NSU-Ermittlungen zu Hülsen, Munition: Wurden Ceska-Mörder gewarnt?

Der Artikel „Das Märchen um die Ceska-Mordwaffe“ wurde von verschiedenen Kommentatoren fachkundig bereichert. Dieser Anschlussartikel zitiert manche Kommentare und baut darauf auf. Die Diskussion drehte sich um das Thema Hülsen und Munition.

Auf die 9 Mordopfer wurde insgesamt 34 Schüsse abgefeuert. Davon stammten 28-30 aus der immer gleichen Ceska 83 (7,65 mm).

Es wurden nur 9 oder 10 Ceska-7,65 mm Hülsen an den Tatorten gefunden, davon stammen allein 7 Hülsen von den Morden 1 und 2.

Serie 1 von 2000 – 2001

1. Mord: 9 Schüsse, 5 Hülsen Ceska

2. Mord: 2 Schüsse, 2 Hülsen Ceska

3. Mord: 3 Schüsse, KEINE Hülse Ceska

4. Mord 2 Schüsse, KEINE Hülse Ceska

16 Schüsse insgesamt, davon 10 bis 12 Schüsse aus der Ceska 83. 7 Hülsen aus der Ceska 83 und 3 Hülsen aus der 6,35 mm Waffe.

„Die Patronenhülsen aus Nürnberg werden nach Wiesbaden gebracht. Hier beim Bundeskriminalamt beschäftigt sich eine Spezialeinheit mit der Zuordnung von Geschossen und Hülsen zu bestimmten Waffenmodellen. Für den Vergleich steht die größte Waffensammlung Deutschlands mit 8.000 Exemplaren zur Verfügung. (…)

Jede Waffe erzeugt auf den verwendeten Patronen ein unverwechselbares Zeichen, ähnlich eines Fingerabdruckes. Die gesicherten Hülsen werden in einem Elektronen-Mikroskop untersucht. Schnell wird klar Abduran Ö. wurde mit ein und derselben Waffe erschossen wie das erste Nürnberger Mordopfer (…) mit der Ceska Typ 83 (…).“ (rtl)

Michael Benstein (BKA) führte die Untersuchung durch.


Die Mordserie pausierte 2,5 Jahre.

Serie 2 von 2004 – 2006

5. Mord: 4 Schüsse, 1 Hülse Ceska unter Kühlschranktür

6. Mord: 5 Schüsse, 1 Hülse Ceska (unsicher)

7. Mord: 3 Schüsse, KEINE Hülse

8. Mord: 4 Schüsse, 1 Hülse Ceska auf der Kasse

9. Mord 2 Schüsse, KEINE Hülse Ceska.

Serie 2 (Morde 5 bis 9): 18 Schüsse (nur Ceska 83), 2 oder 3 Hülsen

Die Hülsen wurden durch eine Plastiktüte aufgefangen, sie war um die Waffe gespannt. So wurden mehr Projektile abgefeuert, als Hülsen gefunden wurden. Der führende Ermittler Wolfgang Geier sagte dem PUA:

„Ab dem Fall 5 fiel uns schon bereits auf, dass offensichtlich Maßnahmen zur Hülsenvermeidung getroffen wurden.“ (PUA, S. 525)

Erst 2006 auf der richtigen Spur

Ermittlern berichteten dem Parlamentarischen Untersuchungungs-Ausschuss (PUA),
dass es …

„… im Jahr 2006 ein neues Gutachten gegeben hätte, „wonach ab einschließlich Mord Nr 5 (…) eine andere Munition benutzt wurde.“ Dies würden „Anhaftungen von Aluminium am Projektil“ zeigen, „Rückstände des Schalldämpfers“.

So kamen die Ermittler erst 2006 darauf

„… nach den Ceskas mit den verlängerten Läufen zu suchen und fanden dann die spezielle Kleinserie der 55 Ceskas und deren zwei Chargen mit den jeweiligen Unterschieden am Hülsenboden (bzw Zündplättchen).“

Die Ceskas mit verlängerten Läufen wurden in einer Kleinserie hergestellt. Von den 55 Stück kaufte ein Libanese mit Verbindungen zur Palestinensischen Befreiungsorganisation (PLO) 25 Stück. Von dieser Lieferung gingen 10 Ceskas als Geschenk an das Ministerium für Staatssicherheit („Stasi“). Sie befanden im Besitz des BKA. Einen Großteils des Rests 30 Stück ging an den den schweizer Waffenhändler Jan Luxik.

