Auf den Spuren von Silvio Gesell in Argentinien

An der Atlantikküste Argentiniens, 12.000 km von Deutschland entfernt, befindet sich die Kleinstadt „Villa Gesell“. Sie ist nach Silvio Gesell benannt, dem Begründer der sogenannten „Freiwirtschaftslehre“. Die Stadt befindet sich 300 km süd-östlich von Buenos Aires. Viele Argentinier kennen „Villa Gesell“, da hunderttausende an ihren kilometerlangen Sandstränden die Sommerferien verbringen. Viele besuchen das Stadt-Museum, dass über den Geldreformer, die Familiengeschichte und den Aufbau der Stadt informiert. 

Das Foto zeigt Argentinier beim Besuch des Villa Gesell-Museums

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Das Museum befindet sich in dem halbverwilderten Park „Pinar del Norte“. Das von alten Bäumen umgebene Gebäude war einst Wohnort von Carlos Gesell und seiner Großfamilie. Damals stand das Haus noch inmitten von kahlen Sanddünen, die Carlos im Jahr 1930 auf einer Fläche von 10 km x 2 km aufkaufte. Den Nachfahren Silvio Gesells gelang es, die Dünen zu befestigen und zu bepflanzen. Damit schufen sie die Grundlage der Stadtentwicklung, die auch anschließend von ihnen ausging.

ov_p1060772Über dem Sand liegt heute ein 25 cm hoher Streifen aus Erde.

 

 

 

Der gepflanzte Baumbestand erstreckt sich über den Großteil der Stadt. Im ältesten Stadtteil lebt die in Berlin geborene 87-jährige Tochter von Silvio Gesell, Sonja Tomys. Ich konnte mich mehrmals mit ihr für Gespräche treffen. Was ich dabei erfuhr, berichte ich in Auszügen.

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Sonja führte mich zuerst durch das Museum und erklärte die bewegte Familiengeschichte sowie die Ursprünge der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell.

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Ursprünglich kommt sie aus der „Gemeinnützigen Obstbau Siedlung „Eden“ in Berlin. Die Siedlung wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Silvio Gesell lebte dort als Privatmann mit seiner Familie. Da er sah, wie gut dort die Regeln der dortigen Genossenschaftssiedlung funktionierten, übernahm er diese für seine vorgeschlagene Bodenreform. In Eden gehört der Boden der Genossenschaft. Das darauf Gebaute ist Privateigentum.

Er war zeitweise für die „rechtliche Ordnung“ zuständig und lernte Sonjas Mutter Wanda Tomys kennen. In „Eden“ verstarb er am 11. März 1930 an einer Lungenentzündung.  

Im Gespräch erklärt Sonja Tomys (ST) mir, Georg Lehle (GL), was es mit Gesells Tätigkeit in der Siedlung „Eden“ auf sich hatte:

ST: Papa hat das übernommen, weil es eigentlich die ideale Form war, dass die Leute auf ihrem Land heimisch werden können und zur selben Zeit mit dem Boden nicht spekuliert werden kann.

GL: Was heißt „er hat die Ordnung gemacht“?

ST: Ich meine die rechtliche Ordnung. Da war der Boden nicht Eigentum der Leute, sondern nur was sie auf dem Boden gebaut hatten.

GL: Und der Boden gehörte der Gemeinschaft?

ST: Ja, der Genossenschaft.

GL: Den 28 Familien.

ST: Papa hatte das so übernommen, weil er sah, dass es funktionierte.

Fünf Jahre nach Silvio Gesells Tod ging 1935 die Mutter mit der damals sieben Jahre alten Sonja und ihren Geschwistern (Tito und Dolores) nach Argentinien. Sie wurden von Silvio Gesells Frau Anna wie „Enkelkinder“ in die Familie aufgenommen.

Das Foto zeigt mittig Silvio Gesell mit seiner Frau Anna, ihren Töchtern Anita und Juana und einigen Enkelkindern.

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GL: Wie war das, dass Silvio Gesell im Jahr 1887 überhaupt nach Argentinien gegangen ist?

ST: Ich sage immer: „Villa Gesell“ verdankte seine Existenz der Cholera!

