Bereits 1916 erklärte Silvio Gesell die heutige Finanzkrise

Der deutsch-argentinische Kaufmann Silvio Gesell veröffentlichte 1916 sein Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung“. Dort beschreibt er deutlich die Problematik der Zinswirtschaft und warnte vor den bis heute praktizierten Schein-Lösungen. Sein Werk wird trotz der Finanzkrise von den meisten sogenannten Experten ignoriert, obwohl Gesells Analyse aktueller denn je ist.

Silvio Gesell beschreibt in seinem Buch, dass sich eine natürliche Marktwirtschaft in der Marktsättigung ein-pendelt. Die Sachkapital-Verzinsung ist gleich null. Es herrscht Vollbeschäftigung. Angebot entspricht der Nachfrage.

Diese natürliche Entwicklung kann der Geld-Überschussbesitzer jedoch verhindern, indem er sein Geld nicht ausgibt, seine Nachfrage dem Wirtschaftskreislauf entzieht. Er verleiht es nicht, wenn die Unternehmen ihm dafür zu-wenig Zinsen bieten. Damit fehlt Geld (Nachfrage) für die Angebote. Investitionen lohnen sich nicht.

Die Deutsche Bundesbank gab im Monatsbericht …

„… vom Juni 2009 die Ergebnisse einer neuen Untersuchung bekannt (…). Daraus ergab sich, dass die gesamten Hortungen im In- und Ausland, bezogen auf die von der Bundesbank ausgegebenen Euro-Scheine, bis zwei Drittel des Bestandes liegen, der Ende 2019 mit 203 Mrd ausgewiesen wurde. Und der Anteil der in Deutschland regelmäßig kursierenden Bestände wird sogar nur auf rund 10 Prozent des ausgegebenen Banknotenwertes geschätzt, also bezogen auf jenen Gesamtbestand, der immer noch als die “umlaufende Geldmenge” bezeichnet wird.“ (Helmut Creutz, Geldsyndrom, S. 168)

Ein weiteres Problem ist die zunehmende Ungleich-Verteilung der Geldvermögen. Die Zins-Nehmer werden immer reicher, dagegen müssen die Schuldner sich immer weiter verschulden und werden ärmer. Damit wird nochmals dem Markt Nachfrage entzogen. Nach und nach rutscht die Volkswirtschaft in die Krise. Da greifen die Notenbanken ein und füllen die Nachfrage-Lücke mit frischen Geld auf. Offiziell geben die Zentralbanken auch ein Inflations-Ziel von 2% zu.

In Silvio Gesells Worten:

„Aber die Sparer geben das Geld nicht her ohne Zins, und die Unternehmer können keinen Zins bezahlen, wenn das, was sie bauen, nicht wenigstens den gleichen Zins einbringt, den die Sparer fordern. Wird aber eine Zeitlang an der Vermehrung der Häuser, Werkstätten, Schiff usw. gearbeitet, so fällt naturgemäß der Zins dieser Dinge. Dann können die Unternehmer den von den Sparern geforderten Zins nicht zahlen. Das Geld bleibt in den Sparkassen liegen, und da gerade mit diesem Geld die Warenüberschüsse der Sparer gekauft werden, so fehlt für diese jetzt der Absatz, und die Preise gehen zurück. Die Krise ist da.

Hier nun wollen die Umgestalter der Notenausgabe eingreifen. Sie sagen: warum ist die Krise ausgebrochen? Weil die Preise fielen, und die Preise fielen, weil es an Geld fehlte, d. h., weil das vorhandene Geld wegen des herabgesetzten Zinsertrages der Sachgüter nicht angeboten wurde. Gut denn, so lassen wir die Sparer und Sparkassen im Besitz des Geldes. Sie mögen das Geld verscharren. Und wir drucken neues dafür. Der Staat verfertigt Geld und liefert es den Unternehmern, wenn die Sparer und Kapitalisten es ihnen vorenthalten. (…)

Das klingt ja gut; der Vorschlag ist einfach, und man hält ihn für verständig. Aber er klingt nur gut für den Laien. Ein geübtes Ohr vernimmt da schrille Mißtöne.“ S. 205 ff.

Silvio Gesell greift frontal die Sparer an.

