Der NSU-Krimi von Wolfgang Schorlau wird verfilmt

Gabriele Muthesius veröffentlichte Mitte November 2016 im „Blättchen“ den Artikel „Fünf Jahre NSU-Ermittlungen – Fakten, Fakes & Fehler“. Darin geht sie detailliert auf die Arbeit des thüringer NSU-Untersuchungsausschusses ein, offenbar liegen ihr die Wortprotokolle der Zeugen-Befragungen vor.

Die Befragungen offenbaren harmlose Fragereien uninformierter Parlamentarier. Wenn sich Zeugen in Widersprüche verstricken oder eigenen, früher getroffenen Aussagen widersprechen, lassen das Abgeordnete „unbeanstandet passieren“ (Muthesius). Sich aufdrängende scharfe Nachfragen oder gar Konsequenzen bleiben aus.

Gabriele Muthesius geht beispielsweise auf die Aussage des damaligen Polizeichefs Michael Menzel ein. Er sagte als Zeuge im NSU-Gerichtsverfahren und im 1. thüringer NSU-Ausschuss aus, dass er die Kiesewetter-Dienstwaffe zuerst im Wohnmobil gefunden hätte und am Spätnachmittag die baden-württemberger Polizei über den Fund informierte. Dem 2. thüringer Ausschuss sagte er, es wäre zuerst die Dienstwaffe des ebenfalls überfallenen Polizisten Martin Arnold gewesen. Kiesewetters Waffe wäre erst am späten Abend identifiziert worden.

Der Autor Ekkehard Sieker nahm ein Stück weit die Parlamentarier in Schutz:

„In den diversen NSU-Untersuchungsausschüssen sitzen im Übrigen in der Regel keine professionellen Befrager. Man sollte daher Sachverhalte wie unterlassenes Nachhaken nicht überbewerten.“

Inkompetenz ist das eine, bei der linken Abgeordneten Katharina König besteht jedoch der Verdacht, die Öffentlichkeit bewusst falsch zu informieren. Gabriele Muthesius stellte eine Aussage Königs heraus, die kurz nach der zweiten Befragung Menzels in einem Radio-Interview fiel. Dort behauptete König, dass nun …

„… die großen Fragen und vor allem die großen Theorien und Möglichkeiten, was da am 4.11. nun alles hätte passieren können oder vielleicht passiert ist, durch den Thüringer Untersuchungsausschuss ausgeräumt“[81] seien.

Ein anderes Beispiel: Während einer Podiums-Diskussion mit den Buchautoren Wolfgang Schorlau und Ekkehard Sieker negierte König fehlende Blutspuren hinter der Leiche von Uwe Mundlos.

Tatortfotos widersprechen ihr jedoch: An der Wand/Matratze hinter Mundlos‘ Kopf befindet sich „kein für einen Schädelnahdurchschuss typisches Spritzmuster (Blut, Gewebe, Knochensplitter)“. Laut der linken Abgeordneten würden jedoch spezielle dreidimensionalen sogenannten Spheron-Aufnahmen diese Muster belegen.

„Die Thüringer Landtagsabgeordnete Katharina König (Die Linke) hatte dieser Feststellung vor einigen Monaten auf einem Podium im Grünen Salon der Volksbühne zu Berlin[106] mit dem Hinweis widersprochen, der Thrüringer Ausschuss verfüge „seit ungefähr zwei Monaten“[107] über die dreidimensionalen sogenannten Spheron-Aufnahmen der Ermittler, „und darauf sieht man alles[108] – „darauf sieht man sowohl die Blutspuren an den Wänden, auf denen sieht man die Gehirnmasse“[109]. Auf den Spheron-Aufnahmen allerdings, die das Thüringer Landeskriminalamt in die Dokumentation seiner Ermittlungsunterlagen aufgenommen hat, ist nichts dergleichen zu sehen.[110] (Abb. 6)

Die fehlenden Blutspuren hinter Mundlos fallen sogar „Lecorte“ auf, einem „„Verschwörungstheorie“-Kritiker im Internet“. Daher nimmt er an, dass …

„… Mundlos sich also mit dem Rücken zur Nasszelle und nicht zur hinteren Wand/Matratze des Aufenthaltsraumes erschoss.“

Aber warum fiel Mundlos dann nicht rückwärts in Richtung der Nasszelle, sondern liegt mit dem Rücken an der gegenüberliegenden Wand/Matratze, mit den Füßen zum Aufenthaltsraum hin? Außerdem ist das Austrittsloch des Geschosses nicht an der Decke über der Nasszelle, sondern im hinteren Bereich des Aufenthaltsraumes. Welche unnatürliche Verrenkung müsste Mundlos gemacht haben, um so fallen zu können: Rücken zur Nasszelle gewendet, jedoch in Richtung der Fahrerkabine gestanden, die Schussrichtung steil nach oben.

