NSU: Auch im Mordfall Tasköprü kein Hinweis auf Rassismus

Die „Ceska-Morde“ werden seitens der Bundesanwaltschaft als rassistisch motiviert dargestellt. Es bleibt jedoch ungeklärt, wie der NSU seine Opfer auswählte und auskundschaftete. Die Friedensblick-Fallstudie des (angeblichen) fünften NSU-Mord an Süleyman Tasköprü zeigt, dass die offizielle Darstellung falsch ist. Sie kann nur aufrecht-erhalten werden, indem medial Sachverhalte verfälscht dargestellt werden. Dazu wird eine widersprüchliche Zeugenaussage aufgedreht, bis ein rassistisch motivierter Mord herausspringt, bis in die Polizei-Ermittlungen endlich „routinierte, oftmals rassistisch geprägten Verdachts- und Vorurteilsstrukturen“ hinein-fantasiert werden kann. Dabei weist der Sachverhalt sehr wohl auf einen möglichen Mafia-Hintergrund hin und wenig bis nichts auf einen rassistischen. Den Opfern und ihren Familien bleibt der deutsche Staat bislang eine ehrliche Aufarbeitung schuldig, gedeckt von gleichgeschalteten Medien.

Am 21. Juni 2001 wurde Süleyman Tasköprü im Rahmen der Ceska-Mordserie erschossen. Im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld betrieben seine Eltern einen Obst- und Gemüseladen „TASKÖPRÜ-MARKET“, in dem er aushalf. Dort stellten ihn seine Mörder und schossen ihm brutal dreimal in den Hinterkopf. Kurz darauf kam Süleymans Vater Ali in den Laden und entdeckte seinen verblutenden Sohn tot auf dem Fußboden.

Eine Zeugin hörte kurz vor dem Mord einen Streit zwischen Tasköprü und zwei Männern.(nsu-watch)

„Die Zeugin habe gemeint, eine Fremdsprache gehört zu haben.“

Es wurde ein Phantombild eines Mannes erstellt, der damals „in unmittelbarer Nähe des Tatorts gesehen“ wurde (Frankenpost).

„… vermutlich Türke oder Südländer, etwa 40 Jahre alt (zur Tatzeit 2001), 1,70 bis 1,80 Meter groß, hagere Statur, buschige Augenbrauen, tiefliegende Augen.“

„Ein Phantombild des mutmaßlichen Hamburger Schützen brachte die Ermittler noch nicht weiter“ (spiegel)

Eine Kundin bestätigte, dass es zwei Tage vor dem Mord zu einem heftigen Streit „mit südländisch aussehenden Männern“ kam:

„Der Ladeninhaber diskutierte ihrer Aussage zufolge mit drei südländisch aussehenden Männern, von denen einer schreiend direkt vor Tasköprü stand und einen aufgeregten und wütenden Eindruck machte. Am Ende des Streits sagte der etwa 30 jährige, kräftige Mann zu Süleyman auf Deutsch:

“Kummer dich darum, sieh zu, dass du das ranholst. Wir kommen wieder.”

Und als wäre dies der Drohung nicht genug, hämmerte der Südländer mit seiner Faust auf den Tisch. Laut Tasköprüs Mutter kamen die drei Männer des Öfteren und schlugen ihren Sohn sogar.“ (Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher, “Das Zwickauer Terror-Trio, Ereignisse, Szene, Hintergründe”, Verlag Das Neue Berlin 2012)

Laut der Darstellung der „Sicherheits“-Behörden sollen Mundlos und Böhnhardt aus Rassismus getötet haben. Wäre es aber nicht ein großer Zufall, dass sie sich gerade Süleyman Tasköprü aussuchten, der zu dem Zeitpunkt offenbar in großen Schwierigkeiten steckte?

Tatsächlich wurde er bereits in den Neunzigern angeschossen und war …

„… wegen Urkundenfälschung und Diebstahls aufgefallen (…) und [musste] eine kurze Haftstrafe verbüßen.“ (welt)

Die Einschätzung des Kriminalpolizisten Felix Schwarz, 2010:

„Ich würde unser Opfer nicht als Kriminellen, als Berufskriminellen bezeichnen, aber er war zumindest schon polizeilich in Erscheinung getreten. Und was wir festgestellt haben war, dass er Verbindungen zu kriminellen Kreisen hatte, dass er sich in kriminellen Kreisen bewegte. im Hamburger Milieu, wenn man so will. Unter Milieu verstehen wir hier in Hamburg den Bereich auf St. Pauli, auf dem Kiez, in denen es um Prostitution geht, wo auch mal Glückspiel eine Rolle spielt. Das sind die Kreise, aus denen das Opfer seine Bekannten, auch seine Freunde rekrutierte, wenn man so will. Er ist ein kleines Licht, wenn man den kriminellen Hintergrund betrachtet. Deswegen für uns entscheidend ist, dass er diese Verbindungen hatte.“ (swr)

In den Polizeiakten findet sich das Wort „Schmarotzer“ in einer Aussage aus dem Umfeld. Er hätte „weniger Geld gehabt und innerhalb seiner Clique nie etwas ausgegeben“.

