Sonderkommission ignorierte wahrscheinlichsten Tatablauf beim Heilbronner Polizistenmord

Am 25.04.2007 parkte die Streife bestehend aus Michele Kiesewetter (MK) und Martin Arnold (MA) ihr Dienstfahrzeug in der Theresienwiese, etwa 2 Meter entfernt von einem Trafohäuschen. Der oder die Angreifer schossen seitlich in das Fahrzeug in die Köpfe der Polizisten. MK starb, MA überlebte schwerverletzt.

Der baden-württemberger NSU-Untersuchungsausschuss (U-Ausschuss) hörte zwei Chefs der Sonderkommission (Soko) „Parkplatz“, Frank Huber und Alex Mögelin. Laut ihnen wären die beiden Schüsse nahezu gleichzeitig abgefeuert worden, beide Opfer hätten nach rechts geblickt. Diese Darstellung ist unwahrscheinlich. 

Nach dem Heilbronner Polizistenmord vermaß die Sonderkommission die Position des geparkten Opferfahrzeuges und die Höhe der Kerbe an der Wand des Trafohäuschens, welche durch den Einschlag eines Projektils hervorgerufen wurde. Auch anhand der Kopfwunden rekonstruierte die Soko die Sitzposition der Opfer und die Schusskanäle.

Die Behördendarstellung ist, dass die beiden Schüsse nahezu gleichzeitig stattfanden und beide Opfer in dem Moment nach rechts schauten.

„RA Langer fragt, ob die Kopfhaltung A.s geradeaus gewesen sei. Der Sachverständige verneint: Er würde vorsichtig sagen, dass bei Schußauftreffen beide Köpfe nach rechts ausgerichtet gewesen seien. A. habe deutlich zur rechten Tür geguckt bei erhobener Hand.“ Aussage von Prof. Dr. med. Dipl. Phys.H.-D. Wehner am 22. Januar 2014 im nsu-prozess laut „nsu-watch

Frank Huber war bis Mitte 2009 Chef der Sonderkommission. Er sagte dem baden-württemberger U-Ausschuss folgendes aus:

„Aufgrund der Spurensituation gehen wir davon aus, dass zwei Täter geschossen haben: zwei unterschiedliche Waffen, kurze Abfolge der Schüsse – um auch die subjektiven Befunde hier mit einzubeziehen. Auch wichtig noch: Man hat festgestellt, in der Rekonstruktion auch durch die Rechtsmedizin, beide Opfer schauten offensichtlich nach rechts, das heißt, es muss relativ zeitgleich der Schuss auf der Fahrerseite mit dem Schuss auf der Beifahrerseite erfolgt sein.“

Alex Mögelin war ab August 2010 der zwischenzeitlich dritte Chef der Soko. Er präsentierte im Mai 2015 den Abgeordneten des U-Ausschuss die Kerbe im Trafohäusschen, die von einem der Schüsse herrührte. Die „welt“ hat von diesem Moment ein Foto gemacht.

Alex Mögelin: „Von den Schusskanälen müssen wir davon ausgehen, dass beide Fenster geöffnet waren, dass beide Beamte ihre Aufmerksamkeit nach rechts gedreht haben zum Pumpenhäuschen hin. Darauf deuten die Kopfhaltungen bzw. die Einschusskanäle hin, dass sie dort etwas wahrgenommen haben. Und nach diesen Kopfhaltungen kann man eben auch darauf schließen, dass der oder die Täter auf der linken Seite von den Beamten nicht wahrgenommen wurden. Die Schüsse sind dann in relativ kurzer Abfolge erfolgt. So sagen es die Geschossknallzeugen. Das sieht man auch daran, dass keiner mehr den Kopf in eine andere Richtung gedreht hat. Das ist so, wie man aus den objektiven Tatbefunden sehen kann.“

Die Schlussfolgerungen von Huber, Mögelin und auch seitens des Gutachters Prof. Wehner sind basierend auf den Gutachten unverständlich. Sie legen sich auf einen unwahrscheinlichen Tatablauf fest und lassen die Öffentlichkeit über Hinweise auf einen ganz anderen (wahrscheinlicheren) Tatablauf im Dunkeln.

