Fälschte Sonderkommission Auffindesituation der überfallenen Polizisten Kiesewetter/Arnold?

Am 25.04.2007 überfielen Unbekannte die Polizeistreife Michele Kiesewetter (MK) / Martin Arnold kurz vor 14:00. Der Tatort war ein Trafohäuschen am Rande der Theresienwiese. Kurz darauf sahen zwei Radfahrer MK kopfüber mit dem Oberkörper aus der geöffneten Fahrertüre heraushängen – sie saß jedoch noch im Fahrersitz, die Füße im Fahrraum. 15 Minuten später sahen drei Zeugen, dass MK auf dem Boden lag. Dazu im Gegensatz behauptet der Tatortbefund der Sonderkommission (Soko), dass MK von den um 14:17 eintreffenden Polizisten im Auto sitzend gefunden worden wäre, so wie sie die Radfahrer um 14:00 sahen.

Diese Ungereimtheit setzt sich weiter fort, wenn die Aussagen der Streifenpolizisten analysiert werden: Sie widersprechen sich gegenseitig. Es verfestigt sich der Eindruck, dass die Soko 2007 die nachträgliche Umlagerung Kiesewetters vertuschen wollte. Erst Mitte 2011 erwägte sie eine Umlagerung und gab dazu ein Gutachten in Auftrag.

Die erste Streife, die nach dem Überfall um 14:17 zur Theresienwiese fuhr, bestand aus den Beamten Joachim Thomas und Kerstin Kind. Frau Kind sagte im NSU-Prozess als Zeugin aus, sie hätte MK außerhalb des Wagens liegen gesehen, als sie am Tatort ankamen, „die Kollegin lag draußen“.

„G.: Wie lagen die Opfer?
K.: Die Kollegin lag draußen, der Kollege hatte die Füße noch im Auto, lag auf dem Rücken, seine Zigaretten und seine Sonnenbrille lagen da noch. Der Kollege hat am Kopf geblutet. Beim Kollegen haben wir die Schutzweste und das Hemd aufgemacht, die Kollegin ist später auf die Seite getragen worden.“ (br)

Dagegen schrieb ihr damaliger Streifenpartner Thomas in seinem Bericht, datiert 25.04.2007, dass er sowohl Martin Arnold wie MK im Auto sitzend antraf, aus den offenen Türen hingen die Oberkörper. Als erstes hätte er MK aus dem Auto gezogen, ihre Füße blieben noch im Auto, und nach Lebenszeichen untersucht. Dann ging er zur anderen Seite des Autos, um sich um den schwerverletzten Arnold zu kümmern. 

„Beide Türen waren geöffnet. Man konnte bereits von weitem sehen, dass beide Kollegen mit dem Oberkörper aus dem Dienst-Kfz GP-3464 hingen. (…) Bei der Anfahrt zum Tatort, ca. 50m vor dem Gebäude wies ein Taxifahrer mit Handzeichen auf den Streifenwagen. (…) Die Kollegin wurde vom Uz. teilweise aus dem Fahrzeug gezogen (Füße verblieben im Fahrzeug) und der Oberkörper auf den Boden rücklings abgelegt.“

Seine Beobachtung ist schwer nachvollziehbar. Er konnte MK nicht schon bei der Anfahrt gesehen haben, da ihre Autotüre geöffnet war, und er frontal auf das Opferfahrzeug zufuhr. Damit verdeckte die Türe den Blick auf die (angeblich) heraushängende MK!

Außerdem widerspricht die Zeugin Hermina Z.: Joachim Thomas  hätte nicht Kiesewetter aus dem Auto gezogen, sondern nur „am Kopf angefasst“!

Ich kann mich an einen Polizisten erinnern, der aus dem Auto kam. (…) Dieser Polizist ist zuerst zu der Polizistin gerannt und hat sie am Kopf angefasst. Dann ist er um das Auto auf die Beifahrerseite gerannt und hat dort wahrscheinlich den anderen Polizisten gesehen.“

Als die Streife Thomas/Kind in der Theresienwiese ankam, trafen sie am Tatort auf zwei vor ihr eingetroffene Taxifahrer. Diese beiden Zeugen sagen übereinstimmend, dass MK bereits außerhalb des Autos lag, bevor die Streife Thomas/Kind überhaupt ankam!

Taxifahrerin Marianne Barbara H.

„Sie habe auch die beiden Polizeibeamten am Boden liegen sehen.“

Taxifahrer Ralf D.