Es wäre ein unglaublicher Skandal, wenn der thüringer NSU-Untersuchungsausschuss die offizielle Darstellung des Ablebens von Mundlos/Böhnhardt bestätigen würde, aber danach schaut es aus. Solange die Massenmedien den Skandal nicht thematisieren, ist er auch nicht real. 

Immerhin wird jedoch ein Teil der Öffentlichkeit aufgeklärt: Es gibt im Moment Dreharbeiten zur Verfilmung von Schorlaus NSU-Krimi „Die schützende Hand“. Darin werden unter anderen die angeblichen Abläufe im Wohnmobil nachgestellt und damit weiter erschüttert.

17 Gedanken zu „Der NSU-Krimi von Wolfgang Schorlau wird verfilmt“

  1. Und ? Mag ja alles sein, aber wen wird es kümmern ? Wenn sich die Legislative, von der ja angeblich alle Macht ausgeht, weil vom Volk gewählt, von der Exekutive vorführen lässt wie ein Rind bei der Viehauktion und das wie selbstverständlich hinnimmt, z.B. so etwas Abstruses wie „Aussagegenehmigung“, das Ganze bestenfalls in Internetforen ( so wie hier ) in seine nicht stimmigen Einzelteile zerlegt wird ohne jedwede Konsequenz, selbst für die nachweislich falschaussagenden Angehörigen der Exekutive, so what ? Es ist natürlich immer gut und richtig, Leute wie des Königs Kathi, die das NSU Narrativ aus für sie nachvollziehbaren politischen Gründen wie eine Monstranz vor sich hertragen, auf den einen oder anderen Sachverhalt, der so nicht stimmen kann oder schlichtweg herbeigelogen ist, hinzuweisen. Aber es ist illusorisch, irgendwelche Konsequenzen, welcher Art auch immer, zu erwarten. Was letztendlich wirklich passiert ist in Stregda und anderswo, dass sollte nach schlappen fünf Jahren eigentlich jedem, der die entsprechenden Internetforen verfolgt, einigermassen klar sein. Das es die offizielle Darstellung nicht sein kann inklusive. Aber auf irgendwelche staatlichen Eingeständnisse oder „Aufklärungsergebnisse“ setzt hier ja wohl keiner mehr. Was wirklich war, wird nie offiziell herauskommen, es sei denn, einen der Beteiligten überkommt auf dem Sterbebett die grosse Reue, solls ja geben.

    MfG

  2. Habt Ihr das schon gesehen:
    Wolf Wetzel: Das unwahrscheinliche Ende des NSU
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=35857
    Das ist nicht schlecht und sehr konzentriert im Vergleich zu Schorlaus Roman. Bravo Wolf Wetzel:
    „Die spontane Deprofessionalisierung der Gerichtsmedizin“
    Die Nachdenkseiten laufen derzeit insgesamt zu großer Form auf und sind vielleicht das beste linksorientierte Medium und vielleicht sogar das beste aller alternativen Medien. Beim Thema Trump ist mir das schon aufgefallen: sie bringen es fertig, sich von Trump und der lausigen Propaganda gegen ihn und (vor allem) seine Wähler gleichzeitig zu distanzieren.
    Auch das ist erste Sahne:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=35838
    Die Botschaft stimmt, die Qualität stimmt, und die Reichweite hat es in sich: http://www.nachdenkseiten.de/?p=35792
    200.000 Besucher pro Tag sind eine Hausnummer. Damit dürfte Wolf Wetzels Beitrag der größte Fortschritt für die Verbreitung der NSU-Skepsis seit Schorlaus Roman sein.
    Freut mich sehr, dass Wetzel wieder Anschluss an den Stand der NSU-Erkenntnisse gefunden hat. Respekt!

    1. Der Anfang ist gut: Er stellt die ganze Geschichte grundsätzlich in Frage, das heißt Tatmotiv und rechtsextremistische NSU-Täter. Gut.

