NSU-Komplex: Der unerhörte Zeuge des Bomben-Anschlags von Köln

Das verschriftete Manuskript der WDR-Sendung  „Der unerhörte Zeuge.“ NSU-Komplex: Der Anschlag in der kölner Keupstraße wirft unverändert Fragen auf (wdr).

„An den Tag erinnere ich mich ganz genau. Das war ein Mittwoch. Jeden Mittwoch war mein Büro für Mandanten zu. Ich habe eigene Arbeit oder Arbeit der Interessengemeinschaft Keupstraße gemacht. Ungefähr um 16 Uhr gab es plötzlich eine große Explosion, einen Krach. Und dann über ist über meiner Eingangstür, ganz oben, dieses kleine Lichtfenster kaputtgegangen und runtergekommen. Und Rauch entstand und Geruch. Ich habe mich sofort auf den Boden gelegt.“

So schildert Ali Demir, wie er den Terroranschlag in der Keupstraße in Köln-Mülheim miterlebte – 9. Juni 2004. Er unterhielt dort ein kleines Büro als Steuerberater. Damals war er auch Vorsitzender der Interessengemeinschaft Keupstraße von Anwohnern und Geschäftsleuten. Es war Mittwoch vor Fronleichnam, viele Menschen machten ihre Feiertagseinkäufe, als die Bombe mit hunderten von Zimmermannsnägeln hochging.

Die WDR-Radionachrichten von 19 Uhr:

„Bei einem mutmaßlichen Anschlag auf ein Wohn- und Geschäftshaus in Köln sind nach Angaben der Feuerwehr mindestens 17 Menschen verletzt worden. Vier Personen erlitten schwere Verletzungen, ein Mensch schwebe in Lebensgefahr. Ein Sprecher der Polizei sagte: Wir gehen von einem Anschlag aus. Die Bombe sei mit Nägeln gefüllt gewesen. Auch Nachbarhäuser seien beschädigt. Erkenntnisse über mögliche Hintergründe der Tat hatte die Polizei am Abend noch nicht. Es habe auch keine Bekenneranrufe gegeben.“

Der Sonderkommission der kölner Polizei gelang es in den Jahren danach nicht, den Terroranschlag aufzuklären: Täter, Hintergründe, Motiv – bis zum November 2011. Nach dem Tod der beiden Bankräuber Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kam eine Terrorgruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“, kurz „NSU“, zum Vorschein.

Zu den Männern gehörte Beate Zschäpe, die heute in München auf der Anklagebank sitzt. In der Wohnung der Drei in Zwickau fanden sich Indizien für eine mögliche Beteiligung am Anschlag in der Keupstraße. So sieht es zumindest die Anklagebehörde Bundesanwaltschaft. Zum Beispiel die Verwendung von Videoaufnahmen aus der Fahndung nach den Tätern für die sogenannten Bekenner- besser: Propaganda-DVDs zu den insgesamt zehn Morden an neun türkischen und griechischen Männern sowie einer deutschen Polizistin.

Ali Demir machte damals Beobachtungen, die bis heute Fragen aufwerfen und die nahelegen, daß die Hintergründe der Tat auch fast zehn Jahre danach nicht aufgeklärt sind.

Kurz nach der Explosion sah er direkt vor seinem Büro zwei Männer, zivil gekleidet und mit Pistole bewaffnet. Sie waren mit Hilfs- und Sicherungsmaßnahmen beschäftigt. Allem Anschein nach Polizeibeamte.

„Nach dem ersten Schock“, berichtet Demir weiter, „habe ich meinen Kopf gehoben und habe vor meinem Fenster jemanden gesehen. Der hatte die Jacke ausgezogen, und unter der Schulter habe ich eine Pistole gesehen. Da habe ich gedacht: gottseidank, Polizei ist schon da. Deshalb bin ich raus. Der Mann war ganz genau vor meinem Büro.“

Er sprach ihn an, wollte wissen, was geschehen ist. Es schien, daß der mutmaßliche Polizeibeamte schon über den Anschlag im Bilde war. Doch der wollte offensichtlich keine Antwort geben. Demir weiter:

„Er hat mir nur gesagt, ganz hart und kurz: Schauen Sie auf den Boden!“

Ich habe auf den Boden geguckt und habe Metallstücke gesehen, ein Rohrstück und viele Metallstücke.“

Ali Demir hat, auch als Vorsitzender der Interessengemeinschaft Keupstraße, seine Beobachtung immer und immer wieder geschildert – bei Treffen, Veranstaltungen, gegenüber Polizeiverantwortlichen, Politikern, Journalisten, jahrelang. Er wurde aber nie als Zeuge vernommen. Die beiden Männer und mutmaßlichen Zivilbeamten wurden nie ausfindig gemacht. Demir ist eine Person des öffentlichen Lebens. Er hat die Interessengemeinschaft Keupstraße mit aufgebaut, ist seit über 30 Jahren Mitglied der kölner SPD. Der 62-Jährige lebt seit 35 Jahren in Deutschland. Ein vertrauenswürdiger und ein genauer Zeuge. Und obwohl Geschädigter tritt er nicht als Nebenkläger beim Prozess in München auf. Das liegt ihm nicht, das würde ihn zu viel Energien kosten, erklärt er.