„Wie – ist nicht das Geld gemacht worden, um den Warenaustausch zu vermitteln? Und da gestattet man den Sparern, den Kapitalisten und Wucherspielern, das Geld für andere, dem Warenaustausch fremde Zwecke zu verwenden? Das Geld wurde gemacht, um dem Warenerzeuger den Tausch seiner Erzeugnisse gegen die anderer Warenerzeuger zu erleichtern. Das Geld ist also ein Tauschmittel, mehr nicht. (…) Wer mit dem Kauf zögert, läßt den Tausch unvollendet, (…) er mißbraucht das Geld. (…)“

Nun heißt es, dass der Mann, der seine Erzeugnisse gegen Geld verkauft hat und dieses  nicht wieder durch den Kauf von Waren weitergibt, bereit ist, das Geld zu verleihen, wenn ihm ein Zins geboten wird. Aber diese Bedingung kann man nicht als rechtmäßig gelten lassen. Bedingungslos soll der Mann sein Geld verleihen, sonst muß er gehalten werden, selber Ware zu kaufen oder seine eigenen Erzeugnisse zurückzukaufen. (…) Wer Geld hat, hat ein Recht auf unmittelbaren Kauf von Waren, mehr nicht.

Ein Recht auf Zins widerspricht dem Gedanken des Geldes, denn dieses Recht käme einer Besteuerung gleich, einer privaten Besteuerung des Warenaustausches mit Hilfe einer staatlichen Einrichtung. Das Recht auf Zins käme dem Rechte gleich, den Warenaustausch durch Festhalten des Geldes zu unterbrechen, um die Warenbesitzer, die auf dieses Geld warten, in Verlegenheit zu setzen und um diese Verlegenheiten für die Zinserpressung auszubeuten. (…)

Aber über diese doch ziemlich verständlichen Forderungen eines gesunden, zweckentsprechenden Geldwesens gehen die Befürworter einer geänderten Notenausgabe (Emissionsreformer) mit jugendlichem Leichtsinn hinweg und hoffen wohl, auch so ihr Ziel zu erreichen. Ein eitler Wahn!“

Die Folge dieser Zentralbank-Strategie ist, dass der Zins weiter sinken kann. Jedoch nur auf Kosten von zusätzlichem Geld, welches auch noch als zusätzliche Schuld auf die Welt kommt. Die Entwicklung der Volkswirtschaft, das Wirtschaftswachstum basiert zunehmend auf Schulden. Die Menschen leben über ihren Verhältnissen, auf Pump.

„Der Erzeugerüberschuss der Sparer wird also nicht mit deren Geld gekauft, sondern mit neuem Geld. Vorläufig hat das auch nicht viel zu besagen. Und mit Hilfe des neuen Geldes geht der Bau von Häusern, Fabriken, Schiffen usw. ungestört weiter. Die Unternehmer erhalten zwar von diesen Dingen nun immer weniger Zins, weil jetzt ohne Unterbrechung weitergebaut wird und das Angebot von Mietshäusern usw. unaufhaltsam wächst, aber damit gleichlaufend sinkt auch der Zinsfuß den sie der Notbank zu zahlen haben. (…)

Es wird  ohne Störung unausgesetzt gearbeitet, und dementsprechend geht auch das Geldsparen unausgesetzt vor sich. Manche dieser Sparer finden es vorteilhaft, ihr Geld auch noch zu herabgesetztem Zins zu verleihen, aber bei manchen, und besonders bei den kleinen Sparern, wo der Zins sowieso nicht viel ausmacht, genügt schon das Herabgehen des Zinses von 5 auf 4 oder 3%, um sie zu veranlassen, das Geld in altmodischer Weise bei sich zu Hause zu bewahren und ganz auf den Zins zu verzichten. Diese Summen betragen zusammen viele hundert Millionen Mark, und der Staat ersetzt sie durch Ausgabe neuen Geldes.

