Teil 6) Arbeitet die thüringer Polizei mit Kriminellen zusammen?

Die vorherigen fünf Artikel der Serie beleuchteten die personellen Verflechtungen in der thüringer Polizei über einen Zeitraum vieler Jahre. Dank der Befragungen des Untersuchungsausschusses wurde klar, dass immer wieder dieselben Namen an entscheidenden Positionen auftauchen, unabhängig davon welche Partei gerade die Landesregierung stellt.

So teilte Sven Trilus 2013 dem Ausschuss mit, er wäre …

„… seit fast 20 Jahren im Innenministerium, bin dort fast ausschließlich für Fragen des polizeilichen Staatsschutzes zuständig“.

Um den Eindruck der Befangenheit in der „NSU-Aufklärung“ abzuwehren, könnte die eigene Einbindung in das Schlüsselereignis „Garagendurchsuchung“ abgelogen worden sein, siehe Teil 1. Auch das dienstliche Gespräch mit Thomas Matczak könnte „negativ“ interpretiert werden, dass „Dissidenten“ der offiziellen Darstellung ausgefragt werden sollten, siehe Teil 5.

Das Erschreckende daran ist, dass dadurch ein alternatives Szenarium in den Bereich des Vorstellbaren rückt:

Ist organisierte Kriminalität der Hintergrund der Ceska-Mordserie und nicht rassistisch motivierter Rechtsterrorismus? Ist der sogenannte „NSU-Bekennerfilm“ eine gelegte Trugspur? Deckt die thüringer Polizei Schwerverbrecher und macht gezielt Unschuldige zu Sündenböcken? 

Natürlich kann mit dem Zschäpe-„Geständnis“ entgegnet werden, dass Mundlos/Böhnhardt für die Verbrechen verantwortlich seien oder die Beweismittel-Funde in Wohnmobil und Zschäpe-Wohnung oder der Paulchen-Comicfilm, der sogenannte „NSU-Bekennerfilm“. Auch die „braune Vergangenheit“ der Drei in den 90er Jahren, macht eine rechtsterroristische Verbrechensserie durch das Trio vorstellbar, aber:

Die Ermittlungen an den Tatorten ergaben keinerlei konkrete Hinweise, dass Böhnhardt/Mundlos die Täter gewesen waren. Darüberhinaus gibt es auch keine Hinweise auf eine größere „NSU-Terrororganisation“ bzw. auf andere rechtsextreme Täter!

Das zugegebenermaßen schwer vorstellbare, alternative Szenarium wird verständlicher, wenn in die Vergangenheit zurückgeblickt wird:

Mitte der 90er Jahre ermittelte Andreas Gersthofer gegen die Russen-Mafia und Rotlicht, etwa im Mordfall Altan Yapici, und verdächtigte Kollegen der Strafvereitelung im Amt.

Die „Thüringer Allgemeine“ beschreibt den Verdacht, dass die Mordwaffe im Fall Yapici von einer Person mit besten Kontakten zur Polizei gekommen sein könnte. Die Anklage gegen den Verdächtigen blieb jedoch aus unerfindlichen Gründen beim Amtsgericht einfach liegen. 

„Auch die Ereignisse unmittelbar nach dem Mord an Altan Yapici führten immer wieder zu ungläubigem Kopfschütteln. So soll es die Polizei zugelassen haben, dass ein weiterer Verdächtiger aus dem Milieu noch tagelang mit dem Handy des Ermordeten telefoniert hatte, um Zeugen aufzutreiben. (…)

Ein Informant gab bereits 1994 – also ein Jahr vor dem Mord an Altan Yapici – der Polizei einen Tipp über Waffen- und Rauschgiftgeschäfte der Russenmafia. Die Ermittlungen führten aber zu keinem Ergebnis.“ (ta)

Es gab zwar drei Verurteilungen, aber die Zeitung schreibt von „Bauernopfern“ und davon, dass die wahren Täter nicht gefasst wurden. Das hört sich sehr nach NSU an.