Im November 2012 berichtete der WDR erstmals über den Zeugen Demir und seine Beobachtung der zwei bewaffneten Beamten in Zivil. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages in Berlin wurde auf Demir aufmerksam. Er bat den Zeugen zunächst um eine eidesstattliche Erklärung zu seiner Beobachtung. Der gab sie ab. Dann bat das Bundestagsgremium das Land Nordrhein-Westfalen, ihm die Namen der Beamten mitzuteilen, damit sie vernommen werden könnten. Das Innenministerium in Düsseldorf benannte daraufhin die beiden kölner Polizisten Peter B. und Stefan V. Die ludt der Ausschuss dann Ende April 2013 zur Anhörung ein.

Petra Pau, Obfrau der Linksfraktion, sagte damals vor der Presse:

“Wir haben Hinweise bekommen, dass sich am Tattag zur Tatzeit Polizisten in der Keupstraße, an der Keupstraße aufgehalten haben. Sie sind erst im Jahr 2013, nachdem der Ausschuss sie tatsächlich hier geladen hat, das erste Mal zu ihren Wahrnehmungen am Tattag vernommen worden.“

Tatsächlich waren die Beamten B. und V. von den Ermittlern nie zu ihren Wahrnehmungen vernommen worden, obwohl sie laut Einsatzprotokoll die ersten Polizisten vor Ort gewesen sein sollen. Doch nun, noch bevor sie vor dem Ausschuss in Berlin aussagen konnten, wurden sie auf einmal im Polizeipräsidium Köln offiziell befragt. Und auch Ali Demir wurde jetzt erstmals als Zeuge vernommen. Allerdings wurden ihm keine Bilder der Beamten B. und V. vorgelegt, um zu überprüfen, ob das die Männer waren, die er gesehen hatte. Der Untersuchungsausschuss kritisierte zwar, daß B. und V. vor ihrem Auftritt in Berlin polizeilich vernommen wurden, mit dem Auftauchen der Beamten schien das Rätsel um die zwei bewaffneten Zivilisten am Tatort aber gelöst. Doch das Gegenteil ist der Fall. Peter B. und Stefan V. sind nicht die Männer, die Ali Demir vor seinem Büro auf der Keupstraße sah. Wir taten das, was die Ermittler unterließen und zeigten ihm Fotos von den zwei Polizisten, die im Untersuchungsausschuß aufgetreten waren, eben B. und V. Ohne zu zögern, sagt Demir:

„Nein, das sind nicht die Männer. Die hier auf dem Foto sind größer, als die Männer, die ich gesehen habe.“

Er beschreibt sie völlig anders, weniger schmal, kleiner, höchstens 1.70 m oder 1.72 m. B. und V. sind 1.80 m und größer.

Wir gehen mit Ali Demir durch die Keupstraße in Köln-Mülheim. Tür an Tür viele türkische Geschäfte – Juwelier, Friseursalon, Restaurants. Alle paar Sekunden wird er von jemandem gegrüßt, er ist bekannt und beliebt. Er zeigt uns sein damaliges Büro und die Anschlagsstelle.

Die Bombe ging vor Haus Nr. 29 hoch, einem Friseursalon. Sein Büro war in Haus Nr. 37. Das spielt eine Rolle. Die beiden Beamten Peter B. und Stefan V. kamen von der Schanzenstraße in die Keupstraße. Aus dieser Richtung liegt Demirs Büro hinter der Anschlagsstelle. Wären sie die Beamten gewesen, die Demir sah, hätten sie die Anschlagsstelle überspringen müssen und sozusagen hinter der Bombe geholfen. Das macht keinen Sinn. Auch deshalb muß es sich bei den Männern vor Demirs Büro um zwei andere Beamte gehandelt haben. Er beschreibt, wo er die beiden waffentragenden Männer, die ganz offensichtlich in Kontakt miteinander standen, sah. Einen unmittelbar vor seinem Büro, den anderen auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor einer Durchfahrt. „Genau unter der Hausnummer 60“, sagt er.

Die Durchfahrt führt aus der Keupstraße hinaus zu einer Schule und zu anderen Straßen. Ein Fluchtweg. Nach Überzeugung der Ermittler muß der Attentäter, der die Bombe zündete, genau an dieser Stelle, die Schutz bietet, gestanden haben. Für die Bundesanwaltschaft war es Uwe Böhnhardt. In der Anklageschrift liest sich das so:

„Böhnhardt begab sich mit der Funksteuerung zu einer geschützten Stelle in Tatortnähe, von der er den Friseursalon überblicken konnte. Hierbei handelte es sich vermutlich um den Durchgang in Höhe des Hauses Keupstraße 60, über den man die Keupstraße in Richtung einer Schule verlassen kann.“

[Folgende Grafiken verdeutlichen die Dimension der Aussagen Demirs, Hinzufügung Georg Lehle]

keupstrasse-zuendung-bombe- keupstraße-bombe-2004

Wer waren die beiden waffentragenden Männer?, die der Zeuge Ali Demir sah. Warum waren sie in der Keupstraße? Was haben sie möglicherweise gesehen? Doch vor allem: Warum werden sie nicht ermittelt? Hat das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen mit Peter B. und Stefan V. zwei falsche Beamte benannt und zum Untersuchungsausschuß nach Berlin geschickt?

