Erkrankte Beate Zschäpe im Prozessverlauf an dem „memory distrust syndrom“?

Matthias Monroy veröffentlichte heute bei „telepolis“ einen interessanten Artikel über sechs Isländer, die 1977 wegen Mordes verurteilt wurden. Die Urteile basierten teilweise auf ihren Geständnissen.  Eine Arbeitsgruppe, die der damalige isländische Justizminister 2011 gründete, sollte die Urteile überprüfen. Aufgrund der aufgedeckten Ungereimtheiten wurden sie 2018 aufgehoben, nach 41 Jahren!

In der Arbeitsgruppe gab es einen Experten für falsche Geständnisse namens Gísli Guðjónsson.

„Der Forensik-Wissenschaftler beschreibt die Dynamik falscher Aussagen als „memory distrust syndrome“, wenn die Beschuldigten in Isolationshaft immer wieder mit angeblichen Tathergängen konfrontiert werden, bis sie diese schließlich für wahr halten und bestätigen.“ (telepolis)

Als ich diese Zeilen las, dachte ich sofort an wen? Natürlich an Beate Zschäpe und ihren „prozessualen Selbstmord“ 2015 im NSU-Prozess, aus folgenden Gründen:

Die Kennzeichen ihres Geständnisses stimmen überein mit denen falscher Geständnisse aufgrund des „memory distrust syndrom“.

Geständnisse sind dann problematisch, aus Analyse von Prof. Dr. Günter Köhnken (Institut für Psychologie der Universität Kiel):

„1. Wenn die Angaben des Beschuldigten nicht offensichtlich abwegig sind.

2. Wenn das Geständnis nicht widerrufen wird und keine weiteren Ermittlungen erfolgen (z.B. bei Absprachen, – „Deals“)

3. Wenn das Geständnis nicht zu weiteren (externen) Erkenntnissen führt, welche das Geständnis bestätigen.“ (rechtspsychologie-bdp)

Diese drei Punkte treffen bei Beate Zschäpe zu. Sie offenbarte kein „Täterwissen“, sondern wiederholte haargenau die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft.

Davor war sie jahrelang einem Prozess ausgesetzt, bei der sämtliche Prozessbeteiligten von einer NSU-Täterschaft überzeugt waren, und meist auch von einer Hauptäterschaft von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Traute sie irgendwann ihrem eigenen Gedächtnis nicht mehr, sondern der Darstellung ihrer sozialen Umfeld?

Beispiele solcher Erkrankungen bieten Hexenprozesse, in deren Verlauf manche Personen überzeugt wurden, Hexen/Hexer zu sein. Im Buch „Hexenhammer“ steht, wie Richter durch Versprechungen, Drohungen, Fangfragen die angeklagte Person zum Geständnis treiben konnten. Nach dem Geständnis / Selbstbezichtigung konnte die Person verbrannt werden.

2 Gedanken zu „Erkrankte Beate Zschäpe im Prozessverlauf an dem „memory distrust syndrom“?“

  1. Geständnisse sind dann problematisch, aus Analyse von Prof. Dr. Günter Köhnken (Institut für Psychologie der Universität Kiel):

    „1. Wenn die Angaben des Beschuldigten nicht offensichtlich abwegig sind.

    2. Wenn das Geständnis nicht widerrufen wird und keine weiteren Ermittlungen erfolgen (z.B. bei Absprachen, – „Deals“)

    3. Wenn das Geständnis nicht zu weiteren (externen) Erkenntnissen führt, welche das Geständnis bestätigen.“ (rechtspsychologie-bdp)2 Zitat Ende

    Warum 1. und 2. auf ein „problematisches“ Geständnis hinweisen sollten, ist mir nicht klar.

    Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Vernehmungs-techniken, um Aussagen aufgrund bestimmter Glaubhaftigkeitskriterien auf ihren Realitätsbezug zu prüfen.

    In Zschäpes Fall ging es jedoch gerade darum, dass die Angeklagte sich persönlich eben nicht zur Sache einlassen sollte. Ziel der Verteidigung war es, eine Glaubhaftigkeitsprüfung gerade dadurch zu verunmöglichen, dass ein Dritter – hier ein Pflichtverteidiger – die bekannte Erklärung verlas. Demnach wollte die Verteidigung gerade vermeiden, dass die von Dir angesprochenen Erkenntnisse zur Prüfung des Vorgetragenen eingesetzt werden konnten. Der Verteidiger fungierte hier praktisch als eine Art (juristischer) Übersetzer zwischen Zschäpe und dem Gericht, aus Angst, die Angeklagte könne in freier Rede unüberschaubare Verwerfungen auslösen.

