Ortete der NSU das Handy von Kiesewetter mit stillen SMS?

In der letzten Sitzung des Untersuchungs-Ausschusses des Landtages von Baden-Württemberg wurde ein Zeuge des Handyunternehmens „Telefonica“ verhört. Er äußerte sich ratlos und überrascht, dass die überfallene Polizistin Michele Kiesewetter SMS erhielt, deren Absender nicht zugeordnet werden konnte. Könnte es sich um sogenannte „stille SMS“ handeln, die Polizei und Geheimdienst zur Ortung von Handys einsetzt? Eine Spur könnte zu einem ihrer Kollegen führen, Manuell B. (MB), der an diesem Tag auch Dienst in Heilbronn hatte.

Die Polizistin Michele Kiesewetter (MK) wurde am 25.04.07 kurz vor 14:00 in der Heilbronner Theresienwiese erschossen. Sie führte ein privates Handy mit der Nummer 0160/94760048 (T-Mobile) mit. T-Mobile stellte die Verbindungsdaten zur Verfügung. Dieses Datenblatt und die Ermittlungsakten sind veröffentlicht, siehe NSU-Leaks. Darauf aufbauend ergibt sich folgendes Bild:

Michele Kiesewetter (MK) erhielt SMS von einer Servicenummer des Providers „02“ mit der Nummer 01760000443. Es ist unklar, wer oder was hinter dieser Nummer steckt.

Es erscheint, dass Kiesewetters Handy diese dubiosen SMS beantwortete. Laut Datenblatt von t-online, könnte ihr Handy daraufhin eine SMS an die Nummer ihres Kollegen MB geschickt haben, dessen Rufnummer 0176 … 184 war. Folgende Übersicht vergleicht die eingehenden SMS mit den ausgehenden Rückantworten an MB.

  • 09:51 SMS-Eingang von „O2-Servicenummer“ an MK, Rückantwort an MB um 10:31
  • 11:24 SMS-Eingang, Antwort an MB um 11:33
  • 11:36 SMS, Antwort an MB 11:40
  • 11:45, Antwort 11:47
  • 11:57, Antwort 12:01
  • 12:04, Antwort 12:16
  • 12:21, keine Antwort.

Die „PC-Welt“ schreibt über „stille SMS“, dass der Empfänger von der eintreffenden SMS nichts mitbekommt. Sein Handy schickt „ebenso unbemerkt eine Rückmeldung“. Damit kann das Handy der überwachten Person geortet werden.

„Eine Silent SMS wird auch dann automatisch beantwortet, wenn das Telefon ausgeschaltet ist. Verhindern lässt sich das nur, indem man entweder die SIM-Karte oder den Akku aus dem Handy entfernt.“

Diese Methode der Ortung von Handys wird von Polizei und Geheimdienst eingesetzt. Wenn es sich im Fall Kieswetter um eine „stille SMS“ handelte, dann dürfte die Servicenummer nicht bei ihr im Handy-Speicher aufgetaucht sein.

SMS-Verkehr

In den Ermittlungsakten ist die Auswertung des SMS-Austauschs zwischen den Polizisten MB und MK. Hier taucht nicht die Servicenummer von „02“ auf! Stattdessen wird der Eindruck vermittelt, dass die SMS von MB stammen würden.

Warum zeigen dann die Verbindungsdaten von „t-online“ nicht die Handynummer von MB, als Absender der SMS, sondern die Servicenummer von „02“? 

In den Ermittlungsakten werden von der Polizei selbst erstellte Tabellen mit den erhaltenen und verschickten SMS Kiesewetters dargestellt. Unter den Tabellen wird darauf hingewiesen, dass von den Uhrzeiten jeweils „zwei Stunden abzuziehen“ seien.

Laut der Posteingangs- („Inbox“) und -ausgangs („Sent-Box)-Ordner soll MK mit ihrem Kollegen MB einen regen SMS-Verkehr gehabt haben. Der Hintergrund soll eine Liebesaffäre sein. MK erhielt von MB um folgende Uhrzeiten SMS:

  • Um 10:51, 12:24, 12:36, 12:45, 12:56, 13:04 und um 13:31.
  • Davon sollen zwei Stunden abzuziehen sein:
  • 8:51, 10:24, 10:36, 10:45, 10:56, 11:04 und 11:36.

