Hessischer NSU-Untersuchungsausschusses findet keine Hinweise auf NSU-Haupttäter bei kasseler Ceska-Mord

Dem Untersuchungsausschuss des hessischen Landtages gelang es erwartungsgemäß nicht, den Mord an Halit Yozgat aufzuklären. Im über tausend Seiten zählenden Abschlussbericht wird deutlich, dass sich die Abgeordneten darauf beschränkten, die dubiosen Ermittlungen der Polizei darzulegen und zu verteidigen, als selbst aktiv aufzuklären. So bleiben die Widersprüche und Ungereimtheiten in der offiziellen Version bestehen, die stichpunktartig umrissen werden. Dadurch wird auch das Versagen der Abgeordneten klarer  – sie waren nicht bereit, die vorgegebene Version zu hinterfragen. Dabei stützen sich die Abgeordneten auf die (angebliche) NSU-„Selbstaufdeckung im Jahr 2011“ (S. 22).

Am 06.04.2006 erschossen bis heute Unbekannte zwischen 17:01 und 17:03 Halit Yozgat, in seinem Internetcafe in Kassel, als er hinter der Theke stand. In einem Nebenraum surfte während der Tat oder kurz danach der Geheimdienst-Agent Andreas Temme, genauso wie mehrere andere Zeugen. Es wäre ein großer Zufall, wenn der Mord nichts mit seiner Anwesenheit zu tun gehabt hätte, genau das legt jedoch der Abschlussbericht der schwarz-grünen Regierung nahe.

War Andreas Temme zweimal im Internetcafe?

Andreas Temme befand sich an Platz 2 des Internetcafes. Die Auswertung dieses Computers erbrachte das Ergebnis, laut eines Berichts der Mordkommission (MK) „Cafe“ vom 11. Oktober 2006, …

„… dass in der Zeit von 16.50.56 Uhr bis 17.01.40 Uhr auf der Internetseite ,iLove.de‘ gesurft wurde. Dabei wurde der Nickname „ „Wildman70“ benutzt. Über die Internetfirma Hove GmbH in Berlin konnten die Anmeldedaten von Wildman 70 ermittelt werden:“

Dagegen steht in einem Bericht der besonderen Aufbauorganisation (BAO) „Bosporus“, die gleichfalls die Mordserie aufklären wollte, dass Temme von 16:51:28 bis 17:02:36 bei „iLove“ eingeloggt war. Die Abgeordneten klärten nicht auf, wie sich die zeitliche Diskrepanz zwischen den Darstellungen der MK „Cafe“ und der BAO „Bosporus“ erklärt.

Im Yogzats Internetcafe surfte bereits mittags eine bis heute unbekannte Person in „iLove“ und zwar von 12:36:45 bis 12:43:14, auch am 03.04. und 04.04. surfte jemand dort zur Mittagszeit. Der Abschlussbericht vermutet, dass es sich immer um Temme gehandelt hätte, „es spricht deshalb vieles dafür“ (S. 417). Es ist jedoch ungeklärt, mit welchen Nickname sich die unbekannte Person anmeldete.

Die Mordkommission konnte offenbar lediglich den Nicknamen der Person feststellen, die von 16.50.56 Uhr bis 17.01.40 bei „iLove“ sich anmeldete, Temmes „Wildman70“. Daher schlossen die Ermittler auf seine Anwesenheit im Internetcafe.

Abschlussbericht, hessischer NSU-Untersuchungsausschuss, S. 417

Unglaublicherweise ist also von den Emittlern nicht geklärt worden, welche Person mit welchen Nickname sich bereits mittags am späteren Tatort bei „iLove“ anmeldete. Andreas Temme sagte dem Ausschuss, „keine Erinnerungen mehr an die Häufigkeit und die Tageszeit seiner Besuche (…) zu haben„. Die Eltern des Mordopfers sagten, dass Temme zwar ein „Stammgast“ war, er jedoch nur „etwa zweimal in der Woche das Internetcafe aufgesucht“ hätte.

Die weitere offene Frage ist, wie die MK überhaupt auf Temmes chat-Partnerin „tanymany“ kam. Temme löschte sein Konto im Flirtportal, sechs Tage nach dem Mordfall. Laut eines Vermerks der MK suchte er auch nach dem Mord weiterhin Kontakt zu Frauen, „über Internetforen“. Die MK erhielt von „iLove“ lediglich die Anmeldedaten seines Nutzerkontos, „Wildman70“, mit der Handynummer Temmes. 