  2. Nur einer der sechs isländischen Verdächtigen hatte die Ehre, vom isländischen Erfinder des Syndroms als Paradebeispiel für sein „memory distrust syndrome“ vorgestellt werden:
    Häftling Gu∂jón gehörte als Tagebuchschreiber und späterer Pastor sowieso zu den eher grüblerisch-mitteilsamen (und daher potenziell selbstkritischen, an sich selbst zweifelnden?) Menschen.

    Alle sechs zusammen hatten zunächst mal das Pech, als Menschen „polnischer Abstammung, Rock-Fans und ‚Langhaarige‘ mit geringfügigen Vorstrafen“ der damaligen vorurteilsverhafteten isländischen Gesellschaft „verdachtswürdig“ genug zu erscheinen.
    https://www.vice.com/de/article/yv4p7b/mord-wilde-theorien-und-elfen-der-seltsamste-kriminalfall-islands

    Die Obrigkeit hatte nichts gegen diese Vorurteile, laut Telepolis ganz im Gegenteil:

    „Die damalige Regierung hatte ein großes Interesse an einem baldigen Abschluss insbesondere des Geirfinnur-Falles, denn die polizeilichen Ermittlungen förderten Verwicklungen des damaligen Justizministers Ólafur Jóhannesson in Kreise der organisierten Kriminalität zutage. Island geriet deshalb in eine Regierungskrise, bei einer Neuwahl und einem Sieg der Sozialdemokratischen Partei hätte die NATO-Mitgliedschaft des Landes auf dem Spiel gestanden.“
    https://www.heise.de/tp/features/Justizskandal-in-Island-unter-Leitung-von-Kommissar-Kugelblitz-4417439.html

    Es ging also von vorneherein mehr um Ablenkung als um Aufklärung, mehr um benötigte Sündenböcke als um die Wahrheit über irgendwie verdächtig gewordene Menschen. Und wo „Ermittler“ gar nicht objektiv ermitteln, sondern ein Wunschergebnis erzwingen wollen, da ist es zur Folter nur ein kleiner Schritt (Abu Ghuraib und Guantanamo lassen grüßen; wir brauchen gar nicht bis zum Hexenhammer zurückgehen):
    „Dabei setzten die Ermittler Berichten zufolge Nötigung und Waterboarding ein. Den Tatverdächtigen wurden außerdem hypnotische und psychoaktive Drogen verabreicht“.

    Nicht ihr Gedächtnis hat ihnen also einen Streich gespielt – die Folterer haben ein ganz übles Spiel mit ihren Opfern gespielt. Sie wussten, dass sie weder ein echtes noch ein irriges „Geständnis“ herausgefoltert hatten, sondern nur unterwürfige bewusste Lügen aus dem verzweifelten Wunsch des Gefolterten, die Folter möge endlich vorbei sein.
    Am Ende der Folter endete dann die Geständnisfreude wieder: „Nach rund 200 Vernehmungen legten einige der Beschuldigten schließlich Geständnisse ab, die sie allerdings mehrmals geändert und widerrufen haben“.

    Wenig ruhmreich auch die Rolle des damals mit Ehrungen überhäuften deutschen „Gastarbeiters“ in Island: (BKA-)Oberkommissar a.D. Karl „Schütz hält die unter Folter erlangten Geständnisse in einem Vermerk für wahr“. Schon zuvor hatte er nicht geglänzt, denn nachdem Blut- und graphologische Spuren sich als untauglich erwiesen hatten, unterstellte er einfach den Verhafteten gezielte Verstellung.
    Als ein der Landessprache Unkundiger benutzte er Kaffeesatz-ähnliche Methoden und „verlegte sich deshalb auf die Neubewertung der ‚zum Teil unterschiedlichen und widersprüchlichen Aussagen‘ in dem Ermittlungsverfahren. Die Ermittler setzten dafür die Vernehmungsprotokolle in einem sogenannten ‚Raumraffersystem‘ miteinander in Beziehung. Mit der Methode wollte die Ermittlungsgruppe ‚Beweisschwächen‘ und ‚Vernehmungslücken‘ erkennen“.

    Schütz hatte schon im Baader-Meinhof-Umfeld (RAF) „ermittelt“ und als er seine Dienste im Sinne der NATO erledigt hatte, verschwand er (zwecks Vermeidung weiterer Auffälligkeiten?) in der Versenkung: „Schütz ist wie Herold vermutlich längst verstorben“.

    Bei Zschäpe gibt es dagegen keine Zeichen für Folter und statt langanhaltendem Druck sehen wir eine frühe Zusammenarbeit in den 1990er Jahren (Kollegen verpfeifen) und eine ebenso frühe selbstgewählte Bereitschaft nach dem 4.11.2011.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.