„Als er sein Taxi abgestellt hatte, habe er gesehen, dass auf der Fahrerseite ein Polizist auf dem Boden gelegen habe. Auf der Beifahrerseite habe eine Polizeibeamtin gelegen, deren Füße jedoch noch ins Fahrzeuginnere ragten. (…) Kurze Zeit danach sei der erste Streifenwagen am Tatort eingetroffen.“

Zweite Streife

„30 Sekunden“ nach der Streife Thomas/Kind, kam eine zweite Streife am Tatort an: Tobias S. und Patrick R.

Tobias S.

Tobias S. sagte, dass ihre Streife eigentlich zuerst eintraf, sie hätten aber zuerst noch die Zufahrt zur Theresienwiese abgesperrt. Danach wäre er zum Opferfahrzeug „gelaufen“ und hätte gesehen, wie Joachim Thomas MK aus dem Wagen „geholt“ hätte.

„Wir sind als die ersten beiden Streifen an der Theresienwiese eingetroffen. Kollegin Kind und Kollege Thomas sind direkt zu den Opfern gefahren. Kollege R. und ich haben die Zufahrt von der Theresienstraße her kommend abgesperrt. Ich bin dann auch in Richtung Trafohäuschen zum Tatort gelaufen, bis zum Streifenwagen der Kollegen K. und T.. Das war so ca. 5 m vom Opferfahrzeug entfernt. Kollege T. hat sich um die Fahrerin also Michele KIESEWETTER gekümmert und sie aus dem Auto geholt.“

Wie konnte Tobias S. so schnell zum Tatort gelaufen sein, um dieses „Herausholen“ wahrzunehmen? Zuvor sperrte er ja die Zufahrt zur Theresienwiese ab, die etwa 100 Meter entfernt zum Tatort liegt. Das Trafohäuschen befindet sich auf der anderen Seite der Theresienwiese.

Patrick R.

Die Aussage seines Streifenpartners unterscheidet sich deutlich: Patrick R. sagt, dass ihre Streife „30 Sekunden später“ zum Opferfahrzeug ankam, „auf Grund der Verkehrsituation in der Südstraße“. Er erwähnt keine Absperrung des Zufahrtsweges zur Theresienwiese. Sie fuhren mit ihrem Streifenwagen direkt zum Trafohäuschen und parkten hinter dem Wagen der Streife Thomas/Kind.

Patrick R. erwähnt zwar kein Herausholen Kiesewetters aus dem Wagen, jedoch wäre Thomas blutverschmiert auf die andere Seite des Opferautos gegangen, während MK leblos neben dem Auto lag.

„Daraufhin fuhren sofort die Streife Thomas/Kind und unmittelbar dahinter Kollege Stein und ich in Richtung Theresienwiese mit Sondersignal. Auf Grund der Verkehrsituation in der Südstraße erreichte die Streife Thomas/Kind den Tatort ca. 30 Sekunden früher wie wir.
Die Streife Thomas/Kind parkte ihr Streifenfahrzeug unmittelbar vor dem Trafohäuschen auf dem asphaltierten Weg und wir stellten unser Fahrzeug unmittelbar dahinter, ebenfalls auf demasphaltierten Weg ab.

Als wir am Tatort eintrafen lief die Kollegin Kind vom Tatfahrzeug weg in Richtung Streifenwagen um einen Verbandskasten zu holen. Der Kollege Thomas begab sich von der Fahrerseite des Tatfahrzeuges kommend in Richtung Beifahrerseite, seine Hände und Unfiorm (Hemd) waren blutverschmiert. Nach unserem Eintreffen stieg ich aus dem Fahrzeug aus und begab mich zum Tatfahrzeug. Dort sah ich auf der Fahrerseite, dass die Kollegin auf dem Boden direkt neben dem Fahrzeug lag.“

Jörg Hinderer, Polizist und Rettungssanitäter

Der Beamte Jörg Hinderer, PRev Neckarsulm, hörte gegen 14:20 die Funkmeldung über die überfallenen Polizisten und fuhr alleine in seinem Streifenwagen zur Theresiewiese. Da er sich zufälligerweise in der Nähe aufhielt, war er in 2-3 Minuten am Tatort. Er wollte als Rettungssanitäter helfen. Als er dort ankam, befand sich bereits eine Streife an der Zufahrt zur Theresienwiese, und „mindestens 1 oder 2 Streifen am Tatort“. Er kümmerte sich um den angeschossenen Beamten Arnold und „redete mit ihm“. Kiesewetter lag außerhalb des Streifenwagens!