Bei „tanymany“ handelte es sich um eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die ebenfalls vernommen wurde. Sie bestätigte, dass sie und Temme sich ab April zwei Wochen lang manchmal täglich, manchmal alle 2-3 Tage zum chatten getroffen hätten. Konkrete Zeiten stehen nicht im Abschlussbericht.

Aber könnte es sich bei dem Flirt nur um die „Tarngeschichte“ Temmes gehandelt haben, um den wahren Grund seines Aufenthaltes im Flirtportal zu verschleiern? Tauschte er mit Informanten Nachrichen über „iLove“ aus? Loggten sich Informanten im Internetcafe von Yozgat bei „iLove“ ein?

Sehr seltsam ist auch folgender Sachverhalt: Andreas Temme konnte sich bei den polizeilichen Befragungen nicht erinnern, wo er seinen Wagen geparkt hatte, während er ab 16:51 im Internetcafe surfte!

„Der Zeuge Temme sagte bei der Polizei nämlich aus, er könne sich zwar nicht erinnern, wo er am 06. April 2006 sein Auto geparkt habe, üblicherweise habe er es aber unmittelbar vor der Tür des Internetcafes geparkt.“ (Vermerk der MK Cafe vom 11.10.2006, Band 242, S. 13)

Befand sich Temme vielleicht gar nicht am Tatort? Um dies zu vertuschen, wollte er nicht sagen, wo er seinen großen schwarzen Mercedes parkte? Die MK hätte Zeugen befragen können, ob sie den auffälligen Wagen dort gesehen haben.

Faiz Hamadi S.

Sagte Faiz Hamadi S. den Mördern per Telefongespräch Bescheid, dass sie ungestört ins Internetcafe kommen können, um Halit Yozgat zu erschießen? Er hätte die ideale Beobachter-Position gehabt, denn er telefonierte nur 2 Meter neben dem Mordopfer in einer Telefonkabine. Die anderen Zeugen saßen im Nebenraum an den Computern. Faiz Hamadi S. war bereits mittags im Internetcafe gewesen, um zu telefonieren. 

Das Desinteresse der Abgeordneten an dieser dubiosen Person ist augenfällig. Der Grund dürfte sein, dass es sich um einen inzwischen verschwundenen Iraker handelte, der nicht als Teil eines rechtsextremen NSU-Terrornetzwerkes verdächtigt werden kann.

Von wann bis wann telefonierte Faiz Hamadi S.?

Im Jahr 2008 verfasste die BAO „Bosporus“ eine Analyse, in der steht, dass Faiz Hamadi S. ein Handygespräch und zwei Telefongespräche führte, davon eines mit der pre-paid-Karte „Maxi Asia Karte“. 

„16:52:16 [Faiz H. S.J rief von seinem Handy aus die Nr. XXX (Anbieter des Autos), Dauer 9 Sek.
16:54:01 bis 17:01:02 erstes Telefonat aus Zelle 3, Dauer 7:01 Minuten mit Nr. XXX (Maxi Asia Karte)
17:01:25 bis 17:03:52 zweites Telefonat aus Zelle 3, Dauer 2:27 Minuten mit Nr. XXX (Anbieter des Autos)“ (S. 910)

Laut obiger Darstellung hätte also Faiz Hamadi S. 7 Minuten und 1 Sekunde mit der „Maxi Asia Karte“ in der Telefonkabine telefoniert.

„Mit der Maxi Asia Karte führte [Faiz H. S.J nach eigenen Angaben drei Telefonate, danach war das Guthaben aufgebraucht. Von der Telefonanlage wurde nur eine Anwahl beim Provider und eine Gesprächsdauer von 422 Sekunden gespeichert.“ (Auswertungsvermerk der BAO Bosporus (Analyse) vom 16.01.2008, Band 488, S. 196)

In einer anderen BAO-Analyse kommen nur zwei Anrufe zur Sprache.

„Faiz H. S. nutzte die erste Telefonzelle links im Eingangsbereich (…) in der Zeit von 16:52:16 Uhr (Anruf mit dem eigenen Mobiltelefon) bzw. 16:54:01 Uhr (Anruf mit dem Zellentelefon) bis 17:03:52 Uhr. (Analyse der BAO Bosporus vom 16.01.2008, Band 103, S. 11)

In einem Vermerk der Mordkommission vom 30.10.2006, Band 238, S. 240 steht, dass Faiz Hamadi S. das drittes Gespräch „kostenpflichtig“ führte, da dass Guthaben auf der Prepaid-Karte aufgebraucht war.

