Rekonstruktion der letzten Tage der erschossenen Polizistin Michele Kiesewetter

Die Sonderkommission (Soko) „Parkplatz“ befragte die Kollegen der überfallenen Polizistin Michele Kiesewetter (MK) rekonstruierte so die Aktivitäten, die sie in den Wochen vor dem Überfall am 25.04.2007 nachging. Im Zuge neu-aufgenommener Ermittlungen kamen ab 2010 wesentliche Ungereimtheiten zum Vorschein, die wegen der sogenannten „Selbstenttarnung des NSU“ nicht mehr nachgegangen werden. Diese Ungereimtheiten  in der „Vortatphase“ kann ich der Öffentlichkeit hiermit vorstellen, da mir 54 Ermittlungsordner vorliegen. Ich analysierte sie danach, was wirklich in den Tagen vor dem Überfall passierte. Dabei fällt ein Schatten auf drei Kollegen, deren Aussagen wahrscheinlich teilweise erlogen sind.

Romy S.

Die offizielle Geschichte basiert wesentlich auf der Aussage der Bereitschaftspolizistin Romy S., mit der sich MK in den drei Tagen vor dem Überfall getroffen hätte. Da Romy S. und MK in der gleichen Einheit waren (BFE 523) und die Einheit eine Urlaubswoche hatte, verbrachten sie die Tage bis zum Überfall mit folgenden Aktivitäten:

Quelle: Ordern 6, Klarnamen gelöscht

  • Donnerstag, 19.04 – Fahrt zur Familie nach Thüringen.
  • Samstag, 21.04: Treffen mit Manuel B. in Sulzfeld, Übernachtung bei ihm.
  • Sonntag, 22.04: Treffen mit Romy S. in Sindelfingen, Abendessen
  • Montag, 23.04: Tagsüber Tapezierarbeiten bei Romy S.  dann Abendessen, Sindelfingen.
  • Dienstag, 24.04: Tapezierarbeiten. Am Abend Treffen mit Marcello P. gemeinsame Nacht in Böblinger Kaserne.

In einer Akte, die nach 2009 erstellt wurde, steht, dass MK am 24.04. in Heilbronn dienstlich eingesetzt gewesen war und eine Person kontrollierte. Es gibt jedoch noch mehr Zeugenaussagen, die die offizielle Rekonstruktion entgegenstehen:

Die Bereitschaftspolizistin Carolin L. sah MK am „23. oder 24.04.2007 auf einem kleinen Fest der Teilnehmer des ZAT-Lehrgangs“. Von dieser Teilnahme an einem Fest steht nichts in der offiziellen Rekonstruktion.

Bis 2011 versuchte die Soko vergeblich, die Teilnehmerliste des ZAT-Lehrgangs zu erhalten. Ende des Jahres 2010 (!) schrieb die Soko einen Aktenvermerk, dass „bis zum heutigen Tage (…) Zweifel“ bestünden, dass „Unterlagen der Soko Parkplatz vollumfänglich vorliegen.“ Die Soko redete dazu mit Susanne M. vom baden-württemberger Innenministerium.

„Frau M. führte während der Besprechung ein Telefonat mit Herrn S. (…), dem Aus- und Fortbildungssachbearbeiter der BePo Böblingen. Ihmzufolge könnte es sich bei dem von uns bislang vergeblich gesuchten ZAT-Gruppenführer-Lehrgang um den herkömmlichen Gruppenführerlehrgang vom 26.03.-27.04.2007 handeln.“

Anders als die Darstellung des Sachbearbeiters handelte sich jedoch nicht um den „herkömmlichen Gruppenführer-Lehrgang“, sondern um den ZAT-Lehrgang. Einer der Teilnehmer dieses „ZAT-Lehrgangs“ war Florian S., der die Teilnahme von MK bestätigte!

„Im Rahmen der ZAT Fortbildung , ZAT ist der zivile Aufklärungstrupp, fand eine Observationsübung statt, bei der Michele Zielperson war. Andere Kollegen sollten sie Observieren.“

Dieser spezielle Kurs des ZAT fand vom 02.04. – 06.04.2007 statt. Der damalige ZAT-Leiter der Böblinger Bereitschaftspolizei war Rüben H., der von Carolin L. mit MK auf dem Fest gesehen wurde! Rüben H. wurde niemals von der Soko vernommen.

Annette Kiesewetter sagte der Soko, dass ihre Tochter wegen eines Einsatzes bereits am Samstag nach Baden-Württemberg zurückfuhr.

„Frage
Hat sie gesagt, warum?
Antwort
Zur mir hat sie gesagt sie müsste zum Einsatz, aber ich weiß von der Ina, dass sie zu ihr gesagt hat, sie will zu ihren Freunden.“

Manuel B. (Bereitschaftspolizist in Bruchsal)

Am Samstag traf sich MK mit ihrem Freund Manuel B., der sich nicht erinnern kann, ob MK etwas über einen geplanten Einsatz gesagt hätte!

„Vorsitzender Wolfgang Drexler: Und jetzt noch mal die Frage: Können Sie – – Hat sie denn da nicht – die nächste Woche war ja in ihrer Einheit Urlaubszeit, Urlaubswoche –, hat sie Ihnen da nicht gesagt, ob sie da einen Einsatz hat und wann sie den Einsatz hat?

