Analyse der beiden Spiegel Artikel aus 2011 zur Ceska- Mordserie

Bahnte sich die „Selbstenttarnung des National-Sozialistischen-Untergrunds (NSU)“ bereits im Frühjahr/Mitte 2011 an? Die anonym bleibenden Autorin  „cassandra“ legt dies nahe.  Dazu analysierte „cassandra“ die zwei „Spiegel“-Artikel „Düstere Parallelwelt“ und „Versteck in der Schweiz“.

Was ändert sich am bis dato gängigen Narrativ, und was bleibt davon übrig?

In „Düstere Parallelwelt“ vom Februar 2011 wird es zunächst einmal widerholt: Mafia, Schutzgeld, Drogen als vermutetes Motiv, jedoch trotz des enormen Ermittlungsaufwandes kein Ergebnis. Als Vermutung bleibt ein Türken hassender Einzeltäter, der mit der immer gleichen Waffe tötet. Welche Bedeutung diese Gegenüberstellung implizieren kann, dazu kommen wir später.

Dann die Wendung: Die Taten könnten einen politischen Hintergrund haben. Und zwar einen rechtsnationalen, in Verbindung zur Organisierten Kriminalität. Dort müsse die Suche nach den Tätern beginnen. In der Türkei wäre dies die „Ergenekon“ Verschwörung, und ihre Protagonisten wollten diese Verhältnisse auch auf die in Deutschland lebende Community übertragen. Auch wenn „Ermittler“ diese „Erkenntnisse“ angeblich teilen, würden die Deutschen Dienste so gut wie nichts darüber wissen. Dennoch sei man dem Täterkreis nach dem Mord in Kassel so nahe gekommen, das die Serie endete. Und ganz so mächtig scheinen zentrale Figuren des in Drogen- und Waffenhandel verwickelten rechten Netzwerks dann aber doch nicht zu sein, denn es wird von mehreren Morden und Hinrichtungen berichtet, denen sie in der Türkei und in Deutschland zum Opfer gefallen sind, ohne Nennung möglicher Gegner oder Täter.

Als authentische Informanten werden dann ehemalige Mitglieder dieser dubiosen Organisation angeführt, mit denen die Autoren gesprochen haben wollen. Sie erzählen davon, wie sie an Aktionen gegen linke türkische Bewegungen und die kurdische PKK beteiligt waren. Sowohl in der Türkei als auch in Deutschland. Dann will eine Gruppe etwas wissen über Ausspähung, Tatortabsicherung und die Bereitstellung eines Fluchtfahrzeugs beim Mord in München 2001. Hier setzen die Autoren noch ein Fragezeichen. Angeberei? Die Erwähnung genau dieserTat und die Art der Beteiligung könnte aber auch einen ganz anderen Zusammenhang haben.

Sie schließen mit dem Verweis der Nürnberger Kripo, dass mehrere Verdächtige sich in dieser Richtung äußerten, jedoch nie etwas Belastbares dabei herauskam. Dann fügen sie noch an, bei der Einzeltätertheorie werde von einem sexuellen Motiv ausgegangen, was jedoch niemals so formuliert wurde. Soll diese Theorie also diskreditiert werden oder dies nur ein Hinweis darauf sein, dass bei Befolgung des Narrativs der „Einzeltätertheorie“ eine gewisse sexuelle Komponente gegeben wäre?

Was haben wir hier? Es bleibt bei der immer gleichen Tatwaffe. Es seien aber unterschiedliche Täter türkischer Herkunft, die die Morde „auf Befehl“ der rücksichtslosen rechten Ergenekon- Leute ausführen. Politischer und krimineller Hintergrund. Machtkampf in der Türkei und der Community.

Der islamistischen türkischen Regierung, die mit Hilfe der immer weiter aufgeblähten „Ergenkon“- Verschwörung nicht nur die alten kemalistischen Eliten, sondern auch sämtliche ihrer sonstigen Gegner bekämpft, hätte eine solche Sichtweise zu dieser Zeit recht gut ins Konzept gepasst. Die ahnungslosen Deutschen Dienste und die Polizei unternehmen nichts gegen unsere gefährlichen Gegner, selbst wenn diese Morde in Deutschland begehen. Die Gesprächspartner der Autoren weisen offensichtlich gezielt in diese Richtung.