„Zur getöteten Kollegin PMin KIESEWETTER kann ich nur sagen, dass diese bei meinem Eintreffen und nach meiner Wahrnehmung komplett außerhalb des Streifenfahrzeugs lag.“

Die Füße von MK waren also nicht mehr im Auto gelegen, sie lag „komplett außerhalb“. Meinte Joachim Thomas mit „Herausholen“, dass er vielleicht „nur“ ihre Füße aus dem Auto zog?

Rekonstruktion der Auffindesituation 

Am 01.05.2007 rekonstruierte die Kriminalpolizei Heilbronn die Auffindesituation der Opfer und verglich sie mit der Schilderung der Radfahrer. Dazu lud die Polizei jedoch nicht Kerstin Kind ein, sondern nur Joachim Thomas und Jörg Hinderer.

Wie kann das möglich sein? Hinderer kam erst später zum Tatort, so dass er nichts zur Klärung der Auffindesituation beitragen konnte.

In der Rekonstruktion hängt MK aus dem Auto, während Arnold auf dem Boden liegt, die Füße im Auto liegend. In seinem Bericht vom 25.04.07 schrieb Thomas jedoch, dass auch Arnold mit dem Oberkörper aus dem Auto hing.

Die Sonderkommission (Soko) „Parkplatz“ stellte ihre Rekonstruktion am 28.05.08 bei Aktenzeichen XY-ungelöst nicht dar, im Gegenteil: Das „zdf“ zeigte den Überfall, dann zieht der Mörder MK aus den Auto heraus, um an ihre Handschellen zu gelangen. Außerhalb liegend, die Füße jedoch noch im Auto, wird sie von der Polizei aufgefunden. Im Studio war der Leiter der Soko Frank Huber, der kommentierte:

„Kollegen mit denen man zuvor noch Kontakt hatte, lagen nun blutüberströmt mit Kopfschüssen neben dem Fahrzeug.“

Quelle: youtube

Diese Ungereimtheit ist so groß, dass sie kaum mit „Inkompetenz“, „Panne“, „Fehler“ erklärt werden könnte.

Baden-Württemberger „Untersuchungs“-Ausschuss

Am 19. Oktober 2015 hörte der baden-württemberger Untersuchungsausschuss Joachim Thomas. Dabei traf er eine außergewöhnliche Aussage über die Auffindesituation. Er hielt sich beide Versionen offen:

Schon bei der Anfahrt zum Tatort hätte er gesehen, dass „die Kollegen da liegen würden. Die grünen Uniformen wären unter der Türe erkennbar gewesen. Das würde dafür sprechen, dass MK bereits neben dem Auto lag. Wenn MK noch im Auto gesessen wäre, hätte Thomas ihre Uniform nicht bei der Anfahrt erkennen können.

Kurz darauf sagte Thomas jedoch den Parlamentariern, dass er MK aus dem Auto „teilweise rausgezogen“ hätte. Meint er damit, den Oberkörper oder nur die Füße? 

„Ich war dann mit der Kollegin Kind als Erstes vor Ort. Bei unserem Eintreffen in die Theresienwiese stand dieses Taxi, der hat uns gezeigt in die Richtung Streifenwagen und ist dann aber auch davongefahren, ist also nicht vor Ort geblieben.

Wir sind dann zu dem Fahrzeug hingefahren. Von weiten hat man eigentlich schon gesehen, dass beide Türen offenstanden und, dass die Uniformteile, damals noch bambusfarben, waren unter der Tür, so war meine Wahrnehmung, wie ich mich noch erinnern kann, sichtbar, dass da was liegt oder, dass die Kollegen da liegen, teilweise also zumindest erkennbar, dass da was irgendwas ist.

Ich bin dann hin, auf die Fahrerseite, wo die Kollegin Kiesewetter war, hab die dann teilweise rausgezogen, hab aber gesehen, dass ich da jetzt in dem Moment keine erste Hilfe leisten kann, für mich war die Kollegin schon verstorben, hab mich dann auf die andere Seite gewandt zu dem Kollegen, bei dem den Puls gefühlt, daraufhin hat der dann die Augen geöffnet, hab dann die ersten Maßnahmen noch eröffnet, um ihm das zu erleichtern, Hemd geöffnet (…)“

„Das nächste Fahrzeug hat automatisch, sofort, hab ich erst nachher erfahren, die Zufahrt gesperrt und das dritte Fahrzeug, denk ich auch, dass die irgendwo im weiter abgesetzten Bereich die Absperrung gemacht haben.“(Audiodatei, Radio Dreyeckland) 

Joachim Thomas erwähnte in seiner Zeugenbefragung nicht, dass er seine Kleidung gewechselt hätte. Er wäre erst am Tatort verblieben, dann hätte er am Nachmittag verschiedene Kurierfahrten erledigt. Laut Patrick R. wären jedoch seine Hände und sein Hemd blutverschmiert gewesen! 