Sonja Tomys erklärt, dass Silvio Gesells ältere Geschwister in ihrer Heimatstadt St. Vith, heute Belgien, kein Gymnasium besuchen konnten. Deshalb zogen „die Mutter, die Großmutter und die Kinder“ nach Trier um.

ST: Und da haben sich zwei mit der Cholera angesteckt. Die Mutter hat sich mit den beiden sterbenden Kindern eingeschlossen und hat sie durchgebracht.

Die Lungen von Roman, dem ältesten Sohn, waren jedoch so angegriffen, „dass er vom Militärdienst abgewiesen“ wurde und er sich fragte:

ST: Was kann ich tun, um wieder gesund zu werden? Damals war es üblich Lungenkranke nach Ägypten zu schicken.

Eine Reise nach Ägypten war jedoch unmöglich, doch er fand eine Stelle im süd-spanischen Málaga. Dort lernte er Spanisch.

ST: Während einer Zugfahrt wurde ihm zugetragen, dass ein Weinvertrieb in Malaga einen Korrespondenten suchte, für Fremdsprachen. Daraufhin hat dieser Bruder nach Malaga geschrieben. Da er Deutsch, Englisch, Französisch, Holländisch und Wallonisch sprach, hat er diesen Posten bekommen. Dort ist er gesundet.

Nach zwei Jahren kehrte er nach Deutschland zurück und hat „dann seinen nächsten Bruder, den Ernst, dorthin geschickt.“ Schließlich kam Silvio Gesell „an die Reihe“. Auch er lernte dort wie seine Brüder zuvor Spanisch.

Silvio Gesell kam anschließend „nach Braunschweig in eine Nähmaschinenfabrik.“ In einer Konditorei lernte er seine Frau Anna kennen.  

ST: Nun wollte er heiraten. Und da überlegte die ganze Familie, was zu tun sei.

Seine älteren Brüder hatten ein Geschäft, indem sie Instrumente für Zahnärzte in ganz Europa vertrieben. Nun haben sie Silvio mit einem Koffer voller Instrumente nach Buenos Aires geschickt, die er sofort verkaufen konnte. Er hatte sich da einen Eingang von einem Gebäude gemietet, wo er einen Tisch aufgestellt hatte und ein paar Kisten drunter, wo die Ware war. Und auf dem Tisch hat er geschlafen und gegessen.

Und als die Ware in kurzer Zeit verkauft war, ist er wieder rüber-gefahren und [hat] seiner Braut gesagt, sie muss sich vorbereiten, sie ziehen nach Argentinien. Das haben sie auch getan und als sie in Montevideo waren, haben sie dann geheiratet. Silvio ist ihr entgegen-gefahren, denn er war schon wieder in Buenos Aires und die Fahrt über den Rio de la Plata war ihre Hochzeitsreise.

Das Foto zeigt mittig die Mutter von Silvio Gesell, ihn als Kleinkind daneben, umringt von seinen älteren Geschwistern.

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Foto: Sonja Gesell (Bestimmung der Personen durch Sonja)

GL: Welche religiöse Lebenseinstellung hatte Silvio Gesell?

ST: Er vertraute auf den Schöpfer. Er war ein Mensch mit sehr viel Lebensfreude.

GL: Und die Natur war ihm auch sehr wichtig gewesen.

ST: Ja. Für ihn war es wesentlich, in einer schönen Umgebung zu leben. In einer natürlichen schönen Umgebung. Er hat auch immer einen Garten gehabt und ihn gepflegt. Einen Gemüsegarten, einen Obstgarten und einen Blumengarten.

GL: Silvio Gesell war Protestant?

ST: Nein, er war das eine noch das andere. Er war nur christlich gesinnt, nicht dogmatisch. Wie die ganze Familie, denn die Mutter [war] damals schon in einer katholischen Familie [aufgewachsen], der Vater war Protestant. Er hat da nie hineingeredet, dass seine Frau die Kinder katholisch erzieht, denn das hatten sie beide versprochen. Und er war mit dem protestantischen Pfarrer befreundet, bis sie ihn ausgewiesen haben. Und dann mit dem katholischen auch.

Ich sag ja selber immer: Die Dogmen, die sind sozusagen das, was für die Bergführer die Seile sind, an denen sich die Leute festhalten. Wer das nicht braucht, braucht sich nicht zu streiten.

GL: Seine Auswanderung war Ende des 19. Jahrhunderts?

