Das Märchen von „Momo“ – Warnung vor dem Zinses-Zins

Das Märchen „Momo“ von Michael Ende veranschaulicht deutlich, was die Gier nach Geld aus Menschen macht: Zinswucherer, die ihr Leben unter dem Motto vergeuden: „Zeit ist Geld.“ Ist dies nicht bereits Realität? Wer nach „Zinses-Zins“ googelt, findet dort nicht etwa Warnungen sondern Lockangebote von Banken und Versicherungen. Der Renten“experte“ und Berater der Bundesregierung Gerhard Schröder (SPD) Bert Rürup bewirbt die kapitalgedeckte „Riester-Rente“: „So kann man einerseits das achte Weltwunder, den Zinseszinseffekt, für sich arbeiten lassen (…).“ (Handelsblatt) Tatsächlich schreitet die Ökonomisierung aller Lebensbereiche immer mehr voran. So rät Familienministerien von der Leyen (CDU), dass der beste Schutz gegen Armut wäre, wenn beide Elternteile arbeiten würden.

Die erste beeindruckende Szene im Film „Momo“ ist, wie der Friseur Fusi von einem Agenten in Anzug und Krawatte überzeugt wird, sein Leben ökonomischer zu gestalten. Er soll Zeit sparen und sie in der Zeit-Sparkasse anlegen. Dort würde die Zeit durch den Zins sich vermehren:

Link zum Film „Momo“ (youtube)

„Wenn er eine einmalige Summe nicht abhebe – so erklärt ihm der Agent – , wachse sie durch den Zins in nur zehn Jahren auf das Doppelte an.  Und wenn er täglich zwei Stunden als Ersparnis zur Bank bringe, wachse sein Guthaben im Laufe der Jahre auf mehr als das Zehnfache seiner gesamten Lebenszeit. (S. 66 – 72)

Herr Fusi ist tief beeindruckt von dem großzügigen Angebot des Agenten. Bei solchen Ertragserwartungen möchte er selbstverständlich auch ein Konto bei der Zeit-Sparkasse eröffnen. Die Arbeitsweise der Zeit-Sparkasse hat er aber noch nicht ganz verstanden und bittet den Agenten deshalb noch um eine Erklärung. Aber der Agent erwidert nur: „Das überlassen Sie ruhig uns.  Sie können sicher sein, dass uns von Ihrer eingesparten Zeit nicht das kleinste bisschen verlorengeht.  Sie werden es schon merken, dass Ihnen nichts übrig bleibt.“ (S. 68)

Geblendet von den Aussichten auf ein großes und immer noch mehr wachsendes Zeit-Vermögen verdrängt Herr Fusi die noch bestehenden Zweifel und macht sich mit Eifer daran, sein ganzes Leben zu rationalisieren und Zeit zu sparen: er unterhält sich nicht mehr mit seinen Kunden, sondern beschäftigt nun Arbeiter und Angestellte, die ihm beim Zeit-Sparen ‚helfen‘. Seine Kontakte zu Freunden und Verwandten bricht Herr Fusi ab (seine Mutter kommt in ein Altersheim, wo er sie nur noch einmal im Monat kurz besucht), weil sie ihn zu viel Zeit kosten. Aus dem gleichen Grund hört er auch auf, seinen kulturellen Interessen wie Singen und Lesen nachzugehen. (sozialökonomie)

Die Menschen verfallen so immer mehr dem Wahnsinn, „sie werden aufgefressen von der Zeit, die sie nicht mehr haben.“ Daher redet Momo mit einem Maurer. Er sagt, dass er für „Privatsachen keine Zeit mehr habe, jeden Tag hauen wir ein neues Stock drauf. Alles organisiert, Seelen-Silos“ .

Er beklagt sich, dass er „immer ein ehrlicher Mann“ gewesen war, „war immer Stolz auf meine Arbeit, aber jetzt viel zu viel Sand im Mörtel. Das hält 4-5 Jahre lang, braucht nur einer zu husten. Naja, was soll ich machen, ich bekomme mein Geld. Aber sobald ich genug haben, lasse ich den ganzen Pfusch bleiben.“

Diese Aussagen spielen auf die „geplante Obsoleszenz“ an, den gezielten Einbau von Schwachstellen in Produkten. So gehen sie genau nach Ablauf der Garantiezeit kaputt und müssen durch den Kauf eines neuen Produkte ersetzt werden. Der Hintergrund ist, dass Unternehmen durch Kapitalverzinsung, Verschuldung und Zinszahlungen zum stetigen Wachstum geradezu gezwungen sind. So ist das Motto der Wirtschaft heute. „Wachse oder sterbe“ (friedensblick).

Doch die hart erwirtschaftete zusätzliche Zeit ist in Wahrheit für die Sparer verloren. Profitieren tun in diesem System nur die grauen Agenten, die Menschen immer mehr zum Arbeiten antreiben. Sie lagern in Tresoren die Blätter der göttlichen Stundenblumen, die für die Herzen der Menschen bestimmt wären, und verrauchen einfach deren Blätter.

