Der thüringer NSU-Ausschuss fragt vergebens nach Böhnhardts und Mundlos Fahrrädern

Der parlamentarische Untersuchungs-Ausschuss (PUA) des thüringer Landtages hat sich das Ziel gesetzt, die Vorgänge am 04.11.11 aufzuklären, die beschönigend als „Selbstenttarnung des NSU“ umschrieben werden. An dem Tag hätten Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos eine Eisenacher Sparkasse überfallen und wären zuerst per Fahrrad geflüchtet. Die Räder wären dann in ein Wohnmobil eingeladen worden, mit dem die Flucht in den Eisenacher Stadtteil Stregda weiterging. Dort wurde das NSU Wohnmobil mit den beiden erschossenen Männern von zwei Streifenpolizisten gefunden. Damit die Geschichte stimmt, müssten die Fahrräder im Wohnmobil gewesen sein. Der PUA tut sich jedoch schwer, den Nachweis deren Existenz zu führen.

Die Thüringer Parlamentarier fragten den Einsatzleiter gegen die Bankräuber und damaligen Polizeichef von Gotha, Michael Menzel, wo genau denn nun die Fahrräder gefunden worden seien. Menzel bemühte seine Erinnerung und sagte, dass sie „möglicherweise“ im Wohnmobil entdeckt worden seien…

“Die Frage wo denn die Fahrräder aufgefunden wurde könne er nicht beantworten, weil er die Fahrräder selbst nicht gefunden habe.  Der Erinnerung nach seien diese möglicherweise im Wohnmobil entdeckt worden. Ob die Fahrräder in seinem Abschlussbericht explizit genannt worden ist ihm nicht mehr erinnerlich.” (haskala)

Ein Kollege hätte ihm mitgeteilt, dass die Fahrräder in der Heckgarage des Wohnmobils gewesen wären.

“Zu den Fahrrädern erinnert er sich, dass die Fahrräder nicht im Innenraum des Wohnwagens sondern in einer Art Fahrradgarage am Ende des Fahrzeuges waren. Das habe ihm ein Kollege mitgeteilt.” (haskala)

Die Fahrräder von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos könnten also laut Menzel in der so genannten Heckgarage des Wohnmobils untergebracht gewesen sein. Um genügend Platz den Rädern zu bieten, hätte dort das untere Schlafgestell ins Fahrzeuginnere hochgeklappt sein müssen.

Wenn das Bett also nach unten gelegt ist, bietet die Heckgarage nicht genügend Platz. Dieser youtube-Werbefilm für das verwendete Wohnmobil-Modell „Sunlight A68“ veranschaulicht den Mechanismus.

Verschiedene Tatortaufnahmen aus dem Innenraum geben jedoch kein klares Bild, ob das untere Schlafgestell herauf- oder herunter-geklappt war.

1. Graue Fläche vor Schlafkoje

Eine graue Matratze ohne Überzug verstellt den Blick in die untere Schlafkoje. Davor hängt ein Kabel herunter, welches an der Matratze des oberen Bettes befestigt ist.

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In sämtlichen Fotos, die den toten Mundlos und die untere Schlafkoje zeigen, ist diese Matratze zu sehen. Dass die Fotos vom 04.11. stammen, ist wegen der Präsens des toten Mundlos abzuleiten. Erst am Abend des 04.11. wurde seine Leiche aus dem Wohnmobil gebracht. 

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Foto: Berliner-Kurier

Später aufgenommene Tatortfotos, ohne Mundlos, geben kein klares Bild: Wenn die graue Fläche verschwunden ist, gibt sie den Blick entweder auf ein hochgeklapptes oder heruntergeklapptes Bettgestell frei. Die graue Matratze ist vom Tatort entfernt worden. 

Wo waren die Fahrräder?

Fotos aus der Garage

In der Bildmappe Bd 4-1 6 Obj Tatbefund WoMo – Bilder KPI Gotha wird darauf hingewiesen, dass „im Kofferraum/Garage des Wohnmobils“ zwei Fahrräder gefunden wurden.

„Am 05.11.2011 wird durch KHK Harder und KOK Sopuschek (KPI Gotha/ Kriminaltechnik) der gesamte Inhalt des Wohnmobils (…) aus den jeweiligen Komplexen und Bereichen (mit Bildtafeln -BT- dokumentiert) teilweise in Plastiktüten gesichert und in Umzugskartons verpackt. Im Kofferraum/ Garage des Wohnmobils werden zwei Fahrräder aufgefunden.“

In der anschließenden Gliederung „Zusammenstellung – Bildtafeln und Komplexe-1“ fehlen jedoch die Bildtafeln 27 und 28 mit den Fahrrädern. 

Auf den hinteren Seiten der Bildmappe ist die „Übersichtsaufnahme zu BT27 und BT28“. Das Foto zeigt die beiden Räder in der Garage, aber ohne Bildtafel. Deutlich ist die vom Brandruß angeschwärzte linke Außenwand zu sehen. Rechts ist das hochgeklappte untere Schlafgestell sichtbar. Ein Teil des Vorhangs ist rechts eingequetscht sichtbar. An den Fahrrädern ist kein Brandruß zu sehen – wurden sie vor der Aufnahme sauber gemacht?  

