Bericht über NSU-Informanten „Corelli“ erhärtet Mordverdacht

Heute veröffentlichte der Bundestag den „Corelli“-Bericht des grünen Politikers Jerzy Montag. Er wurde vom parlamentarischen Kontrollgremium beauftragt, die Todesumstände des NSU-Verfassungsschutz-Informanten Thomas Richter alias „Corelli“ aufzuklären. Sein Bericht ist eine Weißwaschung der Sicherheitsbehörden. Trotzdem enthält er einige Punkte, die aufhorchen lassen, und die das Parlament zu weiteren Untersuchungen veranlassen müsste.

Die Vorgeschichte ist kurz erzählt. Es tauchte kurz vor Corellis Tod eine NSU-CD auf, die der Informant des Geheimdienstes „Verfassungsschutz“ erstellte. Damit war bewiesen, dass er Teil des NSU-Netzwerkes war. Richter konnte jedoch darüber nicht befragt werden, da er kurz vor dem Verhör an einem Zuckerschock verstarb. Die Behörden händigten den Parlamentariern nicht den Obduktionsbericht von „Corelli“ aus und gestatteten den beteiligten Medizinern nicht, überhaupt inhaltlich mit den Parlamentariern zu sprechen.  Der Chef des Innenausschusses Wolfgang Bosbach (CDU) war nicht gerade erfreut. Daher wurde Montag beauftragt.

Was sagt der Montag-Bericht zum Todeszeitpunkt?

Thomas Richter wurde am 07.04.14 tot gefunden. Der Notarzt konnte den Todeszeitpunkt im Rahmen der Totenschau nicht bestimmen!

„Der Notarzt, der kurz nach den Rettungssanitätern um 15.40 Uhr erschien und um 16.05 Uhr für „Thomas D***“ einen Totenschein ausstellte, hat keine Anhaltspunkte für äußere Einwirkungen gesehen, erklärte die Todesart für ungeklärt und den Sterbezeitpunkt für nicht bestimmbar.

Auch in der Obduktion am 08.04. konnte der Zeitpunkt nicht festgestellt werden.

„Instituts für Rechtsmedizin Münster enthielt keine Angaben zum möglichen Todeszeitpunkt.“

Trotzdem geht Montag davon aus, dass der Tod nur wenige Tage zuvor eingetreten wäre!

„Nach Lage der Dinge sei davon auszugehen, dass R*** am Morgen des 04.04.2014 an einer diabetischen Stoffwechselentgleisung verstarb.“

Der Grund wären SMS und Internet-Aktivitäten auf Corellis Laptop und Handy.

„Die letzten Sucheinträge im Internet deuteten auf einen verwirrten Zustand hin. Offensichtlich sei R*** in dieser Situation nicht mehr auf den naheliegenden Gedanken gekommen, eines seiner Mobiltelefone dazu zu nutzen, eine Notrufnummer anzurufen. Dazu passe, dass R*** von 2010 bis zu seinem Tod keine ärztlichen Leistungen in Anspruch genommen habe.“

Fragte Montag das Institut für Rechtsmedizin, warum der Todeszeitpunkt nicht bestimmt werden konnte, obwohl dies ein wesentlicher Bestandteil jeder Obduktion und Leichenschau ist? Warum wird diese wichtige Frage im „Corelli“-Bericht ausgespart?

Wie realistisch ist Montags medizinische Einschätzung, dass der über Tage an einem Zuckerschock leidende Mann aus Verwirrung keinen Arzt anrufen konnte?

Litt „Corelli“ überhaupt unter einer Zucker-Erkrankung?

Der Bericht untersucht diese Frage nicht ernsthaft und stützt sich in seiner bejahenden Antwort auf die letzten Tage von Thomas Richter. Er meldete sich am 02.04. per SMS bei seinem behördlichen „Betreuungsteam“ krank. Am 03.04.  klagte er per „über Whats App“ bei einem ehemaligen „Leipziger Nachbarn“ über seinen schlechten Gesundheitszustand.

Alle Aktivitäten, die Montag anführt, könnten auch von einer anderen Person durchgeführt worden sein, die sich im Besitz von dessen Laptops, Handys befand.