Beim Innenministerium in Düsseldorf gibt es zum Anschlag Keupstraße keine Auskunft. Der Fall liege beim Generalbundesanwalt, heiß es kategorisch. Und die karlsruher Behörde beantwortet mit Verweis auf den Prozeß in München seit Monaten keine Anfragen mehr.

Wurde der NSU-Untersuchungsausschuß des Bundestages gar getäuscht? Der einstige Ausschußvorsitzende Sebastian Edathy antwortet ausweichend. Man habe nun mal nur die Namen B. und V. genannt bekommen, was solle man tun? Clemens Binninger, der Obmann der CDU, meint, es könne durchaus sein, daß Herr Demir zwei andere Beamten als B. und V. sah. Doch die gehörten dann sicher zu den normalen Einsatzbeamten, die zum Tatort kamen. Demir sagt dazu, die Polizei und die Feuerwehr seien erste etliche Minuten später gekommen. Ihn als Zeugen selber zu hören, kam dem Ausschuß nie in den Sinn.

Wir recherchieren den Fall des ungehörten Zeugen Ali Demir wochenlang. Auch der kölner Kriminalbeamte Bernward Boden, der früher als Streifenpolizist in der Keupstraße zu tun hatte, spricht mit ihm – rein privat. Was er aus dessen Mund hört, muß ihn aber als Polizeibeamten tätig werden lassen. Er ist dem Legalitätsprinzip verpflichtet und erstattet nun Anzeige, weil die Behörden nichts unternehmen, die Identität der beiden Männer zu ermitteln. Bernward Boden:

„Daß man ihn immer noch nicht vernommen hat, weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei noch der Generalbundesanwalt noch ein Gericht, zeigt mir, daß hier offensichtlich Leute die Strafaufklärungspflichten verhindern, ja, im Grunde genommen die Aufklärung der Straftat verhindern wollen. Und da frage ich mich: warum?“

 Für Boden ist das Strafvereitelung im Amt. Er informiert seinen Vorgesetzten und wendet sich dann direkt an den Generalbundesanwalt in Karlsruhe als oberste Ermittlungsinstanz im Mordkomplex NSU. Und wieder geschieht Seltsames: Die Bundesanwaltschaft gibt die Anzeige an die Staatsanwaltschaft Köln ab. Und die stellt das Verfahren mit folgenden Worten ein:

„Zu Ermittlungen in dieser Sache sehe ich mich ohne Kenntnis des Gesamtverfahrens, das durch den Generalbundesanwalt geführt wird, nicht in der Lage.“

 Ali Demir wurde bei dem Anschlag vom 9. Juni 2004 nicht körperlich verletzt, den Sachschaden hat er aus eigener Tasche bezahlt. Aber er hat seitdem Angst, nachts auf die Straße zu gehen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel Opfer der Keupstraße zu sich einlud, war Ali Demir nicht unter den Geladenen. Mit einem Lächeln sagt er:

„Fast alle wurden eingeladen, aber ich nicht. Ich bin ein bißchen anders als andere Opfer. Ich bin auch Opfer, aber ich will, daß wir die Wahrheit auf den Tisch bringen. Ich glaube, das hat viele Leute gestört. Deshalb wollen die mich nicht einladen und mit mir darüber sprechen.“

Mehr Infos:

„Durfte der Kölner Bombenanschlag nicht aufgeklärt werden?“ (Friedensblick)

„NSU-Bomben: Kaum Spuren von Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe“ (Friedensblick)

„Gladio NSU Terror“ (Friedensblick)

3 Gedanken zu „NSU-Komplex: Der unerhörte Zeuge des Bomben-Anschlags von Köln“

  1. Hallo,
    ja gewisse Interessen und Strukturen haben sich seit ca. 71 Jahre nicht mehr geändert.
    Im aller letzten Absatz verstehe ich etwas nicht:
    „…Ich glaube, das hat viele Leute gestört. Deshalb wollen die mich einladen und mit mir darüber sprechen.“…“ aber davor steht „Fast alle wurden eingeladen, aber ich nicht.“ Das ist wichtig . Wurde er nun angehört ?
    Viele Grüße und nochmals herzliches Danke für Ihre aufklärerrische humanistische Berichtserstattung. DANKE!

  2. Von politischen Auseinandersetzungen will Viertel niemand etwas wissen, obgleich die Keupstraße als Hochburg der verbotenen kurdischen Arbeiterpartrei PKK galt. Ali Demir etwa, der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße kanne sich keinen Reim darauf machen: „Ich kenne alle Leute in der Straße“, sagt er.

    9.6.2004

    http://www.ksta.de/koeln/9-6-2004—es-sah-aus-wie-im-krieg-,15187530,14038716.html

    ich haue ihn Morgen wieder… habt 1 Tag Vorsprung 😉

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