Sittengeschichte der Berliner Republik in einem Bild

Hinzufügung, 30.03.17: Die These dieses Artikels ist widerlegt. Bei der grauen Fläche hinter Mundlos handelt es sich um Matratzenüberzug

„Wenn sich einmal die Neugierigen und Frechen einer späteren Epoche über den Schrott unserer Kultur beugen, begierig, etwas von unserem erloschenen Leben zu erfahren, werden sie wohl auch dieses Bild finden. Tausendfach ist es verbreitet worden über das so genannte Internet; Millionen haben es gesehen und Messen sind gelesen worden in seinem Gefolge. Und warum, so werden die Nachfahren unserer sterbenden Kultur vielleicht fragen, haben die Menschen der Berliner Republik es angenommen, mit einem heiligen Schauer, wo es doch nur ein plumpes und ungeheures Ding war?

Waren sie so dumm, als die Schweigende Kanzlerin an der Macht war? Hatten sie noch nicht die technischen Mšglichkeiten, nicht mehr das menschliche Auge, es richtig zu sehen? Oder war es eine Zeit der Lüge, der Hypnose, des Bösen, das von den Menschen Besitz ergriffen hatte?

toter-mundlos-brustverletzungFoto: Berliner-Kurier

An dieses Bild, wird man sagen, hat ein Fälscher, und zwar ein mieser Fälscher mit den finstersten Absichten, Hand angelegt: Es soll den toten Uwe Mundlos zeigen, wie er in seinem letzten Quartier, einem ausgebrannten Wohnmobil, die Hand am Herzen und mit durchschossenem Kopf, aufgefunden wird. Der Terrorist, der Verbrecher, ein Teufel in Menschengestalt. Ein Hochformat, wie schön gemalt an Kirchenfenstern, das tiefe Rot unter ihm. Wie in den Legenden der versunkenen Zeit soll er sich gerichtet haben, da der Geist des Guten noch einmal in ihn fuhr; vielleicht ein Stoßseufzer noch im Gedenken an seinen Führer und dann war alles vorbei.

Doch da ist nichts mit Kirchenfenster und Legenden: Mitten im Bild ein Lügenzeichen der Epoche, die so genannte Verpixelung. Die fernen Beobachter werden dieses Element vielleicht als ein wichtiges Symbol unserer Zeit erkennen, ihrer verlogenen Illusionen von der Rettung der Freiheit. Und darüber, man staune, eine flüchtig vom Fälscher eingefügte graue Fläche; in der Eile fiel ihm wohl nichts anderes ein, und er garnierte es mit einem Riss, wie in Beton. Warum nur? frage der Forscher zukünftiger Zeiten, was brachte den bösen Mann dazu, das düstere Heiligenbild mit einem solchen Zinken zu schmücken?

Weniger das Schöne als die banale Notwendigkeit, das pathetische Bild von der sachlichen Einsicht seiner späteren Betrachter zu schützen, möchte man dem Unerreichbaren antworten. Der Mann, oder die Frau (welche Vorstellung, die Mutter eines Kindes bei einem solchen Mausschubsen zu beobachten), die hier zu Werke war, hatte eine so genannte Info. Eine Info ist ein Befehl, mein Freund aus der Zukunft! Hier war es der Befehl, den Bildhintergrund abzudecken, auf dass der Betrachter nicht sehen möge, dass ein Bett im hinteren Teil des Wohnmobils ausgeklappt war.

So banal? Fragt das Kind aus der Zukunft, ja warum denn das? Das ist eine Kinderfrage, möchte man ihm antworten, und ihm erklären, dass ja zuvor die Legende verbreitet worden sei, der Teufel in Menschengestalt hätte ein Fahrrad in das Wohnmobil verladen, mit dem er zuvor geflüchtet sei. Aber – so will es ein anderer Teufel, nämlich der im Detail – das geht ja nicht; wenn das Bett heruntergeklappt ist, kann man in das Wohnmobil keine Fahrräder mehr verladen und die Geschichte vom Bösen in Menschengestalt ist genauso tot wie der Mann im Bild.

 Ach so. So banal geht es oft zu in der Geschichte der Fetische.

 Also unten das Symbol der Zerstörung des Bildes vom Menschen, die Verpixelung. Darüber eine plumpe Fälschung, ein Block wie aus Beton, in der grenzenlosen Einfallslosigkeit des Fälschers gestaltet als Parodie jener Stelen, die in Berlin langsam zerbröckelnd an den Mord an den Juden erinnern sollen.

Ja, so sehen sie aus, die Kirchenfenster unserer Zeit.

Dem interessierten jungen Forscher aus der Zukunft kann der heutige Mensch, sofern er sein Geld nicht vom Staat bezieht, noch erklären, dass das ausgeklappte Bett trotzdem zu sehen ist, nämlich an der Reflexion seines hölzernen Rahmens auf Kopfhöhe des Toten. Ein Effekt wie bei Chardin. Aber klar zu deuten, sofern man nicht von den Oberen abhängt, mit Haut und Haar, und ihnen jeden Tag feierlich in den Arsch kriecht.

Wie sah er den aus, der Mensch der Epoche, der das Bild der Epoche geschaffen hat? Wird dann die letzte Frage sein. Man zeige dem fernen Kind das Bild mit dem Hinweis, DER war es nicht. Aber er sieht aus wie sein Bild. Und wie seine Epoche.“

Autor ist Siegfried Mayr

Ein Gedanke zu „Sittengeschichte der Berliner Republik in einem Bild“

  1. 3 Tage nachdem im „politikforum“ das Totenfoto von Mundlos Ziel von Fälschungsvorwürfen war, 1 Tag nach Veröffentlichung obigen Artikels, veröffentlichte Andreas Förster ein Foto, das anscheinend die Vorwürfe widerlegt. Der Zeitpunkt kann kaum Zufall sein! Am 30.05.2014 in der Berliner Zeitung schrieb Förster den Artikel „Als die NSU-Terrorzelle aufflog“, im Foto der „KPI Gotha“ ist die graue Fläche zu sehen.
    Wohnmobil-stregda
    http://www.berliner-zeitung.de/magazin/als-die-nsu-terrorzelle-aufflog-der-letzte-tag,10809156,27301952.html

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