      „Was dreizehn Jahre ein einziges Rätsel war, wurde innerhalb weniger Tage ›aufgeklärt‹. Alles, was man dazu brauchte, befand sich ganz ordentlich und unversehrt in besagtem ausgebranntem Campingwagen. Was will man gegen einen solch sagenhaften Glücksfall einwenden?

      Diese Version wird bis heute aufrechterhalten. Zeugen für diesen Tathergang, Zeugen für die im Campingwagen gefundenen Gegenstände gibt es nicht. Alles stützt sich einzig und allein auf die Auswertung von Spuren.“

      Er erwähnt die Rußlungen-Lunge.

      Gibt aber ein paar kleinere Schwachstellen:
      -Speicherkarte des Feuerwehrmannes ist ihm wieder zurückgeschickt worden, aber leer! Sie soll dem Ausschuss vorliegen.
      Bereits am nächsten Tag verkündet die Polizei, dass es sich bei den Toten um Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos handele. Ich kenne keine Medienberichte, in denen am 05.11. die Identitäten verkündet worden seien.
      „Uwe Mundlos lag nicht auf dem Rücken, nach vorne gebeugt (wie dies die späteren Tatortfotos zeigen), sondern auf dem Bauch.“ Oh, das ist ein schwerer Fehler, denn die Feuerwehrleute haben Mundlos Lage nie anders gesehen. Vielmehr lag Böhnhardt mit den Füßen nach oben im Gang. In den Fotos liegt er seitlich auf dem Bauch.
      „Protokolle, die das LKA in Baden-Württemberg erstellt hatte, um ihren Einsatz beim „Selbstmord“ in Eisenach 2011 zu dokumentieren, sind verschwunden.“ Irgendwo las ich, dass die Rieger-Protokolle wieder aufgetaucht wären und dem Ausschuss vorlägen.
      -Zur Beweismittelvernichtung hätte noch reingepasst, dass die Handydaten der Polizisten vom Tatort Stregda vernichtet wurden.

  3. Der Thüringer Untersuchungsausschuss hat getan was er konnte und er hat den Sachverhalt auch weitestgehend aufgeklärt. Wahrscheinlich ist den Ausschussmitgliedern dieser Umstand jedoch garnicht bewusst. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die kürzlich erhobenen Forderungen, Lügner hart zu bestrafen. Wir werden sehen.

    Mit Abstand die besten Fragen hat ohne jeden Zweifel die Abgeordnete König gestellt. Deren Fragetechnik ist durchaus professionell. Zwar gab es eine ganze Reihe von Versuchen, Zeugen zu beeinflussen und ihnen über die jeweiligen Fragen Sachverhalte zu suggerieren, welche die Zeugen ursprünglich nicht wahrgenommen hatten, aber in einem derartigen Gespinnst aus Lügen, bewirken selbst solche Manipulationen noch Aufklärung. Im übrigen hat Frau König zu keinem Zeitpunkt versucht, Zeugen unredlich zu beeinflussen und das ist dieser Frau hoch anzurechnen. Wie Sie ihre Erkenntnisse letztendlich kommuniziert, ist eine ganz andere Frage, denn schließlich ist Sie eine Abgeordnete der Linken.

    Persönlich bin ich dem UA 6/1 jedenfalls dankbar.

    1. Ich bin wirklich gespannt auf Deine Recherche, die Du kommunizieren solltest. Ich fürchte, dass Du hingehalten wirst. Du solltest umso mehr veröffentlichen, wenn Deine Vermutung zutreffen würde, dass es bei den thüringer Abgeordneten nur am Unrechts-Bewusstsein der aufgedeckten Vorgänge hapert.
      „Wahrscheinlich ist den Ausschussmitgliedern dieser Umstand jedoch garnicht bewusst.“
      Dass es sich bei Königs Darstellungen auch um ein Kommunikationsproblem handeln würde, kann ich mir nicht vorstellen:
      „Wie Sie ihre Erkenntnisse letztendlich kommuniziert, ist eine ganz andere Frage, denn schließlich ist Sie eine Abgeordnete der Linken.“
      Ich fürchte, dass Du bitter enttäuscht werden wirst.

      Kannst Du einen Link/Quelle geben, dass Abgeordnete jüngst fordern würden, Lügner hart zu bestrafen?