Die Grafiken in den Ermittlungsakten beruhen auf den Gutachten. Sie sprechen eine klare Sprache: Martin Arnold konnte sich während des Schusses, den MK traf, wahrscheinlich -nicht- nach rechts gedreht haben. Das Projektil, welches MK tötete, hätte ihn ansonsten auch getroffen! 

Das heißt: MA hatte sich gegen seinen Sitz gelehnt, als MK erschossen wurde. Das Projektil flog an seinem Brustkorb vorbei. An dem Projektil konnte sogar DNA von Arnold (und MK) festgestellt werden! Er wurde als zweites angegriffen.

Seine damalige Freundin bestätigte, dass …

„… Martin ihr erzählt habe, dass er aus den Augenwinkeln heraus gesehen haben will, dass an Michele ’s Fenster eine Person mit einer Waffe gestanden habe (…).“

Desweiteren musste Arnolds Beifahrertüre weit geöffnet gewesen sein, ansonsten wäre das Projekt in die Türe eingeschlagen.

Was sagt dies zum Tatgeschehen?

Der wahrscheinlichste Ablauf:

  1. MK parkt am Trafohäuschen. Arnold öffnete die Beifahrertüre und steigt aus. (Neben dem Fahrzeug lag tatsächlich eine Zigarettenkippe von ihm, übrigens noch weitere von bis heute unbekannten Personen.)
  2. Arnold steigt rauchend wieder ins Auto ein, MK raucht durch geöffnete Scheibe. (Es wurden Kippen auf beiden Sitzflächen gefunden.)
  3. Als Arnold einsteigt, dreht MK  ihren Kopf 2-3 Zentimeter zu ihm. Währenddessen dürfte ihr Mörder bereits links neben ihr gestanden sein! Genau in diesem Moment, als sich MK zum drehen anfängt, hebt der Täter die Waffe und schießt auf ihren Kopf. Arnold ist völlig überrascht, er dreht sich während des ersten Schusses nicht in die Richtung des Angreifers. Das Projektil kann so von oben nach unten, quer durch das Fahrzeug fliegen. Es schlägt auf 42 Zentimeter Höhe im Trafohäuschen ein. Kiesewetter fällt in Richtung Arnold. 
  4. Erst in diesem Moment tritt der zweite Schütze neben die offene Beifahrertür und hebt die Waffe. Arnold dreht noch seinen Kopf, hebt zum Schutz seine Hand, erhält gleichfalls Kopfschuss. 

Diese Rekonstruktion würde eher dafür sprechen, dass die Angreifer aus dem (beruflichen oder privaten) Bekanntenkreis der Opfer stammten. Die Mörder hielten sich bereits vor dem ersten Schuss für kurze Zeit neben dem Fahrzeug auf und standen mit den Opfern in Kontakt. Vielleicht liegt hier auch der Grund, dass dieser alternative Tatablauf ignoriert wird.

5 Gedanken zu „Sonderkommission ignorierte wahrscheinlichsten Tatablauf beim Heilbronner Polizistenmord“

  1. wer glaubt denn den deutschen Ermittlungsbehörden noch irgendetwas? ich nicht! wenn sich Politiker schon eine Einschussstelle ansehen, was solls bringen? gar nichts , ist nur schau! wenn es die NSU wirklich gab und sie nicht nur eine Erfindung des angeblichen verfassungsschutzes (welche Verfassung ist gemeint?) war und sie so gefährlich war, wiso saßen die Polizisten im auto? im auto ist das sichtfeld doch sehr gering. das was sich hier zusammengereimt wird, ist nur noch lächerlich!