Es fällt auf, dass von der Minutenanzahl der Uhrzeit eine Übereinstimmung mit der Servicenummer von „O2“ besteht. Wenn statt zwei Stunden eine Stunde abgezogen werden würde, dann würde die Uhrzeit genau mit den Verbindungsdaten der Servicenummer übereinstimmen.

Auch MK soll eine ganze Reihe von SMS an MB verschickt haben und zwar an folgenden Uhrzeiten:

  • 12:42, 13:29, 14:30, 14:37, 14:45, 14:59 und um 15:14
  • Davon zwei Stunden abgezogen:
  • 10:42, 11:29, 12:30, 12:37, 12:45, 12:59 und um 13:14

Die Uhrzeiten entsprechen hier jedoch nicht den Uhrzeiten der Rückantworten, welches das Handy von MK an MB laut t-online verschickte. Es gibt immer mehr Fragen als Antworten.

Wurde der SMS-Austausch zwischen MK und MB frei erfunden, um die Überwachung des Kiesewetter-Handys zu verschleiern? Dann dürfte auch die Liebesbeziehung zwischen ihr und Manuel B. kritisch zu hinterfragen sein.

2 Gedanken zu „Ortete der NSU das Handy von Kiesewetter mit stillen SMS?“

  1. Das waren keine „Stille SMS“.
    Die Irreführung von wegen „Stille SMS“ stammt aus diesem Blogartikel:
    „J. erklärt, dass eine sog Stille SMS nur von Polizeibehörden versandt werden kann und eigentlich nicht von Privatpersonen“
    http://arbeitskreis-n.su/blog/2015/11/30/nsu-laendle-nsu-watch-vertuscht-wesentlichste-aussagen/

    Dort steht nicht, dass tatsächlich Stille SMS verschickt wurden, sondern es ist eine Antwort auf die Frage, ob es sich um Stille SMS gehandelt haben könnte (Nein).

    Tatsächlich läuft das so ab:
    Ein Handy schickt eine SMS nicht direkt an ein Empfänger-Handy, sondern erstmal an die SMS-Zentrale [Short Message Service Centre (SMSC)] des eigenen Providers.
    Dieses Verfahren nennt man MO-AT (Mobile Originated – Application Terminated).
    Zu diesem Zweck ist die Nummer der SMS-Zentrale in der SIM-Karte hinterlegt und wird normalerweise automatisch in den Handy-SMS-Einstellungen eingetragen.
    Optionen/Einstellungen->SMS-> SMS Einstellungen->SMS-Zentralnummer.
    Die SMS-Zentrale schaut dann im SMS-Header nach, welcher Adressat die SMS eigentlich bekommen soll und schickt sie dann dorthin (bzw zu dessen Provider).
    Der Empfänger erhält dann die SMS mit der Telefonnummer der SMS-Zentrale.
    In den jeweiligen Gerätespeichern (Handy Absender und Handy Empfänger) kann man die SMS auslesen und den tatsächlichen Absender bzw Empfänger aus dem Header lesen bzw das Handy macht das automatisch, damit der Handy-Besitzer weiß, wer ihm gerade tatsächlich die SMS geschickt hat.
    Frei-SMS können nur abgerechnet werden, wenn die über die SMS-Zentrale geschickt werden.

    weiterer Fehler im NSU-Blog-Artikel:
    Die Anruf-Doppel sind keine Anrufweiterleitungen, sondern es handelt sich lediglich um den Dienst Rufnummernanzeige (auch „CLIP“ genannt).
    „CLIP“ steht sogar im Klartext bei diesem Anruf-Doppel dabei (Seite 16 im Blog-Artikel).
    https://www.telekom.de/hilfe/festnetz-internet-tv/telefonieren-einstellungen/rufnummernunterdrueckung-rufnummernuebermittlung-clip-clir/rufnummer-des-anrufers-an-meinem-anschluss-immer-angezeigt-clip-?samChecked=true

  2. Stille SMS kann man nur beim FEG-Diensthandy in Betracht ziehen, weil laut Akten die Netzbetreiber-Auskunft zwar richterlich angeordnet wurde, aber auf dem Postweg verloren ging und dann nicht nochmals nachgeordert wurde.

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