Baden-Württemberg: NSU-Ausschuss macht Opferfamilie Heilig für verschwundene Beweise verantwortlich

Am 16.09.13 sollte der Zeuge Florian Heilig vom Landeskriminalamt Stuttgart verhört werden. Er sagte bereits Mitte 2011, dass Rechtsextremisten Michele Kiesewetter ermordet hätten. Genau am 16.09.13 verstarb Heilig unter bis heute ungeklärten Umständen. Laut Darstellung der Polizei hätte er sich selbst in seinem Auto an der Stuttgarter „Wasen“ verbrannt. Es ist von großer Bedeutung, sein Handy auszuwerten. Obwohl das Gerät die Familie im ausgebrannten Auto fand, kann die Auswertung inzwischen als gescheitert angesehen werden. Im Mittelpunkt des Skandals steht der NSU-Untersuchungsausschuss von Baden-Württemberg und der Rechtsextremismusforscher Prof. Hajo Funke.

In dem Handy von Florian Heilig befinden sich Informationen, wer ihn am Sonntag, 15.09.13, um 17 Uhr anrief. Dieser Anruf besorgte Heilig laut Aussage seiner Familie sehr. Zum anderen zeigt das Handy die Nachrichten, die er mit seiner inzwischen verstorbenen Freundin Bandini in der Todesnacht ausgetauscht haben soll. Heiligs Vater sagte dem Ausschuss, dass „Bandini“ ihm sagte, dass sie 35 WhatsApp-Nachrichten bis morgens 4:38 Uhr“ gewechselt hätten. Kurz vor 12 Uhr nachts fotografierte Heilig einen grünen Sportwagen, die Aufnahme sandte er an seinen Vater. In der Zeit hätte Heilig laut seiner Schwester ungewöhnlicherweise die Sängerin Nena zitiert. Sie glaubt nicht, das er es selbst gepostet hatte. Die Zitate sind aus den Wortprotokollen des Landtages von Baden-Württemberg entnommen, die hier zu finden sind.

18.09.13, Familie findet Beweismittel im Auto

Zwei Tage nach dem Tod Heiligs will die Polizei das Auto von Florian Heilig verschrotten lassen. Das verhindert die Familie. Sie schleppt das Auto ab und durchsucht das Fahrzeug. Sie findet unter anderem ein Handy und einen Laptop. Das Handy war „zwischen den Sitzen auf dem Boden geglitten.“ Laut Aussage der Schwester würde es sich um das Handy handeln, das ihr Bruder in der Nacht benützte.

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Ausdrücklich weisen die Angehörigen darauf hin, dass der große Schlüsselbund von Florian Heilig nicht im Auto war.

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Im Zimmer von Florian Heilig findet die Familie SIM-Karten.

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Ende 2013, Anfang 2014, Funke nimmt Kontakt mit Familie auf

Der Rechtsextremismusforscher Hajo Funke nimmt Kontakt mit der Familie auf und wird zu einer Vertrauensperson. Der Vater Heiligs bezeichnet ihn „als unser Berater“ vor dem er „so viel Respekt“ hätte.

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Die Familie übergibt Hajo Funke Anfang 2014 Beweismittel aus dem Auto. Es waren laut Funke vier Gegenstände: Laptop, Camcorder, Handy und eine externe Festplatte.

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02.03.2015, Vater berichtet von Handy mit SIM-Karte

Der Vater von Florian Heilig, Gerhard Heilig, sagte am 02.03.2015 im U-Ausschuss aus und betonte, dass im übergebenen Handy eine SIM-Karte vorhanden war. Zu Funke habe er “bodenloses Vertrauen”. Funke hätte angeboten, die Karte und auch die Festplatte untersuchen zu lassen, eventuell können sie ausgelesen werden. Im Moment würde „alles irgendwie“ stagnieren.

“Das Telefon und der Laptop ist im Moment im Besitz – also der Hajo hat es gekriegt, um eventuell er hat gemeint er hat Beziehungen, die die Karte eventuell auch die Festplatte vom PC auslesen können. Aber im Moment ist es so, dass es alles irgendwie stagniert.”

Während der Befragung stellte sich heraus, dass die Familie gemeinsam mit Hajo Funke kooperationsbereit ist. Dem Ausschuss geht es um Übergabe der Beweismittel von Funke an sich. Der Ausschuss schlägt vor, „außerhalb der Behörden“ einen Kreis zu schließen. 