Sollte die Geschichte ursprünglich aber auf den Aussagen jener zwei kurdischen Häftlinge beruhen, die 2006 bis 2008 in den JVA´s Kassel und Dortmund die Offenlegung von Zusammenhängen der Ceska- Mordserie in Verbindung zu Aktivitäten der PKK in Europa anboten, obwohl sie sich dabei selbst schwer belasten müssten, wäre die politische Richtung in der Story verdreht worden. Von links nach rechts. Woher hätten unsere Spiegel- Autoren solche Informationen bekommen? Tatsache ist, dass es im Januar und Februar 2007 zu den bis dahin größten Razzien gegen PKK- Strukturen in Frankreich, Holland, Belgien und Deutschland kam und die Mordserie endete.

Mit einem Informanten, der sich „Mehmet“ nennt, beginnt im August 2011 die Geschichte „Versteck in der Schweiz“ von den gleichen Autoren Conny Neumann und Andreas Ulrich. Die Soko sei „auf ihn gestoßen“ und er bot an, die eine immer verwendete Ceska der Mordserie zu beschaffen, aus einem Tresor in der Schweiz. Er sei Mitglied in der dubiosen Organisation national gesinnter Türken, wolle aber aussteigen. Auch sei er an einem der Morde tatbeteiligt gewesen. Dafür verlangt er Straffreiheit und diese wird ihm auch zugesichert ebenso wie eine Belohnung von 40.000 Euro. Das ganze scheitert aber an der Sturheit der Justiz, die ihm die Verurteilung zu einer Haftstrafe für eine Urkundenfälschung nicht in eine Bewährungsstrafe umwandeln will, weil noch eine andere Bewährungsstrafe ausstehe. Das ist wenig glaubwürdig. Interessant noch, dass „Mehmet“ weiter behauptet, den gefälschten Führerschein, um den es dabei ging, vom Verfassungsschutz erhalten zu haben. Die Soko- Beamten nehmen ihm die Spitzeltätigkeit angeblich nicht ab, schätzen ihn aber ansonsten als glaubwürdig ein, weil das von ihm geschilderte ins Bild passt. Und das ist das gleiche wie im Artikel vom Februar. Auch in Deutschland aktive Mitglieder eines rechtsnationalen und kriminellen türkischen Verschwörungsnetzwerkes hätten die Taten begangen. „Ergenekon“ wird aber anders als noch im ersten Artikel nicht mehr explizit benannt. Stattdessen wollen die Autoren von den Ermittlern erfahren haben, dass es nach dem letzten Mord in Kassel Namen gab und Festnahmen. Man hätte die Täter aber laufen lassen müssen,- Gründe dafür werden nicht genannt-, und die hätten sich umgehend in die Schweiz und die Türkei abgesetzt. Die Polizei hätte, um an die Ceska doch noch heranzukommen, „Mehmet“ dann einen riskanten und unsicheren krummen Deal an der Justiz vorbei angeboten, auf den er aber nicht eingegangen sei. Dann wäre der Kontakt abgebrochen. „Mehmet“ gab aber angeblich noch zum Besten, dass Abtrünnige seiner kriminell- rechtsnationalen Organisation für den Deutschen Verfassungsschutz tätig seien, genau wie er es gewesen sei. Und das diese den Inlandsgeheimdienst gewarnt hätten vor dem letzten Mord in Kassel, und das deshalb ein Deutscher Verfassungsschutzbeamter zur Tatzeit vor Ort war. Postwendend verwies das Kölner Amt die Geschichte ins Reich der Märchen.

Was ist neu? Die Tatwaffe stammt aus der Schweiz. Ein Informant räumt eine individuelle Tatbeteiligung ein. Dies tat auch einer der inhaftierten Kurden, der sich offenbaren wollte. Er wollte aus seiner Organisation aussteigen und deutete an, etwas darüber zu wissen, warum es 2005 in München auch ein griechisches Mordopfer gegeben hat, dass vielleicht mehrere Pässe besessen hätte und Restschulden aus einer Auftragsvergabe schuldig geblieben sein könnte. Auch war von einem Tresor die Rede, in einer Hinterhaus- Moschee in Wiesbaden.

Aber weit wichtiger scheint, dass an vier verschiedenen Stellen dieser zweiten Geschichte offen von einer Verstrickung des Deutschen Inlandsgeheimdienstes in die rechte Organisationsstruktur der Mörder die Rede ist. Das ist eine Schuldzuweisung, die darin gipfelt, im Vorfeld des Kasseler Mordes informiert gewesen zu sein. Ein bekannt gewordener Name in Kassel war der des Verfassungsschützers Temme. Den musste man laufen lassen, ebenso wie andere Verdächtige.