ST: Das war 1887. Derzeit herrschte in Argentinien eine große Inflation. Die Regierung musste Schulden bezahlen und bekam nicht genügend Devisen herein. Sie druckten sehr viel Geld. Was Papa immer merkte, da die Waren, die er kaufte, immer teurer wurden. So dass er das einrechnen musste, um die Preise festzusetzen.

Sonja Tomy erzählt, dass seine Urgroßeltern“ nach der französischen Revolution „alles verloren“ hatten. Die Revolutionsregierung löste eine große Inflation aus, denn sie …

… hatte sehr viel Geld gedruckt und gedacht, dass die Ländereien, die sie der Kirche und den Adel weggenommen hatten, eine genügende Deckung waren. Aber das war eben nicht. Und es interessierte ihn.

Deshalb fing er an zu sehen, an was das nun liegt, dass die Preise dauernd steigen und stellte sofort fest …

… , dass die Regierung zuviel Geld herausgab, „dass es eben an der Emission lag.“

ST: Da fing er an sich zu interessieren, für die Wirtschaft überhaupt und fing an zu lesen, alles was auf liberaler und sozialistischer Seite Geltung hatte. (…)

So hat er sich dauernd bemüht herauszufinden, wie es denn nun sein müsste, damit es funktioniert. Denn es gab ja auch im vor-vorgehenden Jahrhundert schon mehrere Krisen:

So war in Buenos Aires im Jahre 1890 eine Revolution ausgebrochen, die zwar aufgehalten wurde, aber die Regierung hat dann doch die Politik geändert. Aber in einer Art, die Papa für äußerst gefährlich hielt.

Sie haben das zuviel herausgegebene Geld wieder einziehen wollen und haben auch damit angefangen. Damit haben sie eine gefährliche Krise ausgelöst, die Argentinien ihre beginnende Industrialisierung verhinderte.

Papa fing dann an zu schreiben an alle, von denen er dachte, sie könnten irgendeinen Einfluss haben, diesen Unfug zu stoppen. Denn, wenn die Preise fallen, warten alle, dass sie noch mehr fallen, bevor sie kaufen.

Nach einigen Jahren hat das dann auch jemand begriffen, und es kam als „Tornquistsche Reform“ heraus.

GL: Hatte dieser Tornquist Kontakt mit Silvio Gesell?

ST: Kontakt nicht, aber Papa hat an alle geschrieben. Und von da an kam Argentiniens Aufstieg. Aber das hatte noch nichts mit Papas Reformideen zu tun. Nur mit Vernunftsgründen.

Von da an hat Papa angefangen über Wirtschaft zu schreiben und dann kam ihm die Idee, die die Grundlage seines Systems wurde.

Das man das Geld zwingen müsste umzulaufen, um die Vollbeschäftigung und mit der Vollbeschäftigung, die soziale Gerechtigkeit zu erreichen. Nicht das alle dasselbe bekommen sollen, sondern das, was ihnen zusteht.

GL: Was sie sich erarbeiten.

ST: Ja, den vollen Erlös ihrer Arbeit und das sie ihn auch behalten können.

GL: Heute ist dies nicht der Fall. In den Preisen steckt mindestens ein Drittel Zinsen.

ST: Zinsen und Risikoprämie. Man müsste die Begriffe trennen, denn Zinsen und Risikoprämie haben ganz andere Ursachen.

Und es ist unbedingt nötig dass, die Menschen, jeder einzelne, eines Tages sagen kann: „Jetzt habe ich genug.“ Und sich aus der Wirtschaft zurückzieht. Aus der Erwerbswelt. Denn heutzutage ist es zum Beispiel hier im Land so, dass die Pensionierten weiterarbeiten, solange sie irgend-können. Weil sie einfach mit der Pension nicht zurechtkommen.

GL: Die Inflation frisst die Löhne und die Pensionen.

ST: Ja, sie frisst alles Geld, was die Leute noch in der Tasche haben. Und auch das, was sie auf der Bank haben. Denn die Zinsen, die die Bank zahlt, sind nicht die, die sie vom Kreditnehmer verlangt.

GL: Sie haben sich ja intensiv mit der Wirtschaftslehre von Ihrem Vater auseinandergesetzt! Wie kam das? Sie haben ja das Gesamtwerk von Herrn Onken hier, in Ihrer Bibliothek.

