Eine Börsenhändlerin erklärt den Derivate-Wahnsinn

Die ehemalige Börsenhändlerin Anne T. veröffentlichte im Jahr 2009 das Buch „die Gier war grenzenlos“. Darin schildert sie konkret, wie Steuerzahlungen „optimiert“ werden können, auch mithilfe von Steueroasen, und den Wahnsinn hinter Derivate-Spekulationen.

Derivate hätten laut Anne T. -eigentlich- die sinnvolle Funktion, Risiken in den Finanzmärkten besser zu verteilen. Sie bieten Käufer und Verkäufer Möglichkeiten, sich vor Veränderungen der Preise abzusichern.

Beispielsweise möchte ein Industriebetrieb sicher sein, dass der Großkunde im nächsten Jahr zum gleichen Preis seine Autos abkaufen wird. Der Kunde wiederum möchte vor Preiserhöhungen abgesichert sein. Deshalb vereinbaren sie, dass der Preis auch im nächsten Jahr gleich bleibt, für eine gewisse Menge Autos.

Es gibt eine große Anzahl verschiedener Risiko-Vereinbarungen, die zum Teil auch an der Börse gehandelt werden. Sie werden sogar ganz unabhängig von realwirtschaftlichen Auftraggebern einfach von Finanzinstituten erschaffen, in der Börse angeboten und gehandelt. Im Einzelnen sind das zum Beispiel:

Forwards

„Ein deutscher Unternehmer, der beim Verkauf seiner Waren in die USA Dollars einnimmt, hat ein Problem, wenn der Dollar sinkt und damit seine Einnahmen in Euro weniger wert sind. Er kann seine US-Dollar-Risiko etwa über Dollar-Forwards absichern.“

Das heißt konkret, dass der Unternehmer mit einem Finanzinstitut eine Vereinbarung abschließt. Die Bank verpflichtet sich, die Dollar des Unternehmers zu einem bestimmten Preis in Euro in einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft umzuwechseln. Wenn der Dollarkurs beträchtlich sinkt, dann macht die Bank einen Verlust. Sie muss dem Unternehmer mehr Euros für die Dollar ausbezahlen, als im Devisenmarkt erzielbar wäre. Ein Forward wird in der Börse nicht gehandelt, im Gegensatz zu den sogenannten Futures, hinter denen aber dasgleiche Finanzprodukt steht.

Long Puts

Wie die „Futures“ ist ein „Long Put“ auch handelbar. Der Fondsmanager vereinbart mit dem Finanzinstitut, dass es das Risiko sinkender Kurse übernimmt. Das Fondsmanager zahlt dafür dem Institut eine Gebühr. Die Bank möchte das Risko loswerden und findet einen Spekulanten an der Börse, der es übernimmt. Der wettet, dass das Portfolio des Fondsmanagers im Wert steigt. Dann verfällt der „Long Put“ und der Spekulant muss an den Fondsmanager nichts zahlen.

„Ein Fondsmanager wiederum, der meint, in schwierigen Marktzeiten könnte sich sein gesamtes Portfolio halbieren, hat beispielsweise die Chance, es so abzusichern, ohne dass es komplett umgeschichtet oder wieder in Festgeld angelegt werden muss. Das funktioniert, indem man maßgeschneiderte Long Puts kauft, also eine Option, die dem Fondsmanager die Verluste auszahlt, wenn der Wert seiner Anlagegelder unter eine bestimmte Summe fällt. Ein Long Put ist also eine Art Versicherung.“

Ein schwer-kriminelles Beispiel von Put-Spekulationen, von dem jedoch Anne T. nichts schreibt, sind Insidergeschäfte am 11. September 2001. Spekulanten wussten offensichtlich, dass die Anschläge mit Passagierflugzeugen der US-Flugunternehmen „American“, „United Airlines“ an dem Tag passieren würden und deckten sich im Vorfeld mit „Put“-Absicherungen ein. Sie kauften sich das Recht, zu einem bestimmten Preis Aktien der Flugunternehmen zu verkaufen (put). Wegen des stattfindenden Kursrutsches am 11. September gab es augenblicklich eine große Nachfrage und sie konnten die Absicherungen zu einem wesentlich höheren Kurs verkaufen. Der Wert dieser „Put“-Derivate explodierte, die Spekulanten machten Millionengewinne.

„Der Präsident der deutschen Zentralbank, Ernst Welteke, berichtet später, dass eine Studie von seiner Bank zeigt:  „Es gibt immer deutlichere Anzeichen, dass es Aktivitäten an den internationalen Finanzmärkten gab, die mit der notwendigen Experten-Sachkenntnis durchgeführt worden sein müssen“ – nicht nur in Aktien von stark betroffen Branchen wie Fluggesellschaften und Versicherungen, sondern auch in Gold und Öl. [Daily Telegraph, 23.09.2001] Seine Rechercheure haben „fast unwiderlegbare Beweise für Insider-Handel“ gefunden [Miami Herald, 24.09.2001] Aus der Website von Lars Schall, „Insiderhandel 9/11…ungelöst

Die 911-Kommission fand heraus, dass die Aktivitäten auf ein großes US-Finanzinstitut zurückgehen, welches nichts mit dem radikalislamischen Terroristen zu tun gehabt hätte. Deshalb wurden die Ermittlungen eingestellt.

