NSU: Vierter Mord, Habil Kiliç, keine Hinweise auf Rassismus

Der private Blogger Jürgen Pohl ist einer der wenigen Berichterstatter vom NSU-Prozess, der ausführlich und aufrichtig berichtet, mit Menschenverstand die offiziellen Darstellungen hinterfragt. In diesem Zusammenhang schrieb er über die Vernehmung des Mordermittlers Josef Wilfling. Während der Befragung über seine Ermittlungen bzgl. dem vierten Mordopfer (Habil Kiliç) kämpfte Wilfing um seine Ehre und stellte heraus, dass es keinerlei Hinweise auf einen rassistisch motivierten Mord gab, dafür Hinweise auf die Drogenmafia. Es hätte Hinweise auf zwei Radfahrer gegeben, doch hätten Zeugen sie als Fahrradkuriere bezeichnet. Laut Augenzeugen des ersten Mordes wurden dort keine Fahrräder gesehen (sz), sondern zwei Personen mit kurzen Hosen (nsu-watch). Um Wilfing aber rassistisch geführte Ermittlungen vorwerfen zu können, wurden aus zwei beobachteten Radfahrer, und zwei Personen mit kurzen Hosen einfach Nazis konstruiert.

Laut Josef Wilfing hätte es vergleichbare Morde gegeben, die der Mafia zugerechnet wurden.

 „Scharmer will wissen, ob Wilfling Parallelen zu den anderen Opfern gezogen habe. “Ja klar. Das waren alles türkische Opfer”, antwortet Wilfling professionell. Ob er noch weitere Zusammenhänge in Erwägung gezogen habe, hakt Scharmer nach.

 Wilfling zählt eine Reihe von Mordfällen auf, bei denen türkische Mitbürger die offenbar mit der Drogenszene in Kontakt standen unter ähnlichen Umständen zu Tode kamen. So sei zur damaligen Zeit in Heilbronn ein Türke ermordet worden, der wegen Drogendelikten auffällig war. Auch in Aachen sei ein Türke, der mit Drogenhandel zu tun hatte, erschossen worden. Auch in Kassel seien Türken aus dem Drogenmilieu durch Schüsse getötet worden. “Mit einer Waffe Kaliber 7,65 mm”, fügt Wilfling hinzu. Auch die jetzt dem NSU-Trio zugerechneten Morde in Nürnberg und Hamburg hätten bei den damaligen Ermittlungen den Verdacht in Richtung Drogenszene gelenkt.“(Jürgen Pohl)

Habil Kiliç hätte kurz vor seiner Ermordung mit einem Drogenhändler telefoniert. Die Beiden hätten zusammen in einer Großmarkthalle gearbeitet, die „als Drogenumschlagsplatz bekannt“ gewesen wäre.

Die Bestätigung dazu folgt im direkten Anschluss: “Auch Kiliç hat kurz vor seiner Ermordung mit einem Drogenhändler telefoniert”, so Wilfling weiter. Außerdem hätte Kiliç Probleme mit türkischen Landsleuten gehabt, zitiert Wilfling eine Zeugenaussage. (…)

Wilfling: “Jetzt sollen wir doch nicht alle so tun, als ob es hier keine türkische Drogenmafia geben würde. Dazu zählen auch Spuren nach Holland. Auch Şimşek [erstes Mordopfer] hatte Verbindungen nach Holland.” (…)

Daimagüler unterbricht Wilfling: “Gab es auch bei Kiliç Hinweise auf Verbindungen nach Holland?” “Nicht bei Kiliç aber eben bei Şimşek. Allerdings hatte auch Kiliç Kontakte zu A. (Anm.: Ein Drogendealer, der mit Kiliç in der Großmarkthalle zusammenarbeitete). Auch dieser Kontakt erwies sich als nicht relevant.” Wilfling muss für seine weitere Antwort eine kurze Pause einlegen. Deutlich gefasster fährt Wilfling mit seiner Antwort fort. “Kiliç war ein fleißiger, untadeliger Mann. Er war ein kreuzbraver, arbeitsamer und humorvoller Mensch.”

