Wird Trump die Geschichte des 11. Septembers neu schreiben?

Lange sperrte das „weiße Haus“ geheim gehaltene Dokumente zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Erst Mitte 2016 berichtete der „Monitor“ über „das Geheimnis der 28-Seiten“, siehe unten. Es geht u. a. um Omar al-Bayoumi, einen saudischen Bürger, wahrscheinlich Geheimagent, der den eingereisten Terroristen, etwa Khalid Almihdhar, in den USA half. Im Wahlkampf forderte Donald Trump, dass die Dokumente veröffentlicht werden. Er würde sie als Präsident freigegeben. Inzwischen sind sie tatsächlich freigegeben, die Opferfamilien werden Saudi-Arabien auf Schadenersatz verklagen.

3 Gedanken zu „Wird Trump die Geschichte des 11. Septembers neu schreiben?“

  1. Der angebliche saudische Agent könnte, falls er sich dem Prozess stellt, auf ahnungslos machen. Er habe nur einem saudischen Staatsbürger geholfen. Oder er habe diesen anwerben wollen, um einen Informanten in die Kreise kritischer Exil-Saudis einzuschleusen, ohne dass ihm der terroristische Hintegrund von Khalid Almihdhar bekannt gewesen sei.

    Bem US-Personal in CIA und FBI scheint die Ahnungslosigkeit hingegen derart massiv widerlegt und die Fahndungsblockierung belegt zu sein, dass es auf saudische „Fehler“ wohl kaum mehr ankommt und ein Beweis für einen Terror-Befehl aus dem Haus Saud wird wird vermutlich genausowenig geführt werden können wie für einen aus dem Haus Bush ode Cheney.

    Damit müsste sich eine Klage zunächst gegen die eigene Regierung – oder gegen saudische und US-Regierung gleichzeitig richten. Das wäre zwar ein ganz heißes Eisen, aber die Saudis können zu Recht darauf einwenden, dass sie nicht der Ersatz-Sündenbock sein wollen. Die Staatsbürgerschaft der meisten Attentäter macht deren Verbrechen nicht automatisch zu Verbrechen des Heimatstaats.

    Sonst könnte man auch Deutschland haftbar machen, denn unter anderem Terror-Mastermind Atta war Wohnbürger in Hamburg. Oder vielleicht blüht auch uns so was, wenn wir (traditionell treue Vasallen wie die Saudis) dem großen Hegemon durch Unbotmäßigkeit auffallen (wie aktuell wohl die Saudis)?

  2. Den Wunsch, die Saudis an den Pranger zu stellen, hat übrigens nicht erst Trump oder sein Wahlkampf in die hohe Politik getragen. Im Mai 2016 hat der Kongress sich damit beschäftigt und zwar auf Drängen der Opferfamilien und gegen Obamas Widerstand. [1]

    So richtig verständlich ist Obamas Widerstand allerdings nicht, denn warum hat er die Veröffentlichung der 28 geschwärzten Seiten überhaupt zugelassen? [2]
    Es gibt zwar Vorschriften wie das Informationsfreiheitsgesetz, mit dem die Öffentlichkeit der USA viel besser an Regierungsakten rankommt als das bei uns der Fall ist. Bei wichtigen und brisanten Sachen („nationale Sicherheit“) sind aber 30 Jahre üblich. So konnte Tim Weiner in seinem CIA-Buch („Wohl alle der bisherigen Direktoren der CIA waren in Putsch- und Mordpläne verwickelt“) im Jahr 2007 auch nur auf Archivmaterialien bis 1977 zurückgreifen. [3]
    Bei den Akten zu 9/11 ist also gerade mal „Halbzeit“.

    Die Saudi-Spur könnte für die Obama-Regierung daher auch eine Ventil-Funktion gehabt haben: Die erkennbar gefrustete Bevölkerung ließ ihre Wut nicht mehr einfach einlullen und wollte nicht mehr nur zwischen altgedienten Demokraten und altgedienten Republikanern pendeln, sondern stellte immer deutlicher das verhasste und als zutiefst korrupt empfundene Establishment als Ganzes in Frage.

    Der Aufstieg Trumps in den Umfragen war eine Kampfansage des Volkes an die Political Correctness (PC). Und wer vor der PC keinen Respekt mehr hat, lässt sich ganz schnell auch nicht mehr mit der Keule „Verschwörungstheorie“ in Schach halten, wenn er unangenehme Fragen stellt. Zwar gab es schon immer eine große Truther-Bewegung und sowieso ein generelles Misstrauen gegenüber „denen da oben“, gerade in Sachen 9/11, Aber solche Ansichten und Einstellungen waren für die große Mehrheit der Bevölkerung lange mehr eine private bzw. Stammtisch-Sache, für die man als seriöser Bürger nicht auf die Straße ging und sich politisch engagierte.