Es könnte damit schon vorgegeben sein, wer beim kommenden Aufwasch die Zeche zu bezahlen hätte. Der Verfassungsschutz.

Es gibt nämlich noch einen ganz anderen Zugang zu den beiden Geschichten. Sie könnten sowohl eine Diskussionsgrundlage dafür gewesen sein, wie weiter vorzugehen sei, – oder auch ein konkreter Vorschlag dazu. Denn das reißerische an der ersten Geschichte ist die Schilderung des Ablebens des legendären Abdullah Catli. Seine Erscheinung, sein zeitweises Leben in Deutschland, seine Verbindung zu „Ergenekon“ soll das rechtsnationale Netzwerk belegen, dass für die Ceska- Mordserie ursächlich ist. Und das Datum seines Todes ist bemerkenswert. Legt man eine codierte Schablone über den Text dieser Schilderung wird er aufschlussreich. Und gruselig. In unveränderter Reihenfolge jetzt, – wohl an, willkommen in der “düsteren Parallelwelt“:

am 3. November…. sterben zwei Männer und eine Frau, ein weiterer Mann überlebt…… Das Ergebnis….. löst…. ein politisches Beben aus…… eine ehemalige Geliebte eines Agenten des Geheimdienstes…… Im… raum des Wagens findet die Polizei zwei Maschinenpistolen, fünf Pistolen mit Schalldämpfern………. sechs Personalausweise….. mit jeweils unterschiedlichen Namen……. Unterschrift des…. Innenministers…… das Quartett… im Badeort…. Für die… Öffentlichkeit tut sich ein Abgrund auf…. vom politischen Gegner vorgeworfen, in die Machenschaften……verstrickt zu sein……. Die Hintergründe, ……nach dessen Muster später weitere… starben, wurden nie aufgeklärt……. Das ganze Ausmaß der Verschwörung kam erst ans Licht, als……… zwei Waffenlager ausgehoben wurden…. Doch die deutschen Sicherheitsbehörden haben über die Verbindungen von ……. Teilen des Geheimdienstes kaum Erkenntnisse……. Gerüchte, aber keine Beweise…..

Ob die genannten Details der Geschichte überhaupt stimmen ist hier nicht so wichtig. Die Autoren haben sie wohl gerne hereingenommen, um mit dem Krawall Pepp in die Story zu bekommen. Eine andere mögliche Lesart wird ihnen nicht in den Sinn gekommen sein. Ausgangspunkt ihrer ersten Geschichte im Februar 2011 ist die Konstatierung, dass die Soko die Serie nicht aufklären kann. Und dass nur die Einzeltäter- Theorie bleibt.

 

Die zweite Geschichte im August spricht schon in der Kopfzeile davon, dass die Serie „nun möglicherweise aufgeklärt werden kann…“ Eine weitere Tat „sei in Planung“. Die Schwierigkeiten werden bei der Justiz verortet, und zwar bei der Anklagebehörde. Man hätte einen Superinformanten, der sich aber durch die Kooperation mit dem Verfassungsschutz schon tief hereingeritten habe, sodass die Beeinflussung von Richtern zu seinen Gunsten unabwendbar werde. Diese sei zunächst unmöglich, später jedoch „bei einer Anweisung von oben“ machbar. Dem Informanten wird bei einer Berufung in zweiter Instanz eine Bewährungsstrafe in Aussicht gestellt.

Vielleicht ist der Text der Hinweis darauf, dass sich die Grundkonstellation und damit auch der ursprüngliche Plan geändert haben, die Umsetzung aber unmittelbar bevorsteht.

In der Gesamtschau beider Texte werden zunächst zwei Alternativen dargestellt. Die erste: Der Fall ist erledigt und kann nicht aufgeklärt werden. Die zweite: Es gebe eine Möglichkeit dazu. Man wisse auch wie es gehen könne und hätte einen gangbaren Vorschlag dazu.

Ein halbes Jahr später verknüpft man dann unmittelbar die jetzt mögliche Lösbarkeit des Falles an die Verfügbarkeit der angeblich immer gleichen Tatwaffe aus der Schweiz.

Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass genau dies zu dieser Zeit (August 2011) darstellbar bereits der Fall war. Angenommen die „Spiegel“ Autoren bekamen von daran interessierten Kreisen gezielt Teile der Dortmunder und Kasseler JVA Dokumente durchgesteckt, in denen zwar von einer „Organisation“ die Rede war, aber die PKK unkenntlich gemacht wurde, trüge das zur Ehrenrettung der beiden Journalisten bei. Dann hätten sie nur zur Unkenntlichmachung die Bezugszeiten geändert. Das wäre ein klassischer Fall von Instrumentalisierung der Presse durch Geheimdienste. Es könnte aber auch noch der Fall sein, dass weitere Kundige beim Erscheinen der Artikel plötzlich die Möglichkeit gekommen sahen, einen weiteren ungeklärten Fall, der mit den anderen nichts zu tun hatte, auf spektakuläre, wenn auch riskante Art zu „entsorgen“.

14 Gedanken zu „Analyse der beiden Spiegel Artikel aus 2011 zur Ceska- Mordserie“

  1. Die Richtung der „Auflösung“ wurde 2010 vorgegeben, als Uwe Deetz vom BKA bei AZ XY erklärte, die Mordwaffe käme aus der Schweiz. Gegen den Widerstand Bayerns, BAO Bosporus Nürnberg.

    Du kennst ja den im Abschlussbericht ausführlich dargestellten Streit, Beckstein wollten sie einschalten, die Sendung verbieten etc pp.

    Nicht zu Ende gedacht, schade… das besondere Produktionsverfahren der Schweizer Ceskas kann es nicht geben, denn sonst hätten die sich ja nicht 2010 so gestritten, gelle?

  2. Lieber Herr Lehle, lieber Fatalist,

    ich beschäftige mich noch nicht so lange mit dem NSU
    und vor lauter Akten und Artikeln schwirrt mir der Kopf.

    Ich hätte ein Frage zu diesem Mehmet:

    Wann genau wurde in der Öffentlichkeit (Presse, Fernsehen)
    bekannt, dass dieser Agent Temme am Tatort war?

    Es wäre ja der Wahnsinn, wenn ein „Märchenerzähler“ rein zufällig einen Geheimdienster (Temme) an den Tatort geraten hätte, bevor er es aus der Zeitung wissen konnte.

    Ich habe versucht das selbst zu recherchieren, habe es aber nicht herausgefunden, was vermutlich daran liegt, dass
    ich zur ehrenwerten Generation der „Internetausdrucker“
    gehöre.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr

    Simon Drewitz

    1. 2006 war das. brauchst nur googeln, FAZ, Spiegel etc pp.
      „geheimdienst am tatort kassel“ suchzeitraum 2006.

      Temme war dienstlich dort, weil sein Auftrag darin bestand, eine nahe gelegene Moschee zu beobachten, seit Jan 2006. Hat er ausgesagt bei der Polizei 2006: Beobachtung der nahe gelegenen Moschee war sein Auftrag.

      Was er nicht gesagt hat: DESHALB war ich beim yozgat, weil dort Infos für mich hinterlegt wurden… zu Leuten aus der Moschee, die dort mailten, telefonierten etc pp.

      Der Pappdrache heisst Benjamin Gärtner, die richtige Spur ist Yozgat. Daher durften die 5 islamischen V-Leute nicht befragt werden: da fehlte einer… das ist eine THESE.

  3. Die Ausgangsfrage, ob der Spiegel schon früher vom NSU wusste, hatte ich nicht gestellt. Das ist ist hinzugefügt als Überschrift und nicht von mir. Denn der Artikel geht eher der Frage nach, ob die Autoren von Interessierter Seite Informationen durchgesteckt bekamen, damit sie in deren Sinne die Sache dann so darstellen. Der Hinweis darauf, dass Teile des dargestellten auf Hinweisen beruhen könnten, die von Häftlingen der JVA´s in Dortmund und Kassel aus den Jahren 2006 und 2008 kamen, entfiel hier leider. Diese wären bereit gewesen, sich zu belasten, einer gab eine Tatbeteiligung zu. Sie sprachen von einer gefährlichen Organisation. Wie glaubwürdig die Angaben in Richtung PKK oder anderer Kräfte waren, sei mal dahingestellt. Der Clou ist doch, dass die Journalisten mit einer unterfütterten Story geködert werden und dann in einer Ausschmückung etwas untergejubelt bekommen, von dessen Funktion sie keine Ahnung haben. Ist der Artikel eigentlich auch auf Englisch erschienen?

  4. Der Spiegel berichtete 2011 von einem schier unentwirrbaren Geflecht von Türken, die sich mindestens in die Kategorien Mafiosi, Rechtsradikale, korrupte Unternehmer / Politiker oder subversive Staatsdiener / Militärs einstufen lassen.