Im Zuge der Ermittlungen wurde auch die Familie untersucht.

 „Wilfling doziert, dass man bei einem Mord immer “von innen nach außen” ermittelt. Deswegen wurde als erstes das familiäre Umfeld untersucht. Es habe sich jedoch recht schnell gezeigt, dass die Familie Kiliç unverdächtig sei. Die einzige Gemeinsamkeit mit den anderen Mordfällen sei die Waffe gewesen.

Die Radfahrer-Spur

Es wurden beim vierten Mord zwei Radfahrer beobachtet. Sie meldeten sich jedoch nicht auf den Zeugenaufruf von Wilfing nach dem vierten Mord. Ein Anwalt fragt Wilfing, ob ihn das nicht misstrauisch gemacht hätte:

„Nach einer gefühlten Ewigkeit antwortet Wilfling: “Ich habe mir nicht vorstellen können, dass das die Täter waren.” Wieder Schweigen. Wilfling fährt mit seiner Erwiderung auf Daimagüler fort: “Es wird jetzt immer wieder der Fehler gemacht, dass der Wissensstand von heute mit den Erkenntnissen von damals gleichgesetzt wird. Sie müssen bedenken, dass 50 Prozent aller Zeugenaussagen falsch sind.”

Die Radfahrer wurden von Wilfing als Zeugen gesucht, waren aber für ihn nicht Tatverdächtige, denn “Ein Tatzusammenhang mit den Radfahrern ist nicht erkennbar.”

 „Wilfling bestätigt und konkretisiert seine Aussage: Ein Zusammenhang mit den beiden Radfahrern sei damals zumindest im Fall Kiliç nicht erkennbar gewesen. Dass ein begründeter Verdacht gegen die Radfahrer in Nürnberg vorlag, hätte sich erst später gezeigt. “Heute weiß ich es besser, damals war das für uns nicht erkennbar.”

 Verdächtige Person lief in einen Mercedes

RA Narin hält Wilfling eine Zeugenaussage zum Mord an Habil Kiliç vor. Laut dieser Aussage sei eine Person aus dem Laden gelaufen, in einen Mercedes gestiegen und mit quietschenden Reifen davon gefahren. Bei dieser Person hätte es sich um einen “Mulatten” gehandelt, so Narin weiter. Richter Götzl mischt sich ein: “Dieser Vorhalt ist nicht korrekt.”

 Wilfling antwortet trotzdem. Er glaube, dass auch Narin diese Aussage, die im Übrigen von zwei Zeuginnen unabhängig voneinander zu Protokoll genommen wurde, nicht anders eingeordnet hätte, wie er selbst zum damaligen Zeitpunkt. “Es ist völlig normal, dass sich aufgrund dieser Aussagen die prioritäre Spur ergeben hat. Außerdem haben andere Zeugen die beiden Radfahrer als Kurierfahrer beschrieben. Es hat eben etwas Zeit gebraucht, bis wir festgestellt haben, dass diese Aussagen falsch und vermutlich frei erfunden waren.”

Wilfinger wird vorgeworfen, ausgehend von der Radfahrer-Spur nicht auf Neo-Nazis als mögliche Täter gekommen zu sein. Er nimmt dazu Stellung:

“Die Frau Tausendfreund von den Grünen wollte immer wieder wissen, warum ich die Radfahrer nicht als Neonazis erkannt habe. Dann habe ich dummerweise diesen Satz gesagt: ‘Haben Sie schon einmal einen Neonazi auf dem Fahrrad gesehen?“

Es wurde jedoch geprüft, um es sich um eine Tat eines rechtsextremen Täter gehandelt haben könnte.

