Die späte „Entdeckung“ der NSU-Schusswaffen

Herr Bernd Merbitz, damaliger Chef der Sonderkommission Rechtsextremismus (Soko-Rex) in Sachsen, und heutiger Polizeipräsident von Leipzig sagte vor dem Thüringer Untersuchungsausschuss aus. Die Ceska-Waffe mit Schalldämpfer und andere NSU-Schusswaffen wären erst am 09.11.11 oder später in der NSU-Wohnung gefunden worden, kurz darauf auch die NSU-Bekennerfilme, „die dann für etwas Klarheit gesorgt“ hätten. Der Spiegel berichtet über die Standorte – etwa in einem offen-stehenden Wandtresor oder auf dem Boden des Schlafzimmers liegend:

„In der anderen – konspirativen – Hälfte der Wohnung entdeckte die Polizei indes einen offenbar kurz vor dem Brand geöffneten Wandtresor. Darin lag eine Pistole der Marke Erma mit eingeführtem Magazin, wenige Meter daneben, auf dem Boden des Schlafzimmers, eine weitere Schusswaffe. Es war die polnische Pistole „Radom“ VIS 35, die im April 2007 bei dem Mordanschlag auf die Polizistin Michèle Kiesewetter und ihren Kollegen Martin A. in Heilbronn zum Einsatz gekommen war.

Eine dritte Pistole (Walther PP) konnte im Flur gesichert werden. Insgesamt stießen die Spurensicherer in der Frühlingsstraße auf ein Arsenal aus zehn Pistolen und Revolvern sowie einem Gewehr und einer Maschinenpistole des Typs MPi-Ceska 26. Unter den Pistolen war auch die seit Jahren gesuchte Ceska 83, die Tatwaffe der sogenannten Ceska-Mordserie.“ (spiegel)

Während der Untersuchungen am Samstag, 5.11. und Sonntag, 3.11, wurden 3 Waffen gefunden. Die Fundorte wurden vermerkt.

„Am Samstag, dem 5. November, wurde die erste Waffe im Schlafzimmer gefunden. Am Sonntag dann kamen eine zweite und eine dritte Waffe in einem Flur zum Vorschein. Insgesamt waren es elf Waffen, dazu Munition“, sagte er aus. (lichtstadt)

Polizeihauptmeister Frank Lenk, war Brandermittler bei der Polzeidirektion Südwestsachsen und betraut mit der Brandursachenermittlung. Vom 4. bis zum  28. November 2011 war er zuständig für alle Funde bis zur Übergabe ans BKA. Er bestätigte die Spiegel-Darstellung im NSU-Verfahren:

„Am Samstag um 16 Uhr wurde die erste Waffe gefunden, sie lag auf dem Fußboden in Brandschutt; ich gehe davon aus, dass sie durchgeladen war. Sonnabend oder Sonntag haben wir den Wandtresor gefunden. In einem der Schlafzimmer. Der Tresor war nachweisbar geöffnet, darin wurde Waffe 2 gefunden, zudem Handschellen mit Nummerierung. Es hat sich herausgestellt, dass sie der Kollegin aus Heilbronn gehörten.“ (sz)

Wann und wie die anderen Waffen dazukamen, vor allen Dingen die Ceska-Mordwaffe ist unklar. Erst nach diesen Funden hätte Merbitz das Bundeskriminalamt (BKA) um Unterstützung gebeten:

Am 9. 11. 2011 rief ihn der Leiter der PD Zwickau an und informierte über eine Pressekonferenz zum Waffenfund in Zwickau. “Niemand hätte irgendwo geglaubt, dass es dann solche Dimensionen annimmt”, man sei zu erst von Fahrlässigkeit oder einem Arbeitsunfall ausgegangen. Nach der PK habe man weitere Waffen gefunden, “es werden wohl nicht die letzten seien” sagte der Beamte aus Zwickau. Später ergänzt er: “Wir haben jetzt eine Waffe gefunden mit Schalldämpfer”, Merbitz sagte daraufhin am Telefon “lass es bitte nicht wahr sein”, der Zwickauer “ja es ist eine Ceska (mit Schalldämpfer)”, die Waffe sei bekannt gewesen aber die Ermittlungsrichtungen wären ja andere gewesen, weswegen man zunächst verblüfft über den Fund war. Der Zeuge habe an dem Abend dann den BKA-Chef Jörg Zierke angerufen und das BKA um Hilfe gebeten. Der BKA-Chef habe sofort das gleiche gedacht beim Hören eines Ceska-Auffindens mit Schalldämpfer. Die NSU-CD wurde dann Tatort aufgefunden und vorgespielt, dass habe dann für etwas Klarheit gesorgt, kurz darauf übernahm auch die Generalbundesanwaltschaft die Ermittlungen.“ (haskala)

Weiter wurde erst am 09.11. gemeldet, die Tatwaffen des Heilbronner Polizistenüberfalls im Haus gefunden worden wären.

„Am Mittwochvormittag hatte es zunächst so ausgesehen, als stünde der mysteriöse Mord an der Heilbronner Polizistin Michele Kiesewetter aus dem Jahr 2007 kurz vor der Aufklärung. Die Tatwaffe, so erklärte der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger, sei in der ausgebrannten Wohnung in Zwickau gefunden worden. Kiesewetter kam aus dem benachbarten Thüringen.

Auswertung der Waffen noch nicht abgeschlossen

Wie Pflieger zu seiner Einschätzung kam, ist dem Zwickauer Staatsanwalt schleierhaft. Zwar seien in der Wohnung mehrere Pistolen und ein Repetiergewehr gefunden worden, bestätigt er auf einer Pressekonferenz. Ob es sich bei einer dieser Waffen um die Tatwaffe handele, sei aber nicht sicher. Der Polizeibehördenleiter Jürgen Georgie springt ihm bei: Die Waffen seien durch das Feuer schwer beschädigt, zum Teil sei nur das Metall übrig und die Auswertung der Fundstücke dauere noch an.“ (stern)

Laut Kriminalhauptmeister Lenk  wäre „festgelegt worden“, dass …

„… die relevanten Spuren direkt in Kisten oder Beutel gepackt und zur Polizeidirektion Zwickau verbracht werden ohne eine Dokumentation vor Ort.

Dafür hätte es eine „Anweisung des Vorgesetzten“ gegeben, dessen Name ist Lenk „nicht erinnerlich“. Welche Ermittler bei der Spurensicherung überhaupt eingesetzt wurden, kann auch nicht nachvollziehbar. Als die Waffen und die NSU-Bekennerfilme gefunden wurden, wäre L. nicht dabei gewesen.

Die Beweise wurden einfach irgendwo im Brandschutt vor dem Haus gefunden.

Vor dem Haus wurden die restlichen Waffen im Brandschutt gefunden, ebenfalls die Munition. Insgesamt wurden im Verlauf der Brandräumung elf Waffen gefunden plus Munition.“ (sz)

Lenke wurde also einfach ausgerichtet, dass die Beweise gefunden wurden. Dann wurden sie in Karton gepackt, ohne Fotos zu machen. Ein Anwalt fragt nach dem Protokoll des Fundes, es ist nicht in den Akten.

„L. sagt, es sei ihnen durch die Bereitschaftspolizei zur Kenntnis gebracht worden, dass Waffen gefunden worden seien. Dann seien sie dort hin und hätten die Waffen in Kartons gepackt und in die PD Zwickau gebracht. Das sei dokumentiert, aber nicht fotografiert worden, es gebe ein Protokoll dazu. Klemke sagt, das habe er in den Akten nicht gefunden. L. erwidert, es sei bekannt, wer welche Waffe gefunden habe. Auf Frage von Klemke sagt L. es stehe in den Akten, wann er selbst vor Ort gewesen sei, er sei jedenfalls in der ersten Woche ständig vor Ort gewesen. Nicht nur im Bereich N, sondern im gesamten Gebäude. Das Objekt sei abgesperrt und bewacht gewesen.“ (nsu-watch)

Diese späte „Entdeckungen“ der NSU-Beweismittel würde in Bild passen: Die NSU-Bekennerfilme erblickten erst ab dem 12.11., -exclusiv- vom Spiegel gebracht, das Licht der Öffentlichkeit. Dass Benzin in der Wohnung „erschnüffelt“ wurde, tauchte gleichfalls spät auf.

