Ohne Bewusstseinswandel keine Nachhaltigkeit

Im Gespräch nach dem Motto „Wirtschaft ohne Wachstum“ zeigte die Freiwirtschaftlerin Margrit Kennedy auf, dass dem Geldsystem auch ein geistiges Problem zugrunde liegt: Viele Menschen wollen vom zins-basierten, exponentiellen Wachstum des Geldvermögens profitieren (5:02). In der Tat zeigt eine Suche mit der Suchmaschine „google“ im Internet nach dem Begriff „Zinses-Zins“: Die ersten Treffen sind keineswegs Warnungen sondern Lockangebote von Banken, die zum Geld-Horten ermuntern.

Prof. Dr. Dirk Löhr moderierte die Gesprächsrunde. Er ist Professor der Betriebswirtschaft am Umwelt Campus Birkenfeld. Der Freiwirtschaftler setzt sich für „freies Geld“ ein, frei vom Zinses-Zins, und schrieb das wissenschaftliche Buch „Plünderung der Erde“.

Foto: „Plünderung der Erde

Im Buch kritisiert Löhr treffend den einseitig technik-fixierten und in dicken Umweltrechts-Büchern gefassten, ver-rechteten Umweltschutz. Dieser heute politisch geförderte Ansatz thematisiert nicht ein geistiges Umdenken, weg von der Wachstums-Gesellschaft.

Löhr erkennt die Wichtigkeit eines Bewusstseinswandels an, von dem eigentlich alle ernsthaften Umwelt-Maßnahmen ausgehen müssten. Für ihn

„… stellen bewusstseinsbildende Kampagnen den ersten Schritt einer möglicherweise weiterführenden umweltpoltischen Strategie dar.“ (S. 315)

Zur Bewusstseins-Änderung wären Maßnahmen notwendig, die weit über das hinausgingen,

„… was heutzutage im Rahmen derartiger Kampagnen gemacht wird.“

Laut Löhr würde der Zins ein „Beschleuniger“ sein, der einen dementsprechenden, materiellen, also negativen, Bewusstseinswandel bewirke (S. 271 unten). Ist es nicht tatsächlich so, dass mit der Werbung für zins-basiertes Sparen derjenige als besonders klug dargestellt wird, der Geld hortet?

Er plädiert daher für eine „Erweiterung zu einem Nachhaltigkeitsviereck durch Einfügung der „kulturellen Dimension“ (Seite 24).

Löhr stellt den technik-fixierten Umweltschutz sogar als kontraproduktiv dar! Es würde den Menschen etwas „vorgegaukelt“, die Wachstums- und Konsumgesellschaft könne durch Umwelttechnik beibehalten werden:

„Problematisch sind Ökoeffizienzstrategien jedoch dann, wenn sie als der Königsweg zur Lösung der vielschichtigen ökologischen Probleme vorgegaukelt werden oder gar dazu dienen, das Wachstumsparadigma zu unterstreichen.“

Woher kommt der Wachstumszwang?

Zwillings-Paare sind das egoistisch-motivierte Streben nach materieller Gewinn-Maximierung und die Zins-Wirtschaft der Banken, die die Geldvermögen tatsächlich immer weiter eskalieren lässt. Die stets wachsende Wirtschaft muss den Zins erwirtschaften – mit allen negativen sozialen und ökologischen Folgen. So werden heute gezielt Schwachstellen in Produkte eingebaut, damit der Kunde schnell wieder ein neues Produkt einkaufen muss. Durch Kapitalverzinsung, Schulden und Zinszahlungen getrieben heißt die Alternativen …

„… wachsen oder sterben.“ (börsenblatt)

Marketing überzeugt Konsumenten, dass alte Produkte nicht mehr gut genug sein würden. Der Anreiz zur Reparatur ist niedrig – wegen des hohen Reparatur-Preises und eines vergleichsweise geringen Preises eines neuen Produktes.

Folgende arte – Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ beleuchtet das geheime Motto unserer Konsumgesellschaft, die „geplante Obsoleszenz“.

