Das heilbronner DNA-Phantom – ab welcher Wahrscheinlichkeit wird Zufall zur Vertuschungsaktion?

Willkürlich verunreinigte über Jahrzehnte eine Verpackungsmitarbeiterin der Firma „Böhm Kunststofftechnik GmbH“1 einzelne Wattestäbchen mit ihrer DNA. Sie bearbeitete die Stäbchen „in Handarbeit“, die später Ermittler zur Spurensicherung in Tatorten nutzen. Sie wurde zur sogenannten „unbekannten weiblichen Person“ (uwp), der hunderte Ermittler über Jahre hinterherjagten, bis 2009 die Panne oder der Betrug? aufflog.

Nach dem heilbronner Polizistenüberfall am 25.04.2007 kamen allein 2007 hunderte dieser Wattestäbchen zum Einsatz, an verschiedenen Orten: Am Fahrzeug, an der Bekleidung, am Tatort und in der Umgebung, bei Tatverdächtigen; hunderte weitere Stäbchen 2008. Es wurden „regelmäßig sog. Leerproben“2 von unbenützten Wattestäbchen mituntersucht. Von April 2008 bis Ende März 2009 waren es „ca. 300, alle ohne DNA-Befund.“ Der damalige Kripo-Chef Volker Rittenauer unterstrich, dass die „uwP-Spur kein einziges Mal an den Leerproben gefunden wurde, sondern immer nur an den zur Spurensicherung verwendeten.“3

Der heilbronner Polizeireporter Helmut Buchholf kommentierte, dass er diese Darstellung nicht nachvollziehen könnte, denn: Irgendwann hätte die uwP – DNA doch an einem Kontrollstäbchen auftauchen müssen:

Wenn die so ein Wattestäbchen nehmen und die Spur aufnehmen, nehmen die immer noch ein zweites Wattestäbchen, ohne die Spur gesichert zu haben, aus der gleichen Kiste sozusagen, (…) und dann werden beide untersucht. Und wenn auf beiden Wattestäbchen diese DNA-Spur, dieser DNA-Treffer gewesen wäre, hätte man gewusst, „Okay, das kann nicht sein, ja“. Nur: Das LKA hat immer behauptet dass dieses Sicherheitswattestäbchen, das das immer sauber gewesen ist. Ich kann das bis heute noch nicht glauben, weil das ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.“4

Darüberhinaus stellt sich die Frage, warum in Heilbronn diese verunreinigten Wattestäbchen bevorzugt an der Dachkante über der Beifahrertüre eingesetzt wurden und nirgendwo anders? In der Asservaten- und Spurenliste aus dem Jahr 2008 werden hunderte Wattestäbchen aufgeführt. Allein das Opferfahrzeug (Kfz) wurde mit 160 Stäbchen abgetupft.

Von den insgesamt über 300 Stäbchen wurden nur sieben mit DNA einer Verpackungsmitarbeiterin kontaminiert. Bei fünf dieser sieben Wattestäbchen tupften Ermittler, an unterschiedlichen Tagen im April und Mai 2007 just die Dachkante über die Beifahrertüre ab und wurden dementsprechend fündig: Kfz. 17, Kfz. 17.1, 17.14, 17.16, 17.17.! Es gibt also ein zeitlich, wie räumlich passendes Auftreten der DNA-Treffer! Das dürfte die Soko bestärkt haben, in diese Richtung zu ermittlen.