„Er habe teilweise Telefonate von seinem eigenen Mobiltelefon ausgeführt, teilweise das Telefon im Internetcafe benutzt. Dabei habe er zuerst eine Prepaid – Karte verwendet. Als das Guthaben aufgebraucht gewesen sei, habe er kostenpflichtig vom Telefon des Internetcafes aus telefoniert.“ S. 350

„Während seines Aufenthaltes in der Telefonkabine hörte [geschwärzt] mehrere Geräusche, die sich wie das Platzen von Luftballons anhörten. Er bringt diese Wahrnehmung zeitlich mit der Eingabe der PIN am Anfang des ersten Gesprächs in Verbindung, also bereits gg. 16.54 Uhr. Laut Auswertung des Telefons Nr.- 3 wurde zwischen 16.54 Uhr und 17.01.02 Uhr mit der Telefonkarte telefoniert. Das anschließende Telefonat erfolgte ohne Maxia Asia Karte von 17.01 Uhr (Anlage springt auf die „volle“ Minute zurück) bis 17.03.26 Uhr.“ (Bundestag, Anlage 40, Bericht MK „Cafe“, S. 6)

Die offene Frage ist, ob Halit Yozgat kurz nach 17:01:02 seine Telefonkabine für Faiz Hamadi S. freigeschaltet hatte, damit der um 17:01:25 sein drittes Gespräch führen konnte. Andreas Temme loggte sich kurz danach aus dem Internet um 17:01:40 aus, nachdem Faiz Hamadi S. sein drittes Gespräch um 17:01:25 begann. Die offene Frage ist, ob nicht vielmehr Halit Yozgat Temme aus dem Internet ausloggte, nachdem der zur Theke ging und zahlte?

Gleichfalls ging der Ausschuss nicht folgender Spur nach:

Der Zeuge Faiz Hamadi Sh. (…) arbeitete bei der o.g. Firma in Tatortnähe als Autoaufbereiter. Der Firmeninhaber K. wurde im Jahr 2001 wegen Handels mit 87,5 kg Haschisch festgenommen.  Außerdem war er in diesem Jahr Schießgast im gleichen Schützenverein wie der o.g. Verfassungsschutzbeamte.“ (Polizeiakte, nsu-leaks)

„Im Schützenverein sei der Herr R., ein Polizeibeamter, Vorstand, es sei rausgekommen, dass Temme dort auch Befragungen durchgeführt hätte.“ (nsu-watch)

Wann erhielt Temme Bescheid über Ceska-Mordserie?

Wie erklärt es sich, dass die Polizei schnell von einem Ceska-Mord ausging?

„Den ersten vagen Hinweise darauf, dass die Tat zu der „Ceska-Mordserie“ gehören könnte, erhielt der Leiter der für die Ermittlungen des Mordfalls Yozgat gebildeten MK (Mordkommission) „Cafe“, KHK Wetzel, bereits vor seiner Ablösung am Vormittag des Folgetags (07.04.2006). Diese Information erlangte er von einem Kollegen, der Kenntnisse über die Morde in Nürnberg hatte. Kurz nach seiner Ablösung setzte sich die Leiterin der Mordkommission in Dortmund mit ihm in Verbindung, die den Mord an Mehmet Kubasik am 4. April 2006 untersuchte. Gewissheit, dass die Tat in Kassel zu der Mordserie gehörte erbrachte die ballistische Untersuchung der Geschosse.“ (S. 355)

„Es bestand bereits frühzeitig der Verdacht, dass die Tat zur Ceska-Mordserie gehörte; er erhärtete sich binnen weniger Tage infolge kriminaltechnischer Untersuchung der Projektile beim Bundeskriminalamt.“ (S. 360)

Verriet sich Temme selbst, durch Preisgabe von Täterwissen?

Nein, hat er nicht.

„Die Zeugin hat weiter ausgesagt, Temme habe ihr am Nachmittag dieses Tages oder am nächsten Tag Rückmeldung über das Gespräch beim Staatsschutz gegeben. Er habe gesagt, „dass es wahrscheinlich nicht um eine regionale Fehde oder um irgendein Problem da handelte, sondern dass es sich um eine bundesweite Mordserie handeln würde. Woher er diese Info hatte, weiß ich aber nicht.“

An weitere Details hat sich die Zeugin Jutta E. nicht erinnern können. Da in der Folgezeit ähnliche Aussagen sowie weitere Details aus den Zeitungen bekannt geworden seien und ein dienstlicher Bezug nicht erkennbar gewesen sei, sei die Sache für sie erledigt gewesen.