Quelle: Bild.de

Zwei weitere Fotos zeigen die Räder, die jedoch außerhalb des Wohnmobils, an einen LKW gelehnt, stehen. Daneben befinden sich Bildtafeln 27 und 28. Im Asservaten-Verzeichnis steht:

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Bildtafel 8 zeigt Heckgarage ohne Fahrräder

Bildtafel 8 zeigt das Foto eines kleinen Fahrradcomputers, Fundort Stauraum vom hinteren unteren Bett! Anhand des grauen Bodens und der dunkelbraunen Wand besteht kein Zweifel, dass der Computer in der Heckgarage lag. 

„14./219.0 1 Fahrradcomputer Bildtafel 8, im Stauraum vom hinteren unteren Bett, im 05.11.11 KOK Sopuschek KPI GothaOriginal in Pappkarton gesichert“… aus Ordner „Bd 11 Ass Grundsatz Obj 1

Es handelt sich nur um eine Detailaufnahme des Computers. Daneben ist wohl das untere Ende einer Fahrradpumpe zu sehen, die nicht weiter in der Spurensicherung auftaucht. Der Computer und Pumpe sind in der „Übersichtsaufnahme zu BT27 und BT28“ nicht zu sehen, könnten jedoch von den Rädern verdeckt werden.

Aussagen des bei der Spurensicherung beteiligten Beamtens

Laut Kriminalhauptmeister (KOK) Sopuschek hätten sie am 05.11. „das ganze Fahrzeug (…) eigentlich durchsucht, von vorne bis hinten“. (haskala) Er kann sich offenbar nicht erinnern, die Fahrräder im Wohnmobil gesehen, geschweige denn herausgeholt zu haben.

„Marx: Wann sind denn die Fahrräder genau aus dem Fahrzeug genommen worden. Waren Sie das oder wurden die schon am 04.11. rausgenommen? Da gab es doch so ein Extrafach hinten in dem Wohnmobil.

Sopuschek: Ja, ich weiß. Da müsste man auf die Bilder gucken. Ich habe Bilder gemacht, bevor wir überhaupt in das Wohnmobil reingegangen sind. Da könnte es sein die Fahrräder haben links vom Wohnmobil gestanden, was man da auf den Bildern sieht. Wenn da nichts steht, dann haben wir sie rausgenommen. Eigentlich müssten wir sie mit rausgenommen haben. Aber genau es ist vier Jahre her, ich …“ (nsu-leaks)

Die Linken-Abgeordnete Katharina König veröffentlichte ein abweichendes Protokoll. Es handelt sich bei ihr nicht um ein Wortprotokoll. Es wird dort der Eindruck erweckt, dass sich der Polizeibeamte glaubt zu erinnern, die Fahrräder herausgeholt zu haben, ohne es beschwören zu können.

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Es kann nur abgewartet werden, bis die Wortprotokolle des thüringer Landtages veröffentlicht sind. Dann wird entschieden, welches Protokoll zutreffend ist.

Das Bundeskriminalamt (BKA) durchsucht nochmal

Anfang März 2012 durchsuchte eine Tatortgruppe des BKA das Wohnmobil, „Antrag auf Kriminaltechnische Untersuchung ST BAO TRIO, Az. 140006/11, vom 02.03.12.“. Die Ermittlungsmappe „Bd4-1-01 Wohnmobil Allgemeines“ zeigt Fotos aus dem Wohnmobil. 

Im Untersuchungsbericht sind schwarz-weiße Fotos abgebildet. Bild 2 zeigt den „hinteren Bereich – Kofferraum/Garage.“ Das Bett ist nach hinten ausgeklappt! Es hätte also kein Platz für Fährräder bestanden.

„Bei hochgeklapptem Bett (Bild zeigt heruntergeklapptes Bett) steht ein Kofferraum/ Garage zur Verfügung.“

Im Kofferraum stehen dementsprechend keine Fahrräder, sondern ein Plastikkorb. Darin befinden sich nicht identifizierbare Gegenstände, genauso wie auf dem ausgeklappten Bett darüber! Es könnte sich dabei um einen Rucksack und einen Schlafsack handeln. 

Bild 3 zeigt den Kofferraum, jetzt leergeräumt. Soweit erkennbar ist jetzt das Bett hochgeklappt.

„Bild 3 : wie Bild Nr. 2 – nur leer geräumt.“  

Am 23.02.12 schreibt Kriminaloberkommissar L. in einem Bericht, dass am 04.11. um 13:40 die Feuerwehr die Türe zur Heckgarage geöffnet hätte. Es hätten sich darin zwei Fahrräder befunden. Eine Aufnahme eines privaten Fotografen zeigt jedoch, wie L., ohne Gummihandschuhe, selber an die Türe der Heckgarage fasst. 

Weder an der Heckgarage noch an den Fährrädern waren Fingerabdrücke.

„Daktyloskopische Spurensuche

Der Kofferraum wurde am 07.03.12 in der Zeit von 11:30 bis 11:45 zusammen mit 2 Camping- Gasflaschen und dem Gasflaschencontainer mit Cyanacrylat bedampft. Es konnten keine auswertbaren Fingerspuren festgestellt werden.“ Ordner „Bd4-1Ordner1WohnmobilAllgemeines“

Es wurden auch keine Fingerabdrücke auf den Fahrrädern gefunden. 

Stand der Dinge bis heute, Anfang April 2016: Die thüringer Parlamentarier konnten bis jetzt keinen Polizisten ausfindig machen, der sich klar erinnern kann, die Fahrräder aus dem Wohnmobil geholt zu haben. 

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