Portrait des Ceska-Lieferanten Carsten S.

Der Thüringer Carsten S. war Mitglied im “Thüringer Heimatschutz” und lernte dort das Zwickauer Trio kennen. Er wäre eine “maßgebliche Kontaktperson” gewesen sein. Laut Medienberichten von seiner Festnahme am 01.02. werfen Ermittler ihm vor, “den Rechtsterroristen eine Schusswaffe zugespielt zu haben.” (Quelle: Focus) Woher wusste dies die Bundesanwaltschaft?

Am 03.02 wird berichtet, dass laut der Bundesanwaltschaft der Verdacht bestünde, dass er  …

… „Beihilfe zu sechs vollendeten Morden und einem versuchten Mord“ geleistet hätte. Er soll “2001 oder 2002 eine Schusswaffe nebst Munition gekauft und an seinen Mitstreiter Ralf Wohlleben weitergegeben haben. Wohlleben, der seit November 2011 in Untersuchungshaft sitzt, soll dann einen Kurier beauftragt haben, die Waffe zu den „NSU“-Mitgliedern nach Zwickau zu bringen.” (Focus)

Gleichzeitig wird jedoch beschrieben, dass er laut Erkenntnissen des Verfassungsschutzes “seit April 2001″ nicht mehr Mitglied des “Thüringer Heimatschutzes” gewesen wäre. Bereits im Oktober 2000 hätte er seinen Rückzug erklärt (Quelle: Focus). Außerdem begann die „Ceska-Mordserie“ bereits im Jahr 2000.

In einem “Aussteigerprogramm”?

Im engen Bekanntenkreis hätte Carsten S. wiederholt behauptet, nach dem Jahr 2000 in einem “Aussteigerprogramm” gewesen zu sein. Der Anwalt des 31-Jährigen will dazu nicht äußern (Quelle: taz).

Bereits davor, im Jahr 2000, wurde er jedoch schon protegiert:

Im Juli 2000 berichtete der Thüringer Verfassungsschutz in einem Bericht über seine Wahl  zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der Jungen Nationaldemokraten (JN). Es wurde sogar sein voller Name genannt, Carsten Schulze. Jedoch verschwand sein Name vom Bericht wenige Monate später als der Thüringer Innenminister den Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2000 herausgab.

Welchen Hintergrund hat diese Namensstreichung fragt Frank Laubenburg (Laubenburg)?

Siehe „NSU – Wer war alles Verfassungsschutz-Informant?

Die Wendung im Fall Carsten S.

Am 24.02. berichtet der Focus, dass Carsten S. gestanden hätte, bereits …

“Zwischen Herbst 1999 und Sommer 2000 habe er den Untergetauchten die Waffe geliefert.”

Er hätte sie im Auftrag des Neonazi-Trios in Thüringen erworben; das Geld für die Waffe – “2500 Mark – sei angeblich von dem inzwischen ebenfalls inhaftierten Ralf Wohlleben gekommen.” (Focus). Bei der Waffe würde es sich „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ um die Tatwaffe handeln,  laut Presseerklärung von S. Anwaltes (Focus).

Woher kam die Ceska?

Am 26.02 berichtet der Focus, dass durch Vernehmung eines anderen Unterstützers, Holger G, der Verkäufer der Ceska ermittelt werden konnte:

Holger G. sagte in Vernehmungen am 12. und 17. Januar 2012 aus, dass er dem Trio eine (andere) Waffe im Jahr 2001 oder 2002 im Auftrag von Wohlleben übergeben hätte, beim Probe-Durchladen sei Zschäpe mit dabei gewesen (taz).

Laut Holger G. wäre diese Waffe von einem Andreas S. gekommen.

“Der NPD-Mann Wohlleben habe ihm damals auf Nachfrage erklärt, die Pistole stamme vom „Madley“-Betreiber Andreas S. In dem Laden wurde offiziell Neonazi- und Skinhead-Kleidung vertrieben.”

Andreas S. Räumlichkeiten wurde daraufhin am 25. Januar durchsucht:

“Es stellte sich heraus, dass er auch die ursprünglich aus der Schweiz stammende Ceska veräußert hatte – ohne die Absichten des Erwerbers zu kennen.” (Focus)

Carsten S. bestätigte am 04.03, dass er die Ceska von Andreas S. kaufte (Focus).

Entlassung aus der Untersuchungshaft!

Genauso wie Holger Ge. wurde Carsten S. nach einem Antrag der Generalbundesanwaltschaft 2012 freigelassen. Der Generalbundesanwalt verteidigt den Freilassung:

“Der Beschuldigte hat sich umfassend zum Tatvorwurf eingelassen und entscheidend zur Tataufklärung beigetragen. Er hat sich glaubhaft von rechtsradikalem Gedankengut abgewandt und seit spätestens 2001 keine Kontakte mehr in rechtsextremistische Kreise.” (Generalbundesanwalt)

Holger Ge. und Carsten S. befinden sich jetzt Zeugenschutzprogramme (swr). Es besteht der Verdacht, dass sie bezahlte Informanten waren. Mehr Informationen: „NSU – Wer war alles Verfassungsschutz-Informant“

Kommentar

Die Beschwichtigungen des Generalbundesanwalt sind abwegig: Carsten S. trug trotz seiner Kenntnisse weder dazu bei, die Ceska-Mordserie zu stoppen, noch die Täter festzunehmen. Warum? Erst während seiner dreimonatigen Untersuchungshaft Anfang 2012, hätte er über die Auslieferung der Ceska an das Trio gesprochen. Es bleibt zu fragen, ob es ein „Geschäft“ zwischen Carsten S. und dem Generalbundesanwalt gibt – seit wann, etwa seit 2000?