        1. Ich weiß nicht, ob Du das ableiten kannst:
          Denn als Beispiel erwähnen Marx und König nicht die Vorgänge rund um das Wohnmobil, sondern dass „Akten geschreddert“ wurden, beim Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln, oder dass „Rechtsextremisten“ beim münchner NSU-Prozess gelogen hätten. Für mich hört es sich an: Bei uns in Thüringen kein Problem, wir haben aufgeklärt.

          1. Die König ist doch ein falscher Fuffziger. Da gib es das Video, bei dem sie zu meiner Überraschung sag, daß die die Uwes sich nicht geselbstmordet haben. Warum ist sie dann nicht konsequent und lässt damit den ganzen Schwindel auffliegen.
            Wenn kein Selbstmord, wer ist dann der Mörder?
            Und da ermordet, was ist das Motiv gewesen?
            Und anschliessend kann mann das große Fass aufmachen, wie bestimmte Leute hier Morde entsorgen wollten.
            Aber der Mord an den Uwes muss die König zum großen Thema machen.

  4. (@pitman:) Der Mord an den Uwes wird nicht erst durch die König zum großen Thema gemacht. Der ganze erste Thüringer U-Ausschuss hat das 2014 (parteiübergreifend!) in seinem Abschlussbericht getan:
    http://www.tagesspiegel.de/politik/nsu-ausschuss-in-erfurt-sieht-indizien-gegen-suizidthese/10365072.html
    http://www.thueringer-landtag.de/imperia/md/content/landtag/aktuell/2014/drs58080.pdf

    Die Mainstreammedien haben aus dem großen Thema dann allerdings wieder ein kleines gemacht, indem sie nur beiläufig berichteten und sich die eigentlich aufdrängenden Folge-Fragen verkniffen.

    Während Journalisten ja immerhin die Freiheit der Themenwahl für sich beanspruchen können, ist das OLG München eigentlich verpflichtet, in einem NSU-Prozess solchen wichtigen NSU-Spuren nachzugehen – es ignoriert sie aber komplett und beschäftigt sich lieber mit der Kindheit und Jugend des Trios und verbummelt damit bisher fünf Jahre. Wenn niemand wegen dieses Skandals laut aufschreit, warum will man es von der König verlangen?

    Wenn sie nur lapidar wiederholt, was beim 1. Thüringer PUA hochoffiziell nachzulesen ist, dann darf sich wegen der unerledigten Hausaufgabe „Anprangerung Suizid-Fake“ eben jeder Zuhörer angesprochen fühlen; vielleicht legt sie es ja gerade darauf an?

    (@hintermbusch:) Wolf Wetzels „spontane Deprofessionalisierung der Gerichtsmedizin“ überzeugt mich dagegen weniger. Die Polizei will ja während des „Suizids“ anwesend gewesen sein und schloss Fremdeinwirkung (dritter Mann) rigoros aus. Sie konnte als vertrauenswürdige Behörde der von ihr herbeigerufenen Gerichtsmedizinerin also einen glaubhaften exakten Todeszeitpunkt auftischen.

    Warum sollte die Professorin Mall den hinterfragen, jedenfalls sofort und vor Ort? Die Spurensicherung war nicht abgeschlossen und ist zunächst mal Aufgabe der Polizei, nicht der Gerichtsmedizin. Mall hatte keinen Grund, die Spurensicherung zu stören, aber guten Grund, an die Professionalität der Spurensicherer zu glauben. Hierzu gehört ein zügiges Vorgehen und Herausarbeiten der Fragen, die man nicht selber beantworten kann, sondern anschließend doch noch an die Gerichtsmedizin weiterreichen muss.

    „Wo stand der Schütze? Wo befanden sich die Hülsen?“ – diese von Wetzel genannten typischen Tatort-Fragen fallen vorrangig in die Zuständigkeit der Spurensicherung. Deren Versagen mag dazu führen, dass man sich nachträglich eine andere Zuständigkeit wünscht; es war aber bestimmt nicht Job der Prof. Mall, die Kollegen von der Spurensicherung vor Ort erst mal einem Kompetenz-Check zu unterziehen!

    Viel wichtiger als die vermeintlichen Unterlassungen der Gerichtsmedizin müsste für Wetzel und uns alle die Klärung sein, was es denn nun auf sich hat mit dem (versehentlich?) vor der Öffentlichkeit erwähnten Schreiben der Gerichtsmedizin,
    die Uwes seien schon ein bis vier Stunden vor ihrem offiziellen „Suizid“ tot gewesen, siehe am 05.09.2016 im „Blättchen“.