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15.03.15, Weitere Durchsuchung des Autos

Am Sonntag, 15.03. durchsuchte die Schwester von Florian Heilig in „Anwesenheit einer Vertrauensperson“ das Fahrzeug und fand zwölf Beweisstücke, darunter der Schlüsselbund und ein Handy. Die Gegenstände wurden am Dienstag dem Ausschuss übergeben. Die Abgeordneten sahen damit die Selbstmord-Behauptung der Polizei bestätigt.

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Hajo Funke betonte in seiner Aussage vor dem U-Ausschuss, dass „wesentlich“ er die Familie überzeugen konnte, …

„… im März 2015 eine ganze Reihe weiterer – insgesamt zwölf – Gegenstände, u. a. einen Schlüsselbund, eine Pistole und ein Handy, vertrauensvoll der Leitung des Untersuchungsausschusses zu übergeben. Es war die Leitung des Untersuchungsausschusses, die mich gebeten hat, eigens – übrigens unentgeltlich – nach Stuttgart zu kommen, damit die Übergabe auch erfolgreich wird. Kaum jemand hat mehr für die Vertrauensbildung der Familie in diesem Untersuchungsausschuss getan als ich.“

23.03.15, Familie hat Angst, das Dinge „verloren gehen“ können

Hajo Funke berichtete auf seiner Website, dass erst nach einer Woche mit Gesprächen die Familie bereit war, die Gegenstände dem Untersuchungsausschuss zu übergeben. Die Familie bestand darauf, dass die gefundenen Dinge nicht der Polizei übergeben werden dürften.

„Die Angst, diese Dinge könnten „verloren gehen“, war zu groß.“ (hajo-funke)

Hajo Funke schreibt, dass Florian Heilig „in den Tod getrieben“ wurde.

07.05.15: Ausschuss fordert Funke auf, das Handy zu übergeben 

In einer Pressemeldung wird seitens des Ausschusses Kritik an Hajo Funke geübt. Es wird erwartet, dass Funke die Beweismittel dem Ausschuss übergibt.

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22.05.15, Rucksack mit Beweismitteln wird Familie zurückgegeben

Aufgrund dieser Kritik des Ausschusses, zieht sich Funke zurück. Am 22. Mai 2015 gab ein Mittelsmann der Familie einen Rucksack mit Beweismittel. Funke schaute während der Übergabe nicht in den Rucksack, war jedoch bei der Übergabe selber dabei. [ab Zeitindex 28:00] 

“Ich habe mir erlaubt in den Rucksack nicht hineinzugucken.Ich weiß aber, dass man sehr darum gekämpft hat diesen 22. Mai nach hinten zu schieben, damit noch mehr ausgelesen wird. Wie das nun im einzelnen war, weiß ich glücklicherweise nicht mehr.

Weil ich nach dem 7. nach dem Angriff wusste, das bringt nichts mehr, ich muss mich zurückziehen, ich muss das anderen überlassen.”

Wolfgang Drexler (SPD) stellte klar, dass sich laut der Familie Heilig im zurückgegebenen Rucksack lediglich Laptop und Camcorder befanden – es gab kein Handy und keine externe Festplatte! Darauf antwortete Funke [28:30]:

“Wie gesagt. Mein Eindruck ist ein anderer, aber ich kann nicht in die Augen und die Art und Weise der Kontrolle des Rucksacks hineinschauen. Ich weiß es nicht.” (rdl)

17.07.15, Hajo Funke weist Vorwürfe zurück

In seiner Erklärung vor dem Ausschuss verteidigt sich Funke, dass er nur „ein Handy“ bekommen hätte. Und es gibt ein Handy, „das unter dem Fahrersitz (…) lag“ und welches mit seiner Vermittlung an den Ausschuss übergeben worden sei. „Ist das ausgelesen worden?“

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Funke betont, dass laut Übergabe-Protokoll dem Ausschuss auch mehrere SIM-Karten übergeben wurden.

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Desweiteren enthielt das Handy, welches er Anfang 2014 von der Familie Heilig erhielt, keine SIM-Karte! Das hätte er nicht selbst festgestellt, sondern sein freundschaftliche Umfeld („Beritt“).

„Viertens zum Handy. Das Handy wies ebenfalls starke Brandspuren auf. Es war ein verbrannter Klumpen ohne SIM-Card, ohne Speicherkarte oder sonstiges Zubehör.“

Hajo Funke betont, dass er …

„… nicht weiß, wo das Handy sich jetzt befindet. Ich kann nur – –

Vorsitzender Wolfgang Drexler: Sie wissen es nicht?

