NSU: TNT-Lieferant Starke war schon 2001 „langjähriger Vertrauensmann“

Bisher wurde lediglich zugeben, dass Thomas Starke ab 2000 „Vertrauensperson“ (VP) des Berliner Landeskriminalamts (LKA) war. 1998 hätte er das Trio Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe mit TNT beliefert. Neue Informationen vom sächsischen U-Ausschuss beweisen, dass Starke bereits vor seiner Anwerbung durch die Berliner eine „langjährige Vertrauensperson“ war. Es bleibt offen bei welchem Dienst. An dieser Stelle wird die Arbeit der Linken-Abgeordneten Kerstin Ködiz gewürdigt, die diese Informationen veröffentlichte. Der fehlende Aufschrei, das Schweigen der großen Leit-Medien ist deutlich hörbar.

Im November 2000 wurde Thomas Starke im Zuge Ermittlungen gegen die Berliner Neonazi-Band “Landser” festgenommen. Er wäre an der Produktion des Albums “Ran an den Feind” beteiligt gewesen. Berliner wie sächsische Polizei ermittelte gemeinsam.

„Der Durchbruch gelang Ermittlern aus Sachsen und Berlin, als sie einen Mann mit dem Spitznamen “Otto” als Organisator des klandestinen Vertriebs identifizieren. Es war Thomas S.“ (koeditz)

Am 14. November 2000 kam es zu einer „stundenlangen Vernehmung“ des Landeskriminalamtes (LKA) in Dresden.

„Bald klickten die Handschellen, am 14. November 2000 kam es zu einer stundenlangen Vernehmung beim LKA in Dresden.“ (ebd)

Gemäß Befragungsprotokoll wurde ihm Volksverhetzung vorgeworfen. Die Vernehmungsbeamten hätten aber nicht gewusst, dass die Generalbundesanwaltschaft (GBA) Starke auch der Bildung einer kriminellen Vereinigung (§129 StGB) beschuldigte.

„Auf Nachfrage sagte Kaempf, dass er nicht gewusst habe, dass Thomas S. alias “Otto” zu der Zeit sogar Beschuldigter der Generalbundesanwaltschaft wegen §129 StGB – Bildung einer kriminellen Vereinigung – gewesen ist.“ (koeditz)

Das Verhör dauerte fast zwei Stunden, jedoch wäre in dieser Zeit laut Protokoll „nur eine einzige Frage gestellt und knapp beantwortet“ worden.

„Kaempfs Erklärung: Die Protokollierung der vorhergehenden Fragen habe eben so lange gedauert; auch habe Thomas S. mehrere Anläufe gebraucht, den Treffpunkt einer CD-Übergabe zu skizzieren.“(ebd)

Im Anschluss an diese Vernehmung wird Starke als “Vertrauensperson” für das Berliner LKA angeworben …

„Thomas Starke……am 14. November 2000 vernommen. Danach wurde er vom LKA Berlin….. als V-Person verpflichtet.“ PUA-Bericht S. 854

… und von einer Verfolgung wurde abgesehen!

„Offensichtlich vor dem Hintergrund der im Raume stehenden Anwerbung von Thomas Starke als V-Mann am 14. November 2000 wurde in dem durch den Generalbundesanwalt geführten Ermittlungsverfahren 2 BJs 22/00-4 bezüglich Thomas Starke nunmehr gemäß §§ 154 Abs. 1 bzw. 154a Abs. 1 Strafprozessordnung von der Verfolgung abgesehen.“ PUA-Bericht S. 304

Starke bereits „langjährige Vertrauensperson“ vor Anwerbung!

Der Berliner VP-Führer von Starke erhielt am 02.01.2001, ein paar Wochen nach Starkes offizieller Anwerbung, ein Schreiben der GBA. Dort wird Starke als eine „langjährig geführten Vertrauensperson“ die Vertraulichkeit zugesichert.

Das führte zu kritischen Nachfragen der Parlamentarier im NSU-Ausschuss des Bundestages. Herr Schipanski befragte den Berliner Polizeibeamter „P. S.“, der beim Staatsschutz arbeitet und Thomas Starke anwarb und betreute. Er konnte aber die Frage nicht beantworten; die Parlamentarier sollten doch die GBA fragen!

