine Gegensätze, sondern können sich gegenseitig bestärken“, lautet die zeitgemäße neue Maxime, beschrieben von Peter Nowak, der diesen Modetrend einerseits zu Recht (ein bisschen) kritisiert, andererseits aber irgendwie doch ganz gut und plausibel findet,
https://www.heise.de/tp/features/Wenn-Amok-und-Faschismus-zusammenfallen-4666170.html

Denn hat man die neue Weisheit erst mal verinnerlicht, dann kann man sie recht großzügig anwenden: „Dabei brauchen sie nie im Leben vorher in rechten Kreisen auffällig geworden sein, wie es bei dem Täter von Hanau und wie auch bei denen von Wächtersbach und München wohl der Fall war.“
Gerade an der Entwicklung seit dem Münchner Fall macht Nowak den „Lernfortschritt“ fest: „… Amokläufer David Sonboly, der am 22. Juli 2016 in München 9 Menschen, alle hatten einen Migrationshintergrund, ermordete. Erst mit einiger Verzögerung stufte die Staatsanwaltschaft die Taten als rassistisch motiviert ein“.
Den nicht schwer zu findenden Grund des „Zögerns“ verschweigt Nowak allerdings: Sonboly selber hatte nämlich auch einen Migrationshintergrund. Seine Eltern kamen kurz vor seiner Geburt aus dem Iran nach Deutschland und erst mit Volljährigkeit – zwei Monate vor dem Amok – ließ er seinen moslemischen Vornamen „Ali“ durch den ganz bestimmt nicht deutsch-nationalen, sondern durch den interreligiösen „David“ (iranisch: Davud) ersetzen.

Die leichten Skrupel, die Peter Nowak äußert, machen sich nicht an solchen Kleinigkeiten fest. Bei der Ausweitung des Radikalen-Begriffs gilt seine Sorge nämlich APO, Antifa und anderen Linken:
„Doch besonders außerparlamentarische Gruppen sollten nicht in die Falle einer umgekehrten Sympathisantenjagd gehen. In den 1977er Jahren gerieten alle linken Gruppen, die den Kapitalismus kritisierten, und selbst liberale Schriftsteller wie Heinrich Böll, die Kritik an den deutschen Verhältnissen übten, in den Verdacht, der Rote-Armee-Fraktion zuzuarbeiten. Noch bis in die 1990er Jahre wurden von Konservativen die Grünen als parlamentarischer Arm von militanten Linken bezeichnet.“

Zumindest letzteres kann nicht mehr passieren: Die Grünen sind selber konservativ-staatstragend geworden und können jetzt Schulter an Schulter mit der CDU die nicht so ganz staatstragenden Elemente pauschalisierend-diffamierend in die radikale Ecke stellen.
Nowak mahnt allerdings zu Vorsicht: „Doch wenn nun Cem Özdemir die AfD als parlamentarischen Arm der bewaffneten Neonazis bezeichnet, wird das zumindest im Fall von Hanau schwer nachzuweisen sein.“ Mag sein … aber mein Gott, der Mann ist im Wahlkampf – heute wird in Hamburg gewählt – da wird man doch mal ganz uneigennützig die Partei der Guten (d.h. die eigene) von der bösen Partei abheben dürfen!

Peter Nowak weiß jedenfalls, dass die „nie im Leben vorher in rechten Kreisen auffällig geworden(en)“ Gewalttäter so etwas sind wie unerkannte, unters Volk gemischte Coronavirus-Träger: „Sie fühlen sich als Vollstrecker einer schweigenden Mehrheit, die nicht in der Lage oder fähig dazu ist, das zu tun, was sie selbst dann ausführen.“

Darum geht es letztlich – die schweigende Mehrheit vor sich selbst zu schützen (oder die Politiker vor der schweigenden Mehrheit?) – und dafür braucht es jedenfalls abschreckende und abstoßende „Vorbilder“. Auch wenn diese „Hasskrieger“ in Wahrheit so unpolitisch sind, wie es nur wirklich kranke Irre sein können.