Und so wird die Krise vermieden, es wird weiter gearbeitet an Häusern, Schiffen, Fabriken, deren Zins ständig, und wie man annimmt, schnell heruntergeht. Aber mit jedem Zurückgehen des Zinses wachsen die Hemmungen, die den Sparer davon abhalten, sein Geld zu Sparkasse zu bringen. Bald sind es auch schon die größeren Sparer, die es nicht mehr für der Mühe wert halten, das Geld zu Sparkasse zu bringen (…)

Die Leitzinsen wurden auch heute gesenkt, angesichts der sich zuspitzenden Finanzkrise. Die Leitzinsen liegen jetzt zwischen 0 und 1%. Mit dem geliehenen Geld kauften sich Geschäftsbanken Staatsanleihen von Staaten. Die Zentralbank hilft auch Geschäftsbanken mit faulen Krediten (zahlungsunfähige Schuldner), trotzdem zu überleben und ihren Sparern gegenüber liquide zu bleiben. In der Realwirtschaft kommt die zusätzliche Liquidität nicht an, es wurde immerhin eine große Bankenkrise und damit eine Weltwirtschaftskrise verhindert. Gleichzeitig fließt immer mehr Geld in die Hortung von Bargeld und für Spekulationszwecke auf Sichtguthaben. Gelder werden immer weniger langfristig angelegt.

Und je mehr der Zins fällt, um so stärker fließt dieser Strom. schließlich, und noch bevor der Markt an Realkapital völlig gesättigt ist, schon wenn der Zins auf 1% gefallen ist, bringt niemand mehr seine Ersparnisse zu Sparkasse, alle behalten das Geld lieber unter eigener Aufsicht.(…)

Alle diese Hemmungen, die bisher durch den hohen Zins überwunden wurden, gewinnen jetzt die Oberhand. Und ein Strom von Geld, von Papiergeld, fließt vom Geldamt über die Märkte, um in Millionen von Sparbüchsen zu münden, und unermüdlich ersetzt die lithographische Presse des Geldamtes, was hier dem Markt entzogen wird. Ein gewaltiger Strom von Papiergeld, von Nachfrage, täglich fälliger Nachfrage, wird hier auf ein totes Gleis abgelenkt.“

Silvio Gesell warnt vor dem gewaltigen Inflations-Potential, welches in den gehorteten Geldmitteln ist und plädiert für eine Kontrolle der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.

Wie nun, wenn aus irgendeinem Anlaß diese Nachfrage lebendig würde und auf den Markt ginge? Wo wäre das dazugehörige Angebot von Waren? Und wenn das Angebot fehlt, dann steigen die Preise, diese Preissteigerung aber erzeugt Differenzen, und diese Gewinnaussichten locken das Geld auf den Markt! Steigen die Preise, winken die Differenzen, so platzen alle Sparbüchsen, und lawinenartig ergießen sich die Milliarden auf den Markt. Rette sich wer kann! Wer Ware gekauft hat, ist gerettet. Also kaufen sie alle; die Nachfrage steigt in die Milliarden, und da das Angebot natürlich fehlt, so schießen die Preise in die Höhe.

Die Preissteigerung macht die Ersparnisse zunichte – und mit dem Papiergeld tapeziert man wieder den Kuhstall – nach alter Weise, wie es während der Französischen Revolution mit den „Assignaten“ geschah.

Freilich verneint Flürscheim eine solche Möglichkeit. Er sagt: die Sparer bzw. Inhaber der Milliardennachfrage können niemals auf den Gedanken kommen, daß die Preise der Waren steigen werden, weil der Staat jeden sich an den Warenpreisen zeigenden Überschuß an Geld sofort einzieht. (…)

Dabei muß sich der Staat beeilen; es darf überhaupt nicht zur Hochkonjunktur kommen, denn mit dieser erscheinen sofort die Gewinnerspäher auf dem Plane, und werden erst einmal die ersten Gewinne aus der Preissteigerung einstreichen, so gibt es kein Halten mehr, da kommt jeder staatliche Eingriff zu spät. Man vergegenwärtige sich doch die Lage, in der sich hier der Staat befindet: 10 Milliarden sind für den regelrechten Güteraustausch nötig, 100 Milliarden sind aber ausgegeben und von den Sparern festgehalten. Kehrt von diesem Überschuß von 90 Milliarden ein geringer Teil auf den Markt zurück, so steigen die Preise, und sowie die Preise steigen, folgt der Rest der  90 Milliarden sofort nach! (…)

Solange das Papiergeld nur seinem Zweck entsprechend als Tauschmittel verwendet wird, ist alles in bester Ordnung. Reiß man aber das Papiergeld aus dieser Ordnung heraus, dann bleibt nur Geldpapier übrig. Ein Didibus, gut genug, um die Pfeife anzuzünden. (…)

Die so gedachte Umgestaltung der Notenausgabe (Emissionsreform) würde also nur eine ganz kurze Lebensdauer haben können und dabei den Keim für den größten Schwindel in sich tragen, den die Menschheit bisher erlebt hat und der zur Folge hätte, daß das Volk in den Schoß des alleinseligmachenden Goldes zurückkehren verlangen würde, wie es bisher immer der Fall gewesen ist.