„Sie investieren also das akkumulierte Geld in Industrieanlagen mit großen Schornsteinen. Und mit dem Rauch vergiften sie dann die Zeit, um Meister Hora zu erpressen. (S. 240)“

Weil Momo so ihre Freunde verliert, trifft sie im Nirgend-Haus in der Niemals-Gasse „Meister Hora“. Dort nimmt alle Lebenszeit ihren göttlichen Ursprung.

Momo fragt „Meister Hora“, ob er die Zeit selbst mache, worauf der antwortet: „Nein, nein ich bin nur der Verwalter. Meine Pflicht ist es, jedem Menschen die Zeit zuzuteilen, die ihm bestimmt ist.“ Daraufhin fragt Momo, ob er der Tod sei. Er antwortet: „Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr hätten, könnte keiner ihnen ihre Lebenszeit stehlen.“ Momo fragt, warum er das den Menschen nicht sage. Darauf antwortet Gott: „Ich sage es ihnen mit jeder Stunde, die ich ihnen zuteile, aber ich fürchte, sie glauben lieber denen, die ihnen Angst machen.“

Wer sind die grauen Agenten?

„Dann sind die Grauen Herren also gar keine Menschen?“ fragt Momo.  „Nein, sie haben nur Menschengestalt angenommen.“„Aber was sind sie dann?“„In Wirklichkeit sind sie nichts.“ (S. 152/153) Einerseits sind sie Menschen, andererseits sind sie von ihrem eigentlichen Menschsein dadurch entfremdet, dass sie gewissermaßen in einer Doppelrolle zugleich Agenten einer verfehlten, außerhalb der Natur stehenden Geldordnung sind. Indem diese Geldordnung das „Einfrieren“ von Geld zulässt, ermöglicht sie die Verlagerung von Einkommen der arbeitenden Menschen durch den Zins und Zinseszins zu anderen Menschen, die nicht arbeiten. Dadurch werden Teile der Lebenszeit, die Meister Hora allen Menschen zugemessen hat, von ihren „wahren Eigentümern abgerissen“ und in fremden Händen, die sie nicht erarbeitet haben, aufgehäuft. Und bei diesem Leben vernichtenden Diebstahl von Lebenszeit wirken die Grauen Herren in den Banken als Vollzugsorgane falscher Strukturen der Geldordnung mit.

 „Und wo kommen die Grauen Herren her?“ will Momo weiter wissen. „Sie entstehen, weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben, zu entstehen.  Das genügt schon, damit es geschieht. Und nun geben die Menschen ihnen auch noch die Möglichkeit, sie zu beherrschen. Und auch das genügt, damit es geschehen kann.“ (ebd.) Es genügte also, dass die Rechtsordnung des Heute-Landes die Macht des Geldes seit ihren Anfängen bis in die Gegenwart gewähren ließ. So besteht sie noch immer und breitet sich, von der Polizei unbehelligt, weiter aus.

„Und wenn die Grauen Herren keine Zeit mehr stehlen könnten?“ – „Dann müssten sie ins Nichts zurück.“ (S. 153) Wenn eine der Natur angepasste Geldordnung es den ‚grauen’ Kapitaleignern unmöglich machen würde, den Menschen durch den Zins und Zinseszins ihre Lebenszeit zu stehlen, würden sie von ihrer widersprüchlichen Doppelrolle befreit. Während sie in ihrer ‚grauen’ Eigenschaft als „funktionslose Investoren“ eines „sanften Todes“ (Keynes) sterben würden[1], könnten sie als befreite Menschen in Gerechtigkeit und Frieden neu aufleben.(sozialökonomie)

Die Menschen sind zu schwach gegen Ihre Gier und verraten Momo

Die Worte von „Meister Hora“ zu Momo werden durch das kurzzeitige Aufbegehren eines ihrer Freunde veranschaulicht: Während Momo als entführt galt, machte er Karriere. Einst noch arm und unbedeutend ist er nun ein Star, Tänzer und Musiker. Doch rebellierte er einmal gegen den Vorschlag seines Managements, mit kleinen niedlichen „Momos“ auf der Bühne zu tanzen. Jetzt wäre er ein berühmter Mann, das könne man mit ihm nicht machen. Er droht, dass er die Entführung von Momo öffentlich machen würde. Aber als er alleine in seinem Büro ist, bekommt er eine Botschaft der grauen Agenten, woraufhin er schnell seinen Widerstand aufgibt:

Du hast zwar noch nicht persönlich mit uns Bekanntschaft gemacht, aber Du gehörst uns schon länger – mit Haut und Haaren. Sag bloß, Du wüsstest das nicht. (…) Du bist eine Gummipuppe. Wir haben dich aufgeblasen und wenn Du Ärger machst, lassen wir die Luft wieder aus Dir raus. (…)

Aber wir werden Dich nicht davon abhalten, den Helden zu spielen. Wenn Du Dich ruinieren willst, bitte. Ist es nicht viel angenehmer reich und berühmt zu sein?“

Darauf antwortet Momos „Freund“: „Ja, das ist es. Oh, ja.“

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