Die Frage ist, ob und wer mit „Corelli“ ab dem 02.04.14 persönlich Kontakt hatte. Hat er Telefonanrufe bis zum 05.04.14 entgegengenommen? 

Telefonanrufe des Betreuungsteams und des V-Mann-Führers in der Zeit vom 05.04.2014 bis 07.04.2014 hat R*** nicht mehr entgegengenommen.“

Dachluke

Montag weist darauf hin, dass die Wohnung von innen abgeschlossen war und der Schlüssel innen steckte. Sie musste aufgebrochen werden. Aber es gab noch einen Zugang in die Wohnung:

„Am Abend des 07.04.2014 wurde entschieden, die zuständige Mordkommission beim Polizeipräsidium Bielefeld zu beauftragen, den Fundort der Leiche als möglichen Tatort aufzunehmen. Dabei wurde am 08.04.2014 unter anderem festgestellt, dass sich in der Decke des Schlafzimmers der Wohnung von R*** eine Luke zur darüber liegenden Wohnung befindet. Auf Rückfrage hat der Vermieter erklärt, dass die Luke schon lange verriegelt sei. “

Wurde die Luke kriminaltechnisch überprüft, ob sie vielleicht entriegelt wurde? War die Wohnung darüber bewohnt? Diese Fragen spart der Bericht einfach aus. Was sagt die Mordkommission?

Nachfindungen von Beweismitteln

Die Mordkommission stellte am 08.04. verschiedene Beweismittel sicher. Die Wohnung wurde dann versiegelt. Am 15.04. tauchten neue Beweismittel auf, laut Montag „aus unerfindlichen Gründen“. Weitere Gegenstände kamen am 25.04. zum Vorschein! Wer soll glauben, dass die Mordkommission den auf dem Tisch liegenden Laptop nicht findet und zur Auswertung mitnimmt?

„Sichergestellt wurden unter anderem zwei Mobiltelefone und zwei Tablet-Computer. Die Wohnung wurde am 08.04.2014 um 15.45 Uhr wieder verschlossen und versiegelt. Die beiden Mobiltelefone sowie die beiden Tablets wurden am 08.04.2014 zur Datensicherung an die Fachdienststelle übergeben, während ein auf dem Wohnzimmertisch liegender Laptop aus unerfindlichen Gründen erst am 15.04.2014 sichergestellt wurde. Ein Netbook Acer sowie vier externe Festplatten und ein Mobiltelefon Nokia C2 stellte erst das BKA bei einer erneuten Durchsuchung am 25.04.2014 sicher.“

Trotz dieser kritischen Punkte kam Montag zum eindeutigen Ergebnis, welches den Sicherheitsapparat gefreut haben mag:

„Der Tod von R*** ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf eine Diabeteserkrankung zurückzuführen. Ein Hinweis auf ein mögliches Fremdverschulden hat sich nicht feststellen lassen.“

11 Gedanken zu „Bericht über NSU-Informanten „Corelli“ erhärtet Mordverdacht“

  1. Ein Kamerad von Corelli, der ihm beim Umzug nach Leipzig half: ‚Verräter müssen sterben!‘ – das ist doch praktisch für den tiefen Staat, wenn seine Hauptbelastungszeugen nichteinmal Rückhalt aus den eigenen Reihen zu erwarten haben.
    http://www.neues-deutschland.de/artikel/239437.neues-zum-v-mann-corelli-oder-wie-thomas-r-verschwand.html
    Auf die verbleibende Person sollte mal ein näherer Blick geworfen werden, ein Kollege vom oben erwähnten Kamerad und laut Verfassungschutzbericht die wichtigste Führungsperson in SA.