6 Gedanken zu „Kommentar zum Amoklauf von Hanau“

  1. Ja also der plötzliche Hass einer noch plötzlicheren Blitz-Radikalisierung gibt es da Spuren im die sich in die Lebenszeit des T.R. zurückverfolgen lassen?
    Möglichst auch die Videos aus seiner Netzseite, da deren Authentizität besser als Text von irgendwo.

  2. Das Narrativ vom rechtsradikalen Täter wird von Seehofer über Merkel bis ganz nach links lautstark vertreten und schnell für eigene Zwecke instrumentalisiert.
    Die wenigsten Zweifel erwartet man bei den Linken, die seit dem NSU-Narrativ zwar weiterhin braune Sympathisanten im staatlichen Apparat vermuten und entlarven wollen, aber bei der Verselbstmordung brauner Täter bekanntlich entschlossen „ausermittelt!“ rufen und vollstes Vertrauen in den (tiefen?) Staat verlangen, der die auf ihn selbst weisenden Mord-Indizien weder in Eisenach-Stregda aufgeklärt hat noch in Temmes Kassel überhaupt aufklären lassen will (120 Jahre Aktensperre).
    Das Vereinnahmen der Hanauer Opfer geschieht im linken Spektrum mit einer absurden Selbstverständlichkeit, so dass man schmunzeln muss, wenn man die linke Empörung über Erdogans (spiegelbildliche, aber eben nicht linke Vereinnahmung der Opfer) liest,
    https://taz.de/Hanau-und-Rechtsextremismus/!5664458/
    (Motto: Der Türke am Bosporos soll sich gefälligst raushalten, das sind unsere deutschen Türken, die da gestorben sind!)

    Es gibt aber noch eine linke Ecke, die sich dem Gleichschritt der Partei- und Mainstream-Linken verweigert:
    „War das Massaker von Hanau eine Geheimdienstoperation? Täter und gezeigter Mörder sind nicht identisch!“
    … fragt Yavuz Özoguz auf
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26602

    Am Ende seines Beitrags erwähnt er, dass in den türkischen Medien immer wieder türkischsprachige Interviews von Betroffenen und benachbarten Zeugen verbreitet werden, für die ganz eindeutig der gesehene Täter nicht identisch sei mit dem in den Medien präsentierten Mörder.

    Außerdem wundert er sich, wie schnell und gut (ausführlicher als z.B. BILD) am frühen Morgen danach italienische Medien über die neue und bereits wieder gelöschte Homepage des Täters informiert waren.
    „Mir fällt auf, dass eine Person, die zuvor noch nie im Internet ernsthaft tätig war, innerhalb kürzester Zeit eine Homepage aufbaut, ein kurzes Video hochlädt, dann ein Massaker an Muslimen begeht, seine eigene Mutter ermordet und dann sich selbst.“

    In der gleichen Zeitung beklagt sich der als Tagesschau-Kritiker bekannte Ulrich (Uli) Gellermann über die „Heuchler nach Hanau“, die „mit Trauermienen von Kamera zu Kamera“ wandern und dabei einen selektiven Blick aufs Geschehen haben,
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26619

    Und Hartmut Barth-Engelbart meint, die Junge-Welt-Redaktion hätte angesichts fehlender Tatort-Spuren „mal kurz bei Wolfgang Schorlau nachfragen können“ und argwöhnt, dass nicht alles Zufall ist, was danach aussieht:
    „Große Anti-Kriegs-Demonstrationen gegen ‚Defender 2020‘ werden jetzt wohl ausfallen, weil alles – zu Recht – gegen die Faschisten aufsteht“,
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26603

    Ungereimtheiten gibt es im Hinblick auf die zwei (oder mit Kiosk drei?) Tatorte und den (die?) Täter:
    „Warum ist die einzige Überwachungskamera-Quelle die sich von Tobias R. finden lässt verpixelt, wogegen die Videos seiner vermeintlichen Internetseite unverpixelt in allen Medien gezeigt werden?“), fragt sich bei Ken Jebsens Tagesdosis:
    https://kenfm.de/tagesdosis-27-2-2020-fragen-zu-hanau-der-code-18-erfaehrt-eine-weitere-bedeutung/

    Die Morde geschahen gegen 22:00 Uhr und gegen 03:30 Uhr sendete die BILD ein Telefonat mit dem Bürgermeister von Hanau, der nicht bestätigen konnte, ob es ein oder mehrere Täter waren. Umso interessanter wären daher Infos zum unverletzt angetroffenen Vater, der von der Polizei abgeführt wurde, als um 03:02 morgens ein SEK das Haus mit den Leichen von Tobias R. und seiner Mutter stürmten.

