Was machte der „heilige Vater“ für die Diktatur Argentiniens?

Der neue Papst Franziskus I ist der Argentinier Jorge Mario Bergoglio. Er war der oberste Jesuit des Landes – während einer der dunkelsten Zeiten Argentiniens: Es war die Zeit der Militär-Diktatur, die von 1976 bis 1983 wütete. Ähnlich wie während der Nazi-Zeit (stern), hat sich die offizielle katholische Kirche dort der Diktatur nicht offen entgegen-gestellt. Im Gegenteil Glaubensbrüder erhoben damals schwere Vorwürfe, auch gegen Bergoglio, die heute die katholische Kirche zurückweist: Dahinter würden „anti-klerikale linke Elemente“ stecken (ksta).

Die katholische Kirche und die Diktatur

Die Militärs ließen 30.000 Menschen ermorden, die meistens politisch links standen. Darunter zählten auch Geistliche – etwa Bischof  Enrique Ángel Angelelli. Er untersuchte persönlich die Ermordung zweier Pfarrer, Carlos Murias und Gabriel Longueville. Angelelli hätte …

„… zum Zeitpunkt seines Todes (…) selbstverfasste Papiere bei sich [gehabt], die von einer „Komplizenschaft des Episkopats“ mit der Diktatur sprachen.(…)

Von staatlicher und kirchlicher Seite wurde der Vorfall als Straßenverkehrsunfall dargestellt, der aufgrund eines geplatzten Reifens entstanden sei. (…) Juan Carlos Aramburu, der Erzbischof von Buenos Aires, sagte (…), es gäbe „keine konkreten Beweise, um von einem Verbrechen reden zu können“. Aramburu wurde später Kollaboration mit dem Militärregime vorgeworfen.(wiki)

Der argentinische Anwalt Emilio Fermin Mignone, Gründer des Zentrums für Rechts- und Sozialwissenschaften, schreibt in seinem Buch „Kirche und Diktatur“, dass die „Militärs den Innenhof der Kirche mit dem Einverständnis der Kirchenfürsten säuberten.“ Der damalige Erz-Bischof Vicente Faustino Zazpe Zarategui deckte auf, dass kurz nach dem Militärputsch, die Kirche mit dem Militär überein-kam, dass vor der Entführung eines Geistlichen, der Bischof informiert werden müsste (pagina 12).

Bergoglio und die Diktatur

Der argentinische Journalist und Buchautor Horacio Verbitsky analysierte die Beziehungen der katholischen Kirche zu den Militärs. Er sieht Übereinstimmungen auch zwischen Bergoglio und Diktator Emilio Massera:

„Die Jesuitenuniversität in Buenos Aires vergab unter Bergoglios Regentschaft einen Ehrendoktortitel an Emilio Massera. Der hielt zur Verleihung eine Dankesrede, die von Antimarxismus, Antifreudianismus und Antisemitismus geprägt war. Bergoglio gab grünes Licht für die Verleihung, nahm aber nicht daran teil. Deshalb findet auch niemand ein Foto von den beiden zusammen. Wenig später reiste Massera nach Washington und hielt einen Vortrag an der dortigen Jesuitenuniversität. Auch das wäre ohne die Empfehlung des Leiters der argentinischen Jesuiten nicht denkbar gewesen. Ein so umstrittener Diktator wird an keiner Jesuitenuniversität empfangen, ohne dass man sich vorher mit dem Chef der Jesuiten aus seinem Land abstimmt.“ (taz)

Unter den Entführten waren auch Angehörige aus Bergoglios unmittelbaren religiösen Umfeld. Zwei während ihrer Gefangenschaft gefolterte Jesuiten warfen ihm vor, dass er sie nicht geschützt hätte. Der argentinische Pfarrer Luis Farinello war Teil der Bewegung „Pfarrer für die dritte Welt“[„Tercermundismo“], einer lateinamerikanische Pfarrer-Bewegung aus den 60er Jahren. Sie setzte sich für die Belange der Armen ein und kritisierte die Führungsspitze der katholischen Kirche. Seine Einschätzung der innerkirchlichen Konflikte:

„Bergoglio wusste, dass Orlando und Jalics keine Guerilla-Kämpfer waren. Klar, sie hatten eine stärkere „Pfarrer für die dritte Welt“ – Einstellung, offen verbunden mit den [armen] Gläubigen. Die kirchliche Hierarchie verstand ihre Arbeit in den Elends-Vierteln nicht. Bergoglio hatte sicherlich Auseinandersetzungen mit Yorio y Jalics wegen seiner jesuitischeren Einstellung des Glaubens. Offensichtlich gab es zwei Wege in der Kirche, die Ideologie des National-Katholizismus, in den Hirtenbriefen vorhanden, in den Predigten und Aussagen, und die Kirche für die Armen.“(sur-news)

