Richter Götzl glaubt Ex-Geheimdienstler Temme, entblößt NSU-Schauprozess

Am 06.04.2006 erschossen Unbekannte Halit Yozgat, den Betreiber eines kasseler Internetcafes. Dieser letzte Tatort der Ceska-Mordserie bot Ermittlern zum ersten Mal eine heiße Spur: Ausgerechnet war der Agent des Geheimdienstes „Verfassungsschutz“ Andreas Temme einer der Tatverdächtigen. Dessen Darstellung ist, dass er von der Erschießung nichts mitbekommen hätte, obwohl er am Tatort zur Tatzeit anwesend war. Er verließ zur Tatzeit den Tatort, nachdem er bezahlte und umsonst nach Halit Yozgat gesucht hätte, der erschossen hinter dem Schreibtisch lag.

Hier ist die polizeiliche Tatortbegehung mit ihm zu sehen:

Im Juli 2016 verlautbarte der vorsitzende Richter des münchner NSU-Prozesses, Manfred Götzl, dass der Staatschutz-Senat ihm glaube. Götzl begründete die Einschätzung u. a. mit der Aussage eines mehr als dubiosen Zeugen, der zeitweise gleichfalls als Tatverdächtiger galt.

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 Quelle: Goetz Wiedenroth (mit freundlicher Genehmigung)

Laut Manfred Götzl seien Temmes …

„… Angaben (…) mit den Aussagen der anderen Zeugen vereinbar, sagte Götzl.“ (n-tv)

Diese Einschätzung ist sachlich falsch: Andreas Temme behauptet als einziger Zeuge, überhaupt nichts von der Erschießung mitbekommen zu haben. Die anderen vier im Internetcafe anwesenden Zeugen nahmen im Gegensatz dazu unterschiedliche Aspekte des Anschlages wahr:

Beispielsweise könnte eine Zeugin die von einem Schalldämpfer unterdrückte Schüsse gehört haben. Sie sagte 2006 der Polizei:

„nachdem meine Tochter reinkam, vergingen noch drei Minuten”, sowie „und dann drei Geräusche ‚tack tack tack’“, „irgendwie so, als ob draußen jemand gegen die Wand des Raumes klopft“. (nsu-watch)

Zwei andere junge Zeugen spielten das Ballerspiel „Call of Duty“: Emre E. sagte dem Gericht, dass er ein dumpfes Geräusch gehört habe, „er habe das mit einem herabfallenden PC in Verbindung“ gebracht. (ebd) Auch der andere spielende Jugendliche dachte, es sei etwas heruntergefallen, „er habe gedacht, ein Ordner.“  (nsu-watch) Das Geräusch könnte vom fallenden 90kg schweren Körper Yozgats herrühren, als er hinter dem Schalter zusammenbrach.

Die Darstellung von Götzl basiert wesentlich auf der polizeilichen Zeugenaussage von Faiz Hamadi Sh., die er im Jahr 2006 tätigte. Der Zeuge erschien nicht im Prozess, offenbar weil er jetzt im nahen Osten lebt.

Er telefonierte zum Zeitpunkt der Tat in einer Telefonkabine, direkt neben Halit Yozgat. Zwar hörte er Schussgeräusche, hätte dann jedoch erstmal weitertelefoniert. Dann wäre er aus der Glastür der Kabine herausgetreten, hätte jedoch vergebens nach Halit Yozgat gesucht. Erst Minuten später kam Vater Ismail Yozgat ins Cafe und bemerkte augenblicklich seinen Sohn hinter dem blutverschmierten Schreibtisch liegen!

Hamadi Sh. sagte aus, dass er wegens seines Arbeitgebers überhaupt erst auf das Internetcafe aufmerksam wurde. Er hätte gegen Mittag von dort aus mit seiner Familie telefoniert. Am Nachmittag kehrte er ins Cafe zurück; es wäre um einen privaten Autokauf gegangen.

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Auch aufgrund dieser unglaubwürdigen Darstellung nahm die Polizei Hamadi Sh. kurzzeitig als Tatverdächtigen fest, genauso wie später Andreas Temme, der sich nicht auf den Zeugenaufruf meldete!