Uninformierte Politiker

Leider drehten sich die Fragen der Abgeordneten im Untersuchungsausschuss um größtenteils belanglose Hintergründe. Die Ungereimtheiten wurden leider wie so oft nicht aufgeklärt. Ihre Fragen an Thomas waren zum Beispiel:

Wie funktionierte das Gürtelsystem der überfallenen Polizisten? Konnte sich Arnold noch auf den Füßen halten? Wie waren die Zuständigkeiten der einzelnen Polizisten am Tatort geregelt? Was ist bei der Alarmierung genau mitgeteilt worden? Warum gibt es unterschiedliche Zeitangaben, wann die erste Streife am Tatort eintraf, 14:16 und 14:22? Haben Sie die Opfer gekannt? War der Pausenort Theresienwiese bekannt? Hat man psychologische Unterstützung angeboten?  Würden Sie den Platz am Trafohäuschen als einen guten Platz zum Pausenmachen einschätzen?

Erich Anton K.

In dem Bericht von Joachim Thomas vom 25.04.07 verweist er auf einen Kollegen, dem als ersten auffiel, dass die Dienstwaffen fehlen würden: Der Polizist Erich Anton K. war (auch) zufälligerweise in der Nähe. Als er die Meldung im Funk hörte, fuhr er alleine zum Tatort. In seiner Zeugenbefragung bei der Soko, aus dem Jahr 2010, gab er folgende Schilderung:

Als er ankam, hätte sich „Kollege Hinderer“ um Arnold gekümmert. Dann wäre er zur anderen Seite des Opferfahrzeugs gegangen und hätte gesehen, dass MK aus dem Fahrraum heraushängt!

„Ein Kollege kniete über eine am Boden liegende Person und sprach mit dieser. Das muss der Kollege Hinderer gewesen sein. (…) Ich ging um die Motorhaube zur geöffneten Fahrertür. Ich sah die Kollegin aus dem Fahrzeug hängen, an der B-Säule und auf dem Schweller, sie lag auf der linken Körperhälfte. Die Beine waren noch im Fußraum.“

Diese Darstellung widerspricht sämtlichen Darstellungen der anderen Polizisten vor Ort. Als Jörg Hinderer zum Tatort kam, war MK längst aus dem Fahrzeug auf den Boden gelegt worden. Was ist sein Motiv, Lügengeschichten zu erzählen?

Sonderkommission erwägte Mitte 2011 nachträgliche Umlagerung

Am 27.07.2011 erteilte die Soko Prof. Wehner einen Auftrag: Der Leiter des Tübinger Instituts für Gerichtliche Medizin soll ein Gutachten erstellen, „zur Rekonstruktion der möglichen Tatabläufe im Fahrzeug anhand des Blutbildes“.

„Es geht darum, ob aus wissenschaftlicher Sicht geklärt werden kann, wie viel Zeit zwischen Schussabgabe und den einzelnen Umlagerungen vergangen ist (Mögliche Ansatzpunkte könnte hier die Menge des jeweils ausgetretenen Blutes an den verschiedenen Positionen sein). Handelt es sich also eher um eine dynamische Tathandlung (Schüsse und Wegnahme) oder waren diese Handlungen zeitlich „gestreckt“?

Was aus dem Gutachten wurde, ist nicht bekannt. Am 04.11.11 erfolgte die vielbeschworene „Selbstenttarnung des NSU“.

2 Gedanken zu „Fälschte Sonderkommission Auffindesituation der überfallenen Polizisten Kiesewetter/Arnold?“

  1. „Sonderkommission erwägte erst Mitte 2011 Umlagerungen“

    Das muss man vielleicht anders formulieren.
    Es ging nicht um Umlagerung. Das war klar, das die Lage der Polizisten für die Waffenentnahme verändert wurde.

    Es ging ausschließlich um die Theorie, Schütze und Waffendieb sind nicht identisch. Das kann man mit Blutmengenanalyse im Fahrzeug durchaus plausibilisieren. Im Kern geht es darum, welche Blutlache entsteht bei welcher Körperhaltung und wie lange dauert das, um die vorliegende Menge zu erreichen.

    Theoretisch könnte rauskommen, das zwischen Schussabgabe und Waffenentnahme xy Minuten Zeit verstrichen sein müssen. Würde dem späteren Waffenfund viel Beweiskraft für Mordbeteiligung des neuen Besitzers nehmen.

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