Wurde ein dienstliches oder privates Taschenmesser gefunden?

Am 25. April 2007 kam es zum Heilbronner Polizistenüberfall. Die Mörder raubten den Beamten Michele Kiesewetter und Martin Arnold verschiedene dienstliche Gegenstände. Es gibt unterschiedliche polizeiliche Versionen, ob ein dienstliches  oder privates Taschenmesser darunter war. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um das private Messer von Arnold, welches er erst am 03.03.2008 als vermisst meldete.

Bei dem Taschenmesser handelt es sich um ein Multifunktionstool der Marke „Victorinox“. Das dienstliche Messer hat eine eingravierte Polizeinummer am Kreuzschraubenzieher, das private nicht.

Die Kriminalpolizei fasste am 30.04.2007 den Stand der Ermittlungen zur „Spur Nr. 16“ wie-folgt zusammen. Das Taschenmesser von Arnold, mit der Nummer 5.245, wurde folglich nicht entwendet. Es konnte „bei der Bereitschaftspolizei Böblingen (…) festgestellt werden.“ Lediglich Arnolds Schusswaffe ist als „entwendet“ gekennzeichnet.

Das Taschenmesser von Kiesewetter konnte dagegen „bislang nicht aufgefunden“ werden. Es ist aber seltsamerweise nicht als „entwendet“ gekennzeichnet, im Gegensatz zur ihrer Schusswaffe, dem Ersatzmagazin, Pfefferspray  und der Handschließe. (nsu-leaks)

Der Blogger „fatalist“ hinterfragt treffend den Vorgang:

„Und nun erklären Sie mal bitte, wie Sie darauf kommen, bei dem Taschenmesser hinzuschreiben “bislang nicht aufgefunden”, und nicht wie bei den anderen Dingen “entwendet“.

Erklären Sie das mal bitte!
Weg ist weg.“ (NSU-leaks)

Er vermutet, dass Kollegen das Taschenmesser am Tatort sahen. Es wäre dann nachträglich verschwunden.

Für diese Darstellung spricht folgende polizeiliche Aufstellung, die auflistet, welche Ausrüstungsgegenstände die beiden Polizisten verwendeten. Lediglich das Messer von Michele Kiesewetter wurde als „im Einsatz verwendet“ beschrieben. Bei Arnold fehlt diese Angabe. Offenbar hatte er es an dem Tag nicht dabei.

„Folgende FEM wurden von den Kollegen im Einsatz verwendet.

PEMin Kiesewetter

(…)

– 1 Taschenkombi mit Kette Nr.: 5122″ (nsu-leaks)

Für die Darstellung von „Fatalist“ spricht auch eine unglaubliche email  vom 25.08.2007. Kriminalhauptkommissar Mathias F. schreibt darin einem Kollegen, dass das Taschenmesser von Kiesewetter zurückgegeben wurde und sich jetzt im Besitz der Polizei (BePo) befindet.

„Hallo Soko, Hallo Claus,

Kollege Robert M., WUG der Einsatzabteilung von der 5. BPA (…), teilte mir heute Vormittag telefonisch mit, dass sich das im Intranet der Polizei BW veröffentlichte und zur Fahndung ausgeschriebene Taschenmesser, Marke Victorinox,  (…) 5.122, von Michele Kiesewetter am 22.05.07 an den WUG zurückgegeben wurde und sich somit im Besitz der Polizei (BePo) befindet.“ (nsu-leaks)

Hinzufügung 06.03.16 nach Hinweis von „fatalist“

Am 03.03.2008 teilte Martin Arnold laut Ermittlungsakten „erstmals“, dass er sein privat erworbenes Multifunktionstool der gleichen Marke vermisst. Er hätte es am Tattag an seiner Koppel, in einem Etui, mitgeführt.

„Da das Multifunktionstool sich nicht bei den hiesigen Asservaten befindet, muss davon ausgegangen werden, dass es im Rahmen der Tathandlung von einem der Täter entwendet wurde.

Das dienstlich gelieferte Messer der Marke Victorinox, Individualnummer: 5.245, befindet sich noch im Besitz des Geschädigten.“ (nsu-leaks)

Sogenannte „Selbstenttarnung des NSU“ am 04.11.11

Polizeihauptmeister Frank Lenk findet am 06.11.11 im Brandschutt vor dem abgebrannten Haus ein Multifunktionstool, der Marke Victorinox.

Am 21. November 2011 schrieb der Journalist Hans Leyendecker, dass das Taschenmesser in der Wohnung gefunden wurde, denn: „Die Killer sammelten Trophäen.“ Jetzt ist es aber auf einmal Arnolds Taschenmesser, was bekanntlich 2007 bei der Bereitschaftspolizei Böblingen gefunden wurde. 

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Am 17.02.12 fasste das Landeskriminalamt Baden-Württemberg die Ermittlungen bis 04.11.11 zusammen und leitete den Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft Stuttgart weiter. Dort steht, dass ein „Multifunktionstool der Marke Victorinox“ „entwendet“ wurde, und: Es gehörte Arnold!