  2. Der hier geschilderte Tatablauf ist äußerst spekulativ.
    Warum z.B. sollte Arnold während einer Pause aus dem Auto ausgestiegen sein?
    Die offene rechte Fahrzeug Türe genügt doch zur Erklärung. Der sitzende Arnold wir eine Zigarettenkippe mit Sicherheit nicht im Fahrzeug deponieren sondern durch die geöffnete Türe entsorgen.
    Nach den umfangreichen (geleakten) Ermittlungen der Polizei ist es doch viel wahrscheinlicher, daß die Täter z.B. aus dem serbischen Milieu, Stichwort Chico kamen und einige der Heilig Sippe davon was mitbekommen hat oder gar mitChico und Co. Geschäfte gemacht haben .

    Vgl. die toten Zeugen:

    https://www.heise.de/tp/features/Weitere-NSU-Zeugin-tot-Sie-kannte-Mundlos-und-Zschaepe-3622381.html?seite=2

    „Am 25. Januar 2009 verbrannte in der Nähe von Heilbronn unter ungeklärten Umständen der 18jährige Arthur Christ neben seinem brennenden Auto. Auf Christ war die Polizei im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Mord an der Polizistin Kiesewetter gestoßen. Was für eine Rolle er möglicherweise gespielt hat, ist unklar.

    Am 16. September 2013 ist der 21jährige Florian Heilig in seinem Auto ebenfalls verbrannt. Er gehörte eine Zeitlang der Neonazi-Szene von Heilbronn an, wollte dann mit Hilfe des Landeskriminalamtes (LKA) aussteigen und sollte am Nachmittag des 16. September vom LKA zum Thema NSU/Kiesewetter-Mord befragt werden wollte. Ob Suizid oder Mord, ist nicht geklärt.

    Am 28. März 2015 starb Melisa Marijanovic, die frühere Freundin von Florian H. Sie hatte vier Wochen zuvor, am 2. März 2015, im NSU-Ausschuss in nicht-öffentlicher Sitzung ausgesagt. Auch ihr Tod wirft unverändert Fragen auf. Sie starb an einer Lungenembolie. Was die ausgelöst hat, können die Rechtsmediziner nicht mit letztlicher Sicherheit sagen. Sie nehmen an, die Ursache sei ein Sturz aufs Knie beim Motorradsport mehrere Tage davor.

    Ein Jahr danach, am 8. Februar 2016, kam auch der neue Freund von Melisa, Sascha Winter, 31, ums Leben. Er soll sich erhängt haben. Das mögliche Motiv ist unklar. Sascha hatte Melisa in den NSU-Ausschuss begleitet und dort ebenfalls Aussagen gemacht. „

    1. Die Kippe wurde jedoch rechts von der Hinterachse gefunden, nicht neben der Beifahrertüre. Leider ist in der Tatort-Skizze die Kippe -nicht- eingezeichnet! Es ist also unklar, wo sie genau gefunden wurde.

      ARNOLD TO.11 Zigarettenkippe „Marlboro“, rechts neben Dienst- Kfz., Höhe Hinterachse

      1. Könnte ja sein, daß A. die Zigarettenkippe sitzend bei geöffneter Beifahrertüre nach hinten gewoerfen oder geschnippt hat.
        Kann nicht erkennen daß er dazu ausgestiegen sein soll und wozu das gut gewesen sein sollte.
        Anyway, die jungen und nun toten Zeugen in diesem Umfeld hatten offensichtlich was zu sagen!

  3. Zu den objektiven Spuren am Tatort der Tötung von Frau Kiesewetter und dem Tötungsversuch am Polzisten Martin Arnold in Heilbronn 2007 soll eine Getränkepfandmarke der LCI aus Leipzig gehören.
    Ist bekannt wo diese Pfandmarke gefunden wurde und um welche Leipziger Firma LCI es sich handelte?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.