Bergoglio und die entführten Jesuiten

Bergoglios damaliger Chauffeur berichtete von Treffen mit Militärs. Bergoglio selbst bestätigt zwar diese Treffen, jedoch hätten sie nur dazu gedient, seinen Orden zu schützen. Der entführte und später wieder freigelassene Pfarrer Orlando Yorio widersprach dieser Darstellung während eines Prozess, 1985:

„Bergoglio hat uns niemals gewarnt, dass wir in Gefahr waren. Ich bin sicher, dass er selber den Marinensoldaten eine Liste mit unseren Namen gegeben hat.“

„Ich kenne keine Indizien, um zu denken, dass Bergoglio uns befreit hätte. Im Gegenteil. Er hatte meine Geschwister informiert, dass ich erschossen wurde. Ich weiß nicht, ob er es als sichere Aussage oder mögliche Aussage gesagt hat, so dass sie meine Mutter vorbereiten konnten. Als ich wieder frei war, gestand mir Bergoglio zweimal, dass ein Polizist ihn besucht hätte, um ihn von meiner Erschießung Bescheid zu geben.“ (infonews)

Der andere entführte sogenannte „Befreiungstheologe“ Franz Jalics schilderte kurz nach der Papstwahl 2013 die Hintergründe ihrer Entführung. Es hätte „viele Leute“ von der politisch extremen Rechten gegeben, die ihre Anwesenheit in den Armenvierteln mit Argwohn sahen.

„Sie interpretierten die Tatsache, dass wir dort lebten, als Unterstützung der Guerrilla und denunzierten uns als Terroristen.“ (spiegel)

So hätte es auch innerkirchliche Gerüchte gegeben. Der Jesuit Jalics sprach daher mit dem Jesuiten-Chef Bergoglio über diese Verleumdungen. Laut Jalics versprach er den Gerüchten jesuiten-intern entgegenzutreten und an die Streitkräfte heranzutreten, um ihre Unschuld zu bezeugen. (pagina 12) Der spiegel zitiert sinngemäß aus Jalicis Buch aus dem Jahr 1995.

„Er habe im Vorfeld der Entführung einem Vorgesetzten die prekäre Lage geschildert und erklärt, „dass er mit unseren Leben spielt“. Der „Mann“ habe ihm versprochen, die Militärs davon zu unterrichten, dass sie keine Terroristen seien. Dutzende Dokumente und die Aussage eines Zeugen sollen aber belegen, dass derselbe „Mann“ sie nicht verteidigt, sondern weiter belastet habe.“ (spiegel)

Auch Verbitsky bestätigt diese Version:

„Sie sind das Ergebnis eines doppelten Spiels Bergoglios, von dem Yorio und seine Mitstreiter berichten: Nach außen väterlicher Schutz, in Wirklichkeit Konspiration gegen sie. Zuerst wurde ihnen der Schutz der Jesuiten entzogen. Dann wurde ihnen angeboten, in eine andere Diözese in Buenos Aires zu gehen. Er, Bergoglio, wolle darüber mit dem Bischof sprechen. Dann stellte sich heraus, dass Bergoglio dem Bischof erzählt hatte, dass es sich bei den beiden um Subversive handele, denen man nicht helfen solle.“ (taz)

Bergoglio wurde im Jahr 2010 befragt

Während einer Untersuchung fragte die argentinische Justiz Bergoglio, wer die Gerüchte gegen Yorio und Jalics in die Welt setzte. Bergoglio nannte keine Namen, stattdessen redete er über „Sektoren“ innerhalb der Kirche. Solche Gerüchte hätte es jedoch schon vor der Diktatur gegeben, immer dann wenn Pfarrer sich für Arme einsetzten. Auf die Frage, ob er sich an eine konkrete Situation und Namen erinnern könne, war seine Antwort: „Nein.“ (youtube, zeitindex 4:34). Er erinnerte sich, dass ein Mann aus dem Armenviertel ihn anrief, um von der Entführung zu berichten. Er weiß nicht, wer diese Person war [10:30].

Ihm wurde die Frage gestellt, ob er wüsste, wie die Version entstand, dass die militärische Marine die beiden Priester entführte [15:20]. Bergoglio antwortete schnell „Nein“ und erklärte, dass die öffentliche Meinung es besagte. Daraufhin wurde er gefragt, wer die öffentliche Meinung sei. Bergoglio antwortete, es wären verschiedene „Sektoren“ der Kirche gewesen, er hatte mit einflussreichen Personen gesprochen. Auf die nochmalige Frage, ob er sich an einen Namen erinnern könnte, war Bergoglios Antwort ein kategorisches „Nein“. [16:10] Wie kann es möglich sein, dass er dies vergaß?

Link zu youtube

Laut Bergoglio traten die beiden Jesuiten bereits vor dem Militärputsch, 1976, aus dem Jesuitenorden aus [Zeitindex: 8:25]. Diese Darstellung widerspricht der Bruder von Orlando Yorio,  Rodolfo Yorio. Yorio und Jalics wären zum Zeitpunkt ihrer Entführung noch im Orden gewesen. Jedoch hätte man den Priestern verboten, dass letzte Abendmahl zu feiern (publico). Der Menschenrechts-Anwalt Emilio Mignone schrieb, dass dieser Entzug ein „grünes Licht“ für die Militärs gewesen wäre, die beiden Priester zu entführen (pagina 12).