„Im Zusammenhang mit der Tat am 25.04.2007 wurden dem Geschädigten, Martin ARNOLD folgende Gegenstände entwendet:
• Dienstwaffe, Pistole H & K, P 2000, Nr. 116-010514 samt Magazin und 13 Patronen, 9 mm x QD/PEP.
• Multifunktionstool der Marke Victorinox

Die entwendeten Gegenstände wurden „europaweit zur Sachfahndung ausgeschrieben“, „sofern sie über eine Individualnummer verfügten“.

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A. K., Kriminaloberrat wurde am 16. Oktober 2015 vom Baden-Württembergischen Untersuchungsausschuss befragt. Er schilderte den Stand der Ermittlungen „mit Schwerpunkt Baden-Württemberg“, aus Sicht des Bundeskriminalamts. Das gefundene Multifunktionstool konnte den überfallenen Polizisten zugeordnet werden!

„Z.A.K.: …Darüber hinaus sind die Ausrüstungsgegenstände, die den beiden Kollegen K. und A. entwendet worden sind im Zusammenhang mit diesem Attentat, mit diesem Anschlag, in der Frühlingsstraße ebenfalls gefunden worden, namentlich Handschließen, ein Reizsprühgerät und ein MULTIFUNKTIONSTOOL. Diese drei Gegenstände, die wir K. und A. zuordnen konnten, sind ebenfalls in der Frühlingsstraße in Sachsen aufgefunden worden….“ (Protokoll, Landtag BW)

Wie kam Messer von der Polizei nach Zwickau?

Wenn das dienstliche Messer wirklich im Zwickauer Brandschutt gefunden worden wäre, wie kam es dann zum NSU? Es geht ja nur das private Messer von Arnold ab.

Im NSU-Prozess sagte Kriminalbeamte Stefan Ri., von der Kripo Heilbronn aus. Er ermittelte, „welche Gegenstände der Betroffenen Kiesewetter und A. am 25.4.2007 gefehlt haben.“ Er sagte,  dass es sich nicht hätte feststellen lassen, ob „ein Taschenmesser der Marke Victorinox verloren gegangen oder entwendet worden sei“. 

„Es habe sich dann herausgestellt, dass bei Martin A. nur die Waffe, bei Michèle Kiesewetter Pistole, Magazin, Reizstoffspray und Schließe gefehlt hätten. Ob ein Taschenmesser der Marke Victorinox verloren gegangen oder entwendet worden sei, habe sich nicht feststellen lassen.“ (nsu-watch)

Die Darstellung ist merkwürdig: Wenn das dienstliches Taschenmesser im Zwickauer Brandschutt wirklich gefunden wurde, dann könnte man ableiten, dass der NSU des beim Überfall entwendete.

Die Bundesanwaltschaft sah aber im Zwickauer Messer (Asservatennummer 2.7.71) „keine Verfahrensrelevanz“, denn …

„Alle Multitools der Marke Victorinox sind frei verkäuflich.

Gem. Spurensicherungsbericht vom 12.12.11 konnten an dem Tool keine Spuren gesichert werden.“

Quelle: nsu-leaks

Offensichtlich befand sich einfach keine polizeiliche Nummer an dem Tool.

Am 18.02.16 war Kriminalhauptmeister Frank Lenk beim zweiten NSU-Ausschusses des Bundestages als Zeuge geladen. Der Blogger Siegfried Mayr war anwesend. Er berichtete in einem Artikel, dass Lenk das Messer in seiner Aussage erwähnt hätte. Es wäre einer „bayerischen Polizeieinheit“ zugeordnet worden! Daraufhin wäre CDU-Politiker Clemens Binninger eingeschritten und hätte den Irrtum korrigiert.

„Als Lenk bemerkte, am Abend des 5.11. sei die Zuordnung eines Multifunktionstools zu einer bayerischen Polizeieinheit erfolgt, lachte Binninger kurz laut auf und beugte dem Entstehen von Verschwörungstheorien durch eine rasche Korrektur des Irrtums vor.“ (Dr. Siegfried Mayr)

Die Abgeordneten der NSU-Ausschüsse mögen bei der Bundesanwaltschaft nachfragen, warum das Taschenmesser keine Verfahrensrelevanz hat. Hatte das  in Zwickau gefundene Messer keine eingravierte Polizeinummer? Dann könnte es sich um das private Messer von Arnold gehandelt haben.

3 Gedanken zu „Wurde ein dienstliches oder privates Taschenmesser gefunden?“

    1. Danke für den Hinweis! Das habe ich jetzt Erstmals gehört. Dann würde sich diese Ungereimtheit auflösen. Ich habe den Artikel gleich verbessert.

  1. Das steht samt Screenshots aus der Akte bei Nachdenkerin. Kein Problem. Gleich oben im Strang.

    hxxp://nsu-leaks.freeforums.net/thread/534/heilbronn

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