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Der Abgeordnete Nikolaos Sakellariou wies Funke darauf hin, dass laut der Familie eine SIM-Karte im Handy war, und fragte, ob ihm eine Manipulation des Handys aufgefallen sei. Hajo Funke antwortet, dass er das nicht beantworten könne.

„Abg. Nikolaos Sakellariou SPD: Sie haben ja gesagt: ein Klumpen ohne SIM-Card; das sei das, was Sie in Erinnerung haben. Wenn es ein Klumpen ohne SIM-Card war und das das Gerät ist, von dem die T. H. gesprochen hat, muss die SIM-Card nach dem Brand entfernt worden sein – also nach meinem Verständnis, weil ich habe das jetzt versucht abzuleiten. Ist Ihnen an diesem Klumpen irgendwie deutlich geworden, dass dieser manipuliert wurde, um die SIM-Karte zu entfernen?“

Desweiteren sprach Funke davon, dass er „völlig überrascht“ wurde, als bei der Übergabe „ein weiteres Handy“ auftauchte. Er hätte dann noch gesehen, „dass Elemente  von Handys“ (…) zusätzlich über den Tisch gelegt wurden.

„Das heißt, es war ein solcher Klumpen von Handys (…), dass ich natürlich mich frage: Kann das auch das andere Handy gewesen sein oder das dritte, das nur noch in Teilen im Auto lag? Oder ein viertes?

Und kann es auch sein (…) vor der Rückgabe die Polizei doch ein bisschen geguckt hat? Also dieses Mit-Gewalt-Aufschlagen, -Aufdrücken der Festplatte muss vor dem Rückgabezeitpunkt geschehen sein. (….).“

 18.09.15: Hausdurchsuchung bei der Familie Heilig

Der schwarze Peter wird der Familie Heilig zugeschoben. Die Wohnung wurde durchsucht. Der U-Ausschuss von Baden-Württemberg wirft der Familie vor, Beweismittel zurückzuhalten, „vor allem den Laptop und ein Handy aus dem Brandauto.“ Deswegen herrsche im Ausschuss Einigkeit, dass keine weitere Untersuchung des Falles erfolgt. Die Familie hat das Recht auf Aufklärung verwirkt.

„Die Vertreter aller Fraktionen sind sich einig, dass im Moment keine weiteren Untersuchungen im Fall Heilig erfolgen sollen.

SPD-Obmann Sakellariou erklärt, wenn die Familie Beweismittel verweigere, sei das Recht auf Aufklärung verwirkt.

Der CDU-Obmann Pröfrock bezeichnet den Rechtsanwalt der Familie Heilig und den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Joachim Funke als Berater, die dem Aufklärungsinteresse nicht zuträglich, sondern abträglich seien. Für ihn sei der Tod von Florian Heilig ein „tragischer Unglücksfall“, sagt Pröfrock.“ (nsu-watch)

Anders als die Eltern erkennen die Abgeordneten des Ausschusses keine Hinweise auf Fremdverschulden beim Tod von Florian Heilig.

9 Gedanken zu „Baden-Württemberg: NSU-Ausschuss macht Opferfamilie Heilig für verschwundene Beweise verantwortlich“

  1. Nicht zu fassen, erst will die Polizei die Beweismittel in der Schrottpresse verschwinden lassen und dann beschuldigt mann Fam Heilig Beweismittel zurückzuhalten. Den eigentlichen Zündmechanismus zu identifizieren halte ich für fallrelevant.

  2. Krasser Shit. Da sieht man mal, was für ein Filz da „im Ländle“ selbst über Leichen geht und Angehörige noch mit Dreck bewirft. Wenn ich das richtig sehe, ist inzwischen sonnenklar, dass der NSU weder für Kiesewetter (Kollegen-DNA gefunden!) noch sich selbst (Dritter Täter am Wohnmobil) noch die letzten „Döner-Mord-Opfer“ (Andreas Temme schon überführt durch Täterwissen) noch die Kölner Rohrbombe im Iranerladen (Phantombild gleicht V-Mann) noch die Keupstraßenbombe (zwei identische Fahrräder mit Hardcase, Zeuge Ali Demir sah Zivilfahnder in Täterfluchttunnel) noch die ganzen toten Zeugen seither (Corelli usw.) infrage kommt… inzwischen müssten ca. 200 Leute wegen Strafvereitelung und Verschwörung in den Knast, aber die Presse deckt diese Schweine nach wie vor. Viel zu krass.