    „Ausgerechnet zur entscheidenden Todeszeitpunktfrage überraschte Katharina König bei der Podiumsveranstaltung im Grünen Salon das Auditorium dann aber doch noch mit einem Paukenschlag: Der Thüringer Ausschuss verfüge neben den Obduktionsbefunden über ein weiteres „offizielles, von der Gerichtsmedizin ausgestelltes Schreiben, nämlich dass der Todeszeitpunkt von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am Freitag, am Freitagvormittag, im Zeitraum circa acht bis elf Uhr stattgefunden hat. […] Freitagvormittag, ich glaube, acht bis elf steht drinne […].“[54] Das korrigierte sie zwar kurz darauf, wobei sie implizit ihre konkrete Zeitangabe zurücknahm: „Entschuldigung, das war jetzt mein Fehler. Freitagvormittag […].“[55] Aber auch der Vormittag endet um 12:00 Uhr mittags. Steht damit also fest, dass Mundlos und Böhnhardt bereits tot waren, als die Streifenpolizisten um 12:05 Uhr am Camper eintrafen?
    http://das-blaettchen.de/2016/09/%E2%80%9Ebesenrein%E2%80%9C-%E2%80%93-oder-%E2%80%9Ewie-viel-staat-steckt-im-nsu%E2%80%9C-37111.html

  5. @ bekir
    „spontane Deprofessionalisierung der Gerichtsmedizin“
    Dieser Begriff hat zwei Ebenen:
    1.) die faktische
    2.) die plakative, gegen die „spontane Deradikalisierung“
    Mein Lob galt vor allem der zweiten Ebene, aber auch faktisch ist der Vorwurf voll berechtigt. Gerichtsmediziner wissen ganz genau, wie wichtig der Todeszeitpunkt und seine möglichst frühzeitige Bestimmung sind. Dieses Versagen wird durch kein anderes Versagen und auch kein „Vertrauen“ relativiert. Gerichtsmediziner sind für wissenschaftliche Methoden zuständig, die jenseits jedes Vertrauens für zuverlässige Fakten sorgen sollen. Der Todeszeitpunkt wäre ein Fakt, den jeder verstehen kann und der wahrscheinlich schon alles vernichten würde, was offiziell über das Ende des NSU berichtet wird. Gegen den richtigen Todeszeitpunkt würden Menzels Aussagen ebenso wenig helfen wie die aller gebrieften Polizisten von Stregda. Es hätte sich auch nicht gelohnt die Anwohner aus dem Verfahren zu halten etc.

    Grundsätzlich zeigt der Fall Katharina König nach meiner Meinung einmal mehr, dass die Konzentration auf Personen ein Riesenfehler bei der NSU-Aufklärung ist. Wir haben keine Ahnung unter welchen Verlockungen, Zwängen und Drohungen alle öffentlichen Personen in dieser Sache stehen, aber die Todesfälle im NSU-Umfeld geben einen gewissen Hinweis. Wir wissen also nicht, ob jemand freiwillig und mit eigenem Zweck lügt, gezwungen lügt oder ob er unter Gefahr noch möglichst viel an Widersprüchen und Ungereimtheiten an die Öffentlichkeit durchgeben will. Wetzel kann bestimmt mehr aussprechen als König, aber wissen wir, warum er es (erst jetzt) tut? Klar ist in jedem Fall, dass er zu Eisenach nur rausgelassen hat, was der Arbeitskreis NSU schon 3 Jahre lang begründet vermutet und seit vielleicht 2 Jahren ziemlich sicher weiß. Kein Grund, ihm ab sofort zu „vertrauen“ und ihn als Person in den Himmel zu heben. Es ist klar, dass der AK NSU in der Sache viel mehr geleistet hat. Schade nur, dass gerade er den Kult um Personen(beschimpfung) so sehr liebt. Ziel muss es aber sein, möglichst viel von der Wahrheit zu verbreiten. Kult um Personen, gute oder böse, ist da nur ein Hindernis.

    1. @hintermbusch Das kann ich nicht bestätigen, dass da welche bedroht, verängstigt wirkten. Welchen Eindruck machten die thüringer Parlamentarier auf mich, als ich den U-Ausschuss besuchte:

      Marx: Karriere-orientiert.
      König: Aggressiv.
      Henfling: Verpeilt.
      Henke: Bemüht.
      CDU-ler: Verdruckt.