„Der 56-jährige sagt nichts zu Behauptungen, seine beiden mitverurteilten Komplizen wären gar nicht die wahren Mörder von Altan Yapici. Sie könnten Bauernopfer gewesen sein. Vielleicht für andere Auftragskiller? Zu dem, was damals wirklich passierte, schweigt er.“

Dazu würde die Meldung der „Nürnberger Nachrichten“ passen, dass im Januar 1995 ein Kleinunternehmer im thüringischen Bad Salzungen auf ähnliche Weise mit derselben Pistole hingerichtet“ wurde, wie die Ceska-Mordopfer in der 2000er- Jahren.

Wenn dies sich bewahrheiten würde, dann wäre die offizielle Darstellung widerlegt: Sie besagt, dass erst im Jahr 2000 Böhnhardt/Mundlos die Ceska-Mordwaffe aus der Schweiz erhielten. Der Zwischenhändler Luxik hätte die Ceska  zuvor am 10.04.1996 an den Händler Schläfli & Zbinden verkauft. Von dort ging sie auf verschlungenen Wegen zu Böhnhardt/Mundlos. Wenn der erste Ceska-Mord jedoch schon 1995 stattfand, dann kann es sich bei der Mordwaffe nicht um eine der Luxik-Ceskas handeln.

Handelt es sich bei der Lieferkette, die von der schweizer Luxik-Ceska zum „NSU-Trio“ ging, um eine gelegte Trugspur?

Nach offizieller Darstellung wäre die Mordwaffe von Luxik über verschiedene Personen zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gelangt, darunter Jürgen L., Enrico T. und Carsten S.

Carsten S. lieferte laut eigener Aussage die Ceska im Jahr 2000 an Böhnhardt/Mundlos aus. Dabei sah er sich die Waffe an und bemerkte kyrillische Schriftzeichen. Die Ceskas, die die „Staatssicherheit“ der DDR bereits in den 80er Jahren erhielt, hatten jedoch keine  Eingravierungen!

Könnte es sein, dass nachträglich die Eingravierungen hinzugefügt wurden, um aus einer Stasi-Waffe eine schweizer Luxik-Waffe zu machen? Tatsächlich würden fehlende und falsche Eingravierungen an der Mordwaffe, die im Schutthaufen vor Zschäpes Wohnung gefunden wurde, diesen Verdacht stützen.

Wurde die Lieferkette 2000 gezielt aufgebaut, um Böhnhardt/Mundlos später als Sündenböcke zu präsentieren? War Michael Menzel über Waffenlieferungen aus der Schweiz in die thüringer Unterwelt informiert, siehe Teil 2?

Warum kam es nicht 2006 zur „Selbstenttarnung des NSU“?

Diese Frage stellte ich mir bereits früher, ohne auf eine sinnvolle Erklärung zu kommen.

War Heilbronner Polizistenüberfall eine Racheaktion des tiefen Staates?

Durch diese Artikelserie kam ich jedoch auf eine neue mögliche Erklärung:

2006 ließ die Kriminalpolizei Gotha die Hülsen vom Mordfall in Bad Salzungen analysieren. Wenn bei dieser Analyse herausgekommen wäre, dass die Hülsen zur Waffe der Ceska-Mordserie passen, dann wäre die gelegte Trugspur zum „NSU-Trio“ zerbrochen gewesen. 

Mit dem Szenarium würde auch der Heilbronner Polizistenmord erklärbarer sein. Böblinger Bereitschaftspolizisten könnten in Heilbronn gegen die „Russen-Mafia“ eingesetzt gewesen sein. Es gab neben Kiesewetter noch mit Elke S. eine weitere Bereitschaftspolizistin aus Thüringen, die auch am heilbronner Trafohäuschen eingesetzt gewesen war. Hatten sie Informationen, die zum Einsatz führten? Wurden wegen einer möglichen Verstrickung von Polizisten in die organisierte Kriminalität die Ermittlungen sabotiert?

Warum hatten Bereitschaftspolizisten große Angst, als sie zur Beerdigung Kiesewetters nach Thüringen anreisten? Obwohl die thüringer Polizei unter Deterding und Schnelle die Beerdigung sicherten, legten sich böblinger Bereitschaftspolizisten Schutzwesten an.