Laut veröffentlichter Polizeiakten waren die beiden Männer, Temme und Sh., im gleichen Schützenverein! Sh. Arbeitgeber wurde 2001 wegen Handels mit Haschisch festgenommen. Während der Hausdurchsuchung wurden bei Temme „3,7 Gramm Haschisch“ gefunden.

„Der Zeuge Hamadi Sh., welcher zur Tatzeit im internetcafe telefonierte, arbeitete bei der o.g. Firma in Tatortnähe als Autoaufbereiter. Der Firmeninhaber K. wurde im Jahr 2001 wegen Handels mit 87,5 kg Haschisch festgenommen.
Außerdem war er in diesem Jahr Schießgast im gleichen Schützenverein wie der o.g. Verfassungsschutzbeamte.“ (Polizeiakte, nsu-leaks)

„Im Schützenverein sei der Herr R., ein Polizeibeamter, Vorstand, es sei rausgekommen, dass Temme dort auch Befragungen durchgeführt hätte.“ (nsu-watch)

Es wäre wichtig, diesen Spuren nachzugehen. Auch Vater Yozgat glaubte Hamadi Sh.´s Darstellung nicht.

„Vorrangegangen seien Gespräche mit İsmail Yozgat, der immer wieder beteuert habe, den Angaben von Hamadi S. keinen Glauben zu schenken, weil Hamadi S. bereits eine Woche zuvor im Café gewesen sei.“

Das politische Problem ist jedoch, dass die Hinweise in den kriminellen Bereich verweisen. Daher werden sie weder seitens der Untersuchungsausschüsse noch von der NSU-Nebenklage ernst genommen.

Wenn Manfred Götzl auf diesen Zeugen verweist, um Temme zu entlasten, dann trifft er indirekt den wunden Punkt des ganzen Prozesses: Die Vorverurteilung der toten Böhnhardt und Mundlos!

Wenn Hamadi S. nicht den erschossenen Halit Yozgat im Cafe gefunden hat, dann könnte dies auch Andreas Temme passiert sein. Alternativ müsste die Nebenklage auch Hamadi Sh.´s Darstellung anzweifeln – dann würde sie aber einen zentralen Punkt der Anklageschrift schwächen! Laut der wäre die Ceska-Mordserie aus rassistischen Fremdenhass von deutschen „Nazi-Mördern“ begangen worden. Da passt Faiz Hamadi S., ein Mann aus dem nahen Osten, nicht dazu. Deswegen gab es keinerlei kritische Nachfragen im Prozessverlauf.

Dieser Einordnung fügen sich bis heute Richter, Anwälte, parteiübergreifend Politiker, gleichgeschaltet wirkende Medien. Der Fall Yozgat bildet da keine Ausnahme:

Sämtliche neun Opfer der Ceska-Mordserie wurden vor ihrer Ermordung bedroht, teilweise erpresst, übrigens auch Halit Yozgat. An keinem NSU-Tatort gibt es DNA-Spuren, Fingerabdrücke von Böhnhardt, Mundlos. Diese Hinweise werden ignoriert, da die Haupttäter feststehen, genauso wie das Motiv. Deswegen ist der NSU-Prozess ein Schauprozess: Das Urteil steht von vornerein fest.

Im Sinne der Aufklärung wäre wichtig, die bis heute unbekannten islamistischen Informanten von Andreas Temme näher zu beleuchten, etwa auf Verbindungen zur Mordserie. Temme rief 20 Minuten nach der Erschießung eine bis heute unbekannte Person an: 0152/03957141. Der Anschlussinhaber war polizeilich nicht feststellbar gewesen. Eine Geheimnummer?  Wie konnte die Tatortsicherung das Handy in der Hosentasche von Halit Yozgat übersehen, so dass es in der Gerichtsmedizin gestohlen wurde? Warum fragte die Polizei um Erlaubnis, die Informanten Temmes abhören zu dürfen?

Die Opfer und ihre Familien verdienen, dass ihnen reiner Wein eingeschenkt wird, und dass sie nicht weiter für politische Zwecke missbraucht werden.