Der Ausschuss hat Temme mit der Frage konfrontiert, woher er bereits zu diesem frühen Zeitpunkt wusste, dass der Mord an Halit Yozgat zur Ceska-Mordserie gehörte. Er hat gesagt, er habe dies am Sonntag, den 9. April 2006, in der Zeitung „Extra-Tip“ gelesen.

Der Ausschuss hat den Zeitungsartikel beigezogen und festgestellt, dass dort zwar nicht die verwendete Waffe (Ceska) erwähnt wird, aber -entsprechend der Aussage der Zeugin Jutta E.- ein Zusammenhang mit einer bundesweiten Mordserie hergestellt wird. In verschiedenen anderen Medien war allerdings bereits vor dem Mord an Halit Yozgat über die Mordserie berichtet und die Waffe genannt worden. Auch die Zeugin Jutta E. hat ausgesagt, dass sie einen Zusammenhang mit der Ceska-Mordserie zu einem frühen Zeitpunkt entweder vermutet oder den Zeitungen entnommen habe.“

Einzeltätertheorie

Der Chef der BAO „Bosporus“ Wolfgang Geyer sagte dem Ausschuss, dass er bereits Ende 2005 den Auftrag erteilte, eine zweite operative Fallanalyse (OFA) zu erstellen.

„Nachdem die Ermittlungen aber weiterhin nicht zum Erfolg führten, wurden ab Herbst 2005 verstärkt alternative Ermittlungsansätze in Erwägung gezogen, z. B . (…) ein missionsgetriebener Einzel – bzw . Serientäter. Daher wurde das Polizeipräsidium München damit beauftragt, unter dieser Prämisse eine weitere operative Fallanalyse zu möglichen Alternativhypothesen zu fertigen . “ S. 208

„Ergebnis der zweiten operativen Fallanalyse war die „Einzel- bzw . Serientätertheorie“, die zum Zeitpunkt des Mordes an Halit Yozgat aber noch nicht vorgestellt worden war.“ S. 301

Die offene Frage ist, wie Wolfgang Geier überhaupt dazu kam, diese zweite Analyse zu beauftragen, denn: Laut Ermittlern vor Ort gab es 2005 für die Einzeltäter-Theorie keinerlei Hinweise: Wolfgang Wilfling: „Ein NSU war nicht erkennbar“. Bis zum Mord an Halit Yozgat galt daher:

 „Ergebnis der OFA-Analyse: Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür; es wird als sehr unwahrscheinlich eingestuft.“

Diese Bewertung wurde seltsamerweise nach dem Mord als Halit Yozgat revidiert, die dargelegten Gründe überzeugen nicht. http://friedensblick.de/26322/teil-1-warum-waren-bayerische-ermittler-dem-nsu-bereits-2006-auf-der-spur/

Gespräch Temme mit Gärtner

Nach der sogenannten „Selbstenttarnung des NSU“ am 04.11.11 hätte (angeblich) die Kriminalpolizei Kassel nochmals die erhobenen Funkzellen-Daten abgeglichen. Dabei soll herausgekommen sein, dass Temme „mutmaßlich“ mit seinem dienstlichen Festnetz-Telefon ein 688-Sekunden langes Gespräch mit seinem Informanten Benjamin Gärter führte, der per Handy mit ihm sprach. Das Gespräch begann um 16:11. Mehr Infos hier:

Teil 5) Andreas Temme telefonierte nur „vermutlich“ „gegen 16:11“ mit Informanten Benjamin Gärtner

Zuvor gegen mittag um 13:06 telefonierten Temme per Diensthandy mit Gärtner (Festnetz) 17-Sekunden lang. Dieses Gespräch war der Mordkommisssion immer bekannt gewesen.

Als Begründung, warum das zweite Gespräch erst 2011 festgestellt wurde, steht im Bericht der Staatsanwaltschaft Kassel, dass die Massedaten der Funkzellenauswertung zu spät angeliefert wurden. Zum Zeitpunkt der Anlieferung war das Ermittlungsverfahren gegen Temme bereits eingestellt worden.

„Dieser Abgleich war zum Zeitpunkt der Einstellung des Verfahrens gegen [geschwärzt] noch nicht möglich, da die Massendaten zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung standen. Dieser Abgleich ergab ein Telefonat zum angegebenen Zeitpunkt zwischen dem Anschluss [geschwärzt] und einem Anschluss in der Außenstelle des Landesamtes für Verfassungsschutz.“ (Bundestag, Anlage 58 – MAT A OLG-1, Sachakten, Ordner 145, Band 6.6, Ordner 4, S. 1-19)

Diese Darstellung ist jedoch ausgeschlossen, weil die Mordkommission die Funkzellen sehr wohl zeitnah auswertete, vor allen Dingen auch des Informanten Benjamin Gärtner.