Da scheint es mir doch vernünftiger zu sein, gleich gründliche Arbeit zu verrichten und mit der hier besprochenen Emissionsreform gleich eine Reform des Geldes zu verbinden, die die dingliche Vereinigung von Tauschmittel und Sparmittel aufhebt, die alle privaten Geldvorräte auflöst, alle Sparbüchsen zerschlägt, alle Kassetten sprengt und die bewirkt, daß zu jeder Zeit, im Krieg wie im Frieden, in guten wie in schlechten Jahren, sich immer und genau so viel Geld im Verkehr befindet, wie der Markt ohne Preisschwankungen aufnehmen kann.“

Hier kann sein Buch heruntergeladen werden. (fu-berlin)

3 Gedanken zu „Bereits 1916 erklärte Silvio Gesell die heutige Finanzkrise“

  1. Schön daß Silvio Gsell mal wieder Erwähnung findet, zumal das, was er sagt, ja nicht nur ein gedankliches Konstrukt ist, sondern man hatte, ich müßte jetzt lügen um zu sagen wann es genau war, aber man hatte sein „Modell“ während einer Krisenzeit ja mal in einem Dorf oder einer Gemeinschaft ausprobiert. Resultat, war, daß außerhalb des Modellversuches die Wirtschaftskrise weiter lief, während in der Gsellschen Versuchsgemeinschaft der Handel und das Leben blühte. Der Versuch wurde dann abgebrochen und als mißglückt in irgendwelche Schubladen gesteckt.

    Ich denke auch, wenn Geld ein Haltbarkeitsdatum bekäme, dann wäre schon viel von dem Dilemma, welches wir haben gelöst. Dann kann man es nicht mehr so leicht horten.

    Und da ist nun der Hase im Pfeffer vergraben. Obwohl man weiß das es anders ginge, scheint man gar nicht zu wollen, daß es sich ändert. Denn mit diesem Schuldsystem kann man mittels der Zinsnahme jede Menge Geld verdienen ohne auch nur irgendwas produktives zu tun. Es ist ein Teufelskreislauf der uns da aufgenötigt wird. Man könnte einfach sagen, daß Schuldgeld Zinssystem hält uns am arbeiten und vom Leben ab.
    Und können wir die Zinsen auf das gehortete, und von A nach B geschobene Geld irgendwann nicht mehr erwirtschaften, dann kann man das Ganze wieder zusammenbrechen lassen, indem man das so angehäufte Geld einfach nicht mehr investiert. Wenn man nun geschickt ist, und das Geld während alles zusammenbricht nutzt, um mit dem gehorteten Geld alle realen Güter, wie Land, Wasser, Rohstoffe zu kaufen, dann betrifft einen die darauf folgende Währungsreform nur wenig. Im Gegenteil. Man ist in der Besten Position um die Realen Werte in das neue Geld zu tauschen und wieder anzufangen das neue Geld gegen Zins zu verleihen.

    Man will also gar keine echte Lösung.

    (…)

    Bis zum Mittelalter war es den Christen übrigens auch verboten Zinsen zu nehmen und Mehrwertgeschäfte zu tätigen. Zuwiderhandeln wurde mit Exkommunikation und Kirchenbann belegt. Also keine kleine Sache. Aber dann fingen auch die Pfaffen an, sich bestechen zu lassen. Sündenerlaß war das Zauberwort. Bezahlte man der Kirche eine Obulus, dann sündigte man halt und bekam dann den Ablaß erteilt. Als wenn das so leicht ginge.

    Den Reichtum der Kirche hat sie durch viele dieser Geschäfte erreicht, denn letztendlich haben sie dadurch angefangen selbst heimlich Zinsen zu nehmen, denn das was die Mehrwertverkäufer und Zinsnehmer an die Pfaffen abgeben mußten, um sündigen zu dürfen, mußten sie natürlich auf ihren Handel und Geldverleih aufschlagen.

    Religion ist eigentlich eine gute Sache, so sie denn aufrichtig betrieben wird. Mittlerweilen findet man viel mehr Aufrichtige außerhalb der Religionen. Leider.

    Gruß aus Bremen

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