8 Gedanken zu „Richter Götzl glaubt Ex-Geheimdienstler Temme, entblößt NSU-Schauprozess“

  1. Wer Schießgast war, ist nicht ganz klar. Es kann Hamadi gemeint sein, aber auch der Firmeninhaber mit „… in diesem Jahr … „. Missverständliche Satzwahl im Ermittlungsbericht.

    Ansonsten ist Hamadi wahrscheinlich der Schlüssel zum Ganzen. Es gibt eine ganze Batterie von Schnittstellen und Ungereimtheiten.

    1. Wer der Schießgast war, ist klar. Das Zitat steht unter Kap. zur Firma. Der Chef ist gemeint.

      Wie immer hier, sehr verkürzt dargestellt.

  2. Also erstens ist der Tatzeitpunkt falsch, da laut Gerichtsmedizin der tote 30-90 Minuten noch gelebt hat.
    Zweitens kracht es auchmit einem Schalldämpfer in einem Raum unüberhörbar laut (120 db)
    Das Plopp Plopp aus den Krimis ist Schwachsinn.
    Die Lösung wäre Unterschallmunition
    Drittens riecht man Schüsse in einem Raum deutlich.

    1. “ … Also erstens ist der Tatzeitpunkt falsch, …“

      Ist er nicht.
      Das ist nur ein Angeberschnellschuss von Dr. Wichtig. Die feuert er ab wie die Russen ihre Stalinorgeln. Irgendeine wird schon treffen.

      Es gab nach den Schüssen ein befristetes neurologisches Zucken von Zellen. Nichts was ein Notarzt feststellt und zu irgendwelchen Zeitrechnungen berechtigt. Daneben wurde das Opfer fast 30 Minuten reanimiert.

      Entscheidend ist aber, dass bei Rückrechnung des Tatzeitpunktes einige Gäste über den toten Yozgat steigen müssten, um sich den Computer respektive die Telefonzelle, selber freizuschalten.

  3. NSU-Ausschussvorsitzender Clemens Binninger äußerte sich gegenüber der Frankfurter Rundschau vom Montag „zutiefst davon überzeugt“, dass der NSU nicht nur aus drei Leuten bestanden habe und dass es neben angeklagten Helfern und Unterstützern auch Mittäter gegeben habe.
    http://www.fr-online.de/neonazi-terror/nsu-prozess–nsu-bestand-nicht-nur-aus-drei-leuten-,1477338,34710676.html

    Zu den Tatorten allgemein:
    „Es gibt keine Fingerabdrücke eines der Toten oder Beschuldigten an einer Tatwaffe. Es gibt kein Geständnis. Es gibt 27 Tatorte, und an keinem einzigen Tatort haben wir DNA oder Fingerabdrücke von einem der Beschuldigten gefunden. Es gibt aber einen großen potenziellen Unterstützerkreis von rund 100 Personen. Ich habe mal nachgefragt: Von diesem NSU-Unterstützerkreis hat man nur von 19 Personen die DNA, um sie mit Tatortspuren abzugleichen.“
    Paulchen-Panther-Video und Fund der Tatwaffen zählen für ihn zu den sicheren Beweisen; er sieht aber das Dilemma, dass für einen Teil der Öffentlichkeit schon dadurch „alles klar“ ist.

    Er glaubt nicht daran, dass nach dem Urteil noch weitere Beteiligte angeklagt werden (wie das z.B. für den V-Mann, Zschäpe-Lover und Sprengstoff-Lieferant Thomas Starke eigentlich vorgesehen war) – sondern dass der GBA sich früh auf das isolierte Trio festgelegt hatte, weil er „den Fall schnell geklärt haben“ möchte.

    Zu Kassel / Temme: „Diese Tat begeht man eigentlich nicht allein, man kann sie kaum begehen, ohne dass jemand sagt: Jetzt kannst du rein. Man sieht zu wenig von draußen. Dann hat man in der letzten NSU-Wohnung eine Skizze gefunden, die diesen Tatort zeigt. Die Skizze muss jemand für die Täter gemacht haben. Das deutet für mich auf mehr als zwei Täter hin.“

