NSU: Lügt der Ceska-Lieferant, der Angeklagte Carsten S.?

Carsten S. wird seitens der Bundesanwaltschaft vorgeworfen, dem Trio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe im Jahr 1999 die Ceska-Mordwaffe geliefert zu haben. Wie kamen die Ermittler überhaupt auf ihn? 

Die Zeitung „taz“ berichtete, anlässlich seiner Verhaftung Anfang 2012, dass er …

„… Im engen Bekanntenkreis (…) wiederholt behauptet [hätte], nach dem Jahr 2000 in einem “Aussteigerprogramm” gewesen zu sein.  (taz).

Er wäre verhaftet worden, weil er „vor rund 10 Jahren eine Waffe samt Munition gekauft haben [soll], die über Umwege den Weg zu den rechtsextremen Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) fand.“ (ebd)

Tatsächlich scheint es, dass er bereits im Jahr 2000 vom Geheimdienst „Verfassungsschutz“ „geschützt“ wurde in der Form, dass sein Name aus dem Verfassungsschutzbericht 2000 verschwand (Laubenburg)!

Der Stern berichtete, dass der Geheimdienst „laut eines Aktenvermerks des Verfassungsschutzes“ …

„… zehn Jahre bevor sich die Terrorgruppe NSU zu ihrer Mordserie bekannte, (…) wohl schon einmal versucht [hat], Carsten S. zum Reden zu bringen. 2001 soll ihm ein Aussteigerprogramm aus dem rechten Milieu angeboten worden sein. So steht es in einem Aktenvermerk des Verfassungsschutzes.

Aussteigerprogramme sind meist damit verbunden, dass die Personen erzählen, was sie über die Szene wissen. Im speziellen Fall von Carsten S.: Was er über den Verbleib der drei untergetauchten Bombenbauer aus Jena wusste. Denn dass er zwischenzeitlich als einziger Kontaktmann für das Trio fungierte, war den Behörden bekannt.

Doch Carsten S. lehnte ab. Mehr sogar. Er soll sich über das Angebot beim Staatsschutz beschwert haben. Er fühle sich der „nationalen Bewegung“ immer noch zugehörig und „uneingeschränkt verpflichtet“ habe er dort gesagt, berichtet eine Quelle.“

Diese Darstellungen dementiert Carsten S.:

„Der Angeklagte stellt dann noch klar, dass er keineswegs von den Behörden gefragt worden sei, ob er in ein Aussteigerprogramm aufgenommen werden wolle.“ (SZ)

In einer vorherigen NSU-Verhandlung bestätigte Carsten S. noch …

„… es habe nie wieder Kontakte mit Sicherheitsbehörden gegeben. Bis zu seiner Festnahme am 1. Februar 2012.“ (stern)

In einem weiteren Punkt widerspricht er dem Verfassungsschutz indirekt. Nicht erst 2001, er wäre …

„… schon im September 2000 ausgestiegen (…).“(stern)

Jedoch bestätigt S., das er …

„… auch nach seinem Ausstieg Ende des Jahres 2000 seine früheren Kameraden nicht verraten“ wollte. „Mir war klar, dass ich nichts sage. Und das habe ich ihm auch gesagt.“ (sz)

Laut Thüringer Verfassungsschutz-Akten hätte man noch 2001 versucht, ihn als V-Mann anzuwerben. „Aus den Papieren ist nicht ersichtlich, ob die Anwerbung erfolgreich war.“ 

In seinen persönlichen Umkreis gab es zwei Personen, die in Aussteigerprogrammen waren:

„Denn bereits sein Kamerad und Freund Martin G.* soll – so sagte es S. am 18. Juni im NSU-Prozess aus – mit Hilfe des Verfassungsschutzes ausgestiegen sein. Die Behörde soll auch den Umzug von G.* aus Jena nach Berlin finanziert haben. Womöglich als Gegenleistung fragte dieser Carsten S. nach dem untergetauchten Trio.