Put-Derivate sichern das Recht, Aktien zu einem bestimmten Preis zu verkaufen, Call-Derivate sichern das Recht, Aktien zu einem bestimmen Zeitpunkt zu kaufen. Das bietet den Vorteil an plötzlich steigenden Kursen zu einem günstigeren Preis teilzuhaben! Ein „Call“ ist also eine Kaufoption.

Discount-Zertifikate, Aktienanleihen

Ein „Discount-Zertifikat“ bietet Anlegern den Vorteil, dass sie eine Aktie zu einem günstigeren Preis kaufen können, als an der Börse gehandelt. Dafür profitiert der Anleger aber nur bis zu einer festgelegten Obergrenze von zukünftig steigenden Kursen seiner Aktie. Das Finanzinstitut, welches dem Anleger das „Discountzertifikat“ verkaufte, profitiert dagegen von steigenden Kursen, indem es gezielt für die Aktie „Call“-Kaufoptionen erwirbt.

Bei einer „Aktienanleihe“ kauft der Anleger eine Aktie. Nach einem festgelegten Zeitraum hat er die Wahl sein angelegtes Geld, gering oder gar nicht verzinst, zurückzubekommen oder ein vorher festgelegtes Paket an Aktien zu erhalten. Wenn die Börsenkurse der Aktien steigen, dann wählt der Anleger natürlich das Paket. Das Finanzinstitut sichert sich mit Put-Optionen auf die Aktie ab. Fällt der Wert der Aktie, dann kann sie trotzdem zu einem kostendeckenden Preis verkauft werden. 

„Ein Discountzertifikat war nichts weiter als eine Aktie und eine Short-Call-Position, verbrieft zu einem Wertpapier. Und eine Aktienanleihe konnte man nur als kleine „Bestie“ betrachten, die aber als nette Anlageform daherkam. Sie setzte sich aus einer hochverzinsten Anleihe und einer Short-Put-Position zusammen. Fällt bei dieser Wette die Aktie unter ein bestimmtes Niveau, wird das Festgeld über eine Abnahmeverpflichtung in Aktien umgewandelt.“

Kapitalgarantierte Anlagen

Nachdem die Spekulationsblase der „New Economy“ platzte, suchten Finanzinstitute nach neuen Produkten. Wegen der erlittenen Verluste wurden Anleger sehr vorsichtig. Daher dachten sich die Institute „seriöse“ Produkte aus, die scheinbar dem Anleger sein angelegtes Kapital vor Verlusten absicherte. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt.

„Anstatt Aktienanleihen und Discount-Zertifikaten verkaufen wir den Privatanlegern ganz neue Teile. Kapitalgarantie plus Partizipation an den Aktienmärkten. Quasi Aktie und Anleihe in einem: Bombensicher!“

Konkret heißt das, dass in der Anlage zum Beispiel 70% festverzinslich in Wertpapiere angelegt sind. Die restlichen 30% bestehen dagegen in hochspekulativen Derivaten (Optionen), deren Hintergründe für die Anleger nicht nachvollziehbar sind.

„Schau, die Option, die wir in unsere Anleihe packen, sieht zwar toll aus, aber sie ist ganz billig. Wir können sie für zwei Drittel des Preises am Brokermarkt einkaufen. (…) Das heißt, dass wir die Option fast zum doppelten Preis verkaufen und dabei über 10 Prozent der gesamten Anlagesumme verdienen? (…)

Das neue Produkt schug ein wie eine Bombe. (…) Die Verlierer waren deren Kunden. Denn sie hatten nicht nur in eine unverzinste Anleihe investiert, sie hatten auch von uns völlig überteuert eine Aktienwette auf die globalen Aktienmärkte gekauft. Unsere Boni waren gerettet – und eigentlich die ganze Branche gleich mit. Die Anlageberater, die Filialbanken, alle atmeten auf.“

Bis zum Jahr 2008 war der Markt für strukturierte Zertifikate in Deutschland auf rund 131 Milliarden Euro regelrecht explodiert (…). Dazu kam ein Zertifikategesamtumsatz 2007 von über 600 Milliarden Euro.“

Credit Default Swap (CDS)

Hier nimmt der Spekulant dem Kunden das Ausfallrisiko eines Kredites ab. Dafür zahlt er einen Teil der Zinsen an den Spekulanten.

 „Sollten Firmen wie Daimler, General Motors oder Mitsubishi ihre Anleihen nicht mehr zurückzahlen können, besaß er ein Derivat, das ihm die Sicherheit gab – und bei einer möglichen Insolvenz würde unsere Bank einspringen. (…) Unsere Händler konnten die Risiken natürlich auch am Brokermarkt an andere Banken weiterverkaufen (…).“ S. 109

2008 lag der Umfang der gehandelten Kreditderivate bei 47 Billiarden US-Dollar. „Das weltweite Bruttoinlandsprodukt (…) betrug 2004 dagegen rund 31,5 Billiarden US-Dollar.“

„Inzwischen sind die globalen Finanzmärkte so liberalisiert, dass nicht mehr nachzuvollziehen ist, wer „reale Risiken“ besitzt und wer Phantasie-Risiken, und wie viele Billionen an Kreditrisiken durch den Ringelreigen mit den ursprünglichen Risiken geschaffen wurden. S. 110

Angesichts der globalen Überschuldungsproblematik steigt der Stress im System immer weiter, ein Symptom sind die CDS.