Süleymans Freundin Dajana, mit der er eine Tochter hat, (…) hätte …

„… rund um die Reeperbahn zumindest zeitweise als Prostituierte [gearbeitet]. (Anmerkung: Süleyman war wohl deren Zuhälter).“ (Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher, “Das Zwickauer Terror-Trio, Ereignisse, Szene, Hintergründe”, Verlag Das Neue Berlin 2012)

Zeugenaussage des Vaters

Als Ali Tasköprü im momentan stattfindenden NSU-Prozess geladen war, sagte er vor Gericht aus: Er habe „Leute“ aus dem Laden herauskommen gesehen und angenommen es seien „normale Kunden“:

“Ich weiß es sicher, dass sie deutsche Staatsangehörige sind.“ (nsu-watch)

Der Richter im NSU-Verfahren Manfred Götzl hält ihm seine alten Aussagen vor. In seiner Vernehmungsakte steht, beim Parken hätte er vor dem Geschäft „hellhäutige Männer“, ohne Glatzen gesehen, „von denen er nicht wisse, ob es Passanten oder Kunden gewesen seien.“, „wiedererkennen könne er sie nicht.“ Er könne auch nicht sagen, ob es „Ausländer oder Deutsche“ gewesen seien oder ob es „zwei oder drei Männer“ gewesen wären.

Götzl hält vor, Taşköprü habe gesagt, die Männer seien vielleicht so groß gewesen wie der vernehmende Beamte, also 1,78 m. Heute sagt der Zeuge, er könne das nicht genau angeben, es seien vielleicht fünf Zentimeter mehr oder weniger gewesen.

Die Hamburger Kriminalpolizei ging dieser Spur nicht nach, denn Ali Tasköprü konnte „keine genauere Beschreibung geben“.

„Es gab keine Möglichkeit, Phantombilder anzufertigen. Man hat dann gesagt, die Spur ist erledigt.“ (welt)

Aufgedrehte Desinformations-Kampagne

Es wird der Sacherverhalt aufgepeppt, ungenau dargestellt und so falsche Rückschlüsse gezogen. Dafür, dass die Polizei das Wort „Schmarotzer“ in den Akten zitierte, hagelte es Kritik:

„Hier geht es nicht bloß um Zitate, dieser Begriff wurde übernommen“, sagt sie. Schneider fordert eine öffentliche Aufarbeitung der Ermittlungen von Hamburger Behörden zum NSU-Mord. „Ich habe inzwischen den Eindruck gewonnen“, sagt Schneider, „dass ein Grund für die Verweigerung der Aufarbeitung eingeschliffene rassistische Denk- und Verhaltensmuster sind, die bis heute nicht reflektiert sind.“ Schon die Zusammensetzung der Kripo-Sonderkommission vor zwölf Jahren offenbare einen verheerenden Ermittlungsansatz, so Schneider: „Die Ermittler kamen vom Dezernat Raub, Drogen und organisierte Kriminalität.“

Die FAZ zitiert einen „Freund der Familie“ Behcet Algan:

„Der Verfassungsschutz sowie die Polizei haben versagt und uns hintergangen, sie hätten Untersuchungen anordnen sollen anstatt nur tadellos zu zugucken und die Opfer zu beschuldigen, Süleyman hatte keinerlei Vorstrafen, wie kann er eine krimineller sein“ in seinen Worten spiegeln sich Entsetzen, Sorge- und Wut über die Polizei und den Verfassungsschutz. „Ich bin sehr enttäuscht, und glaube nicht mehr an das Gesetz. Polizei war nicht Objektiv, denn sie haben keine weiteren Motive in Betracht genommen, stattdessen haben sie sich nur auf Vorurteile Türken gegenüber Fokussiert“ sagt Algan mit festen Ton.“ (fazschule)

NSU-Watch titelt:

„Ali Taşköprü hatte auch zwei hellhäutige Deutsche am Tatort gesehen – eine Spur, der die Hamburger Polizei offensichtlich nicht weiter folgte, wie die zwei als Zeuginnen geladenen Kriminalbeamtinnen aussagten.“ (nsu-watch)

Die Zeit lobt indirekt Süleyman Tasköprü als ein „besonders gelungene Beispiel für Integration“ (zeit):

„Im NSU-Prozess sagt der Vater des ermordeten Süleyman Tasköprü aus. Dabei zeigt sich: Die Ermittler ignorierten deutliche Hinweise auf eine rechtsextreme Tat.“

Die taz:

„Alle Spuren sorgfältig ignoriert

Die Hamburger Polizei ging Hinweisen auf eine rechtsextreme Tat nicht nach. Die Hauptangeklagte Zschäpe hatte Kontakte in der Hansestadt.

