NSU-Bomben: Bundeskriminalamt vertuschte Sprengstoff-Lieferanten

In münchner NSU-Prozess ging es in den letzten Tagen um den Bombenanschlag in der Keupstraße in Köln. Es ist bis heute unbekannt, von wo der NSU den Sprengstoff herhatte. Doch es gibt Grund zur Annahme, dass das Bundeskriminalamt (BKA) Informationen zurückhält, und Behördenvertreter die Parlamente belügen. Beispielsweise wusste der NSU-Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestages nicht, dass dem BKA die Herkunft des NSU-Sprengstoffes bekannt war. Das „TNT“ wäre in den Rohrbomben gewesen, die in Beate Zschäpes Garage gefunden worden wären.

Am 27.11.2013 bot die „Bundeszentrale für politische Bildung“ einen öffentlichen Chat im Internet an. Experten vom Untersuchungsausschuss (U-Ausschuss) „Frau Kleffner die Linksfraktion, Herr Dr. Feser die CDU/CSU-Fraktion“ beantworteten Fragen zum NSU-Komplex.

Ich stellte eine Frage zum (mutmaßlichen) Sprengstoff-Lieferanten Thomas Starke. Er sagte 2012 dem BKA, dass er den Sprengstoff „TNT“  für die (mutmaßlichen) NSU-Bomben lieferte, die in 1998 in Beate Zschäpes Garage gefunden worden wären.

Feser und Kleffner schrieben, dass die Herkunft des „TNT“ „nicht bekannt“ wäre. 

„Friedensbl: Der „Vertrauensmann“ der Polizei Thomas S. lieferte TNT-Sprengstoff für NSU-Bomben – ist die TNT-Herkunft bekannt?

Dr. Andreas Feser und Heike Kleffner: Nein, die Herkunft ist nicht bekannt. Leider hat das LKA Thüringen das Beweismittel Sprengstoff schon vor Jahren vernichtet. „

„Frage: Wie kann die Herkunft des TNT ungeklärt sein, wenn Thomas S. ein “Vertrauensmann” der Polizei ist?

Dr. Feser und Heike Kleffner: Thomas S. war „Vertrauensperson“ erst ab dem Jahr 2000 – das TNT wurde schon 1997 übergeben – und er war Vertrauensperson in einem ganz anderen Verfahren, in dem es um die Verbreitung und die Herstellung indizierter neonazistischer Musik ging. Nach dem TNT wurde er erst in den aktuellen Ermittlungen befragt – nicht als „Vertrauensperson“, sondern als einer der Beschuldigten im Ermittlungsverfahren.“(bpb)

Dem Blogger „fatalist“ wurden geheime Ermittlungsunterlagen des Bundeskriminalamts (BKA) zugespielt, die er seit geraumer Zeit veröffentlicht und kommentiert; unter anderem auch zum Fall Starke.

Vom Vernehmungsprotokoll Starkes wird ersichtlich, dass er sich zur Herkunft des Sprengstoffes äußerte. Starke soll es von einem Jörg W. erhalten haben.

„Frage: Was könnten Sie uns nun zu dem Sprengstoff sagen, den Sie besorg haben sollen?

Antwort: Ja, das stimmt, ich habe ihn besorgt, und zwar war das im Jahr 1996 oder 1997 als mich Mundlos fragte, ob ich Sprengstoff besorgen könnte. (…) Ich weiß nicht mehr genau, aber ich habe mitbekommen, dass ein Jörg W., auch B&H Sektion Sachsen, mit Sprengstoff experimentierte. Vielleicht habe ich aber auch mit Giso T. gesprochen, der mir gesagt hat, dass der W. damit auf dem Truppenübungsplatz mit Sprengstoff experimentierte. Giso gehörte auch zu B&H Sektion Sachsen.

Ich habe dann, meine ich, den W. direkt gefragt, ob er Sprengstoff besorgen könne. (…) Es dauerte dann circa 2 bis 4 Wochen bis er mir mitteilte, dass er etwas habe und der Giso mir das vorbeibringe. (…) Geschätzt waren es etwa 500 Gramm vielleicht auch 700 Gramm, schwer zu sagen.“ (fatalist)

Hier ist ein Foto von Jörg W.

Dubios erscheint, dass Kleffner und Dr. Feser darauf bestanden, dass Starke “erst ab dem Jahr 2000″ Vertrauensmann (VM) des Berliner Staatsschutzes gewesen wäre. Davor hätte er also mit  den bundesdeutschen Geheimdiensten nichts zu tun gehabt.