Der Zeuge Hoffmann, damals Leiter Kriminaldirektion beim Polizeipräsidium Kassel: „Wir haben in dem Fall wesentlich mehr Ermittlungen angestellt als in jedem anderen Fall zuvor. “
Insbesondere haben mehrere vernommene Zeugen auf den außergewöhnlichen Umfang der Daten hingewiesen, die gesammelt, per Computer aufbereitet und ausgewertet wurden. Allein
– 16 Mio. Funkzellendaten,
– 30 Mio. Telefonverbindungsdaten, (…).“ S. 365

„Durch die umfangreiche Funkzellenauswertung konnte die Polizei unter anderem eine Zeugin aufspühren, die aufgrund der Verbindungsdaten eines von ihr geführten Telefongesprächs angab, dass Halit Yozgat um 16:57 Uhr noch lebte. (Sachstandsbericht der MK Cafe vom 31.10.2006, Band 199, S. 31)

„Die Ermittlungen führten auch zu einer Spur gegen den Zeugen Benjamin Gärtner, der als Quelle von Temme geführt worden war. und mit ihm am Tattag telefoniert hatte, zusammen mit Swen W. und anderen im Jahr 2000 einer rechtsextremistisch motivierte Straftat verübt hatte und über die Mittäter an dieser Tat Bezüge zu den Tatortstädten Nürnberg und Hamburg zu haben schien. Die Ermittlungen relativierten aber die Verdachtsmomente. Die Polizei wirkte einen Beschluss zur Herausgabe seiner Telefonverbindungen . Es wurde festgestellt, dass Benjamin Gärtner während der Tat in Dortmund von seinem Mobiltelefon aus im Gebiet der Stadt Kassel ein Telefonat geführt hatte, so dass ein Alibi für diese Tat vorerst nicht widerlegbar erschien.“ (Beschluss des Amtsgerichts Kassel vom 26.06.2006, Band 220, S. 243f, Auswertebericht der BAO Bosporus vom 28.02.2008, Band 488, S. 229f.; näher zu den Ermittlungen, auch gegen im Zusammenhang mit Herrn Swen W., Band 249, S. 106.“

„b. Gegen Temme gerichtete Telekommunikationsüberwachung und Durchsuchungen

Die Ermittler der MK Cafe überwachten daraufhin Telefon und E-Mail-Verkehr Temmes, beschlagnahmten die Daten aus seinen E-Mail-Postfächern und beantragten schließlich einen Durchsuchungsbeschluss für seine Wohnräume, den sie auch bekamen.“ S. 377

„Sieben dienstliche und private Mobil- und Festnetztelefonanschlüsse, darunter auch zwei Festnetzanschlüsse im Haus seiner Eltern, wurden im Zeitraum vom (…) überwacht.
Telefonrechnungen und Einzelverbindungsnachweise der Jahre 1996 bis 2006 wurden sichergestellt und auf tatkritischen Zeiten hin überprüft, ebenso Verbindungsdaten der Anschlüsse, mit denen Temme am 06. April 2006 (Tattag) telefoniert hatte.“ (Vermerk der MK Cafe vom 21.09.2006, Band 262, S. 3 f., Vermerk der MK Cafe vom 27.09.2006, Band 270, S. 218 ff., S. 382) (…)

– 244 vollständige und 157 unvollständige Personalien sowie 653 Rufnummern von Personen aus seinem Umfeld, darunter auch die von ihm geführten V-Leute wurden mit den zu den verschiedenen Tatorten erhobenen Massendaten abgeglichen. 15 Personen wurden daraufhin auf Bezüge zu den Tatorten der Mordserie hin überprüft, zu drei Personen wurde ermittelt. (Sachstandsbericht der MK Cafe vom 30.11.2006, Band 199, S. 34. Z. B. Vermerk der BAO Bosporus vom 31.10.2008, Band 488, S. 240 f. S. 383)

Keine Hinweise auf Böhnhardt, Mundlos

„Selbst heute, im Rückblick, seien keine konkreten Anhaltspunkte ersichtlich, denen man damals hätte nachgehen können, um Mundlos, Böhnhardt oder Zschäpe als Täter zu entlarven, zu mal sich öffentliche Äußerungen von Rechtsextremisten nach der Aufdeckung des NSU, das Trio habe im Jahr 2006 Kontakt nach Kassel gehabt, als falsch erwiesen hätten. Beamte des Staatsschutzes, die in der Mordkommission vertreten waren, hätten sich in der Kasseler rechtsextremen Szene umgehört, aber der Mord an Halit Yozgat sei kein Thema gewesen.“ Hessischer Landtag, Abschlussbericht NSU-Untersuchungsausschuss, S. 372, Hoffmann, Sitzungsprotokoll UNA/19/2/28 – 23.11.2015, S. 114.)