      1. Danke für die interessante Charakterisierung!
        Da hat Frau Marx aber in der 1. Runde nicht optimal agiert, wenn es ihr nur um die Karriere geht.
        Es würde mich ja schon interessieren, was die „aggressive“ König über die Sache denkt. Man müsste mal in einer Sitzung ihre Gehirnströme abhören und vertonen. Eine entsprechende App wäre die ultimative Killerapp 🙂
        Ob sich der Einsatz bei Madeleine Hänfling auch lohnen würde? Der Wikipediaeintrag spricht nicht unbedingt dafür.

    2. Keine Frage: Das Vertrauen der Gerichtsmedizinerin galt einem (staatlichen) Apparat, der es nicht verdiente. Und eine sofort durch sie vorgenommene Feststellung des richtigen Todeszeitpunkts wäre ergiebiger gewesen als die Untätigkeit, bei der sie es dann aber tatsächlich beließ.

      Aber das ist die Betrachtung im nachhinein, bei der man bekanntlich immer schlauer ist. Das gegenseitige Vertrauen staatlicher Stellen, die routinemäßig zusammen- oder sich zu-arbeiten, ist nämlich nicht völlig freiwillig und ins eigene Ermessen gestellt. Es wird im Normalfall erwartet (d.h. wenn keine anderweitigen Indizien vorliegen), dass man in das gesetzmäßige Verhalten der Gegenseite vertrauen soll und darf. Und dass das Mindestmaß an (z.B. Stichproben-)Kontrolle, das überall notwendig ist, von den jeweils internen Vorgesetzten und speziellen Prüfstellen bereits ausreichend wahrgenommen wird.

      Dieser Regelfall einer vertrauensvollen Zusammenarbeit von Beamten verschiedener Behörden macht aus Effizienz-Gründen Sinn und musste aus Sicht der Prof. Mall in Stregda vorgelegen haben. Oder woraus hätte sie (vor Ort, nicht im Nachhinein) Verdacht schöpfen sollen, dass die sie herbeirufenden Polizisten ihr einen falschen Todeszeitpunkt vorspiegeln wollen oder zumindest einem gewaltigen Irrtum unterliegen?

  6. Wir hatten ja schon öfters über die vor Ort unterbliebene Todeszeitpunktfeststellung diskutiert. Generell sollte man sich keine Illussionen machen, dass Vater Staat ein allzu großes Interesse an der exakten Todesursache in jedem Einzelfall habe, vom Todeszeitpunkt ganz zu schweigen.

    Laut Experten gebe es viel zu wenig Obduktionen und daher viel zu viel übersehene unnatürliche Todesfälle. Der gewöhnliche Totenschein kann / muss von jedem Arzt ausgestellt werden, ist aber wesentlich billiger und kann daher von vorneherein nicht die Qualität liefern wie eine Obduktion durch teure Spezialisten. Das Problem ist seit vielen Jahren bekannt, wird vom Staat aber aus Kostengründen hingenommen.
    Ärzte haben daher kaum Angst vor Strafen dieses Staates, der das Fiasko ja gar nicht beheben bzw. nichts dafür zahlen will. Sie haben allenfalls Angst vor Regress, wenn sie z.B. einem Selbstmörder einen natürlichen Tod bescheinigen und eine Versicherung dann fälschlicherweise was an die Angehörigen zahlt.

    Letzteres konnte in Stregda ja nicht passieren, da die Polizei höchstpersönlich sich ja als Zeuge für Suizid und Todeszeitpunkt vor die Gerichtsmedizinerin stellte.

    Wären die zwei Uwes wirklich flüchtige Bankräuber gewesen und wären keine weiteren (politisch-terroristischen) Bezüge im Raum gestanden, dann hätte sich keine Öffentlichkeit für die Ergebnisse oder auch nur für die korrekte Durchführung der Obduktion interessiert. Es hätte sich eher umgekehrt manch einer aufgeregt, dass tote Nichtsnutze noch mit einer aufwändigen (und unnötigen?) Obduktion geehrt werden, die der Staat bei Otto Normalsterber quasi von vorneherein als unnötig betrachtet.