  2. Dieser ganze parlamentarische Untersuchungsquatsch ist doch total fürn A…. wenn die Exekutive selbst darüber bestimmen kann, was ausgesagt bzw. zugegeben werden darf und was nicht, Stichwort : Aussage(verweigerungs)genehmigung. Und da so etwas wie logische Brüche, Absurditäten, nachweislich Falsches etc. offenbar niemanden aus diesen „Untersuchungsausschüsse“ auch nur ansatzweise zu interessieren scheint, was soll der Quatsch ? Wenn solche fundamentalen Dinge wie der Todeszeitpunkt angeblich nicht ermittelt werden können ( glauben offenbar auch nur weltfremde Berufspolitiker ), dann lasst es einfach bleiben, bitte ! Für das, was diese „Untersuchungen“ kosten, kann man einen ganzen Wohnblock Sozialwohnungen hinstellen, und was da mehr Sinn macht, muss man wohl nicht erst erläutern.

    MfG

  3. „Der Tod von R*** ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf eine Diabeteserkrankung zurückzuführen. Ein Hinweis auf ein mögliches Fremdverschulden hat sich nicht feststellen lassen.”

    Corelli/Richter kam laut medizinischem Gutachten durch ein hyperglykämisches/ketoazidotisches Koma um Leben. Ein hyperglykämisches Koma kann (in seltenen Fällen) entstehen durch durch die Erstmanifestation eines absoluten Insulin Mangels (Typ 1 Diabetes) o d e r (bewusst) ausgelöst werden durch bestimmte Medikamente/Cortison/chemische Substanzen.

    Der Zusammenhang des Todes von Corelli/Richter mit seiner Aussage zum NSU lässt somit Letzeres vermuten.

    1. Jerzy Montag weist in seinem Bericht darauf hin, dass
      „Am 25.09.2014 (…) eine gezielte toxikologische Untersuchung durchgeführt [wurde], bei der weder Arzneistoffe, illegale Betäubungsmittel oder deren Abbauprodukte
      noch andere Wirkstoffe
      nachgewiesen werden
      konnten.“
      Es müsste nur ein Mittel gewesen sein, was nicht nachweisbar wäre. Wie kann darauf aufbauend der Mordverdacht ausgeräumt werden? Der Todeszeitpunkt spielt da auch eine Rolle, bei einem Abbau im Körper.

  4. “Nach Lage der Dinge sei davon auszugehen, dass R*** am Morgen des 04.04.2014 an einer diabetischen Stoffwechselentgleisung verstarb.”

    G.L.:“Jerzy Montag weist in seinem Bericht darauf hin, dass
    “Am 25.09.2014 (…) eine gezielte toxikologische Untersuchung durchgeführt [wurde], bei der weder Arzneistoffe, illegale Betäubungsmittel oder deren Abbauprodukte noch andere Wirkstoffe nachgewiesen werden konnten.”

    Soll wohl heissen am 25.4.14?

    „Er meldete sich am 02.04. per SMS bei seinem behördlichen “Betreuungsteam” krank. Am 03.04. klagte er per “über Whats App” bei einem ehemaligen “Leipziger Nachbarn” über seinen schlechten Gesundheitszustand. “

    Also ca. 2 Tage bzw. 48 Stunden lang hyperglykämisches Zustände, irgendwann Koma, Ketoazidose und Tod.

    G.L: „Es müsste nur ein Mittel gewesen sein, was nicht nachweisbar wäre. Wie kann darauf aufbauend der Mordverdacht ausgeräumt werden? Der Todeszeitpunkt spielt da auch eine Rolle, bei einem Abbau im Körper.“

    Wenn da tatsächlich nach A l l e m ( Arzneistoffe und deren Abbauprodukte, Betäubungsmittel und deren Abbauprodukte und andere allfällige Wirkstoffe) was ein hyperglykämisches Koma auslösen kann , toxikologisch untersucht wurde, dann ist Corellis Tod wahrlich ein grosser Zufall.