    1. Diese tendenziöse Pressearbeit geht bis hinein ins Feuilleton.
      Ich las kürzlich im Kölner Stadt Anzeiger eine Filmkritik zu einem neuen Doku-Film über das Keupstraßenattentat, in der selbstverständlich vom Attentat des NSU die Rede war, als sei dies inzwischen eine zweifellos gesicherte Tatsache. Vor nicht allzu langer Zeit, war in solchen Artikeln meist noch zumindest ein „vermutlich“ zu lesen, inzwischen soll uns das als genau so gesichert verkauft werden, wie die Vorfälle vom 11.9.
      Zweifel genau hier wie dort selbstredend „krude Verschwörungstheorie“ und wenn man diese beim Fall NSU äußert, ist man gleichzeitig ein Nazi, der was gegen Flüchtlinge hat.
      Armselig.

  3. Haha, aber ich bin (nicht hier, zumindest bisher), seit Jahren immer der Spinner (ect. pp.), wenn ich von einer politischen Schweinejustiz spreche, die man nur mit Stumpf und Stiel ausrotten, aber nicht hinbiegen / reformieren kann.

    Man lese sich auch mal das durch (hat absolut nichts mit NS U zu tun, nur mit dem Filz im Justizsumpf) :
    http://www.danisch.de/blog/2016/02/28/elektrisierend-neuer-rechtsbeugungsaspekt-zum-bundesverfassungsgericht/

    http://www.danisch.de/blog/2016/02/28/demnachst-ein-jorg-haider-unfall-in-deutschland/

  4. „Deswegen herrsche im Ausschuss Einigkeit, dass keine weitere Untersuchung des Falles erfolgt. Die Familie hat das Recht auf Aufklärung verwirkt.“

    Ein normales, mitteleuropäisches Rechtsverständnis scheint bei diesem Ausschuß nur rudimentär vorhanden zu sein. Da werden sie erkennbar, die feudalistischen Herrscherallüren mediokrer, steuerfinanzierter Parteifunktionäre, eher eines Sonnenkönigs als eines „Volksvertreters“ würdig. Aufgrund welcher geheimen Odre mufti dürfen _die_ denn bestimmen, ob ein mögliches Verbrechen untersucht wird oder nicht?

    Der Ausschuß scheint sich heimlich und fröhlich ins Fäustchen zu lachen, weil er vermeintlich einen Grund gefunden hat, nicht aufklären zu müssen und weiterhin vertuschen zu können.

  5. Tja sturmbock, so wie das Politbüro ein Altherrenverein war, so hat sich mittlerweile in Politik und Justiz ein ekelhafter Kropf gebildet den die gemeinsamen Untaten wie Kitt zusammenhalten.

  6. Dieses Gefissel mit „Was war denn im Rucksack drin“ etc stinkt zum Himmel. Wie kann man sich Herrn Funke überhaupt anvertrauen? Das ist doch der, der seit vielen Monaten in jedes ÖR-Mikro faselt, was die Bundesregierung etc. gerade opportun findet/braucht in Sachen „Rechtsextremismus“ etc (Brüll…).

    Meiner rein subjektiven Meinung nach ist Funke keine neutrale Vertrauensperson gewesen, sondern wurde von interessierten Kreisen … ( Rest könnte justiziabel sein)

    Das erinnert mich fatal an die von der Schmidt-Regierung unerträglich hofierte argentinische Militärdiktatur (die mit den bis zu 30.000 ermordeten Oppositionellen…). Deutschstämmige Familien, deren Angehörige „verschwunden“ waren (…worden, vom Militär), wurden in der BRD-Botschaft in Buenos Aires auch an eine „Vertrauensperson“ (nanu?) des argent. Militärs geleitet, einen gewissen Major Peirano. Dummerweise war der selbst massiv in den Entführungs-, Folter- und Mordapparat eingebunden. Die Familien setzten ihre letzte Hoffnung auf ihn, aber komischerweise kam keiner ihrer Angehörigen frei… (Nur so ein Assoziationsblaster, siehe genaueres unter https://de.wikipedia.org/wiki/Argentinische_Milit%C3%A4rdiktatur_%281976%E2%80%931983%29#Vorw.C3.BCrfe_gegen_die_deutsche_Regierung )

    1. PS: Wobei ich Funke selbst gar nichts unterstellen möchte. Die Instrumentalisierung vermeintlich Gutmeinender gehört ja zum Standardrepertoire des internat. Großverbrechertums (äh, der Nachrichtendienste).

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