Laut eines Bundeskriminalamt (BKA) -Gutachtens vom 11. September 2008 hätten die Hülsen aus der Mordwaffe ein ungewöhnliches Muster am Boden. Dieses Muster würde nur mit Ceskas aus der Luxik-Lieferung übereinstimmen, sie hätten „gebogene Linien“.

“ (…) bogenförmige Eindruckspuren auf den Hülsenböden durch den Stoßbogen des Patronenlagers (…).“ (PUA, S. 620)

Festzustellen ist hier, dass „der Schalldämpfer grundsätzlich überhaupt nichts mit dem Hülsenboden zu tun“ hat. Wenn die BKA-Darstellung richtig wäre, …

„… hätte man auch unabhängig von dem verlängerten Lauf die gebogenen Linien auf dem Hülsenboden als Unterscheidungsmerkmal erkennen können.“

Das heißt: Die ungewöhnlichen Hülsen-Böden von Mordfall 1 hätte man vergleichen können mit den ausgeworfenen Hülsen der „Stasi-Ceskas“. Diese Spur hätte schon im Jahr 2000 festgestellt werden können. Darauf aufbauend hätte die Spur zu den 16 Luxik-Waffen aus der Kleinserie geführt.

Dagegen sagen die Ermittler aus, dass sie vor der schieren Menge der produzierten Ceskas (fast 200.000) kapituliert hätten und deshalb (bis 2006) erst gar nicht beim Hersteller nachgefragten.

„Hätten die Ermittler also von Anfang an, nachdem sie die in ihrem Besitz befindlichen 10 Stasi-Ceskas beschossen hatten, mal auf die Spuren am Hülsenboden geschaut, dann hätten sie bereits dann den Unterschied sehen können.
Dann fragt man einfach den Hersteller, warum es da manchmal gerade Linien und manchmal gebogene Linien gibt und schon hätte man die 30er Charge gefunden, ganz ohne den Umweg über den Schalldämpfer bzw den verlängerten Lauf, wodurch dann 6 Jahre verplempert wurden und man 11 Leben hätte retten können (7 Türken, 1 Griechen, 1 Polizistin, 2 Uwes).“

Jedoch muss auch die BKA-Darstellung, einzigartiger Hülsenböden an den Luxik-Lieferung, hinterfragt werden. Die Kripo Nürnberg protestierte gegen diese Darstellung! (Friedensblick)

Warum war die Kripo anderer Meinung als das BKA? Die Veröffentlichung des BKA-Gutachtens über die Hülsenböden wird bisher verweigert, auch der PUA fragte nicht nach.

Täter schliffen Hülsenböden ab

Bei einem Mord „wurde am Tatort eine stehende Patronenhülse aufgefunden. Bei anderen Taten waren Hülsen abgeschliffen.“ (PUA, S. 922).

Eine Hülse kann kaum von der Schusswaffe ausgeworfen werden und dann am Boden aufrecht stehend liegen bleiben. Die Hülse sollte also gefunden werden!

Es wurde bei „anderen Taten“ Hülsen mit abgeschliffen Böden gefunden! Leider wurde vom PUA nicht nachgefragt, um welche Morde es sich handelte. Dies wäre von großen Interesse. Wenn es sich um Hülsen der Morde 1 und 2 handeln würde, dann hätten die Ermittler dieser Spur gar nicht nachgehen können:

„Seltsamerweise hat man bei den ersten Morden diese ganz speziellen Markierungen (angeblich nur bei 30 Waffen insgesamt) am Hülsenboden angeblich nicht gesehen. Vielleicht gab es diese Markierungen gar nicht. Vielleicht wurden deswegen manche Hülsen am Boden abgeschliffen, um die Markierungen zu beseitigen bzw gar nicht erst entstehen zu lassen.“

Warum fand man an manchen Tatorten exakt 1 Hülse?

Während der zweiten Serie könnte ein Interesse der Täter bestanden haben, die „echten Hülsen mit der Plastiktüte aufzufangen“ und dann gezielt eine andere Hülse, die nichts mit der Tat zu tun hatte, am Tatort zu platzieren. So hätten beispielsweise die Täter von den „Stasi-Waffen“ (im BKA-Besitz) ablenken können, hin zur den „Luxik“.