Ein Dokument der Bundesanwaltschaft bezeichnete ihn jedoch schon Anfang 2001 als “langjährig geführten Vertrauensperson”. Diese Aussage, erklärte Feser in einer email an mich, „erscheint (…) schlicht ein Irrtum zu sein.“

Diese Darstellung wird weiter in Frage gestellt durch das seltsame Einschreiten des CDU/CSU-Obmanns im damaligen Bundestag U-Ausschusses, Clemens Binninger. Der grüne Hans-Christian Ströbele fragte eine Vertreterin des Bundesamtes für Verfassungsschutz über Starke aus.

„Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja, Frau Zeugin, bei meiner Frage geht es mir jetzt um Ihr Denken und Ihre Haltung als Beispiel für Denken und Haltung im Bundesamt für Verfassungsschutz. Sie haben vorhin den Satz gesagt, die V-Mann-Führer oder die V-Leute-Führer und auch die Quellen wären doch froh gewesen, wenn sie einen Hinweis geben könnten auf die drei Untergetauchten. Würden Sie das auch für eine Quelle sagen, die beispielsweise mit Frau Zschäpe eine dreimonatige Beziehung hat, die anschließend – – oder die das Trio untergebracht hat, die ihnen eine Unterkunft verschafft hat, oder eine Quelle, die selber das Trio aus ihrem Einkommen vom Verfassungsschutz unterstützt oder für die Quelle [sic!] ein Spiel namens „Pogromoly“ vertreibt? Meinen Sie auch, das sind Quellen, die doch froh sind, wenn sie Hinweise auf das Trio geben können? Oder ist das nicht eine völlige Fehleinschätzung der Haltung gegenüber Quellen?

Zeugin Rita Dobersalzka: Also, Herr Ströbele, das ist jedenfalls der Normalfall, wenn ich eine Quelle habe, die ich als zuverlässig einschätze.

Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Aha, so wie Herrn Starke.“ (fatalist)

Auf Edathys Initiative scheint Binninger regelrecht einzuschreiten, um die Geheimdienstlerin daran zu erinnern, dass Starke nicht ihr Mann war.

Verhinderte Binninger die Enttarnung des NSU-Informanten?

Clemens Binninger (CDU/CSU):

„Weil wir hier in diesem Ausschuss präzise arbeiten, muss ich den Kollegen Ströbele in diesem Punkt korrigieren, was den Vorhalt angeht. Die Quelle Thomas S. gab es 98 noch nicht, und sie war es später auch nicht beim Verfassungsschutz, sondern bei der Berliner Polizei. Das heißt, eine Befragung der Quelle Thomas S. durch den Verfassungsschutz konnte es nicht geben. Deshalb kann man das auch nicht vorhalten, dass der Geschichten erzählt hat.

(Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN): Herrn Brandt gab es schon!)

– Ja, gut, dass der die drei gekannt hat, war ja unbestritten. Dem musste man keine Bilder vorlegen. – Also, ich sehe das auch sehr kritisch, das Verfahren; aber wir sollten nur die V-Leute benennen, die es damals dann auch waren. Und der war es eben in dem Fall jetzt wirklich nicht.“

Diese Darstellung scheint jedoch falsch zu sein. Es ist bekannt, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die Personalakte von Thomas Starke schredderte. Warum soll es eine Personalakte gehabt haben, wenn Starke nicht ihr Informant gewesen sein soll?

„Beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) wanderten Personalakten von 94 Neonazis in den Reißwolf. Darunter waren nach Informationen von stern.de Akten von drei Personen mit NSU-Bezug: Juliane W., Thomas S. und Hermann S.

Alle drei stammen aus dem engeren Unterstützerumfeld des Terrortrios: Thomas S. war ihr Sprengstofflieferant, Zschäpe-Liebhaber und V-Mann des Berliner Landeskriminalamtes (LKA).“ (stern)

Einordnung

Der Untersuchungsausschuss (U-Ausschuss) des Bundestages fügte am Ende seiner Arbeit Anfang 2013 den Geheimdiensten. Der Ausschuss-Vorsitzende Sebastian Edaty erklärte Anfang Mai 2013, dass es “keine Hinweise”, “keinerlei Indizien” gäbe für ein “bewusstes Wegschauen” oder “gar aktive Unterstützung”. (tagesschau)

Petra Pau von den Linken distanzierte sich Ende Mai ausdrücklich von „Verschwörungstheorien“, bei denen „Geheimdienste eine Rolle“ spielen würden. Die Linke im Bundestag-U-Ausschuss hätte sich „nie darauf eingelassen“.