Tankred Schipanski (CDU/CSU): Vielleicht noch mal ins Jahr 2001 zurückgehen mit dieser Vertraulichkeitszusage. Sie haben ein Schreiben erhalten, vom 02.01.2001, an das Polizeipräsidium Berlin, zu Ihren Händen, wo der GBA erklärt, dass der langjährig geführten Vertrauensperson die Vertraulichkeit zugesichert wird. Das ist MATA GBA – 3/47 a – 58, Blatt 307 ff. Zum einen die Frage: Der Starke war erst seit wenigen Wochen angeworben worden, und jetzt schreibt der GBA: „langjährig geführte Vertrauensperson“. Wie kann das denn sein?

Zeuge P. S.: Keine Ahnung. Da müssen Sie den GBA fragen. Dazu kann ich nichts sagen.

Tankred Schipanski (CDU/CSU): Aber dem GBA war schon bekannt, dass Sie den erst seit –

Zeuge P. S.: Ja

Tankred Schipanski (CDU/CSU): – ein paar Wochen hatten. Ja. – Und wie kann das sein, dass das Ihnen gegenüber bekannt gegeben wird? Wird also nicht die V-Person angeschrieben, sondern Sie werden angeschrieben und geben das an die V-Person weiter?

Zeuge P. S.: Das eine ist: Die Zusicherung der Vertraulichkeit läuft zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft, in dem Falle Generalbundesanwaltschaft, und die erhalten wir. Und wir teilen dann der VP mit, dass sie nunmehr eine Vertraulichkeit hat und wir die entsprechenden Informationen entgegennehmen dürfen. (Bundestag)

P. S. wäre aber bei der Anwerbung Starkes nicht dabei gewesen.

“Die Anwerbung sei dann unmittelbar im Anschluss an die Vernehmung im LKA Sachsen erfolgt. Bei der Vernehmung selbst sei er, P. S. [V-Mann-Führer des LKA Berlin], nicht zugegen gewesen, wohl aber ein anderer Beamter des LKA Berlin, seiner Erinnerung nach KHK T. [Thur]” (PUA. S. 301)

Außerdem bekam Starke nicht nur eine „Vertraulichkeitszusage“ von der GBA, deren Inhalt geheimgehalten wird, sondern gleich mehrere!

„Eine anschließende Passage zur Vertraulichkeitszusage der Generalbundesanwaltschaft gegenüber dem V-Mann Thomas S. konnte im Bericht nur geschwärzt erscheinen.“ (koeditz)

Auch hier fragte der Untersuchungsausschuss nach.

Tankred Schipanski (CDU/CSU): Und ist Ihnen bekannt, dass in der Zeit, wo Sie den Starke führten, er mehrere Vertraulichkeitszusagen bekommen hat?

Zeuge P. S.: Ja, ich glaube, er hat mehrere Vertraulichkeitszusicherungen oder Geheimhaltungszusicherungen gehabt. (ebd)

Der Ausschuss hinterfragte die Rechtsmäßigkeit dieser Zusagen. Der Staatsschutz-Beamte teilte die Bedenken, jedoch wäre Starkes Anwerbung auf die GBA zurückgegangen.

Zeuge P. S.: Ja, die Frage ist berechtigt. Es gab bei der Anwerbungsphase das Problem, dass, aus meiner Sicht zumindest, die VP 562 möglicherweise in Mittäterschaft steht zu den Personen, die in dem infrage stehenden Ermittlungsverfahren involviert waren, und insofern ist klar festzustellen, dass die Anwerbung sicherlich bedenklich war (…).

Vorsitzender Sebastian Edathy: Und das heißt, Sie haben richtlinienwidrig gehandelt?