    Ein bisschen sieht das ganze nach „tiefer Staat“ aus, andererseits scheinen auch innerhalb dieses Geflechts blutige Kämpfe stattzufinden. Aber aufgrund fließender Grenzen weiß man weder bei merkwürdigen Todesfällen noch bei eindeutigen Morden, ob es nun Opfer eines Gruppenkonflikts, eines Zweikampfs konkurrierender Rivalen, einer Strafaktion gegen Verräter oder sonstiger dunkler Motive sind. Und ob es „nur“ um Geld etc. ging oder um heikle politische Dinge.

    Wer da nach der Rolle deutscher Behörden sucht, sollte Erdogans Rat einer “Auseinandersetzung mit dem tiefen Staat” beherzigen. Und zwar (beides sind ja NATO-Staaten) mit Blick vorrangig auf die Türkei, deren Geheimdienste einerseits einem starken Umbruch unterlagen, andererseits vermutlich nach wie vor eng mit den unsrigen kungeln.

    Der NSU (bzw. Abtauchen des Trios) begann 1998 und die Ceska-Morde 2000. Damals begann auch der Aufstieg von Erdogan und seiner AKP, was der bis dahin kemalistische Staat zunächst noch mit Verboten und Gefängnisstrafen aufhalten wollte. Vergeblich, seit 2002 siegt nur noch (und immer höher) die AKP.

    Der kemalistische tiefe Staat lebte zunächst weiter z.B. in der Generalität und deren Putsch-Gelüsten, die um 2004 am ausgeprägtesten waren und als „Ergenekon“-Verschwörung bekannt wurde. Anders als bei früheren türkischen Staatskrisen kam es aber nicht mal zu einem Putsch-Versuch, sondern ab Juni 2007 zu offiziellen Ermittlungen und reihenweisen Verhaftungen der Ergenekon-Leute.

    2006 / 2007: Die „NSU“-Morde endeten und der NSU verfiel in eine Art Dornröschen-Schlaf. Also gerade zu der Zeit, als der kemalistische tiefe Staat (inkl. Geheimdienste) entmachtet und personell durch AKP-Leute ersetzt wurde. Ab da hatten es unsere Geheimdienste statt mit den altvertrauten türkischen Kollegen quasi mit deren Opfern als Nachfolger zu tun – da ist man (um die künftige Kooperation nicht zu gefährden) doch einfach mal etwas zurückhaltender oder nicht?
    (Dass laut Cassandra zwischen 2006 und 2008 türkische Häftlinge in deutschen Gefängnissen besonders gesprächig waren, passt ebenfalls gut zu diesem Umbruch in der Türkei.)

    Ihren Höhepunkt erreichte die Prozesswelle gegen die Ergenekon-Leute 2011 – nicht nur das Jahr der o.g. Spiegel-Berichte, sondern das Jahr der Entdeckung und sofortigen physischen Vernichtung des NSU durch (Selbst-?)Morde.

    Die „Döner-Morde“ wurden damals sozusagen ganz schnell „eingedeutscht“ (und vergeschichtlicht = tote Uwes), bevor irgendwelche Ergenekon-Angeklagten mit diesen Morden – und zugleich mit ihren vormals guten Beziehungen zu deutschen Behörden – konfrontiert werden konnten.

    Vielleicht nur eine Theorie, aber das hektische Aktenvernichten durch deutsche Behörden ab dem 4.11.2011 zeigt, dass weder die beiden nun doch toten Uwes das eigentliche Problem sein konnten noch ihre vorangegangene jahrelange Protegierung. Denn wäre es so, dann hätte sich aus Staatsinteresse das Auffinden toter Uwes bestimmt so arrangieren lassen, dass weder die Ceska noch die überreichen Tatort-Trophäen der Zschäpe-Wohnung publik werden. Und Zschäpe, deren V-Frau-Status immer noch nicht ausgeräumt ist, hätte einfach eine andere Legende bekommen und wäre statt vor Gericht in einem Zeugenschutzprogramm gelandet.

    Nein, nur das eindeutig zugelassene Hochkommen der NSU-Geschichte (nur leicht gebremst von einem gleichzeitigen Verschleiern) kann von einer viel heikleren Geschichte ablenken – einer außen- bzw. bündnispolitisch heißen Geschichte.

