Ein Ausweg aus der Krise? Das „Projekt Weltethos“

Der katholische Theologe und Kirchenkritiker Prof. Dr. Hans Küng gründete das Projekt „Weltethos“. Im Weltethos einigten sich die Weltreligionen auf gemeinsame ethische Forderungen an sich selbst und an ihre Gläubigen; „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinen anderen zu.“ Im Folgenden werden seine Einsichten in die Sinnkrise des modernen Menschens aufgezeigt und die Notwendigkeit einer wahren, selbstkritischen und dialog-bereiten Religion.

Der Blogeintrag basiert auf Küngs Buch „Der Weltethos“ vom Jahr 1996.

Kapitel I) Von der Moderne zur Postmoderne

Parolen ohne Zukunft:

-Staatssozialismus

-Neokapitalismus („reich werden, leihen, ausgeben und genießen“)

„Viele Menschen wissen heute nicht mehr, nach welchen Grundoptionen sie die täglichen kleinen oder großen Entscheidungen treffen sollen, welchen Präferenzen sie folgen, welche Prioritäten sie setzen, welche Leitbilder sie wählen sollen. Denn die früheren Orientierungsinstanzen und Orientierungstraditionen – sie gelten nicht mehr. Eine Orientierungskrise grassiert, mit der die Frustration, Angst, Drogensucht, Alkohol, Aids und Kriminalität vieler Jugendlicher im Kleinen ebenso zu tun haben wie im Großen die neuesten Skandale in Politik, Wirtschaft, Gewerkschaft und Gesellschaft. (…)“

Diese Quasi-Religion „du sollst immer mehr, immer besser, immer schneller sein“ hätte abgewirtschaftet, was auch angesichts fehlender globaler und lokaler wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Zukunftssicherheit sichtbar wäre.

Küng stellt fest:

„Wissenschaft aber keine Weisheit

Technologie aber keine geistige Energie

Industrie aber keine Ökologie

Demokratie aber keine Moral“

„Sachwissen ist noch kein Sinnwissen, Reglementierungen sind noch keine Orientierungen, und Gesetze sind noch keine Sitten. (…) Was nützen den einzelnen Staaten oder Organisationen, ob der EG, den USA/UNO immer neue Gesetze, wenn ein Großteil der Menschen gar nicht daran denkt, sie auch einzuhalten, und ständig genügend Mittel / Wege findet die eigenen gegen die kollektiven Interessen durchzusetzen.“

Küng fragt, warum der Mensch aus Gründen des Gemeinwohles auf etwas Materielles verzichten soll: „Warum soll der Mensch gut sein?“

Der moderne radikale Pluralismus „Alles ist möglich“ und nihilistische Relativismus „Es gibt keine Wahrheit“ könnten darauf keine Antwort geben. Das wäre die Krise des modernen, säkularen Vernunfts-Verständnisses.

„Kurz: der Westen steht vor einem Sinn-, Werte- und Normenvakuum, das nicht nur ein Problem von Individuen, sondern ein Politikum von allerhöchstem Rang ist.“

Ein Umdenken wäre in jedem Fall notwendig. Aber – in welche Richtung?

Kapitel II) Wozu Ethik?

„Nein, ethisches Handeln soll nicht nur ein privater Zusatz zu Marketingkonzepten, Wettbewerbsstrategien, ökologischer Buchhaltung und Sozialbilanz sein, sondern soll den selbstverständlichen Rahmen menschlich-sozialer Handelns bilden.“ (S. 56)

„Jedoch ist eine bloße Gesinnungsethik, der es lediglich um die reine innere Motivation (Gerechtigkeit, Liebe, Wahrheit) geht, ohne die Konsequenzen einer Handlung / Entscheidung zu kümmern, nicht zukunftsfähig. Eine solche „absolute“ Ethik ist geschichtslos und unpolitisch. (…)

Wir brauchen daher eine Verantwortungsethik, die intrinsisch motiviert ist [vom Menschen selber, nicht von außerhalb erzwungen oder erkauft]. Diese Ethik der Verantwortung ist nicht gesinnungslos, nimmt aber die voraussehbaren Folgen Handels wahr und übernimmt dafür Verantwortung. (…) Ohne Verantwortungsethik verkäme die Gesinnungsethik zur Pflege selbstgerechter Innerlichkeit.“

Ethik als öffentliches Anliegen

Ethik müsste öffentliches Anliegen werden: „Ethik muss „institutionalisiert werden“.