„Man hätte mit einer PLO-Ceska (oder der Ceska aus Sambia oder den 3 übrigen Ceska aus der Firma Kaliber) morden können, deren Hülsen auffangen können und dann eine andere Hülse, die mit einer der Schweizer-Ceska bearbeitet (abgeschossen) wurde, (…) am Tatort hinterlassen können.“

Verräterische Munition

Die verwendete Munition bei Serie 1 war „PMC-Munition“. Sie wird hergestellt von „Patten & Morgan Metal Corporation“ aus den USA (PMC). Sie ist in Europa sehr selten. Ein Generalimporteur hat seinen Sitz in Mellrichstadt, Deutschland, ein anderer ist die schweizer Firma Schläfli & Zbinden. Sie kaufte einen Teil der Ceskas vom schweizer Waffenhändler Jan Luxik (siehe Grafik). Schläfli & Zbinden verkaufte die Ceskas Anton G., dies wäre (angeblich) die Mordwaffe gewesen.

Laut Patrick Kurth (FDP) war …

„… kurze Zeit vor dem ersten Mord (…) jemand in Mellrichstadt (…), der mit den NSU-Leuten Kontakt hatte. (…) Jürgen H. hat dort in der Kaserne gedient und hat dem MAD [Militärischer Abschirmdienst, Geheimdienst der Bundeswehr] gegenüber Aussagen gemacht. (…)

Also, Jürgen H. – wir haben auch den Namen hier schon öffentlich genannt – ist ein guter Freund von Ralf Wohlleben, der nun laut Zeitungsberichten mit der Tatwaffe was zu tun haben soll, und ist einer derjenigen gewesen, die zu dieser Zeit den Kontakt zu dem untergetauchten Trio hatten, also wirklich jemand aus dem engsten Kreis und nicht nur irgendein Mitläufer. Und der befindet sich also auch in Mellrichstadt, genau dort, wo diese seltenere Munition ihr Hauptvertriebslager hat oder ihr Hauptimporteur sitzt. Gleichzeitig wird eine Waffe verwendet, die in Anbetracht der sonst so gängigen zahlreichen Waffen ja doch sehr selten ist. Also: eine seltenere Munition, eine sehr seltene Waffe, und beides überschneidet sich dann mit ein paar wenigen Namen. Können das Zufälle sein?“ (Bundestag)

Ab der fünften Tat wurde die sehr gebräuchliche, handelsübliche Sellier-&-Bellot-Munition verwendet.

Wurden die Täter über Ermittlungs-Ergebnisse informiert? War den Tätern die Musterungen an den Hülsenböden bekannt, auch die Seltenheit von PMC-Munition? Wurden deshalb Hülsenböden abgeschliffen, Hülsen am Tatort „gepflanzt“ / ausgetauscht und die Munition gewechselt? Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss (PUA) des Bundestages konnte die Fragen nicht aufklären.

2 Gedanken zu „NSU-Ermittlungen zu Hülsen, Munition: Wurden Ceska-Mörder gewarnt?“

  1. Die „seltene“ PMC-Munition hatte in der BRD 49 Verkaufsstellen. „Selten“ geht anders…

    Der Bezug zu Jürgen H., einem Jugendfreund von Wohlleben, bei dem auch Anrufe 1998 eingingen, wann und wo Boten das geflohene Trio treffen sollten, dieser Bezug ist ein Konstruierter.

    Der Kern ist, und das hast Du korrekt geschrieben: WENN die Spuren an den Hülsenböden ab dem 1. Mord EINZIGARTIG waren, anders als bei „normalen Ceska 83“, oder anders als bei den „10 Stasi-Ceskas in BKA-Besitz“, dann wäre das dem BKA auch aufgefallen.

    Isses aber nich … also war da auch nichts Absonderliches.