4 Gedanken zu „Portrait des Ceska-Lieferanten Carsten S.“

  1. In der Compact (wordpress.com)

    stand zum Thema „TAtwaffe folgendes“


    Wenn Schultze „2001 oder 2002“ dem Trio die Waffe geliefert haben soll, so kann es sich dabei nicht, wie er später unter zweifelhaften Umständen aussagte, um die Ceska 83, die Mordwaffe, gehandelt haben. Denn mit dieser wurde bereits im Jahre 2000 Enver Simsek erschossen, Mitte 2001 schon zwei weitere Ausländer. Wenn Schultze aber nicht die Tatwaffe lieferte, warum wurde Wohlleben dann wegen Beihilfe zum Mord inhaftiert? Und warum berichten Medien mit angeblichem Zugang zu den Ermittlungsakten (etwa die Taz), dass Schultze aussagte, die Waffe selbst dem Trio überbracht zu haben? Die Generalbundesanwaltschaft geht nach obiger Meldung doch davon aus, ein anderer Kurier habe diese nach Sachsen geschafft. Und die Generalbundesanwaltschaft muss es doch wissen, schließlich laufen bei ihr alle Fäden zusammen. An dieser Stelle widersprechen sich ermittelnde Behörden und der Hauptbelastungszeuge so massiv, dass seiner Aussage kaum noch Glauben geschenkt werden kann.

    2000 stieg Schultze, mittlerweile laut einigen Medien Landesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten und kurzzeitig Mitglied des Bundesvorstandes dieser Organisation, aus der rechten Szene aus. 2003 soll er in die Nähe von Köln und schließlich weiter nach Düsseldorf gezogen sein, wo er ein Studium aufnahm, sich zu seiner sexuellen Ausrichtung bekannte und sich bis zu seiner Festnahme bei der Aids-Hilfe engagierte. Nach seiner Festnahme kooperierte er schnell mit den Behörden, sorgte mit seinen Aussagen (den zu jenem Zeitpunkt einzigen zur Tatwaffe) für die Inhaftierung Wohllebens und bestätigte scheinbar die Verbindung zwischen NPD und NSU. Bei der ersten Haftprüfung kam Schultze wieder auf freien Fuß, ganz im Unterschied zu Wohlleben, obwohl beiden die Beschaffung ein und derselben Schusswaffe vorgeworfen wird. Schultze ist in der Zwischenzeit wahrscheinlich mit Hilfe des Staates untergetaucht oder auf dem Weg zur neuen Identität. (…)

    Wie der Linkspartei-Abeordnete Frank Laubenburg recherchiert hat, stand im monatlichen Nachrichtendienst der Behörde im Juli 2000, dass etwa 40 Personen der JN-Thüringen „den 35-jährigen Sandro Tauber zu ihrem Vorsitzenden und Carsten S. und Patrick Wieschke zu Stellvertretern“ gewählt haben. Im Originaltext sei der Name ausgeschrieben gewesen. Im Jahresbericht 2000 des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz war der Name Schultzes aber plötzlich nicht mehr vorhanden. Wenn diese Löschung auf seinen Wunsch erfolgt war, was war dann seine Gegenleistung gewesen?

    Laut seinem Anwalt ist Schultz „im Jahre 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen“. Nach Angaben aus seinem Bekanntenkreis behauptet er selbst, in einem Aussteigerprogramm gewesen zu sein. Wenn die Bundesanwaltschaft aber gleichzeitig angibt, er habe 2001 oder 2002 eine Waffe an das untergetauchte Mördertrio geliefert, dann bedeutet das zwingend: Er tat dies mit Wissen, Billigung oder sogar im Auftrag des Verfassungsschutzes.

    1. gut, Carsten S. änderte halt seine ursprüngliche Aussage der Waffenübergabe ab, auf irgendwand 1999 – Sommer 2000.

      Mich würde interessieren, wie überhaupt die Bundesanwaltschaft auf die Idee kam, dass er eine Waffe dem Trio besorgt. Deswegen wurde er ja festgenommen.

      1. > gut, Carsten S. änderte halt seine ursprüngliche Aussage der > Waffenübergabe ab, auf irgendwand 1999 – Sommer 2000.

        Da stand das Kaufhaus in dem die Waffenübergabe wohl stattfand, noch nicht.

        > Mich würde interessieren, wie überhaupt die
        > Bundesanwaltschaft auf die Idee kam, dass er eine Waffe
        > dem Trio besorgt. Deswegen wurde er ja festgenommen.

        War er nicht V-Mann?

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