Wie SPIEGEL ONLINE aus Sicherheitskreisen erfuhr, soll damals ein weiterer Freund aus der Jenaer Neonazi-Szene von Carsten S. und Martin G.* in Kontakt mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gestanden haben. Frank B.* soll sich beim Aussteigerprogramm des BfV gemeldet haben und in seiner Ausstiegsphase noch für das Amt Informationen aus der Szene beschafft haben.“ (spiegel)

In den Telefonkontakten fanden Ermittler die Handynummer eines Nürnberger Blumenhändlers. Sie war als „Tino B.“ abgespeichert.

„Doch die unter „Tino B.“ gespeicherte Handynummer gehört gar nicht Tino Brandt, sondern einem anderen Mann. S. behauptet gestern, den Namen dieser Person noch nie gehört zu haben. Ist die Nummer also ohne Bedeutung? Schwer zu glauben, denn der Mann, dem die Handynummer gehörte, ist ausgerechnet ein Blumenhändler aus Nürnberg. Dort wurde im September 2000 Enver Simsek vom NSU ermordet – ebenfalls ein Blumenhändler. Die Handynummer wurde laut Anwalt Narin erst kurze Zeit vor dem Mordanschlag registriert.“ (merkur-online) Die Bundesanwaltschaft meldete kurz darauf, dass die Handynummer Tino Br. bis 2006 gehörte. 2008 wurde die Nummer dem Nürnberger Blumenhändler weitergegeben (sz).

„Auch wurde auf seinem Rechner die heruntergeladene Blaupause einer Ceska-Pistole gefunden – die Datei sei zuletzt im Dezember 2010 geändert worden, warf ihm Narin vor. »Das kann ich mir nicht erklären«, so S.“ (junge-welt)

Hat der Geheimdienst Carsten S. wirklich laufen lassen – trotz seines klaren rechten Bekenntnisses und der laufenden Fahndung nach dem Trio? Zweifelhaft.

„Umso mehr verwundert es, dass die Behörden Carsten S. einfach haben ziehen lassen. Nach Nordrhein-Westfalen, in die Schwulenszene. Schon im nächsten Aktenvermerk steht: Vom Landesamt für Verfassungsschutz NRW liegen keine Erkenntnisse über Carsten S. vor.“ (ebd)

Carsten S. „verteidigt“ jetzt seine Verhaltenweisen mit seiner angeschlagenen psychischen Verfassung …

„Die Angst, die Bauchschmerzen[wären] (…) immer wieder aufgeblitzt , (…). Doch er hat es „weggepackt“ (…). Gut zehn Jahre lang. Heute wirkt er ehrlich erschreckt über seinen Beitrag zu den Morden. Auf die Frage von Andreas Thiel, Vertreter der Nebenklage Tasköprü aus Hamburg, ob ihm die Ceska-Mordserie irgendwann in der Berichterstattung aufgefallen ist, er vielleicht über die Waffe gestolpert ist, antwortet er fast erschüttert: „Nein, leider nicht.“ (stern)

Auf alle Fälle bestätigte er die Version der Bundesanwaltschaft, dass er bereits …

… Ende 1999 oder Anfang 2000 eine Waffe an Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos übergeben [habe], mit der diese später neun Menschen töteten. Bei dieser Übergabe in einem Café in der Galeria Kaufhof in Chemnitz hätte das Uwe-Duo angedeutet, dass sie Gewalttaten planen. (stuttgarter-nachrichten)

Die Galeria Kaufhof am Chemnitzer Rathaus 1 wurde jedoch erst am 18. Oktober 2001 eröffnet!

Diese ganzen Darstellungen des NSU-Kronzeugen sind unglaubwürdig und erinnern doch sehr an eine „Geheimdienstnummer“. Es wird interessant sein, ob das Gericht seiner Darstellung folgt und ihn mit einer Jugendstrafe davon kommen lässt. Er befindet sich ja bereits nicht mehr in Haft sondern in einem Zeugenschutz-Programm.

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