    Zu Götzls Glaubwürdigkeits-Attest für Temme:
    „Was mich bei Temme nicht überzeugt, ist, dass er sagt, er habe das Opfer nicht gesehen, obwohl er so groß ist, nichts gerochen, obwohl er Sportschütze ist, nichts gehört und auch auf der Straße nichts gesehen. Dass er sich nicht gemeldet hat mit der Behauptung, er habe den Tag verwechselt. Dass er behauptet hat, er sei mit dem Fall nie dienstlich betraut gewesen – obwohl es in der Woche davor diese Mail seiner Vorgesetzten gab, die sagt, man solle sich wegen der Mordserie umhören.“

    Zur professionellen und eiskalten Mord-Ausführung:
    „Das passt nicht zu den Bankräubern Mundlos und Böhnhardt, die fast bei jedem Banküberfall durchdrehen, die Angestellte schlagen, in die Decke schießen.“

  4. Zur Auseinandersetzung u.a. zwischen Schorlau und König wegen der Ereignisse bzw. „Versäumnisse“ in Stregda gibt es einen interessanten Link vom 5.9.16:
    http://das-blaettchen.de/2016/09/%E2%80%9Ebesenrein%E2%80%9C-%E2%80%93-oder-%E2%80%9Ewie-viel-staat-steckt-im-nsu%E2%80%9C-37111.html

    Die König gibt sich ganz staatstragend, spricht von großen Fragen, die zu 90 % aufgeklärt seien und von Verschwörungstheorien, die es einzudämmen gelte.
    Die Fragen nach dem fehlenden Nazi-Hirnen nimmt sie nicht ernst, sondern betrachtet sie nur als Vorlage für einen billigen Kalauer.

    Aber wie das Leben so spielt: Wer Verschwörungstheorien bekämpft, hat meist selber eine (nämlich die offizielle). Oder er schafft gleich eine ganz neue, indem er sich einen „Freudschen Versprecher“ leistet, den er dann gleich wieder „zurücknimmt“.

    „Ausgerechnet zur entscheidenden Todeszeitpunktfrage überraschte Katharina König bei der Podiumsveranstaltung im Grünen Salon das Auditorium dann aber doch noch mit einem Paukenschlag: Der Thüringer Ausschuss verfüge neben den Obduktionsbefunden über ein weiteres ‚offizielles, von der Gerichtsmedizin ausgestelltes Schreiben, nämlich dass der Todeszeitpunkt von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am Freitag, am Freitagvormittag, im Zeitraum circa acht bis elf Uhr stattgefunden hat. […] Freitagvormittag, ich glaube, acht bis elf steht drinne […].'[54] Das korrigierte sie zwar kurz darauf, wobei sie implizit ihre konkrete Zeitangabe zurücknahm: ‚Entschuldigung, das war jetzt mein Fehler. Freitagvormittag […].'[55] Aber auch der Vormittag endet um 12:00 Uhr mittags.“

    Sollten etwa die „Fantasien“, die die König den „Verschwörungstheoretikern“ unterstellt, in ihrem eigen Kopf spuken? Oder ist sie (wie Menzel, der bei Schorlau passend „Stenzel“ heißt) eine von sich eingenommene Plaudertasche, die daher zwangsläufig immer wieder mal Drehbuch-Realität und Fakten-Realität verwechselt, um dann ungewollt ersteres auszuplaudern?

    Verwechseln kann man so manches, aber bei den bekannten brisanten Gesamtumständen wie in Stregda gibt es ein „offizielles Todeszeitpunkt-Schreiben“ mit Von-Bis-Zeitangaben entweder wirklich oder das funktionierende Hirn eines Insiders kommt gar nicht erst in Gefahr, sich an ein solches zu „erinnern“. Frau König wird noch erklären müssen, wo die Hauptmasse ihres Hirns geparkt war, als es diese „Fehlerinnerung“ auswarf.

  5. Binningers Zweifel am isolierten Trio haben es jetzt sogar ins Zentrum des Mainstreams geschafft, in die halbamtliche staatliche Tagesschau: „Die Sache mit den DNA-Spuren“ –
    http://www.tagesschau.de/inland/nsu-untersuchungsausschuss-111.html

    Dass die starken Parlamentarier-Zweifel in scharfen Kontrast stehten zur sturen Linie der staatlichen Anklage-Behörde (und des OLG-Chefs Götzl), thematisiert der Staatssender natürlich lieber nicht.

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