Gibt es auch auf politischer Ebene nur ein geheucheltes Interesse, den NSU-Komplex aufzuklären?

9 Gedanken zu „NSU-Bomben: Bundeskriminalamt vertuschte Sprengstoff-Lieferanten“

  1. Ja sollten wir vielleicht mal ne Demo vor dem BKA organsieren.Welcher Bill Gates oder George Soros spendet Geld zum organiseren einer Demo vor dem BKA?

    Pegida bitte melde dich!

  2. Die sind beide vorgeladen, hat Klemke beantragt, Giso und Jörg. Was Starke angeht, so wird man weiterhin vertuschen, dass das Trio nach der flucht zu einem V-Mann fuhr.

    Bio, wie war das, was sagte Michael v.D. dem Spiegel?
    Er sagte, Kapke habe ihn 1998 gefragt, ob er ein trio unterbringen könne.

    Michael befragte seinen V-Mann-Führer, was er tun solle.

    Der sagte ihm, er solle ablehnen, da kümmerten sich schon Andere drum, um das Trio.

    Na, wer war das? Thomas Starke, der V-Mann, wer denn sonst?

  3. Thomas Starke wurde ja angeblich erst 2000 V-Mann (und angeblich nicht bei einer für Sachsen / Thüringen zuständigen Stelle, sondern beim Berliner LKA). Also sollen wir wohl glauben, dass die 2001er Bezeichnung „langjähriger V-Mann“ nicht zurückreicht bis zu seiner 1997er TNT-Lieferung von Sachsen nach Thüringen ans Trio.

    Merke: Solange er böse war (1997, TNT) hatten die guten Behörden nichts mit ihm zu tun. Als er dann ein Guter wurde und Geld von den Guten bekam (2000, V-Mann), trennte er sich von den Bösen, insbesondere von den Bösesten der Bösen.

    Denn er soll zum Trio nach dessen Untertauchen nicht mehr lange Kontakt gepflegt haben (auf beiderseitigen Wunsch), weil er sich im Landser-Verfahren als Verräter entpuppt hatte, wofür er von Szene-Mitgliedern verprügelt wurde.
    Was macht ein frisch gebackener V-Mann eigentlich (offiziell bis Anfang 2011, also ein ganzes Jahrzehnt), wenn er doch gar keine Freunde mehr hat, die er ausspionieren kann? DNA-Spuren legen?

    In der letzten Zschäpe-Wohnung wurden jedenfalls DNA-Spuren gefunden, deren Struktur darauf hindeutete, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,85 % von einem Kind des Thomas Starke stammen müssen. Die bekannten ehelichen Kinder Starkes passten mit ihrer hälftig mütterlichen DNA aber nicht zum Fund. Ein schlampiger Laborant hat letztlich herhalten müssen, der angeblich seine eigene DNA in die Tatort-Probe geträufelt haben soll. Mit Schlamperei will man in Sachen NSU ja vieles „erklären“, aber hier bleibt dann trotzdem das ungelöste Rätsel, warum ein Laborant „zufällig“ solche Gene hat, als wäre er zu 99,85 % der Sohn von Thomas Starke ??

    Man hat das weggewischt, es gebe eben manchmal einfach sehr ungewöhnliche Zufälle. Muss das nicht alle „Väter“ nachdenklich machen, deren nagende Zweifel nur aufgrund eines Vaterschaftstests (99,85% !) ausgeräumt wurden?

    Ob Starke vor- oder außereheliche Kinder hat, wurde gar nicht erst gefragt. Dabei hat er bekanntlich z.B. Zschäpe 1997 nicht nur mit Sprengstoff beliefert …

    Im NSU-Umfeld gab es drei „V-Leute“, die eher als „Agents provocateurs“, als bezahlte Auftrags-Anstifter und Tathelfer betrachtet werden müssen:

    – Tino Brandt: Gründer und Leiter des THS („Mutter-Org“ des NSU), Nachwuchs-Werber und -Indoktrinator, Organisator

    – Michael S. /v.D.: Herausgeber des Hetzblattes „Sonnenbanner“, erhielt von seinem V-Mann-Führer neben finanzieller Hilfe auch redaktionelle