Abschlussbericht, hessischer NSU-Untersuchungsausschuss, S. 372

NSU-Akten für 120 Jahre gesperrt

„Dieser ursprünglich für die Dauer von 120 Jahren als VS-Geheim eingestufter Bericht wurde dem Untersuchungsausschuss auf Antrag als VS-NfD-Version übermittelt, wozu lediglich eine kurze Passage geschwärzt wurde. 

Der Abschlussbericht fasst die Prüfung dahingehend zusammen, die Akten enthielten „keine Bezüge zu den Rechtsterroristen des NSU und ihren Straf- und Gewalttaten.“ (S. 250)

Corryna Görtz

Bei Görtz besteht der Verdacht, dass sie eine Informantin des Geheimdienstes „Verfassungsschutz“ war. Der Geheimdienst-Beamte Andreas Temme kannte ihren Namen in „papierform“, da ihr Name während Ermittlungen gefallen ist. Görtz war Ende 2005 dreimail im Internetcafe gewesen.

„Temme: Das ist das Gleiche, was ich Ihnen zu Frau Görtz gesagt habe, dass er im rechten Bereich eine Rolle spielt. — Was er im Einzelnen gemacht hat, was in möglichen Hintergrundinformationen stand, dafür habe ich zu viel von diesem Material gesehen, und es ist zu viel Zeit vergangen, dass ich mir diese ganzen Details hätte merken können.“

Laut der linken Bundestagsabgeordneten Petra Pau soll Görtz damaliger Lebensgefährte W. eine Wohngemeinschaft in Österreich mit einem „H. B.“ gehabt haben. Dieser H. B. wäre einer der „Sprengstofflieferanten für die österreichischen Briefbombenserien“ gewesen! http://friedensblick.de/28527/steckt-hinter-nsu-briefbombenattrappen-der-oesterreichische-briefbomber-franz-fuchs/

Diese Verbindungen spielen im Abschlussbericht keine Rolle. Dies ist unverständlich, weil Görtz in den 90er Jahren auch im sogenannten „thüringer Heimatschutz“ aktiv war. In der Zeit tauchten Briefbomben-Attrappen auf, die heute Böhnhardt/Mundlos/Zschäpe zugeschrieben werden.

Auszüge aus dem Abschlussbericht:

„Er war der langjährige Freund von Corryna Görtz und wanderte mit ihr um die Jahrtausendwende nach Österreich aus , wo er sich weit er in der rechtsextremen Szene betätigte. Dem Ausschuss liegen aber kaum Informationen darüber vor, inwiefern Winkel sich nach 2000 und bis heute weiter politisch betätigt hat .“ S. 206

„Aus den Akten geht ebenfalls hervor, dass Görtz sich mit Bombenbau beschäftigt hat. So heißt es in einem Vermerk des LfV Hessen vom 12.09.2013, dass Görtz Herausgeberin vom „Giftpilz“ gewesen sei, einem Heft mit Anleitungen zum Bombenbau.“ S. 207

„Etwa im Jahr 2000 sind Görtz und Winkel gemeinsam nach Österreich umgezogen. Winkel und sie hatten bereits vorher Kontakte zu Neonazis in Österreich, insbesondere zum ehemaligen niedersächsischen FAP – Vorsitzenden Karl Polacek hatten sie ein enges Verhältnis.“ S. 209

5 Gedanken zu „Hessischer NSU-Untersuchungsausschusses findet keine Hinweise auf NSU-Haupttäter bei kasseler Ceska-Mord“

  1. Ganz schön mutig, den Kasseler Tatort für NSU-frei zu erklären! Oder ist das die Beihilfe zur Verharmlosung der 120-jährigen Aktensperre – diese Akten hat man ja (außer einer kleinen geschwärzten Passage) doch noch anschaufen dürfen und will daher deren Sperre dankbar mit-banalisieren?