„Hierin liegt ganz offensichtlich das Dilemma eines jeden modernen demokratischen Staatswesens (ob in Europa, Amerika, Indien oder Japan) begründet: Was es rechtlich nicht vorschreiben darf, darauf ist es zugleich angewiesen. Gerade die plurale Gesellschaft, wenn in ihr verschiedene Weltanschauungen zusammenleben sollen, braucht einen grundlegenden Konsens, dass sich ein „overlapping consensus“ bildet.“ (S. 49)

Die postmoderne Menschheit bräuchte gemeinsame Werte, Ziele, Ideale, Visionen, aber ….

„… die große umstrittene Frage: Setzt dies alles nicht einen religiösen Glauben voraus?“

Kapitel III) Eine Koalition der Glaubenden und Nichtglaubenden

Religionen boten seit jeher jene Orientierungssysteme welche die Grundlage für eine bestimmte Moral gewesen wären. „Aber muss das auch heute noch, in unserer weitgehend säkularisierten Welt sein? Das heißt, in einer Welt in der Religion, Glaube im staatlichen Gemeinwesen kaum eine Rolle mehr spielte?“

Glaubende haben eine Religion wie Christentum, Judentum, Buddhismus. Sie sind innerlich an etwas gebunden, was größer ist als sie. Gläubige gibt es überall in der Welt, auch in der ehemaligen DDR, in Südkorea etc. Echte Religion und Glaube begründen ihre Ethik auf etwas Unbedingtem, Ewigen, Absolutem, auf eine letzte Wahrheit: Gott.

Nicht-Glaubende sind Menschen ohne Religion. Sie sind gebunden an ihren rationalen Vernunftsverstand, haben keinen Gottesglaube. Nihilisten verneinen jegliche vorfindbare Sinnhaftigkeit der Welt. Sie gibt es überall dort „wo der Glaube an Gott abhanden gekommen ist“ (S. 68).

Nichtgläubige weisen eine rationale Ethik auf und sind aufgeklärte Zeitgenossen, zum Beispiel: Humanisten, Marxisten, Deisten, Atheisten, Agnostiker. Die daraus resultierenden säkularen Glaubensüberzeugungen sind Quasi- oder Pseudoreligionen („atheistische Götter“), denn es basiert auf relativen säkularen Werten. Menschen begründen hier ihre ethischen Verhaltensweisen auf etwas Bedingtem, Weltlichem: Geld, Macht, Technik, Staat, Vernunft…

Kritische Anmerkung von Georg Lehle zu dieser Gegenüberstellung:

Bei dieser Aufstellung kann es leicht zu Missverständnissen kommen: Denn „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ (1 Joh 4,16). Was würde passieren, wenn ich konsequent Gott mit Liebe übersetze? Glauben Humanisten nicht auch an die Liebe, an die Menschlichkeit? Könnten also viele Personen aus Rubrik „Nichtglaubende“ in Rubrik „Glaubende“ wechseln? Ich bin überzeugt, dass sich hinter manchen Atheisten und vielen Humanisten zutiefst religiöse Menschen verbergen, und dass sich hinter vielen oberflächlich „religiösen“ Menschen in Wahrheit Atheisten verstecken.

weiter mit Zusammenfassung:

Kapitel IV) Ethik im Spannungsfeld von Autonomie und Religion

Für King wäre daher jede Zeitanalyse, „die die religiöse Dimension ausklammert defizient.“

„Nicht-Religiosität erzeugt eine geistige Heimatlosigkeit, die die Tür öffnet für Materialismus, Nihilismus und oberflächliche psychologische Lebenshilfen wie Astrologie. (…) Wir sollten sie (Pseudo-Religionen (der Verfasser, Georg Lehle)) in dieser neuen Weltkonstellation auch nicht durch einen neuen Götzen, etwa den „Weltmarkt“ (…) ersetzen, sondern durch den erneuerten Glauben an den einen wahren Gott.“ S. 79