  2. Weitgehend eine Wiederholung, ich schreib noch mal meine Einwände dazu :
    “ Das heißt: Die ungewöhnlichen Hülsen-Böden von Mordfall 1 hätte man vergleichen können mit den ausgeworfenen Hülsen der “Stasi-Ceskas”. Diese Spur hätte schon im Jahr 2000 festgestellt werden können. Darauf aufbauend hätte die Spur zu den 16 Luxik-Waffen aus der Kleinserie geführt. “
    Also, die Mordwaffe hat ein Merkmal, es gibt erst 2006 den Hinweis auf den Schalldämpfer. Zwar ist mir nicht klar warum man vorher die Mordwaffe dann ausgerechnet mit den 10 schallgedämpften Stasi-Ceskas hätte vergleichen sollen, da es noch 180000 andere gibt, aber wenn man es getan hätte, dann hätte es auch nichts genützt, denn sie haben das Merkmal ja eben nicht. Im Gegensatz zu den ebenfalls schallgedämpften Luxik-Ceskas. Aber dann muss man die eben auch mit denen vergleichen, sonst kann man es ja nicht wissen. Und nachdem man das 2006 mit dem Schalldämpfer raus hatte erkundigte man sich beim Hersteller, später in dem Jahr erfuhr man von den Luxik-Ceskas, das zog sich dann bis 2008 hin, dann hatte man den Vergleich. Siehe da, alle Luxiks hatten dieses Merkmal auch.
    Und dann wird dieses Merkmal auch erwähnt, um zu erklären wie man drauf gekommen ist.
    Ist das so kompliziert, habe ich da was übersehen ?

    “ Dann fragt man einfach den Hersteller, warum es da manchmal gerade Linien und manchmal gebogene Linien gibt und schon hätte man die 30er Charge gefunden “
    Das setzt voraus das die eine entsprechende Datenbank mit Abdrücken haben. Ich rate mal : die sind keine XXL-Kripo, die schreiben sich wahrscheinlich bloss auf wo die Seriennummern hingehen.

    “ Ab der fünften Tat wurde die sehr gebräuchliche, handelsübliche Sellier-&-Bellot-Munition verwendet. “
    Vielleicht ist ihnen zwischendurch einfach die Munition ausgegangen und sie haben sich neue besorgt.

    “ und dann gezielt eine andere Hülse, die nichts mit der Tat zu tun hatte, am Tatort zu platzieren. “
    Dann brauchen sie ja zwei Ceskas, eine Stasi und eine Luxik. Mit der einen schiessen sie vorher um Hülsen zu produzieren, mit der anderen Morden sie, dann nehmen sie sich die Zeit um die Hülsen auszutauschen…scheint mir doch sehr konstruiert.

    “ Jedoch muss auch die BKA-Darstellung, einzigartiger Hülsenböden an den Luxik-Lieferung, hinterfragt werden. Die Kripo Nürnberg protestierte gegen diese Darstellung! “
    Nein, sie protestierte dagegen das dem eine Bedeutung beigemessen wird. Alle 16 getesteten Luxik-Ceskas hatten das gleiche Merkmal wie die Mordwaffe, von den anderen schallgedämpften keine, und die BAO Bosporus sagt dann die Chance das es sich um eine Luxik handelt sei dadurch nicht erhöht(UA S.599/pdf647).
    ( Bis hierhin war das in etwa die Diskussion zum vorletzten Beitrag )

    “ Denn den Zwischenhändler gab und gibt es: Es ist Franz Schläfli…Sie beweisen seit Jahren, dass Anton G. die Waffe bekam. Eine leicht zu ermittelnde Wahrheit, die erst im November 2011, mit Jahren Verspätung, ans Licht kommt. “
    2007 hat man auf einmal einen Verdächtigen, er kann nicht erklären wo seine Ceska abgeblieben ist, und 2008 fällt er noch in die nähere Auswahl( Luxik-Beschuss ist fertig ). Eigentlich müsste er nun Verdächtiger in einem Mordserie sein, Kandidat für die Posten die nun Carsten S. oder gar Zschäpe haben. Aber er ist irgendwie nicht so interessant.
    Mit den Streitigkeiten zwischen BAO und BKA sah das so aus :
    Das BKA will die BAO nicht bei der Luxik-Geschichte dabei haben, beschwert sich darüber das die BAO die Ermittlungen gefährdet, dadurch das sie die Presse auf dem laufenden hält. Die vom BKA wollen dann eine XY-Sendung zur Luxik-Spur machen, die BAO will es verhindern. Nicht weil es nun die Ermittlungen gefährden könne, sondern sie finden einfach das die Spur keine Bedeutung hat. Die Sendung kommt trotzdem zustande, aber kurz darauf zieht das BKA seine Leute von dem Fall ab.
    Endlich der erste Verdächtige, aber er ist kein Türke, und den zweiten Nichttürken in der Lieferkette übersieht man glatt. Das hätte zu einer Blamage werden können.
    Hier wäre so ein Biotop in dem der Staatswohlgedanke gut gedeihen kann, aber er wäre umringt von üppigem Kompetenzgerangel kaum auszumachen.

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