„Ich kann mich daran erinnern, dass darüber gesprochen und vermutet wurde, dass evtl. an der Trauerfeierlichkeit noch irgendetwas passieren könnte. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass der damalige Oberrat H. sich bei mir für die Trauerfeierlichkeiten meine Tuchjacke ausgeliehen hat, damit er ohne Probleme die Schutzweste darunter ziehen konnte.“

Andreas Gersthofer erwähnte auch einen Zeugen, der auf dubioser Weise Mitte der 90er Jahre „verunfallt“ wäre.

„Abg. König-Preuss:
Was hatte denn der Herr Eith damit zu tun?
Herr Gerstberger:
Der Herr Eith hat Vernehmungen von Zeugen durchgeführt, wo dann vollkommen – normalerweise, da vernimmt man ja gegen mich oder im Zusammenhang zu meiner Person einen aus dem Milieu. Da ist dann in der Vernehmung unglücklicherweise das Diktiergerät kaputtgegangen, dann hat er die Vernehmung mit der Hand geschrieben und dann ein paar Wochen später ist er dann überfahren worden, der Zeuge, da war er tot- der Herr Merten.“

Auch hier gibt es eine Parallelität zu dem sogenannten „NSU-Zeugensterben“.

Verübten Böhnhart/Mundlos die Banküberfälle von Arnstadt/Eisenach?

Nach offizieller Darstellung hätten Böhnhardt/Mundlos im September eine Bank in Arnstadt ausgeraubt, am 04.11.11 in Eisenach. Aber waren sie es wirklich?

Die Vorgehensweise der Bankräuber erinnert an Enrico T. und Jürgen L.. Laut Aussage von Elmar Mösezahl wären sie mit einem Transporter in die Nähe eines Geldautomaten gefahren, den sie stehlen wollten. Vor dem Diebstahl radelten sie jedoch zum Zielobjekt, um es auszukundschaften. Dabei zogen sie sich Masken über ihre Gesichter. Die Bankräuber von Arnstadt/Eisenach benutzten ein Wohnmobil, Fahrräder, Masken.

Gegen die Bankräuber von Arnstadt und Eisenach ermittelt 2011 ausgerechnet Michael Menzel, der 2009 vom Innenministerium in den Chefsessel der Polizei in Gotha wechselte. Die Kriminalpolizei Gotha ließ 2006 verdächtige Hülsen untersuchen, siehe Teil 3.

Mundlos hätte sich und Böhnhardt mit jeweils einen Schuss aus einer Pumpgun erschossen. Bis heute ist nicht klar, woher die Waffe herrührt. Andreas Gersthofer kaufte in der thüringer Unterwelt in den 90er Jahren Pumpguns. In seinen Ermittlungen „benutzte“ er Spitzel aus dem rechtsextremen Bereich. Im Jahr 1995 observierte die thüringer Polizei Sven Rosemann, als er Langwaffen transportierte. Kommt die Pumpgun, mit der Mundlos/Böhnhardt starben, aus Polizeibeständen? Ist Rosemann ein Polizeispitzel?

„1. Durchsuchung Rosemann: Im Zeitraum vom 21.12.1995, 06.00 Uhr bis 22.12.1995, 22.00 Uhr erfolgte eine Observationsüberwachung (…) des Rosemann, Sven. Ziel war die Erkenntnisgewinnung über ein von Rosemann angelegtes Waffenlager. Am 21.12.1995 gegen 15.30 Uhr lud der Beschuldigte Rosemann mehrere Langwaffen in seinen PKW (…) und verbrachte diese in das Wohnhaus Rudolstadt, (…). Eine anschließende Durchsuchung der Wohnung des Beschuldigten erbrachte keine Ergebnisse.“

Anja Wittig war bei der Kriminalpolizei Saalfeld. Sie war mit Michele Kiesewetter befreundet gewesen und mit ihrem Onkel Mike Wenzel liiert. Wittig beschuldigte nach 2011 ihre saalfelder Kollegen, Rechtsextreme zu schützen. Die „Thüringer Allgemeine“ berichtet genaueres über Vorwürfe:

Laut Wittig hätten Kripo-Kollegen „eine Anzeige gegen einen Helfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ NSU einfach ignoriert“. Der Vorwurf: Strafvereitelung im Amt. Daraufhin zeigten sie ihre eigenen Kollegen ihrerseits wegen „falscher Verdächtigung“ an. Die Staatsanwaltschaft Gera klagte Wittig an.