Zwar könnten auch nicht-glaubende Menschen ein ethisches Leben führen – jedoch was sie nicht könnten:

„Die Unbedingtheit, Universalität ethischer Normen begründen.“

Religionen hingegen hätten in diesem Zusammenhang viel zu bieten, weil religiöse Menschen ihre ethischen Verhaltensweisen auf etwas Unbedingten begründeten:

„Alle Religionen beantworten die Frage nach dem Sinn des Ganzen, des Lebens, der Geschichte mit dem Blick auf eine schon hier und jetzt sich auswirkende allerletzte Wirklichkeit (…). Gerade angesichts vieler Frustrationen und vieler Erfahrungen des Leidens und Scheiterns können Religionen helfend und weiterführend ein Sinnangebot über den Tod hinaus und eine Sinngebung schon hier und jetzt vermitteln, und dies nicht zuletzt dort, wo moralisches Handeln erfolglos blieb.“ (S. 85 ff.).

Doch wendet Küng selbst ein, dass Religionen sich keineswegs einig sind über ihre Aussagen über das Absolute und über das Ethos des Menschen. Damit wendet sich Küng von Quasi-Religionen ab und diskutiert über Weltreligionen und den Weltethos.

Kapitel V) Weltreligionen und Weltethos

Für Küng haben alle Weltreligionen bedeutende Gemeinsamkeiten, die sich mit einer goldenen Regel umschreiben lassen:

Was du nicht willst, das man dir tut, das füg´ auch keinen anderen zu.“

Alle Weltreligionen einte:

  • eine Überzeugung von der fundamentalen Einheit der menschlichen Familie, von der Gleichheit und Würde aller Menschen;
  • ein Gefühl für die Unantastbarkeit des Einzelnen und seines Gewissens;
  • ein Gefühl für den Wert der menschlichen Gemeinschaft;
  • eine Erkenntnis, dass Macht nicht gleich Recht ist, dass menschliche Macht nicht sich selbst genügen kann und nicht absolut ist;
  • der Glaube, dass Liebe, Mitleid, Selbstlosigkeit und die Kraft des Geistes und der inneren Wahrhaftigkeit letztlich größere Macht haben als Hass, Feindschaft und Eigeninteressen;
  • ein Gefühl der Verpflichtung, an der Seite der Armen und Bedrückten zu stehen gegen die Reichen und die Bedrücker;
  • tiefe Hoffnung, dass letztlich der gute Wille siegen wird.

B) Kein Weltfrieden ohne Weltethos

Kapitel I) Das Doppelgesicht der Religionen

Damit wendet sich Küng der bis in die heutige Zeit oft verbreiteten Feindschaft zwischen den einzelnen Religionen zu: „Wenn Gott selbst mit uns ist, mit unserer Religion, Konfession, Nation, unserer Partei, dann ist gegenüber der Gegen-Partei, die dann ja logischerweise des Teufels sein muss, alles erlaubt.“ Wegen der Notwendigkeit eines gemeinsamen Weltethos, einer Befriedung der Weltreligionen, ergäbe sich die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen wahrer (guter) und falscher (schlechter) Religion. Dazu bräuchte man inner-religiöse Kriteriologie, die für alle Religionen zuträfen:

Kapitel II) Die Wahrheitsfrage

Für Küng müssten alle Religionen lernen selbstkritisch zuzugeben, auch angesichts der zahllosen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die ihren Namen passierten:

-„die Grenzen zwischen Wahrheit und Unwahrheit gehen auch durch die jeweils eigene Religion.“(S.109)

Wann wäre eine Religion wahr, wann falsch? Religionen einte bei aller Ambivalenz zumindest grundsätzlich bestimmte generelle ethische Kriterien. An diesen allgemein-ethischen Kriterien müsste sich jede Religion messen lassen.