  • Der erste Treffer wäre Kfz.17, oberhalb der Beifahrertür, Dachkante zwischen A- und B-Holm, gewesen. Dieses Wattestäbchen war die einzige Probe, die noch am Tatort gesichert wurde, laut Asservaten- und Spurenliste vom 04.06.2009 am 25.04.2007 um 15:38. Die Liste bezieht sich auf den Untersuchungsantrag Lisa 02-05. Dieser Antrag wäre für Kfz.17 am 29.04.2007 gestellt worden.5 Der dazugehörige Untersuchungsantrag befindet sich jedoch nicht in Ordner 23, in dem die DNA-Untersuchunganträge aufzufinden sind.
  • Im Ordner 23 befindet kein Antrag mit der Nummer Lisa 02-05. Am 29.04 wurde ein Untersuchungsantrag mit der LISA-Nummer 07-007467/632-01-04 gestellt. Dort werden die Wattestäbchen in einer Spuren- und Asservatenliste aufgezählt, die nach DNA-Spuren untersucht werden sollten. In dieser Liste ist Kfz.17 nicht aufgeführt! Dort stehen lediglich folgende Wattestäbchen-Nummern, mit einem Kreuz für „kriminaltechnische Untersuchung“ markiert: Kfz.6, Kfz.6.1, Kfz.7, Kfz.7.1, Kfz.8, Kfz.8.1, Kfz.9, Kfz.9.1, Kfz.10, Kfz.11, Kfz.12 und Kfz.13.6 Die Liste endet mit Kfz.13!
  • In Ordner 25 sind die Untersuchungsanträge aufgelistet, die Schmauchuntersuchungen betrafen. Dort taucht auf Seite 21 das Wattestäbchen mit der Nummer Kfz.17 auf. Der Antrag datiert auf dem 01.05.2007, die Lisa-Nummer ist 07-007467. Kfz.17 wurde also nicht nach DNA untersucht, sondern nach Schmauch.
  • Im Ermittlungsbericht vom 17.02.2012 steht: „Die DNA-Treffermitteilungen vor dem 04.06.2009 gingen jeweils telefonisch ein. Hierbei teilte Fr. Dr. S. vom KTI des LKA BW mit, dass sich sowohl am Ass.Kfz.17 (später dann konkretisiert an Kfz.17.19), nämlich an der Dachkante des Beifahrertür(…).“7 Was ist damit gemeint, dass Kfz.17 „später dann konkretisiert“ worden wäre, auf Kfz.17.19? Das Wattestäbchen Kfz.17.19 wurde erst am 07.06.2007 abgetupft. Die Frage stellt sich also zwingend: Warum wies das LKA die Soko-alt überhaupt am 31.05.2007 an, die Beifahrertüre nach DNA zu untersuchen?
  • Nachdem die Soko über diesen ersten DNA-Treffer Kfz.17 telefonisch am 31.05.2007 informiert worden wäre, tupften noch am gleichen Tag Ermittler das Opferfahrzeug an der Stelle mit Wattestäbchen ab. Das Fahrzeug befand sich in der Polizeidirektion Heilbronn. Es wurde lediglich der Fundort (Beifahrertür, Dachkante) mit 5 Wattestäbchen abgerieben, Kfz.17.1-Kfz.17.5. Es gab den zweiten Treffer bei 17.1.!
  • Am 07.06.2007 tupften Ermittler intensiv die Fahrer- und Beifahrerseite ab: 29 Stäbchen kamen allein an der Fahrerseite zum Einsatz, mit einem Treffer Kfz.13.11; die Beifahrerseite mit 16 Wattestäbchen. Am gleichen Tag erging der Untersuchungsauftrag.8 Es gab 5 Treffer – Kfz.17.10, 17.14, 17.16. 17.17 und 17.19. Diese Treffer befanden sich alle am ungefähr selben Ort, wie Kfz.17: Beifahrerseite, Dachkante zwischen A-und B-Holm!
  • Am 13.06.2007 wurde die Beifahrertüre untersucht.9 Es kam noch eine weitere uwP-Spur zum Vorschein: Kfz.66.1 am Türverriegelungsknopf der Beifahrertür.
  • Am 21.08.2007 wurde die Innenseite der Fahrertüre, „analog zur Beifahrertür“10, intensiv mit Wattestäbchen abgerieben, Kfz.82 bis Kfz.97, ohne Treffer.

Treffer zur „unbekannten weiblichen Person“ angeblich nur „telefonisch“ mitgeteilt

Im vorläufigen Bericht der Kriminaltechnik vom 04.12.2008 steht, dass das baden-württemberger kriminaltechnische Institut die Soko nur telefonisch über die DNA-Treffer der uwP informierte! Es lägen „keine schriftlichen Untersuchungsergebnisse vor.“11 Etwaige DNA-Untersuchungen bzw. -Spuren an der Bekleidung und Ausrüstungsgegenstände erwähnt der Bericht nicht!

Der französische Journalist Michel Ferracci-Porri stand mit der Soko-alt in Kontakt und veröffentlichte in seinem Buch „Die Affäre um das Phantom von Heilbronn. Eingetaucht in eine Ermittlung außer der Norm“ viele Details über den Spurenfund. Auf Seite 32 steht, dass die uwP-DNA „abgenommen [wurde] vom Armaturenbrett des Polizeifahrzeugs“! Dies stimmt jedoch nicht: Am Armaturenbrett gab es gar keine Treffer! Wusste also die Soko selbst nicht, wo der Treffer war – weil es 2007-2008 gar keine DNA-Untersuchung gab und damit gar keinen Treffer?

Fußnoten

O. heißt Ordner. Die Nummer hinter dem O. ist die Nummer des Hauptordners der Soko.

1 O. 13, S. 65

2 O. 13, S. 397

3 Stimme, „Fall lässt Ermittler nicht los“, 06.04.17, online: https://www.stimme.de/themen/10-jahre-polizistenmord/Polizistenmord-Heilbronn-Fall-laesst-Ermittler-nicht-los;art140023,3825180

4 Vgl. ARD, „Tod einer Polizistin, Das kurze Leben der Michèle Kiesewetter“, 24.04.17, Zeitindex 24:00

5 O. 26, S. 86

6 O. 23, S. 27

7 O. 1, S. 138

8 Vgl. O. 23, S. 188

9 Vgl. O 23, S. 213

10 O. 23, S. 297

11 O. 13, S. 110, vorläufiger Bericht der Kriminaltechnik vom 04.12.08: „Über die DNA-Auswerteergebnisse am Dienst-Kfz. liegen noch keine schriftlichen Untersuchungsergebnisse vor. Die DNA-Treffermitteilungen gingen jeweils telefonisch ein.“

12 O. 1, S. 162

13 O. 13, S. 51

Auszug aus meinem Buch, für welches ich keinen Verlag finde.