(…) Beinahe nebenbei hatte H. selbst erwähnt, dass Ali Tasköprü ausgesagt habe, zwei Männer gegenüber dem Tatort gesehen zu haben. Thiel fasste nach: Ab wann H. bekannt gewesen sei, dass der Vater schon bei der ersten Vernehmung, wenige Stunden nach dem Mord an seinem Sohn am 27. Juni 2001, die beiden Männer erwähnt habe. Einen Tag später, so die Antwort des LKA-Manns. „Zwei deutsche Männer?“, fasste Thiel erneut nach. „Ja, das erinnere ich – eher Deutsche“, räumte H. ein. “ (taz)

Der Vater zog diese ursprüngliche Aussage in einer späteren Vernehmung zurück!

„Bei einer zweiten Vernehmung am 29. Juni 2001 machte Herr Tasköprü weitere Angaben zu dem Aussehen der beiden Männer, die jedoch nicht für die Erstellung eines Phantombildes oder weitere gezielte Ermittlungsmaßnahmen (etwa in die rechte Szene) ausreichten.

Bei Vorlage der Phantombilder „Fahrradfahrer“ aus einem Fall (Tötungsdelikt an ismail Yasar in Nürnberg im Jahr 2005) im Rahmen einer Vernehmung im Jahr 2005 meinte Herr Tasköprü, eine gewisse Ähnlichkeit mit den beobachteten Personen festzustellen, zu deren Aussehen und Zahl er aber gleichzeitig gegenüber seiner Aussage von 2001 abweichende Angaben machte.“ (hamburg)

Nebenklagevertreter RA Dr. Björn Elberling zu den Ermittlungen in Hamburg:

„Dieses Vorgehen ist ein eindeutiges Beispiel für den institutionellen Rassismus, der die gesamten Ermittlungen bestimmt hat. Die Polizei ging vagen Hinweisen auf angebliche Verstrickungen der Getöteten in kriminelle „ausländische“ Milieus nach und verwandte hierauf erhebliche Energie; gleichzeitig fing sie, obwohl eine rassistische Motivation bei einer Mordserie gegen migrantische Männer mehr als nahe liegt, gar nicht erst an, in Richtung möglicher Nazitäter zu ermitteln. Hierbei handelt es sich erkennbar nicht um eine bloße Ermittlungspanne, sondern um eine bewusste Entscheidung. Diese nun im Nachhinein damit zu begründen, man habe keine exakte Täterbeschreibung gehabt, zeigt, vorsichtig gesagt, von wenig Problembewusstsein – heißt das, die Kriminalpolizei in Deutschland ermittelt bei möglicherweise rassistisch motivierten Taten nur dann gegen Neonazis, wenn ihr diese auf dem Silbertablett serviert werden?“

Ein Gedanke zu „NSU: Auch im Mordfall Tasköprü kein Hinweis auf Rassismus“

  1. Der wird ja immer noch gerne als Vorzeigekrimineller gehandelt, aber irgendwas substantielles scheint da nicht vorgefallen zu sein. Ist wohl nicht immer alles glatt gelaufen, mit dem kann mans ja machen.
    Das Buch aus dem zitiert wird ist im September 2012 erschienen.
    Im November kann man beim ARD folgendes lesen :

    — Süleyman Tasköprü wurde am 27. Juni 2001 im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld von NSU-Terroristen mit drei Kopfschüssen ermordet. Der 31-jährige Gemüsehändler hatte eine dreijährige Tochter. Die Hamburger Polizei brachte den Mord mit dem Hamburger Rotlichtmilieu in Verbindung – obwohl Tasköprü nie strafrechtlich aufgefallen war. Die Behörden hielten bis zum Bekanntwerden der NSU-Terrorserie an dieser Version fest. —
    http://www.tagesschau.de/inland/interview-nsu100.html

    und

    — Im Sachstandbericht der BAO Bosporus vom Mai 2008 mussten die Hamburger Ermittler dann auch erklären, dass es höchstens vage Verdächtigungen gäbe und der Ermordete zwar wegen verschiedenen Delikten aufgefallen sei, nicht jedoch wegen Drogendelikten. Auch für die bundesweiten Ermittlungen hieß es in dem Bericht der BAO: „Trotz intensivster Nachforschungen müsste allerdings auch hier festgestellt werden, dass sich kein tragfähiges Motiv aus etwaigen Btm-Geschäften [Betäubungsmittel-Geschäften] ermitteln ließ.“ Auch bezüglich anderer Motive gibt es in dem Bericht keine tragfähigen Hypothesen, nur unter Punkt 7.6. „Fremdenfeindlichkeit“ heißt es: „Die Ermittlungen sind auf diesem Gebiet noch nicht abgeschlossen.“ —
    http://www.publikative.org/2013/09/18/nsu-prozess-einseitige-ermittlungen-auch-in-hamburg/

    Irgendwo ist es dann auch unwürdig das so fortzuführen.
    (Der welt-Link geht übrigens nicht)

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