Z. M. B.: Kann ich mich nicht dran erinnern.

Folgender Vorgang ist äußerst dubios: Da MK und Manuel B. ein frisch verliebtes Paar waren, wäre doch anzunehmen, dass MK bei ihm auch noch bis Montag bleibt! Von Sulzfeld beträgt die Fahrtzeit nach Nufringen eine Stunde.

Warum besuchte MK nicht Manuel B. am Mon- oder Dienstag? Warum soll sie „Tapezierarbeiten“ bei ihrer Kollegin Romy S. vorgezogen haben?

Der Bereitschaftspolizist Stephan R. sagte der Soko, dass MK am Sonntag zurückfuhr, da sieam nächsten Tag nach Heilbronn zum Einsatz müsse“. Das hätte ihm Manuel B. erzählt.

„Nach der Tat in Heilbronn hat mir Manuel erzählt, dass er an dem Wochenende vor der Tat, ich meine am Sonntag, noch den Tag mit Michele verbracht hat. Michele sei zu ihm nach Bruchsal gekommen und es wäre ein schöner Tag mit ihr gewesen. Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, ob es der Sonntag war. ^ i r irritiert es ein bisschen, dass ich noch im Gedächtnis habe, dass Manuel erwähnte, dass Michele am nächsten Tag nach Heilbronn zum Einsatz müsse. Ob damit der Einsatztag, also der Tag der Tat gemeint war, weiß ich nicht mehr. Darüber kann Manuel mit Sicherheit mehr sagen.“

Manuel B. wurde erst fünf Tage nach dem Überfall vernommen, am 30.04.07, da er sich nicht selbst bei der Soko meldete.

„Frage:
Warum hast Du Dich nicht bei uns gemeldet?
Antwort:
Ich wusste nicht, dass ich irgend welche Angaben machen können.“

Am Tattag schrieb ihm MK acht SMS! Von diesen SMS waren nur noch die erste und die letzte SMS in seinem Handy vorhanden, als die Soko es am 30.04.07 auslas. Es wurde jedoch keine Funkzellenverbindungen angefordert.

Marcello P.

Marcello P. wohnte zur Tatzeit vorübergehend in der Böblinger Kaserne, da er dortigen Gruppenführer-Lehrgang teilnahm. Er kam von der Bereitschaftspolizei Lahr. Laut seiner Darstellung hätte er sich am 24.04.07 mit MK getroffen und mit ihr die Nacht verbracht.

In seiner SMS schrieb er ihr am 25.04.07, dass er ihr drittes Date genossen hätte.

„Liebe Michele, ich hab den Abend mit dir sowas von genossen. Unsere 3.Dates😉 u natürlich das Kuschel. Was ich dir damit sagen will ist dass es mir wohl seh schwer fällt am Freitag zu gehen… Hättest du nicht Lust heut abend mit mir wieder zu kuscheln u die Massage deines Lebens zu bekommen?“

Die Soko sprach ihn darauf an, welche zwei vorherigen Dates das waren. Er sprach von einer Feier, dann der Besuch bei einem chinesischen Restaurant und ein Kinobesuch.

Bei der Auswertung der SMS sind wir auf eine SMS aufmerksam geworden, wonach Sie sich auf ein drittes Dates gefreut haben, können Sie das erklären?

„Ja, das kann ich erklären. Ich erinnere mich das war eine Anspielung darauf, dass wir uns an einem Abend auf der Feier an dem wir uns näher kennen lernten das erste Mal getroffen haben. Das zweite Mal war dann als wir beim Chinesen zum Essen waren und das mit dem dritten Date das war dann eine Anspielung auf den Abend im Kino.“

Im Jahr 2010 wurde er wieder von der Soko vernommen. Diesmal sprach er nur von einem einzigen Date, das vom 24.04.07! Es war seine einzige feste Verabredung gewesen.

„Direkten Kontakt zu Michele hatte ich erst wenige Tage vor der Tat in Heilbronn; (…) Die einzige feste Verabredung die ich mit Michele hatte, war am 24.04.2007, also am Abend vor dem Mord.“

Die Soko beantragte eine Funkzellenauswertung des Kiesewetter-Handys vom 25.04. Dort taucht eine Verbindung zum Handy von Marcello P. nicht auf! Es gibt lediglich um 08:05:09 und 08:05:21 zwei SMS, die jedoch nicht von P.´s Handy stammen sondern von der SMS-Mitteilungszentrale des Providers Vodafone. Wer sich dahinter verbirgt ist bis heute ungeklärt. Laut der wahrscheinlich von der Soko selbst erdichteten SMS hätte er um 09:04 sie geschrieben. Von dieser Uhrzeit wären laut der Soko zwei Stunden abzuziehen. Die Geschichte geht einfach nicht auf, wie man sie  auch wendet.

Das Handy von Marcello P. wurde von der Soko nicht untersucht / die SMS nicht ausgelesen. Das Handy von Kiesewetter wiederum hatte keine einzige abgespeicherte SMS. Die Frage ist daher, woher die Soko die (angebliche) SMS von Marcello P. kannte und in ihrer dubiosen Tabelle „SMS-Daten“ zitieren konnte?

Gegen die Darstellung einer gemeinsamen Nacht spricht auch, dass MK mehrere (liebevolle) SMS an Manuel B. schrieb, während sie mit Marcello P. im Bett gewesen wäre.

Die Geschichten dienen wahrscheinlich der Vertuschung der Aktivitäten von Michele Kiesewetter. Was war bei ihrem Einsatz so wichtig gewesen, dass er offenbar mit allen Mitteln vertuscht werden muss?

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