Küng fragt:

„Warum soll sich nicht jede Religion von den anderen Religionen, die ihre eigenen Erfahrungen haben, den Spiegel vorhalten lassen?“

Kapitel III) Die Suche nach ökumenischen Wahrheitskriterien

Diese Kriterien stellten die Humanität eines jedes einzelnen Menschen in den Vordergrund:

„Eine gute / wahre Religion unterdrückt und zerstört die Menschlichkeit nicht sondern schützt und fördert sie. (…) Zahlreiche Gespräche im Fernen, Mittleren und Nahen Osten haben mich davon überzeugt, dass in Zukunft in allen großen Religionen ein stark wachsendes Bewusstseins zu beobachten sein dürfte bzgl. folgender zentraler humaner Anliegen“:

  • die Wahrung der Menschenrechte
  • die Emanzipation der Frau
  • die Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit
  • die Immoralität des Krieges

Kapitel IV) Das Humanum als ökumenisches Grundkriterium

Das wahrhaft Menschliche fördern. Im Grunde ginge es allen Religionen um das Wohlergehen der Menschen. „Das ist dann der Fall, wenn der Mensch menschlich sein kann. (…) Was ihm hilft, das zu sein, was gar nicht so selbstverständlich ist: wahrhaft Mensch!“ Wann wäre der Mensch menschlich?

„Sittlich gut wäre also, was menschliches Leben in seiner individuellen und sozialen Dimension auf Dauer gelingen und glücken lässt: Was eine optimal Entfaltung des Menschen in allen seinen Schichten (die Trieb- und Gefühlsschichten eingeschlossen) und allen seinen Dimensionen (seine Gesellschafts- und Naturbezogenheit inklusive) ermöglicht.“ (S. 119)

Religion diente also im Grunde der Entfaltung wahrer Menschlichkeit, um Menschen an ihre Identität, Sinnhaftigkeit und Werthaftigkeit heranzuführen, und sie eine fruchtbare und sinnvolle Existenz gewinnen zu lassen. Daraus leitet Küng ab:

„Wahre Menschlichkeit ist die Voraussetzung wahrer Religion. Das heißt: Das Humanum (der Respekt vor menschlicher Würde und Grundwerten) ist eine Mindestanforderung an jede Religion: Wenigstens Humanität (das ist ein Minimalkriterium) muss gegeben sein, wo man echte Religiosität realisieren will. Doch warum dann Religion? (S. 121)

-wahre Religion (als Ausdruck umfassenden Sinnes, höchster Werte, unbedingter Verpflichtung) ist Vollendung wahrer Menschlichkeit. Das heißt: Religion ist eine Optimalvoraussetzung für die Realisierung des Humanum: Gerade Religion (das ist ein Maximalkriterium) muss gegeben sein, wo man Humanität als wahrhaft unbedingte und universale Verpflichtung realisieren und konkretisieren will.“

Der Konsens aller Weltreligionen bei der Auslegung inner-religiöser Kriterien sei:

  • Das Humanum (in einer letzten höchsten Wirklichkeit, wie immer religiös verstanden) muss im Absoluten verwurzelt sein.
  • Selbstkritik als Voraussetzung für den inter-religiösen Dialog.
  • Erziehung des Menschen zur Menschlichkeit.
  • Humanum muss aus der je eigenen Tradition begründbar sein

Kapitel V) Dialogfähigkeit und Standfestigkeit – keine Gegensätze

Erstmal hätten Religionen natürlich ihr eigenes, ganz spezifisches Wahrheitskriterium:

„Eine gute Religion bleibt ihrem eigenen Ursprung oder Kanon treu. Aber dieses Kriterium trifft nur für die eigene Religion zu. Jedoch führt erst Standfestigkeit in der eigenen Religion zu Dialogfähigkeit mit anderen Religionen.“

„Dialog und Zeugnis schließen sich nicht aus. Bekenntnis zur Wahrheit schließt den Mut ein, die Unwahrheit zu erkennen und zur Sprache zu bringen.“

Deshalb wendet sich Küng strickt gegen eine weltumspannende einzige Weltreligion, die ihren Wahrheitsanspruch mit Macht- und Zwangsmittel durchsetzen wollte.