    Auch in Baden-Württemberg ist der dortige UA an ein (allerdings unrühmlicheres, behördenkonformes) Ende gekommen – andererseits wiederum verständlich, denn im Ländle pflegen lästige Plauderer für ihren Vorwitz einen plötzlichen Flammentod zu sterben, wie der im Artikel von
    Thomas Moser behandelte Florian Heilig:
    https://www.heise.de/tp/features/NSU-Der-So-tun-als-ob-Untersuchungsausschuss-4259690.html?seite=all

    Erwartbar wird die „Uwes only“-These der Behörden für Heilbronn durchgewunken, obwohl es für diese Behörden vor dem 4.11.11 mal „mindestens vier bis sechs Tatbeteiligte gegeben haben muss. Mindestens, wenn nicht sogar neun oder zehn“.

    Interessant auch der Hinweis (=von Moser, nicht vom UA) auf einen Aust-Artikel in der WELT (=hinter der Paywall):
    „Das Trio oder ein Teil war nah an den Verfassungsschutz oder den Staatsschutz angebunden, hatte mit denen zu tun, was auch immer“ und „Der PD-Leiter will alles tun, um Frau Zschäpe zu finden, bevor sie vom LfV abgezogen wird“ …. schrieben die von Baden-Württemberg nach Eisenach geeilten Beamten in einem der WELT vorliegenden Polizeivermerk vom 5.11.11.

    Tja, das krampfhaft-verbissene Festhalten an isolierten Tätern fällt auf die Märchen-Erzähler zurück …

    Oder doch eine konzertierte Aktion? Heilbronn unterscheidet sich von den Döner-Morden nicht nur durch die fehlende Ceska, sondern vor allem das brisante Mordopfer: Eine Staatsdienerin, die evtl. zum Opfer von „friendly fire“ wurde, was wohl nach der Meinung entscheidender Kreise zu brisant für die (uniformierte Polizei-)Öffentlichkeit ist, um offiziell eingestanden zu werden. Aber nachdem Heilbronn mit dem ganzen NSU-Komplex Stück für Stück (OLG, div. UA …) zu den Akten gelegt wird, könnte man die Katze wenigstens indirekt (=über Aust und die Medien) aus dem Sack lassen?

    Indirekt auch in der Täter-Charakterisierung fürs künftige Geschichtsbuch: richtige Beamte (schon gar die vom großen Bruder überm Teich) dürfen es auf keinen Fall sein, aber dubiose „Halbweltler mit Zeitvertrag bei Vater Staat“ will man der gefürchteten (Teil-)Öffentlichkeit irgendwann schon zumuten, damit für wirklich brisante Enthüllungen endlich mal Schluss ist?

  2. „Der Generalbundesanwalt ermittelt im Fall Lübcke auch gegen Elmar J. und Markus H. – wegen Beihilfe zum Mord. Elmar J., 64, aus dem ostwestfälischen Landkreis Höxter, soll Ernst 2016 die Tatwaffe verkauft haben. Markus H. aus Kassel soll den Kontakt zwischen den beiden vermittelt haben.“
    https://www.spiegel.de/panorama/justiz/mordfall-walter-luebcke-was-ueber-die-ermittlungen-bekannt-ist-a-1274592.html

    Ein paar Sätze weiter rudert der SPIEGEL zurück:
    „Dennoch gibt es den Angaben zufolge keine Hinweise auf eine rechtsterroristische Vereinigung. Elmar J. und Markus H. hätten nichts von den konkreten Plänen Ernsts gewusst. Sie seien auch nicht in die Ausführung der Tat eingebunden gewesen.“
    Wozu dann die (noch laufenden?) Ermittlungen wegen Beihilfe zu Mord?

    Klingt unverständlich, hat aber irgendwie System.
    Schon 2009 waren sowohl Stephan Ernst (=der geständige mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke Anfang Juni 2019) als auch Markus H. „bei einem Sturm von 400 „Autonomen Nationalisten“ auf eine Gewerkschaftskundgebung in Dortmund dabei“ – und auch da steckten zwar beide tief drin, aber wohl nur einer der beiden wurde gerichtlich belangt: „Beide wurden damals festgenommen, ein Gericht verurteilte Ernst später wegen Landfriedensbruchs.“

    Konnte der „Geschonte“ einen „Bonus einlösen“?

    „Markus H. geriet hingegen schon einmal ins Visier von Mordermittlern. Im Juni 2006 wurde H. als Zeuge im Mordfall Halit Yozgat vernommen worden.“

    Zwar nicht mit dem nützlichen Status eines Zeugen, aber 2006 irgendwie im Yogzat-Mordumfeld getummelt hatte sich (bislang straffrei wie Markus H.) der aktuelle Attentäer Ernst ebenfalls, Zitat aus BILD:

    Bereits im NSU-Untersuchungsausschuss im hessischen Landtag tauchte mehrfach der Name Stephan Ernst auf!