ST: Alles habe ich nicht gelesen. Ich habe mich immer darauf beschränkt, das Wesentliche herauszuarbeiten: Und wenn ich zum Beispiel mit anderen Leuten in der Schlange an der Bank spreche, es dann so zu formulieren, dass sie es auch verstehen.

Die Menschen sind gar nicht gewöhnt, sich etwa mit dem Geld anders auseinanderzusetzen, als indem sie überlegen, wie sie es erhalten können oder wie sie es gewinnen können. Das sehr viele Probleme der Wirtschaft grundsätzlich im Geldwesen zu finden sind und auch gelöst werden können und müssen – der Gedanke kommt den meisten gar nicht.

GL: Gerade hier in Argentinien mit dieser großen Inflation.

ST: Wir sind alle Wirtschaftsspezialisten. Aber nicht in dem Sinne einen Weg zu finden, der es möglich macht, dass das Geld einerseits regelmäßig umläuft, ohne Stockungen, und andererseits die Ersparnisse ihre Kaufkraft erhalten können.

Die Regierung kann, weder hier noch anderswo in der Welt, garantieren, das die Ersparnisse ihre Kaufkraft erhalten. Das ist ein frommer Wunsch. Sicher ist es nicht. (…)

Kontrolle über die Umlaufgeschwindigkeit von Bargeld

Sonja Gesell erklärt den Vorschlag ihres Vater, die private Hortung von Bargeld mit einer Steuer zu belegen. Die Menschen könnten die Steuer einfach umgehen, „indem sie das Geld zur Bank bringen.“ Das Geld würde durch „den Selbsterhaltungstrieb der Menschen in Bewegung“ gehalten werden. 

GL: Das ist die Geld-Umlaufsicherungs-Gebühr. So kann der Geldumlauf gesichert werden.

ST: Das ist die Vorausbedingung für die Vollbeschäftigung, die ihrerseits die soziale Gerechtigkeit etabliert.

GL: Warum?

ST: Weil jemand, der ohne weiteres eine Stellung wechseln kann, gegen eine bessere, der lässt sich weder ausbeuten noch schlecht behandeln. Wenn die Ersparnisse gesichert sind. Gesicherte Ersparnisse, auch wenn sie nicht groß sind, geben einen Bewegungsfreiheit, die man sonst nicht hat.

GL: Arbeitslosigkeit entsteht durch Deflation oder Inflation.

ST: Ja. Inflation, weil keine Möglichkeiten sind sich irgendwie zu sichern. Besonders bei der herrschenden Mentalität, die Unternehmer als Ausbeuter ansieht, als Erpresser usw.

Karl Marx hat gesagt, die Arbeiter schaffen Werte und der Unternehmer eignet sich diese Werte an. Das ist nicht so. Ein Ding hat keinen Wert an sich. Der Wert verleiht im der Käufer. Und es ist die Arbeit der Unternehmer, Dinge herzustellen, mithilfe der Arbeiter, die einen Käufer finden können. Sicher ist das nie. (…)

Wir kennen alle die Geschichte des Maler van Gogh, der in seinem ganzen Leben sehr viel gemalt hat, aber kein Bild verkaufen konnte. Wert hatten seine Bilder erst, als sie verkauft wurden. (…)

GL: Das ist etwas, was die Marxisten offenbar nicht verstehen.

ST: Das ist ihre Grundlehre, die nicht funktioniert. (…) Beide sind Arbeiter. Die Arbeiter und auch die Unternehmer sind Arbeiter. Sie sind im selben Boot, dem Kapital gegenüber, dem Geld gegenüber. Das Geld vermittelt die Wünsche der Käufer.

GL: Was mich wundert ist, dass [in Argentinien] ein Kreditnehmer 40 % Zinsen bezahlen muss, wenn er einen Kredit aufnimmt.

ST: Denn bei 40 % Inflation ist das Nichts.

GL: Ich habe mal mit einem Unternehmer gesprochen, der hat gesagt, es ist unmöglich, für ihn fast unmöglich, dass er einen Kredit aufnimmt, wenn er soviel Zinsen bezahlen muss.

