Geraubte Heilbronner Polizei-Dienstwaffen im NSU-Wohnmobil – hatte Polizeichef Menzel Vorwissen?

Teil der erzählten Geschichte über die sogenannte „Selbstenttarnung des NSU“ ist, dass die angeblichen Bankräuber Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zwei polizeiliche Dienstwaffen in ihrem „Fluchtauto“, ein Wohnmobil, mitnahmen. Am 04.11.11 hätten sie dort einen „erweiterten Selbstmord“ begangen, so dass der damalige Einsatzleiter Michael Menzel eine der Dienstwaffen im Wohnmobil entdeckte und seine Baden-Württemberger Kollegen benachrichtigte, die ab dem 05.11.11 bei der Spurensicherung und den Ermittlungen aktiv teilnahmen. Dieser Artikel bietet einen Überblick über die unterschiedlichen Darstellungen, chronologisch und namentlich sortiert, welche der Dienstwaffen zuerst gefunden worden wäre, die den überfallenen Heilbronner Polizisten Michele Kiesewetter und Martin Arnold geraubt wurden. 

Die Übersicht, zur größeren Ansicht auf Grafik klicken:




„NSU-Leaks“ veröffentlichte ein paar Auszüge aus Michael Menzels letzten Ausführungen, die er am 24.11.16 bei seiner (dritten) Zeugen-Vernehmung durch den thüringer Ausschuss traf.

Es ist unklar, ob er sich inzwischen beide Varianten offenhält: Entweder die Kiesewetter- oder die Arnold Dienstwaffe wäre zuerst geborgen und identifiziert worden. Welche sagt er offenbar nicht (mehr).

Vors. Abg. Marx
„Also, das ist der Lagefilm der LPI (…) Führung Lagefilm ab 04.11.2011, 17:05 Uhr. (…).“

Michael Menzel

„Und zwar zeitlich vorgelagert, circa eine halbe Stunde vorher, dürfte ein Eintrag in den Lagefilm sein, dass eine Waffe aus dem Wohnmobil geborgen worden ist, identifiziert worden ist. Anhand der Waffennummer ergab sich der Hinweis auf das Tötungsdelikt zum Nachteil von Frau Kiesewetter in Heilbronn. (…).“

Um 16:20 wurde offenbar die Arnold-Schusswaffe per INPOL-Abfrage der Waffennummer identifiziert:

Wenn diese Abfragen korrekt sind, dann stellt sich folgende Frage: Hatte Menzel Vorwissen, dass auch noch die Kiesewetter-Dienstwaffe im Wohnmobil gefunden werden würde. Er meldete ihren Fund gegen 17:00 nach Baden-Württemberg, so dass die dortigen Beamten deswegen nach Thüringen anreisten.

Die Baden-Württemberger Polizistin Sabine Rie. war am 05.11.11 vor Ort bei den Ermittlungen eingebunden. Sie erstellte Protokolle. Die dort gemachten Angaben würden jedoch z. T. konträr zu Menzels Erinnerungen stehen.

Menzel: „Offensichtlich gibt es eine andere Wahrnehmung von der Kollegin und von mir, und wenn sie so etwas aufschreibt in der Sache, dann ist das so.“

Wahrscheinlich spielt er hier darauf an, dass die Ermittler, laut Rie., erst vormittags am 05.11. von der identifizierten Arnold-Schusswaffe erfuhren.

Rie.: „Und ich habe nur die Information, einen Vermerk von Herrn Ritten. – das ist der Leiter von der Kripo in Heilbronn – der den Anruf bekommen hat, mit dem Herrn Menzel telefoniert hat, bekommen. Und da steht drin, die Waffe der Michele Kiesewetter – also definitiv. Ich habe selber dann am 05.11. um 10:40 zurückgemeldet nach Stuttgart, und jetzt ist auch die Waffe von Martin Arnold gefunden worden.“

Seltsamerweise ließ sich Menzel die Baden-Württemberger Polizei-Protokolle zukommen, offenbar um sich auf seine Gerichtsaussagen vorzubereiten. Dabei bemängelte er (angebliche) dort enthaltene falsche Angaben nicht, wie die Ausschuss-Vorsitzende Marx feststellte.

Menzel:

„Mir war nicht bekannt, was die Kollegen da aufschreiben, also sprich, ich kannte den Inhalt des Protokolls nicht, sondern ich habe erfahren, dass es dann so ein Protokoll gibt, und deswegen folgerichtig für die Gerichtsverhandlung in München gebeten, es mir zuzusenden. (…).“

Vors. Abge. Marx

„Gut, seitdem ist es Ihnen bekannt. Haben Sie denn, wenn Sie sagen, Sie haben die Sachen nicht autorisiert, und Sie sagen jetzt, dass Dinge, die dort drinstehen, so nicht stimmen, dann den Versuch unternommen, nach dem 29. Oktober 2013 zu antworten und zu sagen: „Hey schön, dass ich das Protokoll bekommen habe, aber da stimmen folgende Sachen nicht a, b, c“?

Menzel:

(…) Das sind Unterlagen, die die Kollegen für sich aufgeschrieben haben in Baden-Württemberg. Wir haben die Dokumentation in dem System Damoko gemacht und alles das, was für uns wichtig war zu Dokumentation der Maßnahmen, ist in diesem System niedergeschrieben worden. (…)“

Michael Menzel sagte im münchner NSU-Prozess aus, dass zuerst die Kiesewetter-Dienstwaffe identifiziert worden wäre, erst später die von Arnold. Warum verließ er sich dabei offenbar auf die Angaben in den Baden-Württemberger Protokollen, wenn die thüringer „Damoko“-Dokumentationen hatte und seine Erinnerungen anderes aussagten?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.