Verzichts-Aversion in der Bevölkerung

2007 versprach der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel sinngemäß, dass die Bundesregierung den problematischen hohen Energie-Verbrauch durch technologische Verbesserungen schon in den Griff kriegen würde, „wir sollten uns keine Sorgen machen, niemand müsse sich ändern.“ (sozialökonomie)

Die Wahrheit ist jedoch eine andere: Deutschland scheitert kläglich daran, viele Umweltziele zu erreichen. Beispielsweise boomt zwar der Ausbau der erneuerbaren Energiequellen, doch ging der Stromverbrauch keineswegs zurück, sondern stieg leicht an! Die Klimaforscherin Gotelind Alber kritisiert dies treffend im Artikel „Energiewende nur mit Wachstumslogik?“:

„Am Ziel des Energiewendeszenarios, den Energieverbrauch zwischen 1990 und 2010 um rund ein Drittel zu verringern, sind wir hingegen kläglich gescheitert. Heute ist man schon froh, den Verbrauch von 1990 in etwa gehalten zu haben, und verschiebt die Halbierung des Energieverbrauchs auf 2050.

Doch was ist mit der Vision geschehen, die die erneuerbaren Energien nicht nur als technologischetechnologische Innovation, als Substitut für Kernkraft und Kohle, sondern als Element eines anderen Gesellschaftsmodells betrachtete? Ein Gesellschaftsmodell, das auf Dezentralisierung und Demokratisierung sowohl der Energieerzeugungsstrukturen als auch der gesellschaftlichen Strukturen basierte, das Überschaubarkeit, Vielfalt, Gerechtigkeit, Beteiligung garantierte und die Wachstumslogik zugunsten von Kreislaufwirtschaft und qualitativem Wohlstand infrage stellte. Eine Vision, die in den 1970er Jahren entstand, befruchtet durch Autoren wie E. F. Schumacher („Small is beautiful“), und in den 1990er Jahren nochmals in der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland aufbereitet.

(…)

Alte Visionen neu denken

Vergleicht man die heutige Situation mit dem Energiewende-Szenario vor 30 Jahren in Bezug auf Energieeffizienz und Konsum, dann wird klar, dass der Boom in Richtung Energieeinsparung, „Degrowth“ (Wachstumsrücknahme) und Suffizienz [Einfaches Leben] ausgeblieben ist.“ (sozialökonomie)

Auch nach dem internationalen Umweltranking ESI (Environmental Sustainability Index), das von Wissenschaftlern der Yale- und der Columbia-Universität erstellt wird, sieht es nicht schmeichelhaft aus:

Der ESI misst 21 wichtige Umwelt-Indikatoren mit 68 Variabeln, etwa Landverbrauch oder Wasserkonsum pro Kopf, und vergleicht die Ergebnisse der verschiedenen Länder. Deutschland belegte im Jahr 2004 hinter Staaten wie Österreich, Uruguay, Albanien oder der Zentral-Afrikanischen Republik einen desillusionierenden 31. Platz. „Dankenswerterweise“ war im Ranking nicht berücksichtigt, dass Deutschland beim Indikator CO2-Ausstoß schummelt (n-tv). Beispielsweise tauchen Emissionen, die durch internationale Flugreisen verursacht werden, nicht in den deutschen Umwelt-Bilanzen auf, ganz abgesehen vom „Tanktourismus“. Währenddessen erzählte uns der damalige Umweltminister und Vielflieger Jürgen Trittin, der beruflich Audi A 8 oder VW Phaeton bevorzugte, etwas von seiner ökologischen Trendwende in Deutschland (spiegel). Offensichtlich ist er selbst nicht besonders überzeugt davon, dass ökologische Reformen keinen Verzicht bedeuten.

Das selbst eingefleischte grüne Minister offenbar einen materiell-orientierten Lebensstil verfolgen, ist kein Wunder. Trommelt doch andauernd Werbung in den Medien auf uns ein.

Die Rolle der Medien und des Marketings

Im Buch „Farewell to Growth“ von Serge Latouche werden Ergebnisse einer Umfrage zitiert, die bei Chefs großer US-Unternehmen durchgeführt wurde. Es zeigt, dass Werbung heute ein essentielles Element der Wachstums- und Konsumgesellschaft ist:

– 90 % aller Chefs gaben uns, dass es unmöglich ist, ein neues Produkt zu verkaufen ohne flankierende Werbemaßnahmen.

– 85 % sagten aus, dass Werbung Menschen oft überreden würde, etwas zu kaufen, was sie nicht bräuchten.

– Nach 51 % würde Werbung sogar Menschen zum Kauf eines Produktes animieren, dass sie nicht wirklich haben wollten (André Gorz, 1994 [1991], Capitalism, Socialism Ecology, trans. Chris Turner, London: Verso

Die offene Frage ist, wie lange die Umweltbewegung weiter auf eine Wertediskussion verzichten möchte.