ST: Das kann er nicht, weil er im Moment absolut nicht wissen kann, ob er was verdient. Im Moment geht die Kaufkraft der Bevölkerung zurück. Die Regierung hat jetzt wieder zinsfreie Darlehen in 12-Monatsraten geschaffen. Aber dieses Geld, was sie da verschenken, nehmen sie anderswo den Leuten durch die Inflation weg.

GL: Auch hier in Argentinien steigen die Bodenpreise. Ich habe das Gefühl, dass die einzigen von denen Investitionen ausgehen, es ist das Staat, indem er Geld druckt, oder Bodenspekulanten.

ST: Er vergibt Kredite und die Leute kaufen was. Für den Häuserbau haben sie jetzt in letzter Zeit Kredite gegeben und das sind wohl die einzigen, von diesen Staatsausgaben, die wirklich vernünftig sind. Denn Argentinien hat viel zu wenig Wohnungen und viel zu viele Elendssiedlungen.

Außerdem ist es nicht dasselbe, wenn man Wohnungen fördert, als wenn man den Autoverkauf fördert. Der Autoverkauf ist nur zur Erhaltung der Fabriken. Der Arbeitsplätze. Wenn Wohnungen gefördert werden, müssen die ja auch irgendwie bewohnbar gemacht werden mit Möbeln und allen Haushalt, den man braucht. So dass man dadurch die Industrie wirklich anregt. Und außerdem sind Wohnungen dauerhaft und Autos nicht.“

 GL: Und Silvio Gesell hat dann die Firma gegründet „Casa Gesell“ und diese Firma hat 100 Jahre bestanden, bis 1986, bis diese Firma dann geplündert worden ist.

ST: Sie haben dann auch noch eine Weile bestanden, aber der Verlust, der das ist, was sie hier sagen „höhere Gewalt“ („fuerza mayor“), das wird nicht versichert. Das war es eben dann. Das Betriebskapital war weg.

Das war aus Anlass der Weltmeisterschaft, die Argentinien in Mexiko gewonnen hat. Da haben sich die Verbrecher unter die Bevölkerung gemischt und die Polizei konnte nichts machen. Das war nicht nur die „Casa Gesell“, es waren eine ganze Reihe von Geschäften. Das kommt immer wieder vor.

Silvio Gesell warnte in einem Leserbrief, den die Zeitung nicht abdruckte, bereits 1918 vor dem 2. Weltkrieg!

ST: Papa hatte ja nun, aufgrund seiner Überzeugung vorausgesagt, dass kurz nach dem ersten Weltkrieg die Wirtschaft sich erholen würde, sehr viel Kapital schaffen würde und damit eine neue Krise auslösen würde. Denn die Krisen kommen immer dann, unerwartet, wenn es gerade gut geht. Denn alle Länder fingen an sich zu erholen, die vielen Zinsen fielen und plötzlich bremste alles ab. Und das hat ja dann zum zweiten Weltkrieg geführt.

GL: Eine gefährliche Entwicklung, die hat Silvio Gesell ja auch vorausgesagt. (…) 1918 hat er gewarnt [vor dem 2. Weltkrieg].

ST: Er hat immer gewarnt, denn sobald er herausgefunden hat, was die Ursache der Krisen ist. Weil sie nicht zu verhindern ist, mit dem Geldsystem, was wir haben.

Man sagt immer, die Banken hätten die Schuld. Besonders nach der Krise, in der wir immer noch stecken. Denn sie ist latent noch immer da. Hier hat es angefangen.

Zuerst hat es nicht Nordamerika und Europa betroffen, sondern erst einmal Mexiko, Japan, die asiatischen Tiger (…) dann Brasilien und Russland und dann Argentinien. Dann kam die große Krise in Europa und Nordamerika. Aber Mexiko war 1994 und [es] hat seitdem nicht aufgehört.

Jede von diesen Krisen hat Milliarden zerstört. Über die Verluste wird nicht gesprochen.

GL: Existenzen zerstört, Wirtschaft. Die wirtschaftliche Grundlage von Millionen Menschen.