  7. „Grundsätzlich zeigt der Fall Katharina König nach meiner Meinung einmal mehr, dass die Konzentration auf Personen ein Riesenfehler bei der NSU-Aufklärung ist. Wir haben keine Ahnung unter welchen Verlockungen, Zwängen und Drohungen alle öffentlichen Personen in dieser Sache stehen, aber die Todesfälle im NSU-Umfeld geben einen gewissen Hinweis.“

    Binninger spricht mit großem Ernst Klartext: Keiner von 26 Tatorten hat BMZ-DNA, Fremd-DNA bleibt unbeachtet. Prompt taucht Böhnhardt-DNA bei Peggy auf. Ja, ganz sicher. Kurz später war doch alles wieder heiße Luft. Ein Wink mit dem pädophilen Zaunpfahl, wie als Warnung an den Edathy-Nachfolger, sich allzu sehr auf die DNA-Frage einzuschießen und das Narrativ anzugreifen?

    König macht dagegen wohl in Zynismus, denn „Wetzel kann bestimmt mehr aussprechen als König“? Sie steckt mit klarem Kopf jedenfalls so tief in der Materie, dass sie nicht einfach „irrtümlich“ von einer Todeszeit der Uwes von 8-11 Uhr faseln und auf ein entsprechendes, spezielles Schriftstück der Gerichtsmedizin verweisen konnte.

    Sie weiß aber: Wenn das Münchener Gericht die PUA-Suizid-Zweifel nicht mal zur Kenntnis nehmen will (unbeanstandet von den Qualitätsmedien), dann kann auch sie selber mal ein zusätzliches Stück Wahrheit komfortabel aus dem Sack lassen, damit kurz spielen und dann gleich wieder blocken mit „Sorry, da war grad eben nichts. Weitere Fragen bitte nicht an mich“.

    So als kleiner (und in jeder Beziehung ungefährlicher) Beitrag zur Wahrheitsfindung für Interessierte, auch (oder gerade) wenn er vom Mainstream routinemäßig ignoriert werden wird.

  8. Man kann endlos darüber diskutieren und das wird ja auch gemacht. Der ehemalige BKA-Chef Ziercke schrieb früher mal in einem Aufsatz mit dem Titel „Aufklärung von Straftaten als strategische Aufgabe“, Zitat:

    „Nach Schmitz ist die Vernehmungsarbeit (…) als „Aushandeln der Wirklichkeit“ zu betrachten. Dieser Aushandlungsansatz ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis von Vernehmungen. Vorrangig geht es um die Rekonstruktion und Beschreibung von Wirklichkeit. Dabei ist es von großer Bedeutung, dass sich die ausgehandelte Version des Geschehens nicht zu weit vom angenommenen tatsächlichen Geschehen entfernt. Insoweit ist es möglich und notwendig, den ausgehandelten Anteil am Vernehmungsgeschehen und die Aushandlungsmacht, die von den Vertretern der Institutionen ausgeübt zu werden pflegt, zu reduzieren“ Zitat Ende.

    Mehr muss zur Arbeit der Untersuchungsausschüsse nicht gesagt werden.

    Anzumerken bleibt, dass der Titel des Aufsatzes aus späterer Sicht auch „Die Verhinderung der Aufklärung von Straftaten als strategische Aufgabe“ hätte lauten können. Ziercke war schon der richtige Mann am richtigen Platz.

  9. Es macht keinen Sinn, Untersuchungsausschüssen Noten zu geben.

    Wenn, muss man ihre Arbeit unter Druck setzen.
    Gut ausgearbeitete Fragen, an denen die BKA-Dokumente zur Begründung dran kleben.Losgetreten vor jeder Sitzung, themenkonkret auf die Zeugen zugeschnitten.
    Gerade bei den Thüringern, wo die AfD schon lange am Tisch sitzt, wäre das nicht auszusitzen.
    Kann ein Einzelner nicht, der AK könnte es, will aber nicht.

    Hinzu kommt, das die Thüringer viele Unterlagen tatsächlich nicht haben und zumindest die CDU und die SPD wie die Friseure in die Befragung marschieren.
    Die würden bei jedem NSU-Quiz an der 100 Euro Frage scheitern.

    König hat den Fokus Verfassungsschutz.
    Ihre Befragung geht immer in die Richtung und ist in der Regel suggestiv.
    Sie fragt nur nach dem, was sie hören will, und nicht was sein könnte.

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