  3. Der Kommentator beim Bayrischen Rundfunk meint
    „Verschwörungstheorien sind keine harmlosen Spinnereien – und es wird Zeit, dass wir sie bekämpfen“
    https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/nach-hanau-verschwoerungstheorien-sind-keine-harmlosen-spinnereien100.html?fbclid=IwAR2ImHMEKGR0oWGABhAzKxYKLEPzw382W6pN1PS4IhS5fBlWdvEbmneZcnI

    War bisher „Verschwörungstheorie“ das Wort, um abfälligen Spott auszudrucken, so „sollten wir uns klarmachen, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, eben nicht nur durchgeknallte Spinner sind, über die man sich so herrlich beömmeln kann“.

    Dass der krankhafte Verfolgungswahn eines Tobias Rathjen irgendeinen Bezug zu Daniele Gansers Vorträgen über die NATO hat, wird der gute Christian Schiffer zwar vermutlich selber nicht glauben, aber er kann der Versuchung nicht widerstehen, sich an die schon bisher schon laufende Diffamierung von Daniele Ganser dranzuhängen und noch eins draufzulegen. Ganser ist für ihn jetzt wohl kein lächerlicher Verschwörungstheoretiker mehr, sondern ein gefährlicher (da er – wie auch immer – wohl Leute wie Rathjen anstachelt?)

    Oder sollte man doch umgekehrt fragen: Wenn Herr Schiffer sich wegen Daniele Ganser in die Hosen macht – hat Rathjen vielleicht ihn mit seinem Verfolgungswahn angesteckt? Bräuchte auch er (wie Rathjen vor seinem Amok) statt Leser eher einen Therapeuten?

  4. Wer unter Wahnvorstellungen leidet, ist möglicherweise vermindert schuldfähig. Die Frage ist aber doch, ob er dann auch bei Begehung der Tat vermindert schuldfähig war. Wobei noch zu klären wäre, ob der Mann die Tat überhaupt begangen hat. Denn dazu gibt es ja auch nichts Konkretes von Staatsanwaltschaft oder Polizei.

    Ich gehe mal davon aus, dass er es war und das er bei Begehung der Tat voll schuldfähig war. Weil sein Wahn überhaupt keinen Einfluss auf die unterstellte Tathandlung hatte, bzw. diese aus einer anderen – rationalen und intersubjektiv nachvollziehbaren – Motivation heraus erfolgte.

    Also entweder vermindert schuldfähig weil die Tat aus seinem Wahn resultiert, oder aber bei Begehung der Tat schuldfähig, z.B. weil er seine ganz realen Probleme mit diesem Teil der bundesdeutschen Parallelwelt lösen wollte. Leider hört man zu dieser naheliegenden Frage garnichts.

  5. Kröber, H. Hanau – ein schizophrener Gesinnungstäter?. Forens Psychiatr Psychol Kriminol (2020). https://doi.org/10.1007/s11757-020-00594-0:

    Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie nimmt der ehemalige (1996-2016) Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Charité, Prof. Dr. H.-L. Kröber, Stellung zum Attentäter von Hanau. Er kommt zu folgender forensisch-psychiatrischen Einschätzung:
    „Er (der Täter) ist schuldunfähig, denn krankheitsbedingt muss er die Tat mit zwingender Notwendigkeit durchführen; der schizophrene Wahn lässt ihm keine Wahl. Die Willenssteuerung ist aufgehoben, die Konzepte, zu denen das wahnhafte Denken sich durcharbeitet, sind im strikten Sinn alternativlos, und die Unrechtseinsicht in Wahnwelten verloren gegangen.“
    Abschließend wird beklagt, „dass man mit einer gewissen Wahrheitsunlust die schizophrene Erkrankung nicht als entscheidenden Hintergrund der Taten benennen mag, sondern glaubt, diese seien durch Rassismus hinreichend begründet“.

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