ST: Ja. Es ist die Gesundheit von vielen Menschen. Es ist nicht so, dass eine Krise einfach vergeht. Die ganzen Bankrott-Erklärungen, es begräbt eine ganze Organisation auf Jahre. Bis so ein Bankrott abgewickelt ist, vergehen Jahre, in denen sich niemand bewegen kann. Es wird prozessiert. Diese Menschen sind gelähmt für lange Zeit. (…)

Foto: Sonja Gesell im Museum

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„Man kann den Banken nicht die Schuld geben an einer Entwicklung, an der das Geldwesen schuld ist.“

GL: Und deswegen hat Silvio Gesell sein Standbein nach Argentinien verlegt?

ST: Er hatte diese „Casa Gesell“ gegründet und sie wäre fast eingegangen an den schwarzen Listen der Alliierten. [Sie] verboten einem Deutschen weltweit irgendwas zu verkaufen. Und Carlos und Friedolin, seine älteren Söhne, führten damals die „Casa Gesell“, denn vor dem  [1. Weltkrieg] Krieg, ging Papa nach Europa. Zuerst-einmal in die Schweiz. Er hat während des Krieges sein Hauptwerk drucken lassen, „die natürliche Wirtschaftsordnung“.

„Natürliche Wirtschaftsordnung“, nicht weil sie etwa sich von selbst durchsetzen würde, sondern weil sie der Natur des Menschen angepasst ist und nicht verlangt, dass erstmal alle gute Menschen werden.

„Nun mit der Erfahrung des ersten Weltkrieges, mit den schwarzen Listen, und mit der Aussicht auf eine Krise und einen folgenden Krieg“ beschloss Silvio Gesell, dass „möglichst alles, was die „Casa Gesell“ verkauft, selber herstellt. Und sein Sohn, der in Nord-Amerika arbeitete und hauptsächlich an Erfindungen … „

GL: – das war Carlos –

… Carlos war in Nordamerika. In Michigan. Papa schrieb ihn [1926], ob er nicht gewillt sei, nach Argentinien zu kommen und hier eine Fabrik für die „Casa Gesell“ aufzustellen. Carlos sagte, zahnärztliche Artikel, das sei außer den Möglichkeiten, weil man ja besondere Stahllegierungen braucht.

Außerdem lag ihm das gar nicht mit Krankheiten zu tun zu haben. „Wenn dann stellen wir um auf Artikel für Babys.“ Und das haben sie dann auch getan und es war wohl das Hauptgeschäft in Argentinien für solche Artikel.

Er hat das Geschäft in „Punto Chico“ aufgebaut. Als wir nach Argentinien kamen, haben wir da immer viel herumgespielt. Das war wohl die primitivste Fabrik, die ich jemals gesehen habe. Aber sie machten die besten Artikel, die es zu kaufen gab.

Und Carlos hatte die Möglichkeit, seine Erfindergabe sehr gut anzuwenden. Als die Krise dann kam, da war wirklich nichts zu kaufen, ohne schwarze Listen. Weil einfach das Geld fehlte um zu kaufen. Sie haben sogar das Gummiteil, mit dem das Baby aus der Flasche trinken konnte, das haben sie in der Fabrik gemacht. Da haben sie die Mischung herausgefunden, um diesen Gummi ungiftig zu machen.

GL: Und dort hat Silvio Gesell auch ein bisschen Land gekauft und eine Urbanisierung gemacht.

ST: Er hat ein Schild gesehen, was Ländereien, die jeden Tag überschwemmt wurden, direkt neben der Station, zum Verkauf anbot. Er hat dann dieses Gelände gekauft und in vielen Jahren, 12 Jahren, haben sie eine große Lagune mit 80 Metern Durchmesser mit einer Insel in der Mitte ausgehoben.

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Und mit diesem Aushub das umliegende Land aufgefüllt, dass die normalen Überschwemmungen das Land nicht mehr unter Wasser setzen konnten. Die große Lagune war mit einer Schleuse geschlossen, so dass wenn das Wasser runterging, die Lagune voll Wasser blieb. Und es waren zwei Lagunen nötig, um es genügend aufzufüllen.

Foto: Sonja Tomys. Es zeigt „Punta chica“

GL: Das war bei „Punta Chica“ in der Nähe von Buenos Aires.

ST: Etwa 25 Kilometer im Norden von Buenos Aires. „Punta Chica“ war der Name der Bahnstation zwischen San Isidro und Buenos Aires. Die Bahn fährt heute nicht mehr.