„Es wären etwa 50 Zeugen befragt worden, die meisten davon wären Türken gewesen, so Wilfling. Diese Befragungen hätten immer wieder Hinweise auf politische Organisationen, wie der PKK und den Grauen Wölfen sowie in den Bereich der organisierten Kriminalität ergeben. Ein Zeuge hätte ausgesagt, dass ein “Türkenhasser” hinter der Tat stecken könnte. Der Zeuge hätte damit aber die PKK gemeint antwortet Wilfling geduldig. Wilfling weiter: “Wir haben uns 48 Morde aus dem rechtsradikalen Milieu genauer angeschaut. Auch da gab es keine Parallelen zum Mord an Habil Kiliç. Dagegen gab es aus dem Bereich OK (Anm.: organisierte Kriminalität) haufenweise Hinweise.”

2 Gedanken zu „NSU: Vierter Mord, Habil Kiliç, keine Hinweise auf Rassismus“

  1. Es ist unwahrscheinlich, dass es sich bei den zwei Radfahrern überhaupt um Böhnhardt und Mundlos gehandelt haben könnte. Das beweist folgende Zeugenaussage:

    „Sie führt aus, die Männer seien zwischen 22 und 26 Jahre alt und dunkelhaarig gewesen. (…) Bei denen, “die gezeigt werden” könne sie sich nicht erinnern, dass die so ausgeschaut hätten. Besonders bei dem kleineren, die Ohren habe sie nicht gesehen. Sie sei gelernte Schneiderin und sehe, was passt und was nicht passt. (…)
    Die Männer hätten “hohe Wangenknochen” gehabt. Der kleiner Mann sei ihr älter vorgekommen und er habe auch nicht so große Ohren gehabt. Götzl möchte wissen, mit welchen Bildern sie das verglichen habe. Sch. antwortet, mit den Bildern aus den Medien, die seien das nicht gewesen. (…)
    RAin Kaniuka fragt, ob sich Sch. erinnern könne, von einem Kurierdienst gesprochen zu haben. Sch. antwortet, sie habe gesagt, die schauen so ähnlich aus wie ein Kurierdienst wegen ihres Outfits. (…)
    Sch. gibt an, sie habe immer gesagt, die Männer hätten dunkle Haar gehabt. Schneiders hält ihr vor, sie habe gesagt, dass beide richtig schwarzes Haar gehabt hätten. Sch. sagt, das sei bei ihr dunkel. RA Stahl fragt nach der Länge des Haares, Sch. gibt an, die Haare seien vielleicht drei bis vier Zentimeter lang gewesen. “
    http://www.nsu-watch.info/2013/08/protokoll-30-verhandlungstag-31-juli-2013/

    1. Dazu im Gegensatz sagte vor Gericht EKHK (Erster Kriminalhauptkommissar) Manfred H. aus, dass die Zeugin meinte „den kleineren in der Presse zu erkennen.“

      Als Kriminalbeamter beim K11 in München führte er im Jahr 2012 im Auftrag der BAO Trio Lichtbildvorlagen mit der Zeugin S. durch. Diese hatte die zuvor schon erwähnten Radfahrer im Mordfall Kılıç gesehen und wurde bei der Befragung gefragt, ob sie diese auf Fotos wiedererkennen würde. Sie berichtete H., dass sie meinte zwar bei mehreren Personen Ähnlichkeiten zu erkennen, aber konnte mit Sicherheit niemanden zuordnen, zumal sie die Radfahrer nur von schräg oben gesehen hatte. Sie wiederholte aber ihre früheren Angaben, wonach es bei den beiden Radfahrern um junge Männer handelte, beide in dunkler Fahrradkleidung, einer sei etwas größer als der andere gewesen. Der Größere haben einen Rucksack auf dem Rücken gehabt. Nachdem Böhnhardt und Mundlos in der Presse gewesen seien, meinte sie den kleineren in der Presse zu erkennen.“
      http://www.nsu-watch.info/2013/07/protokoll-22-verhandlungstag-11-juli-2013/

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