4 Gedanken zu „Das heilbronner DNA-Phantom – ab welcher Wahrscheinlichkeit wird Zufall zur Vertuschungsaktion?“

  1. Hallo Georg,

    ebenfalls sehr interessant ist auch, dass diese „uwP-DNA“ zur ca. gleichen Zeit in einem anderen Mordfall in BW auftauchte wo ebenfalls ein V-Mann involviert war – angesetzt auf die Islamistenszene und die Sauerland-Bomber.

    Ziemliche Zufälle…

    „Dass Verdächtige plötzlich in Schweigen verfallen, wenn es um das „Phantom“ geht, hat auch die Sonderkommission des Landeskriminalamtes von Rheinland-Pfalz erfahren. Im März fanden sie die DNA im Ford Escort eines ihrer V-Männer. In dem Auto hatten drei georgische Gebrauchtwagenhändler gesessen, die am 30. Januar getötet und in den Altrhein bei Mannheim geworfen worden waren. Der V-Mann, der aus dem Irak stammt und auf Islamisten angesetzt war, kam in Untersuchungshaft, ebenso ein Somalier, den er ausspähen sollte. Die beiden beschuldigten sich gegenseitig des Mordes. Zwar werde die „unbekannte Person“ nicht direkt mit diesen Morden in Verbindung gebracht, sagt Huber, aber man hoffe auf neue Erkenntnisse. Doch der V-Mann schweigt.“

    https://www.morgenpost.de/vermischtes/article103994946/Die-Jagd-auf-das-Phantom-von-Heilbronn.html

    https://www.sueddeutsche.de/panorama/mordprozess-in-frankenthal-ein-schlaeger-als-v-mann-1.487829-2

  2. Ist das Phänomen „Wattestäbchen“ nur ein Teil eines großangelegten Ablenkungsmanövers von der Wahrheit über das Verbrechen, die nie das Licht der Welt erblicken darf?
    Gibt es die angebliche Verunreinigerin der Wattestäbchen überhaupt, oder ist das nur eine dubiose namenlose Märchenfigur? Wohin flossen eigentlich die ausgesetzten 300.000 Euro für die Belohnung zur Aufklärung des Falles? Angeblich wurde bereits vor einer rechtskräftigen Verurteilung ein Teil der Belohnung ausbezahlt …

    1. Je 100 000 Euro flossen jeweils an 2 Zeugen in Eisenach, u.a. an den Zeugen Stutzke für seine Beobachtung, einer der Bankräuber sei „blond und schmächtig“ gewesen und wäre in einem Wohnmobil mit V-Kennzeichen geflohen. Weitere 100 000 Euro flossen nach meinen Recherchen an eine Zeugin aus Zwickau. Die (symbolische) Übergabe der Belohnungen fand wohl in der PD Gotha statt, wobei nach meinen Erkenntnissen die Zeugin aus Zwickau nicht anwesend war.

      Der Leiter der PI-Eisenach, Thomas Gubert, äußerte sich vor dem UA 6/1 in diesem Zusammenhang wie folgt, Zitat:

      „Nein. In weitere Ermittlungsmaßnahmen wird die Dienststelle eigentlich nicht eingebunden, außer dass zum Beispiel die Kollegen des BKA oder was weiß ich, wenn die zur
      Vernehmung kommen, wir dann Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, also Räumlichkeiten und Computertechnik, mit der die arbeiten können. Ansonsten sind wir eigentlich als Dienststelle eher nicht eingebunden. Das Einzige, wo wir noch mal waren, das war, als Herr Stutzke bei uns noch mal vorgesprochen hat bezüglich einer eventuellen Auszahlung der ausgelobten Belohnung.“ Zitat Ende
      (siehe Wortprotokoll 14. Sitzung UA 6/1 Thüringen, Seite 65)

  3. Am 06. April 2009 verfasste die Soko-neu einen zweiten Zwischenbericht zur uwp-Spur. Dort steht, dass in nahezu (…) allen Tatorten bzw. bei den zuständigen kriminaltechnischen Auswertestellen in Baden-Württemberg, dem Saarland und Rheinland Pfalz Wattestäbchen der Firma „Greiner Bio One“ verwendet wurde“. Es gab allerdings einen uwp-Fall in Frankreich. Es handelte sich um einen Raub in Arbois am 21. September 2004, der aufgeklärt wurde.
    Das besondere war, dass die Wattestäbchen gar nicht aus Deutschland kamen, sondern aus Spanien! „Im Fall Arbois/Frankreich (Raub/Fallakte 8) wurde nach hier vorliegenden Erkenntnissen die Spurensicherung mittels eines aus spanischer Produktion stammenden Wattestäbchens durchgeführt.“ (Polizeiordner 2, S. 459)
    War die Verpackungsmitarbeitern etwa auch in anderen Unternehmen tätig oder wurden die spanischen Wattestäbchen zur Verpackung nach Deutschland geschickt?

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