Zeuge P. S.: Ich habe nicht rechtswidrig gehandelt, weil aus meiner Sicht war er – stand er möglicherweise in Mittäterschaft oder kam uns, um die einfache Form zu nehmen, als möglicher Zeuge später im Verfahren in Betracht im Falle einer Gerichtsverhandlung, und diese Situation ist für den Umstand, jemanden als VP zu führen, eher fragwürdig. Aber meine Einwände damals wurden geregelt durch die Generalbundesanwaltschaft. Das Verfahren wurde abgetrennt von ihm und weiter bei der StA Dresden geführt, und somit war eine Führung möglich, wenn auch sicherlich kritisch zu betrachten.

Zeitliche Einordnung:

„1996 hatte Zschäpe was mit Starke, ein 3-monatiges Techtelmechtel nach Starkes Haftentlassung.  Damals waren die 3 aus Jena wohl bei der HNG engagiert?

 1997 will Starke dem Trio die ominösen 1.392 Gramm TNT (nie gewogen) überbracht haben.

Jan 98 sollen die in der Garage gefunden worden sein.

2000 wird gegen Starke, Jan Werner und Mirko Hesse wegen Landser-Musikvertrieb etc pp ermittelt.

Nov 2000 wirbt das LKA Berlin Starke als V-Mann an, „weil Sachsen keine V-Leute in der Polizei erlaubt“.

Am 2.1.2001 erhält der V-Mann-Führer Starkes eine Antwort vom Generalbundesanwalt auf seine Vertraulichkeitsanfrage Starke betreffend. (politikforen)“

5 Gedanken zu „NSU: TNT-Lieferant Starke war schon 2001 „langjähriger Vertrauensmann““

  1. Zitat:
    Thomas S. alias “Otto”
    [Zitat Ende]

    Tino Brandt hatte den selben Decknamen „Otto“.

    Thomas Starke hatte auch den Decknamen „Ibrahim 562“ (analog zu VP 562).
    http://www.tagesspiegel.de/politik/bericht-der-huerriyet-berliner-lka-gab-v-leuten-tuerkische-decknamen/8149300.html

    Thomas Starke war vom 16. November 2000 bis zum 7. Januar 2011 „Vertrauensperson“ des LKA Berlin.

    Zitat:
    Offenbar aufgrund des Hinweises des Verfahrensführers, dass die Strafverfolgung ge-trennt erfolgt (der „Kandidat“ in Sachsen) wird dem Vermerk vom 16. November 2000 zufolge einvernehmlich beschlossen, die VP anzuwerben.

    Quelle:
    „Wortprotokoll – Abgeordnetenhaus von Berlin“
    http://www.parlament-berlin.de/ados/17/InnSichO/protokoll/iso17-029-wp.pdf

    Bereits in der DDR hat Thomas Starke für die Stasi Fussballfans ausspioniert:
    Zitat:
    Geboren 1967 in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, soll er in den 80er-Jahren das erste Mal mit DDR-Behörden kooperiert haben. Als Informeller Mitarbeiter (IM) packte er bei der Staatssicherheit über Fußballfans aus.
    http://www.stern.de/investigativ/projekte/terrorismus/zschaepe-liebhaber-und-lka-spitzel-thomas-s-die-akte-des-nsu-helfers-1895047.html

    Vermutlich ist Thomas Starke nach dem Zusammenbruch der DDR einfach übernommen worden vom Stasi-Nachfolger, also vom Verfassungsschutz.

  2. Hallo,
    Dieses Thema wird sehr ausführlich durch Herrn Elsässer vom COMPACT Magazin beschrieben er hat ein COMPACT Spezial herausgegeben.
    Hoch Interessant. Zu bestellen beim KOPP Verlag.
    Da begreift man erst mal was wir für Propagandamedien im sogenannten Deutschland haben.

    Grüße

  3. Die Durchsuchungsprotokolle der Razzia 1998 sind online.
    Wer das TNT findet, der darf es behalten 😉

    Blick in den Abgrund: Thomas Moser erklärt den NSU-Komplex Teil 1

    Ganz aktuell, vor rd. 2 Wochen, hat der Journalist Thomas Moser, ein ausgewiesener NSU-Kenner, auf einer Veranstaltung “das grosse Ganze” erklärt.

    Ceska-Sieber in Zwickau, Ü-Kameras, und Benzinkanister, Bilder satt !!!

    wer-nicht-fragt-bleibt-dumm.blogspot.com/

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