„Wahre Freiheit ist also eine Freiheit für die Wahrheit.“

„Angesichts aller religiös motivierten Unduldsamkeit könne nicht genug religiöse Freiheit gefordert werden. Es darf kein Verrat der Freiheit um der Wahrheit willen geben, weil keine Religion ein Monopol auf Wahrheit besitzt.“

Es könne auch eine andere wahre Religionen als die eigene geben. Dies steht nicht der eigenen Standfestigkeit im Glauben entgegen. Standfestigkeit wäre keine starre, sondern eine dynamische Wirklichkeit, die sich bewährte in den Prozessen des Lebens. Sie beinhaltete automatisch Dialogfähigkeit, weil sie um die Geschichte ihres eigenen Scheiterns wüsste.

„Wo Dialoge abgebrochen wurden, brachen Kriege aus, im Privaten wie im Öffentlichen. (…) Wer sich den Dialog stellt, muss die innere Kraft und Stärke besitzen, den Dialog auszuhalten und den Standpunkt des anderen – wo nötig – zu respektieren.“

Küng stellte seine zukünftige Arbeit deshalb in den Dienst der Dialogfähigkeit der Religionen und letztlich dem Religionsfrieden. Ohne Religionsdialog gäbe es keinen Religionsfrieden – er fragt kritisch nach der Lage der großen Religionen. „Was muss beibehalten, was darf verändert werden?“ im Sinne des Weltethos, das ist die entscheidende Frage.

Ein Gedanke zu „Ein Ausweg aus der Krise? Das „Projekt Weltethos““

  1. Lieber Georg Lehle,

    schon seit längerem lese ich Dein Blog mit großem Interesse. Darauf gestoßen bin ich durch Deine profunden Zuammenstellungen zum Thema „NSU“, in denen Du die Arbeit leistest, welche die großen (und offenbar ganz staatsfrommen) Medien bisher verweigern.
    Dein Beitrag über Küngs Weltethos führt aber von den prosaischen Fakten weg in eine utopische Welt. Sicher hat Küng in Vielem recht, und auch wenn ich selbst keiner Religion anhänge, halte ich es mit ihm für einen ungeheuren Fortschritt, wenn sich die Menschen verschiedener Religion auf ein gemeinsames „Ethos“ einigen könnten.
    Aus der Luft gegriffen ist dies auch nicht, denn im ökumenischen Prozeß gibt es zweifellos einzelne, sehr progressive Stimmen, welche auf einer gemeinsamen, humanistischen „Konstante“ aller Religionen bestehen und – das ist das Wichtigste – diese Haltung auch vorleben.
    Es ist jedoch eine Minderheit und ich glaube nicht – so wünschenswert es wäre – daß sich vor allem die großen Religionen auf solch eine Konstante einigen würden. Zu sehr sind sie doch alle in das Geflecht der politischen Macht verwoben. Es ist eben für die Mächte immer wieder vorteilhaft, Christen gegen Muslime, Moslems gegen Juden, Sunniten gegen Schiiten, Hindus gegen Moslems, Schiiten gegen Baha’ai usw. usf. zu hetzen (meine Aufzählung ist nach den Prinzipien der Kombinatorik variierbar – und wird meistens zutreffen). Genauso wie es für die Mächtigen vorteilhaft ist, Nationalismus zu schüren und Völker aufeinander zu hetzen.
    Deshalb, so schön die Vorstellung sein mag, erscheint mir unter allen Utopien das „Weltethos“ als besonders unpraktisch und unrealisierbar. Etwas Ähnliches könnte vielleicht erst entstehen, wenn die Weltökonomie radikal verändert worden wäre und eine egalitäre und ausgleichende ökonomische Ordnung bestünde.
    Du kannst mir vorwerfen, daß dies nicht minder utopisch wäre – aber immerhin, Genossenschaften, selbstverwaltete Betriebe, Allmendenutzung, Tauschbanken usw. usf. existieren oder haben existiert – es kommt darauf an, ihren Anteil an der Weltökonomie zu erhöhen, sie wieder zu beleben, ihre Vorteile zu erkennen. Da bin ich eben „Materialist“ und denke, ein solches verbindendes und ausgleichendes „Weltethos“ kann sich höchstens erst allmählich in einem solchen sozio-ökonomischen Prozeß bilden. Aber man kann es nicht postulieren und hoffen, daß sich die Idee irgendwie massenhaft durchsetzt, bloß weil sie so einleuchtend ist.

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