  5. Nachtrag:
    denkbar für Mord wäre z.B. das Spritzen von Insulin Antikörpern ( falls es diese als Auslösemittel auf dem „Markt“ gibt) eventuell in Verbindung mit kurzwirksamen Hydrocortison (beides gäbe negativen toxikologischen Nachweis)

    1. Ein paar Fragen an @johannes:

      Bist Du Arzt? Deine Ausführungen hören sich kompetent an.
      Was meinst Du mit großen Zufall?
      Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand auf einmal (ohne vorherige Erkrankung) an einem Zuckerschock, zu hohen Zuckerwerten, wie „Corelli“ stirbt?
      Was läuft da im Körper ungefähr ab?
      Wie würde eine Vorerkrankung aussehen und kann sie übersehen werden?
      Wie realistisch ist Jerzy Montags Erklärung, dass „Corelli“ zwei Tage an dem Zuckerschock litt und wegen geister Verwirrung nur nach Krankenhäuser googelte, aber deshalb nicht den Notarzt anrief?
      Wie genau (mit welchen Mordmitteln und wie eingesetzt) könnte ein Mord passiert sein, so dass in der tox. Untersuchung keine Überreste der Mordwaffe gefunden werden konnte?
      Müssten Einstiche von Spritzennadeln in seiner Haut vorhanden sein?
      Inwieweit ist Deine Einschätzung, dass kein Todeszeitpunkt im Obduktionsbericht vermerkt ist. Wie kann das möglich sein? Welche Begründungen könnte es geben? Inwieweit hätte die Feststellung des Todeszeitpunktes möglich sein müssen, wenn „Corelli“ wirklich am 04. verstarb und am 08. obduziert wurde.

  6. Insulin kommt nicht in Betracht, weil dieses zur Unterzuckerung (h y p o glykämisches Koma) führt im Gegensatz zum bei Corelli vorlliegenden hyperglykämischen Koma ( mit sehr hohen Blutzuckerwerten).

  7. Als technischer Helfer war Corelli war für Neonazis (inkl. NSU?), das was Peter Urbach für die RAF war. Beide mussten, nachdem sie als V-Mann bzw. Agent provocateur enttarnt waren, von den Behörden mit neuer Identität ausgestattet werden und an einen sicheren geheimen Ort unbekannt verziehen – Corelli innerhalb Deutschlands, Urbach sogar in die USA. Urbachs Rolle könnte daher brisanter gewesen sein.

    Zumindest hat man nach seinem letzten Auftritt bei einem Prozess in Deutschland 1971 vierzig Jahre nichts mehr von ihm gehört, bis dann sein Tod (2011) in den USA gemeldet wurde. Zweifel wurden mehrfach geäußert, denn als Quelle des SPIEGEL galt damals (d.h. erst nach dem Bericht im März 2012 – http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-84430258.html ) ein Nachruf in der Lokalzeitung Santa Maria Times, der zur Zeit der SPIEGEL-Meldung aber schon 10 Monate zurücklag und von einem Tod nach längerer Krankheit in einem Krankenhaus in Santa Barbara berichtete. Der SPIEGEL will eine Bestätigung des Todes von Frau und Sohn erhalten haben – Behörden (deutsche wie amerikanische) konnten oder wollten wohl nichts sagen oder fragte man sie „aus guten Gründen“ schon gar nicht? Unwillkürlich vermisst man auch einen reißerisches BILD-Foto („In diesem Grab ruht der RAF-Helfer“).

    Bei seinem angeblichen Tod war Urbach ( er „vermisste seine Heimat“ laut SPIEGEL) 70 Jahre alt – und vielleicht ein Fall für ein deutsches Senioren-/Pflegeheim? Kurz: Der Tod für die Öffentlichkeit muss bei Menschen in einem behördlichen Schutzprogramm noch lange kein realer Tod sein.

    „Die Behörden händigten den Parlamentariern nicht den Obduktionsbericht von ‚Corelli‘ aus und gestatteten den beteiligten Medizinern nicht, überhaupt inhaltlich mit den Parlamentariern zu sprechen.“ Da auch Jerzy Montag nur (ausgewählte) Akten studieren durfte, haben Parlament und Öffentlichkeit wohl nicht viel mehr als die Eigenauskunft der Behörden, keine unabhängigen Quellen?

  8. @Georg Lehle:
    “Am 25.09.2014 (…) eine gezielte toxikologische Untersuchung durchgeführt (…)“ – stimmt hier das Datum?
    5 Monate nach dem Tod könnte bei „flüchtigen Giften“ und ähnlichen Stoffen eine Suche bereits zu spät gewesen sein?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.