Herr Verbitsky fand in einer Akte die Notiz eines Beamten des Außenministeriums, auf der stünde, …

„… dass Jálics ein Subversiver sei, der ernste Konflikte mit der Kirchenhierarchie hatte und in der Esma eingesessen hatte. Und da steht, dass diese Informationen von Pater Jorge Bergoglio stammen, dem Leiter der Compañía de Jesús. (…) (pagina 12)

Es gibt in den Archiven des Außenministeriums auch ein gegen Ende der Diktatur verfasstes Dokument vom Geheimdienst, in dem es heißt, dass trotz der Bemühungen Bergoglios, die Kirche von „Zurdos“ [subversive Linke] zu säubern, eine neue Welle des Tercermundismo in der Compañía de Jesús am Entstehen sei.“ (taz)

Der Spiegel berichtet von einem Interview mit den Geschwistern des inzwischen verstorbenen Orlando Yorio, Graciela und Rodolfo. Dort erfährt man von einem „persönlichen Gespräch“, dass sie mit Bergoglio führten. Dort hätte er den Angehörigen mitgeteilt, …

„… er setze bei der Klärung des Problems voll auf die Geheimdienstmitarbeiter der Armee. Sie würden die Befragungen der Inhaftierten durchführen.“

Yorios Bruder Rodolfo sagte:

„Ich kenne Leute, denen er geholfen hat. Genau das offenbart seine zwei Gesichter und seine Nähe zur Militärmacht. Er geht meisterhaft mit Zweideutigkeit um. (…)

Wenn die Armee jemanden umbrachte, war er ihn los, wenn sie ihn retteten, war er es, der ihn gerettet hat.“ Deshalb gebe es Leute, die ihn für einen Heiligen halten. „Und andere, die sich vor ihm fürchten.“ (spiegel)

Meinungswechsel

Der Argentinier Adolfo María Pérez Esquivel erhielt während dieser dunklen Zeit, 1980, den Friedensnobelpreis. Er verteidigte 2013 den neuen Papst. Bergoglio hätte mit der Diktatur „nichts zu tun gehabt.“(telesurtv) Doch …

„… fehlte ihm der Mut, um unseren Kampf für die Menschenrechte in schwierigen Momenten zu begleiten.“ (clarin)

Das hörte sich im Jahr 2005 noch anders an: Angesichts der damaligen Papstwahl sagte Esquivel in einer Fernsehdiskussion: Für Bergoglio waren jene, die …

„… auf sozialer Ebene mit den Ärmsten, den Bedürftigsten,  arbeiteten, Kommunisten, Subersive, Terroristen. (youtube) (…) Ein Papst muss klare Begriffs-Erklärungen haben, sehr konkrete. Bergoglio ist ein kluger Mann, ein fähiger Mann, aber er ist eine zweideutige Person. Ich hoffe, dass der heilige Geist an diesem Tag wach ist und sich nicht irrt.“ (pagina 12)

In einer Stellungsnahme [15.03.13] des damals entführten Priesters Jalicis, die die Jesuiten veröffentlichten, wiederholt er seine Vorwürfe auch nicht mehr: „Ich kann keine Stellung zur Rolle von P. Bergoglio in diesen Vorgängen nehmen.“ (jesuiten) Am 21.03.13 entlastet schließlich Jalics Bergoglio völlig:

„Dies sind nun die Tatsachen: Orlando Yorio und ich wurden nicht von Pater Bergoglio angezeigt. (…) „Früher neigte ich selber zu der Ansicht, dass wir Opfer einer Anzeige geworden sind. Ende der neunziger Jahre aber ist mir nach zahlreichen Gesprächen klar geworden, dass diese Vermutung unbegründet war“. (spiegel)

Die Großmütter des „Plaza de Mayo“

Sie demonstrierten während der Diktatur vor dem Präsidentenpalast am „Plaza de Mayo“ für ihre verschwundenen Kinder und Enkel. Damit riskierten sie ihr Leben, viele verschwanden für immer. Ein Hintergrund des Protests war, dass die Diktatur auch junge Paare entführte. Falls die Frau schwanger war, wartete man die Entbindung ab. Anschließend gab man die Neugeborenen regime-treuen Pflegeeltern, die Mutter wurde ermordet. Noch heute suchen die Großmütter nach diesen geraubten Kindern (wiki). Die heute Erwachsenen wissen meist nichts von dem Schicksal ihrer Eltern.

Für die Präsidentin der Menschenrechts-Organisation „Großmütter vom „Plaza de Mayo“, Estela de Carlotto, repräsentierte Bergoglio …

  „… jene Kirche, die die Geschichte des Landes verdüsterte. (…) Dieser Mann sprach niemals mit den Großmüttern, um uns zu helfen, er ist nicht einmal näher gekommen.“ (clarin)

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