GL: Das wurde dann 1947 von den Gesells verkauft, an eine Gewerkschaft. Inzwischen ist die Lagune zugeschüttet und die Gebäude sind abgerissen. Aber alte Fotos zeigen, dass es dort sehr schön war.

ST: Ja für uns Kinder war es ein Paradies.

GL: Sie sind da ja hingekommen, im Jahr 1935 mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern. Und mit wem haben Sie dann dort zusammengelebt? Auch wieder mit Carlos?

ST: Eine Zeit lang mit Anna Gesell. Der Frau von Silvio. Sie hat uns sozusagen als Enkelkinder angenommen, denn sie war älter als Papa und sehr viel krank.

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Foto: Sonja Tomys (Sonjas Mutter, Wanda Tomys, ist ganz rechts), Beschriftung auf Rückseite: „el fuente de la laguna chica en el parque de punta chica. Ehi, Letta, Ernestina, Wanda)

GL: Und dort kamen sie dann hin und haben praktisch den Weg nach Argentinien gefunden, den zweiten Weltkrieg überstanden.

ST: Wir sind eigentlich hierher-gekommen, weil Mama sagte, „um Tito zu retten“. Sie wusste noch nicht, dass die modernen Kriege gegen die Zivilbevölkerung geführt werden.

GL: Tito ist ein Sohn von Silvio Gesell.

ST: Mein Bruder. Für sie war es eine sehr schwere Entscheidung gewesen, weil sie ja kein Geld hatte.

GL: Interessant, 1935 war der zweite Weltkrieg noch gar nicht ausgebrochen. Aber sie haben sich wahrscheinlich erinnert an Silvios Warnungen.

ST: Es war zu sehen, wohin es steuert. Meine erste Erinnerung an eine argentinische Zeitung, da stand: „400 Millionen werden gegen die Achse kämpfen“. Ich wusste nicht, was das ist und die anderen wussten auch nicht, was eine Achse ist.

GL: Wie sehen sie im Moment die Gefahr, dass es zu einem neuen kalten oder vielleicht sogar heißen Krieg kommen könnte?

ST: Es wird jetzt ernstlich daran gearbeitet, die Kriege zu verhindern, aber andererseits wird auch ernstlich daran gearbeitet, die Waffen auszuprobieren. Es entstehen dauernd neue kleine Kriege, nur zu dem Zweck die Waffen auszuprobieren.

Russland, die Ukraine und die anderen Länder versuchen diesen Krieg einzudämmen. Er ist so unsinnig. (…) Langsam wird ein Dschungel aus der Welt. Die Menschen haben sich soviel angetan gegenseitig, dass es sehr schwer ist, das zu vergessen. Oder nur zu begreifen, dass sie den Frieden brauchen.

Silvio Gesell sah ein, wenn das arbeitslose Einkommen durch Spekulieren mit Geld (…) keine Zinsen mehr abwerfen würde, weil es einfach zuviel Kapital gab, wie es jetzt der Fall ist, würde sich das ganze überschüssige Kapital auf den Erwerb von Land stürzen und das würde eine äußerst ungesunde Entwicklung geben.

Es ist auch besonders deshalb gefährlich, weil die großen Industrieländer sich die Bodenschätze sichern würden. Und wenn sie sie nicht kaufen könnten, werden sie sie erobern. Darum wollte er, dass der Boden verstaatlicht wird und eben an einzelne, die in bearbeiten wollen, verpachtet wird, nach dem System, was in „Eden“ sehr erfolgreich war. Nur eben ohne die Auflage dort etwas Besonderes zu tun, sondern eben frei. Und das wie in „Eden“ auch alles, was der Pächter auf dem Land baut sein Eigentum ist, nur der Boden nicht.

 Ende Teil 1

Teil 2 „Carlos Gesell, Erbauer der Stadt „Villa Gesell“ folgt.

6 Gedanken zu „Auf den Spuren von Silvio Gesell in Argentinien“

  1. die freiwirtschaft ist eine weitere spielart des sozialismus. sie ist nur ein wenig anders formuliert. der zins ist nur die kompensation für den wertabschlag bei zukünftigen gütern. da der wert aller produktionsgüter nur vom wert der konsumgüter abhängt, die in der zukunft damit produziert werden, tritt er auch bei diesen auf (sie müssen zins abwerfen) und nicht nur bei geld und boden. die entfernung der arbeitslosen einkommen (zinsen) der kapitalisten impliziert also eine verstaatlichung sämtlicher produktionsgüter, nicht nur von geld und boden.