    Kandidaten für politische Ämter wagten nicht diesen großen Verstoß gegen die PC und keine nennenswerte Wählergruppe forderte es von ihnen – bis Trump auftauchte und die dem Volk mühsam antrainierten Spielregeln nicht mehr zu gelten schienen. Aber es war weniger das Charisma oder die konkreten Forderungen von Trump, sondern die Wut des Volkes, die diese Spielregeln beiseite schob. Trumps finanzielle Unabhängigkeit ermutigte allerdings das Volk, an einen wirklich Wende-Willigen und damit eine echte Wende-Chance zu glauben, wogegen der schwache Obama mit all seinen geplatzen Wahlversprechen erkennbar eine auf lieblich frisierte Marionette der schon immer Mächtigen war.

    Im Grunde ist das die gleiche Entwicklung, die bei uns das Wörtchen „Lügenpresse“ genommen hat. Dass in den Medien oft Falsches auftaucht und von einer entsprechenden Lobby der Mächtigen auch gezielt gestreut wird, wusste man im Grunde schon immer. Neu ist der Schulterschluss vieler „normaler Bürger“ in Bewegungen wie Pegida, wo ungeniert, öffentlich und hartnäckig der Vorwurf der systematischen Volksverdummung geäußert wird einschließlich der Kampfansage an die Mächtigen, man werde sich das nicht länger bieten lassen.

    Der neue, respektlose Umgang des Volkes mit den Tabu-Begriffen „Political Correctness“ und „Verschwörungstheorie“ erschreckt auf beiden Seiten des Atlantiks die Mächtigen. Zu oft steckte hinter einer stigmatisierten angeblichen „Verschwörungstheorie“ halt doch eine echte Verschwörung, so dass man bei uns eilig das stumpf gewordene Schwert durch „Fake News“ oder „postfaktisch“ ersetzt.

    Das Ausweichen auf englische Begriffe zeigt die Verlegenheit und das Verschleierungsbedürfnis, denn unsere Sprache kennt vielfältige Schattierungen zwischen wahr und falsch:
    aus dem Zusammenhang gerissen, einseitig, verdreht, Halbwahrheit, Lüge, Irrtum, Irrsinn.

    Verschleiert werden soll, dass neben dem Fehlen eines bösen Willens (Irrtum, Irrsinn) es auch einen berechtigten gezielten Willen gibt, mit vorzugsweise amtlichen Wahrheiten kreativ-kritisch umzugehen: von der Ironie über die Satire bis hin zum Zynismus. Das ist natürlich viel zu viel an Schattierungen, wenn man dabei ist, eine Zensur-Infrastruktur aufzubauen, die es offiziell aber nicht geben darf und nicht gibt, weil eben „private Vereine“ beauftragt werden Noten zu erteilen und weil z.B. Facebook genötigt wird, solche „privat“ beanstandeten Einträge doch „freiwillig“ und binnen 24 Stunden zu löschen.

    9/11 war für die Mächtigen jedenfalls gerade deshalb ein so großer Erfolg, weil er die Augen des Volkes von den inneren Skandalen ablenkte nach außen, auf einen sehr bösen Feind jenseits der Grenzen, zu dessen Bekämpfung man sich loyal (d.h. kritiklos) hinter die eigene Regierung musste und wollte. 15 Jahre danach war das Bedürfnis gewisser Kreise nach einer Wiederholung wohl sehr groß, auch wenn dieses Mal keine Hochhaus-, sondern nur Akten-Bomben hochgingen.

    Trump war da nicht die treibende Kraft, aber daraus, wie er mit 9/11 umgehen wird, werden wir vermutlich seine Absichten und auch die Grenzen des für ihn Machbaren erkennen können.

    [1] https://www.heise.de/tp/features/US-Kongress-will-Aufklaerung-ueber-saudische-Verwicklung-in-die-9-11-Anschlaege-3209937.html
    [2] https://deutsch.rt.com/international/38832-15-jahre-911-saudi-connection/
    [3] http://www.sueddeutsche.de/politik/us-geheimdienst-cia-vertuschungsgeschichten-1.259714

  3. Die saudische Spur ist ja nicht die einzige bei 9/11. Aber die saudische Spur ist grundsätzlich geeignet für eine Wende in der Darstellung: Saudi-Arabien macht Probleme und ist ein Todfeind des potenziellen neuen Verbündeten. Da wird man genau hinschauen müssen.
    Höchst interessant ist aber, dass ausgerechnet Saudi-Arabien nicht auf Trumps Liste der 7 Staaten steht, für die er ein Einreiseverbot mit der Begründung Terror-Gefahr verhängt hat. Das ist schon ziemlich merkwürdig. Warum fällt das Trump-Anhängern nicht auf? Ausgerechnet Saudi-Arabien!

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