    – Thomas Starke: vor dem Abtauchen TNT-Lieferant, sorgte er nach dem Abtauchen für den Umzug der Thüringer nach Sachsen zu seinen Blood-and-Honour-Freunden, die (viel stärker als die THS-Leute) ausgemachte Waffennarren waren

    Die ersten beiden waren unstrittig langjährig tätig und erhielten ungewöhnlich große Geldbeträge. Wie war es beim dritten, bei Thomas Starke?
    Hat der „langjährige ewige Neuling“ (s.o.) wirklich in seiner „produktivsten“ Zeit kein Geld bekommen und in seiner bezahlten Zeit keine nützlichen (Spitzel- und sonstigen) Ergebnisse abliefern können?

    Oder hat hier einfach der größte der drei Halunken die ausgiebigste Tarn-Legende erhalten?
    Seine Waffenverschaffung ist jedenfalls deutlich brisanter und krimineller als Aufbau/Orga von Brandt und die Propaganda-Hetze von Michael S.

    Während die Edathy-Leute im Reichstag ein “bewusstes Wegschauen” oder “gar aktive Unterstützung” der Ämter so gar nicht erkennen konnten, haben wenigstens die Thüringer Parlamentarier in ihrem Schlussbericht klar angeprangert, dass es im Apparat neben „Pannen“ auch „Sabotage“ gab und dass die „Selbstmord-These“ nicht zum Fakten-Befund passt.

    1. Starke hatte Anfang 2001 Vertraulichkeitszusagen mehrerer Dienststellen, als das LKA Berlin noch eine für ihn bekam. Siehe Protokoll 66b, bundestag.de.

      Ausserdem hat das BfV eine Starke-Akte geschreddert.

      Und jetzt bitte 1 und 1 addieren.

  4. Falls Ralf Wohlleben zu Recht vor Gericht steht (also die Ceska-Beschaffung für die Uwes „angestiftet“ hat, was sich bisher nur auf die lückenhaften und widersprüchlichen Aussagen von Carsten Schultze stützt, dem angeblich von ihm „angestifteten“ tatsächlichen Erwerber und Überbringer – welch überzeugender „Kronzeuge“!), dann fragt man sich, warum nicht auch Thomas Starke, der (anders als bei Wohlleben / Schultze) die Rollen von Waffenlieferant und Anstifter gleich in einer Person vereinigt?

    Oder umgekehrt, warum blieb nicht beiden die Anklage erspart? Wohlleben soll ja auch V-Mann gewesen sein (allerdings im NPD-Verbotsverfahren) und dass er die künftige Rolle der Ceska als Serienwaffe kannte, wurde bisher mehr unterschwellig behauptet als konkret bewiesen bzw. erst gar nicht groß thematisiert. Kannte er die künftige Rolle der Ceska jedoch nicht, was unterscheidet ihn dann noch von den Lieferanten der ca. zehn weiteren „NSU“-Waffen (gegen die offensichtlich nicht ermittelt wird) und was von Thomas Starke, der viel weniger als Wohlleben seine „nachhaltigen“ Waffen- und Logistiklieferungen zur Gefälligkeit herunter verniedlichen kann?

    Wie Zschäpe, deren V-Frau-Status auch noch im Raum steht, hat er sich fürs Schweigen entschieden und bleibt damit wie sie in U-Haft, im Gegensatz zu den anderen drei Angeklagten.

    Dünne Beweise – gnadenlose Schuldzuweisung – eisernes Schweigen – mutmaßlicher V-Leute-Status – Märtyrer-Potenzial in der Szene:
    Manchmal könnte man das Schweigen der beiden für den Teil eines Deals halten. Es bleibt aber schleierhaft, was dabei der „Lohn“ der beiden sein könnte und ob ein diesbezügliches Versprechen am Ende ein leeres sein wird, wenn die Staatsräson als „Mindest-Sühne“ auf 2 x lebenslänglich für 10 x gemordet bestehen muss, um die Sache für die Öffentlichkeit abschließen zu können.

  5. Was passiert, wenn ein Beschuldigter Thomas Starke aussagt, er habe Sprengstoff über Giso T. von Jörg W. bekommen?
    .
    Na die Beiden werde vernommen.
    Was denn sonst?
    .
    Also warte wir doch einfach mal ab, wann sie vernommen wurden von der BAO Trio des BKA.

    185. Tag: 11. Februar 2015, 11:00 Uhr, Giso T. (Umfeld Trio)

    dann wissen wir mehr…

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