Im November 2012 sollte eigentlich die Gerichtsverhandlung beginnen. Doch immer wieder scheiterte der Beginn wegen fehlender Aussagegenehmigungen oder Gutachten. Großen Anteil trägt das derzeit SPD-geführte Innenministerium, die die Genehmigungen offenbar nur zögerlich erteilt. Die Thüringer Allgemeine schreibt, um wem es sich bei den Vorwürfen Wittigs dreht. Um keinen geringeren als um Andre Kapke!

„Seit zwei Jahren zieht sich dieser interne Krach in der Thüringer Polizei jetzt hin. Brisant ist er nicht nur, weil der NSU-Helfer, um den es geht, mutmaßlich zum engsten Kreis um das Terror-Trio zählte. André K. aus Jena ist nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft einer der Drahtzieher, als sich die Szene in den 90er Jahren formierte. Brisant ist er auch deshalb, weil Anja W. familiär mit der ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter verbandelt war.“ (n-tv Bericht vom 19.06.2014)

Kapke unterstützte das Trio bei der sogenannten „Flucht“ im Jahr 1998. Und: Kapkes Handy war in einer Eisenacher Funkzelle eingeloggt, als dort die Leichen Mundlos und Böhnhardts am 04.11. gefunden wurden.

„Knapp zwei Stunden nach dem Banküberfall in Eisenach am 04. November 2011 buchte sich sein Mobiltelefon für zwölf Minuten in eine Eisenacher Funkzelle ein – exakt der Sendebereich, in dem das Wohnmobil mit den beiden Leichen parkte.“ (Jürgen Roth, „der tiefe Staat„)

Schützt die saalfelder Polizei vielleicht Spitzel, weil sie bei der Aktion „Selbstenttarnung NSU“ am 04.11.11 beteiligt waren? 

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Rolle von Beate Zschäpe, bei der auch ein Spitzel-Verdacht vorliegt. Zum Beispiel schreibt Thomas Moser, dass sie nach der Explosion ihrer Wohnung am 04.11.11 schnurstracks in Richtung Polizeidirektion Zwickau marschierte.

„Zschäpe muss sich nach der Explosion der Wohnung zu Fuß in die Innenstadt von Zwickau aufgemacht haben. Ihr Weg konnte mit einem Spürhund nachverfolgt werden. Die Spur endete auf dem zentralen Platz der Völkerfreundschaft. An den grenzt die Polizeidirektion Zwickau mit dem Führungs- und Lagezentrum. Warum begab sich Zschäpe ausgerechnet dort hin?

Um persönlich die Bewegungen der Polizei zu überwachen?, wie ein Ermittler meinte. Sehr überzeugend ist das nicht. Wollte sie sich direkt am 4. November vielleicht schon der Polizei stellen, wie sie es vier Tage später dann ja tat? Vor dem OLG in München hat sie ausgesagt, sich „zum Bahnhof begeben und anschließend vier Tage lang planlos durch Deutschland“ gefahren zu sein.“ (heise)

Außerdem ist nicht geklärt, ob es sich bei dem erschossenen Mann im Wohnmobil überhaupt um Uwe Böhnhardt handelt. Bei der Leiche im Wohnmobil fehlt an der Wade die Tätowierung, welche der „richtige“ Böhnhardt dort hatte. Am 18.11.11 wurde sogar eine zweite Obduktion angeordnet, die umsonst nach einer Narbe eines entfernten Tattoos suchte.

Im thüringer Innenministerium arbeitet seit 2015 Michael Menzel als Referatsleiter Kriminalitätsbekämpfung. Sein Nachfolger als Leiter der Landespolizeiinspektion Saalfeld ist Dirk Löther. Auch ein „Lutz Schnelle“ wechselte als Referatsleiter ins Innenministerium.

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