    Zum einen im Dezember 2015 während einer Vernehmung über ein Dossier über gewaltbereite Neonazis. Und später in einer Befragung am 26. Februar 2016. Befragt wurde damals Neonazi und V-Mann Benjamin Gärtner (38). Er räumte ein, einen Stephan, der als „NPD-Stephan“ bekannt sei, zu kennen.
    https://www.bild.de/news/inland/news-inland/neonazi-als-tatverdaechtiger-soll-im-fall-luebcke-etwas-vertuscht-werden-62715382.bild.html

  3. Der hessische Innenminister Peter Beuth hat jetzt vorm Innenausschuss des hessischen Landtags ausgesagt, dass der ehemalige V-Mann-Führer Andreas Temme „dienstlich befasst“ war mit Stefan Ernst, dem mutmaßlichen Lübcke-Mörder vom Juni dieses Jahres, beschwichtigte aber sogleich,
    dass dies „keineswegs verwunderlich“ sei, Temme habe schließlich Informationen aus der rechtsradikalen Szene in Nordhessen dienstlich sammeln müssen.
    Der Minister versicherte jedoch: „Eine Zusammenarbeit zwischen Stephan E. und dem Landesamt für Verfassungsschutz, die gab’s zu keiner Zeit.“

    Markus H., der langjährige Kumpan des Lübcke-Mörders, könnte zumindest bei früheren Taten dessen Anstifter gewesen sein und wird in Sachen Lübcke-Mord immerhin der Beihilfe beschuldigt. Wenn er also darüberhinaus V-Mann (gewesen) wäre, hätten die Hessen den nächsten Skandal.
    Die SPD-Abgeordneten erkundigten sich daher nach Bezügen Temmes zu Markus H., was dem Minister „nicht bekannt“ sein will – ausschließen wollte er es also zum Befremden der Abgeordneten aber auch nicht.

    Pikantes „Detail am Rande“: Temme arbeitet jetzt im Regierungspräsidium Kassel – der ermordete Walter Lübcke war Chef dieser Behörde,
    https://www.fr.de/politik/hessen-verfassungsschuetzer-temme-stephan-befasst-13126669.html

    1. Das wäre schon ein unglaublicher Zufall:
      „Heute arbeitet Temme im Regierungspräsidium Kassel. Der Chef dieser Behörde, Walter Lübcke, wurde am 2. Juni vor seinem Haus in Wolfhagen erschossen, mutmaßlich aus rechtsradikaler Motivation von Stephan E.“
      Hier wird ersichtlich, dass der Geheimbericht von Abgeordneten durchgelesen wird:
      „Anlass für die Debatte war eigentlich der Umstand gewesen, dass der Grünen-Abgeordnete Jürgen Frömmrich Informationen aus dem Geheimbericht des Verfassungsschutzes ausgeplaudert hatte – zumindest teilweise mit Genehmigung des Ministers und des Verfassungsschutzes, wie in der Sitzung deutlich wurde.“

  4. Brisante Geheimberichte lesen zu dürfen und sie dann auch tatsächlich gelesen zu haben, spricht natürlich sehr gegen die gespielte Ahnungslosigkeit von Abgeordneten.

    Hier kommt allerdings noch hinzu, dass aus dem „Geheimbericht“ ein Leser „geplaudert hatte“ und das nicht mal eigenmächtig, sondern „zumindest teilweise mit Genehmigung der Ministers und des Verfassungsschutzes“ – in Hessen, wo man gerne auch mal 120-jährige Aktensperren verhängt. Nach dem Lübcke-Mord kritisierte sogar „der frühere CSU-Obmann im NSU-Untersuchungssauschuss die Geheimhaltung rund um das mysteriöse Verhalten eines hessischen Verfassungsschützers“ und forderte die Freigabe der Akten,
    https://www.focus.de/politik/deutschland/sollen-eigentlich-120-jahre-geheim-bleiben-csu-fordert-nach-luebcke-mord-freigabe-der-hessischen-nsu-akten_id_10840457.html

    Fünf Jahre nicht geheim, dann gleich für 120 Jahre, die dann zwei Jahre später schon wieder nicht mehr gelten sollen – ist dieser Eiertanz ein Rückzugsgefecht in einem zusamenbrechenden Lügengebäude oder doch nur gezielt gestreute Brisanz, d.h. ein erneuter Akt im „Schauspiel zur Aufrechterhaltung eines NSU als Dauerbrenner“?

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