3 Gedanken zu „Die späte „Entdeckung“ der NSU-Schusswaffen“

  1. Die Empfänger der DVD’s werden sich wohl in der Regel an die Polizei gewendet haben( bei den Nürnberger Nachrichten 2 Tage später ), dann warten die wahrscheinlich erstmal auf Rückmeldung. Das könnte aus ermittlungstechnischen Gründen etwas zurückgehalten worden sein.
    Das mit dem Brandbeschleuniger auch, die Feuerwehr hat dazu nichts zu sagen, also sagt sie einfach nichts.
    Der 10l-Kanister soll vor der Wohnungstür gefunden worden sein( nach „Der NSU Prozess“ von Stuberger, Position 2737 ), das kann den Zustand erklären.
    Der auf dem Foto kommt mir etwas klein vor, vielleicht habe ich ja bloss einen Knick in der Linse…sollte sowas wie „Maße: ca. 31 x 16 x 31cm (l/b/h)“( Modell bei Amazon) haben. Es ist nur von einem Kanister die Rede, soweit ich das sehen kann.

  2. Vor dem NSU-Ausschuss des Bundestages sagte der Zielfahnder Wunderlich aus, dass die Ceska und die NSU-Bekennerfilme bereits „entweder Sonntagabend oder am Montag früh spruchreif geworden“ wäre! Damit widerspricht er deutlich der offiziellen Darstellung der zeitlich späten Funde (siehe oben). Das muss jedoch nichts bedeuten, da es eventuell aus „ermittlungstaktischen“ Gründen nicht veröffentlicht wurde. Die Frage ist, warum bis heute die Geschichte nicht revidiert wird.

    Zeuge Sven Wunderlich: Meines Wissens waren das zwei Adressen in Zwickau, die wir abgeklärt haben.
    Clemens Binninger (CDU/CSU): Und da war sie aber nicht, und dann war für Sie der Auftrag so weit – –
    Zeuge Sven Wunderlich: Dort ist die Person Zschäpe nicht festgestellt worden, und die Kontaktpersonen waren auch nicht
    da.
    Clemens Binninger (CDU/CSU): Haben Sie in der Zeit, wo Sie noch dort waren, mal schon – – War das da schon, dass man gesagt hat: „Wir haben im Brandschutt eine Ceska gefunden“, oder: „Wir haben DVDs gefunden, versandfertig im Wohnmobil“? Oder wurde über die Waffen geredet?
    Zeuge Sven Wunderlich: So weit waren wir damals noch nicht, nein. Das ist, glaube ich, erst entweder Sonntagabend oder am Montag früh spruchreif geworden.
    http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/CD14600/Protokolle/Protokoll-Nr%2051.pdf

  3. In diesen Sachverhalt gehört unbedingt die polizeiinterne Waffen-Nummer der Ceska.
    Die heisst W4.

    Also die 4. Waffe, die man fand. Nach W1, W2 und W3.

    Die letztgefundene Waffe heisst -logisch- W11 oder W12.
    Aber nicht W4.

    Die Ceska W4 soll aber die letztgefundene Waffe in Zwickau sein.
    Das ist erkennbar falsch. Stimmt nicht.

    Nur eine Zeitung hat den Artikel von Mudra nicht innerhalb eines Tages wieder gelöscht.

    Zitat:
    Eine der Waffe trug nach Angaben des Zeugen den Aufdruck „Modell 83“. Zudem war als Kaliber 7,65 angegeben. Die stark brandgeschädigte Waffe mit einem Schalldämpfer war auf den Fotos 977 und 978 auch abgebildet und als Spur „W 4“ gekennzeichnet.

    http://www.braunschweiger-zeitung.de/nsu-prozess/ermittler-durchsuchten-briefkasten-vor-nsu-quartier-nicht-id1164328.html

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