    1. hier noch ein beispiel dazu: nehmen wir an, ich vermiete ein haus, das 840 monate (70jahre) lang (inflation im fogenden stets herausgerechnet) durchschnittlich 1000€ reingewinn (miete-wertverlust des hauses durch alterung-übrige kosten) abwirft und danach unbewohnbar ist, also der wert 0 hat. sein marktwert wird (vor der vermietung) nicht 840000€ sein, weil ich beim investieren die 1000€ die ich in 10, 20 oder 70 jahren bekomme geringer schätze als die 1000€, die ich heute bekomme. selbst mit freigeld sind meine investitionsmöglichkeiten vielleicht etwas weiter eingeschränkt auf das sachkapital, was zu gesamtwirtschaftlichen problemen führen kann, aber meine wertschätzung hat sich nicht geändert. ich investiere vielleicht 750000€. dadurch erhalte ich aber über die zeit mehr als ich einnehme, also beziehe ich einen sachkapitalzins. durch die staatlich verordnete verengung der investitionsmöglichkeiten kann der allgemeine zins eine zeit lang künstlich gedrückt werden und fehlinvestitionen anregen, da suggeriert wird, dass man die zukunftsgüter höher schätzt als das tatsächlich der fall ist. aber das wird er heutzutage sowieso schon von der zentralbank gemacht. das ergebnis sind fehlleitung von kapital und sich ständig verschlimmernde krisen.

      1. @ rote Pille

        Bei dem Beispiel mit dem Haus fehlen die Anschaffungskosten
        Wie will man denn dann die einzig interessanten Parameter Schulden und Preisstabilität in Übereinstimmung bringen?
        Die Alternative zum Hausbau hätte darin bestanden, das Geld zur Bank zu bringen. Aber so läuft Wirtschaft nicht.
        Im wirklichen Leben hat der Hausbauer 10 % Eigenkapital und den Rest gibt eine Bank als Kredit. Damit kostet den Bauherrn dieses Haus nicht 780.000 Euronen, sondern, je nach Zinshöhe und Gesamtlaufzeit rund das Doppelte.
        Und das ist das wirkliche Leben! Die meisten Firmen im deutschen DAX sind verschuldet. Selbst der Mittelstand ist verschuldet. Die glorreichen Zeiten von vor 1914 sind eben vorbei.

        1. die anschaffungskosten sind doch meine 750 t investition. ich nehme dabei an, dass ich das geld bar bereit hätte. wenn ich mich dafür verschulden muss, dann wird der zinsertrag zum größten teil der bank zugute kommen.
          als ich sagte: inflation herausgerechnet meinte ich nicht, dass keine existiert. der investor kann von einer bestimmten inflationsrate ausgehen und muss es in die rechnung einfließen lassen. die 1000 werden dann nach ein paar jahrzehnten vielleicht zu nominalen 2000. das ist gleichgültig, denn es geht um den geschätzten wert. durch ungenaue einschätzung werden unternehmerische gewinne oder verluste zum kalkulatorischen zinssatz hinzutreten.
          die alternative besteht darin, das geld für konsum auszugeben, wozu auch selbst genutze immobilien zählen, oder andere reale werte zu kaufen.

  2. Man kann die Sache doch drehen wie man will; alle Versuche des Silvio Gesell sind letztlich Reparaturversuche wenn das Kind bereits im Brunnen liegt. Wobei das Freigeld natürlich kein Reparaturdienst an der stürzenden Währung ist, sondern,
    eine Alternative für die unteren Schichten sein soll und in direkter Konkurrenz zur nationalen Währung steht.
    Immer wenn die Überschuldung groß ist, haben solche Ideen Zulauf und Anhänger.
    Doch wenn die Notenbank die alte Währung repariert und mittels Währungsreform instandgesetzt, d.h. die Schulden der Schuldner und Guthaben der Gläubiger auf Null gesetzt hat, dann fällt die Motivation für das Freigeld sehr schnell wieder weg. Eben weil das Freigeld eine lokale Erscheinung ist und nicht global einsetzbar.

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