Leerverkäufe

In dieser Spekulationsstrategie übernimmt der Spekulant einen Aktiendepot nur während eines bestimmten Zeitraums. In dieser Zeit handelt er mit den Aktien, er verkauft und kauft die Aktien wieder zurück. Die Märkte werden damit manipuliert, sich nach unten zu bewegen.

„Im Oktober 2008 spielten sie bei VW eine große Rolle, Schätzungen zufolge hatten Spekulanten dadurch bis zu 15 Milliarden Euro verzockt.“

Die VW-Spekulanten hatten auf fallende Kurse gesetzt. Doch dann trat das Gegenteil ein: Die VW-Aktie setzte zu einem steilen Höhenflug an (…).“

Die Preise für VW-Aktien stiegen wegen Spekulationen, dass VW von Porsche übernommen werden könnte.

„Der Logik von Spekulanten zufolge verkauften sie geliehene VW-Positionen auf hohem Niveau, in der Erwartung, die Aktien würden fallen (…). „

Am Ende mussten sie sich mit VW-Aktien zu Höchstkursen eindecken, „um nicht in den finanziellen Abgrund zu stürzen.“ S. 203

Selbstregulierung aussichtslos 

„Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, hatte dazu im Oktober 2008 auf einer Derivatetagung im Hinblick auf die deutsche Zertifikatebranche eine treffende Aussage gemacht: „Die Selbstregulierung der Finanzmärkte ist der falsche Weg. Das ist so, als würde man einen Hund damit beauftragen, einen Futtervorrat zu bewachen.“ (S. 148)

Der Staat ist machtlos

Die globalisierte Finanzwelt bietet finanzkräftigen Anlegern die Möglichkeit, ihre Steuerzahlungen zu „optimieren“. Einem möglichen Investor wird angeboten:

„Ich denke über eine Gesellschaft in Liechtenstein nach, die die Gelder über eine Zweckgesellschaft auf den Cayman Islands in die Hedgefonds investiert. Mit einer synthetischen Struktur aus Derivaten bekommen wir eine 1:1-Performance hin. Delta 1. Eine Finanzgesellschaft in London berechnet einen Index. Von den Liechtensteinern kaufen wir bloß noch die Optionen, die auf diesen laufen. Ich denke, so bauen wir den Hedge für ihr Wertpapier auf. Wer geht schon in eine Liechtensteiner Bank und nimmt dort die Bücher unter die Lupe? Keiner.“ S. 163

„Deutsche Anleger mussten ihre Transaktionen nicht eindeutig in die Bücher hineinnehmen, die deutsche Finanzaufsicht konnte lange in diese Bücher hineinschauen, sie würde nichts Aussagekräftiges finden. Und ausländisches Geld durfte an diesen Plätzen nahezu unbegrenzt ein- und wieder ausfließen.“ S. 169

Der Finanzaufsicht fehlt der Überblick. Es wird von ihr nicht registriert, „dass heute sieben Derivate nach Irland gegangen sind und gestern acht nach Luxemburg. Überblick? Den konnte man vergessen. Exzesse? Systemimmanent.“

3 Gedanken zu „Eine Börsenhändlerin erklärt den Derivate-Wahnsinn“

  1. Warum sollte man auch Steuern bezahlen? Damit irgendwelche Politparasiten oder ihre Günstlinge Geld ohne Gegenleistung bekommen können? Wieviel zihen die nochmal von den normalen Bürgern ab, 70%, nicht wahr? Die Konzerne machen es richtig. Wäre ich an deren Stelle würde ich nicht nur dasselbe tun, sondern mir damit noch mehr Mühe geben. Weg mit dem sozialistischen Unterdrückerstaat!

  2. Dazu sage ich: Nicht alle, aber sehr viele Finanzderivate sind erforderlich und im Sinne des Funktionierens des Gesamtsystems unverzichtbar.
    Dazu muss man wissen, dass die Aktien keine „Spielwiese“ der Kapitalisten ist, sondern die Hauptfinanzierungsquelle der Akteingesellschaften und zugleich die demokratischste.
    Ich würde keine Aktien kaufen, d.h. mich an der Wirtschaft dieses Landes (oder weltweit) beteiligen, wenn ich mich nicht gleichzeitig mit Putpapieren gegen fallende Kurse absichern könnte. Und so wie ich denken sehr viele Kleinanleger, die sich am Erfolg einer AG beteiligen möchten.
    Wer das bekämpft, denkt undemokratisch. Dieser will keine Beteiligung der Bürger an den Unternehmen und letztlich auch kein Mitspracherecht.

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