3 Gedanken zu „Ohne Bewusstseinswandel keine Nachhaltigkeit“

  1. Danke für diesen Beitrag. Freiwirtschaftliche Ideen sind immer wieder anregend, hoffentlich bald auch fruchtbar (es gibt eine Diskussion über das „Völkische“ bei Gesell und anderen, die meiner Ansicht nach aber nicht die Ideen von Freiland, Freigeld usw. berührt). Leider perpetuiert das kapitalistische System eine dümmliche Ideologie des Konsums, welche ihre Opfer erniedrigt. Auch wenn autoritär, idealistisch gedacht und nicht der komplexen Realität entsprechend – der Grundgedanke Gorbatschows während der Perestroika war richtig: nehmt dem Volk den Alkohol weg und gebt ihm Demokratie. Psychotherapeuten sprechen vom „Krankheitsgewinn“: der seelisch Kranke richtet sich in seiner Krankheit ein, stellt einen zunächst „stabilen“ Zustand her, dessen integraler Bestandteil sein Störung ist. Daran leidet er permanent – kann sich aber kein anderes Leben mehr vorstellen und wehrt sich vehement gegen Änderung.
    Ähnlich geht es uns im Großen, wo wir auf irrationalen „Konsum“ getrimmt sind. Daß alle sich ausreichend ernähren, kleiden, wärmen und behausen können – dies wäre das Nötige, aber auch das Einzige, was die Gesellschaft ermöglichen sollte. Alles Übrige würden wir als gesellige Wesen selbst herausfinden. Und erstaunt feststellen, daß die wesentlichen Dinge erhalten blieben – Liebe, Freundschaft, Mitgefühl, Aggression, Streit, Kampf. Und alles ohne: Auto, Smartphone, Home Cinema und tausend andere Dinge, für welche uns das Bedürfnis nur eingeredet wurde. Von Waffen und „Sicherheitstechnik“ (für wessen Sicherheit?) ganz zu schweigen.
    Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich denke nicht, daß wir Menschen Wissenschaft und Technik nicht gebrauchen könnten. Sie sollten uns helfen, die oben genannten Grundbedürfnisse so intelligent und ressourcenschonend wie möglich zu befriedigen. Allein dies – wäre mindestens eine Jahrhundertaufgabe.

    1. Lieber Stefan Wehmeier,

      die drei Gebote der Natürlichen Wirtschaftsordnung sind mir sympathisch, und insofern gäbe zwar Diskussionsbedarf über die Details, aber nicht grundsätzlich.
      Leider besteht aber grundsätzlicher Diskussionsbedarf.
      Denn wie soll diese Natürliche Wirtschaftsordnung erreicht werden? Darüber lese ich an der angegebenen Stelle nichts. Ich vermute: So lange derartige Wirtschaftsexperimente (z. B. anthroposophischer Betriebe) im kleinen Rahmen bleiben, welcher nicht systemrelevant werdan kann, dann läßt das herrschende System die „Spinner“ machen – schon als Ausweis der eigenen Liberalität. Problematisch wird es nur, wenn alternative Wirtschaftstendenzen im System an Bedeutung gewinnen. Wir können dies gegenwärtig an der Entwicklung der erneuerbaren Energien beobachten. Die meisten von ihnen würden die perfekte Technologie für Energieautonomie von Gemeinden und Einzelhaushalten bieten. Damit würden die Energiekonzerne überflüssig. Ihre Lobbyisten beeinflussen daher die Politik, die Energiewende zu verzögern, um sicherzustellen, daß sie weiterhin Großtechnologie (Offshore-Windparks, Desertec usw.) anbieten und ihre Monopolstellung halten können. Und nebenbei ihre obsoleten Kern- und Kohlekraftwerke noch so lange wie möglich zur Renditeerzeugung nutzen können.
      Der Kampf ist keineswegs entschieden. Ähnliches würde geschehen, wenn z. B. genossenschaftliche Betriebsformen zum systemrelevanten Wirtschaftsfaktor würden.
      Die Kapitalisten werden sich ihr System, welches für sie so überaus vorteilhaft ist, nicht kampflos kaputtmachen lassen. Wie sollen wir sie aber bekämpfen? Zumal, wenn wir Gewalt ablehnen? Und zusätzlich wissen, daß die gewaltsamen sozialen Revolutionen die Völker bisher immer in neue Unfreiheit (Diktatur einer Kaste von Parteibürokraten) gestürzt haben?

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