  5. Das klingt plausibel. Mein Beitrag hatte sich, ohne das ich das so deutlich ausgedrückt habe, auf die „Dönermorde“ beschränkt. Damit sollte natürlich nicht die Wichtigkeit bzw. Eigenständigkeit der anderen Bereiche geleugnet werden.
    (Warum auch, die Zusammenführung des Puzzles gelingt ja ohne Widersprüche.)

    Zur „Eindeutschung der Dönermorde“, die 2011 plötzlich und nachträglich erfolgte, könnte man einwenden, dass diese Morde schon immer (neben dem Tatort-Land) einen wichtigen deutschen Bezug hatten: Sie wurden nämlich spätestens 2005 als Ceska-Serie publik und die Ceska war Teil einer Miniserie von 55 Stück, seinerzeit produziert für die Stasi, die jedenfalls (mindestens) die größere Hälfte erhielt und nach der Wende an die bundesdeutschen Dienste „vererbte“.
    (Dass die Stasi mit 100.000 hauptamtlichen Mitarbeitern eine Mini-Serie bestellte, dann aber nicht die gesamten 55 Exemplare abnahm, scheint allerdings so unglaubhaft wie die Meldung, zum Waffentransport von der CSSR in die DDR sei ausgerechnet ein Libanese beauftragt worden – in der Zeit vor dem Mauerfall!)

    Wie dem auch sei, mit der sehr ausführlichen Verfolgung der Ceska-Spur bis in die Schweiz gönnt sich das Gericht in München einen Exkurs, der zur Klärung der eigentlichen Anklage überhaupt nicht notwendig (und damit auch nicht zulässig) wäre.
    Der gerichtliche Exkurs soll offensichtlich die „Dienste“ vom naheliegenden peinlichen Verdacht reinwaschen, die Ceska (und womöglich sogar der Täter?) stamme evtl. doch aus ihren Reihen – so wie sie die braune Szene ja auch mit reichlich Geld versorgten.

    Das führt zur Frage, warum es überhaupt eine Fixierung auf diese Ceska als Tatwaffe gab. War die eiskalte Ausführung, der quasi rituelle Schuss ins Gesicht, nicht einschüchternd genug für Hinterbliebene und evtl. künftige Opfer?
    Hätten die (ich unterstelle mal) türkischen Täter von ihren Hintermännern keine unverfänglichere Waffe bekommen können – eine, die irgendwas symbolisieren mag, aber jedenfalls nicht das Gastgeberland in Verlegenheit bringt?

    Hier liegt der Knackpunkt: Die Opfer – Gegner des türkischen tiefen Staates – sollten nicht glauben, der deutsche Rechtsstaat schütze sie vor ihren Häschern. Denn genau das glaubten zumindest die türkischen Kurden, wie ich aus eigener Erfahrung weiß: Sie wähnten bei ihrem Freiheitskampf gegen die Türkei sowohl das deutsche Volk als auch die deutschen Behörden auf ihrer Seite. Sie hatten z.B. seit 2000 in Deutschland auf politisch motivierte Straftaten wie Konsulatsbesetzungen verzichtet, was der BGH dann 2004 durch eine teilweise Aufhebung des PKK-Verbots belohnte.

    Serienmorde aus einer Ceska, deren Herkunft nach deutschem Geheimdienst roch, signalisierte den möglichen Opfern aber ganz klar: Wir, die Täter, agieren auch in Deutschland so frei wie in der Heimat. Der deutsche Staat wird uns nicht behelligen – er reicht uns sogar die Tatwaffe auf dem silbernen Tablett!

    Und dass der deutsche Staat da wirklich mitspielte, scheint durchaus plausibel, falls die Mörder ihr Programm aufgrund einer NATO-Gladio-Strategie absolvierten.
    Wobei in der NATO bekanntlich nichts ohne den großen Bruder überm Teich läuft, dem seit mindestens 2001 (9/11) sehr daran gelegen ist, dass Deutschen sich nicht immer hinter ihrer Vergangenheit verstecken, sondern auch endlich mal Fronteinsätze leisten und bei blutigen Geschäften aller Art nicht den Saubermann spielen können, sondern sich auch die Finger schmutzig machen müssen.

    Spätestens beim Kiesewetter-Mord tummelten sich mit DIA und Ku-Kux-Klan die US-Helfer so offensichtlich, dass Ermittler und Gericht mit dem Wegschauen und Leugnen schier nicht mehr nachkommen.

  6. Der vielgesichtige Erdogan hatte 2005 – 2007 eine kurdenfreundliche Politik betrieben,
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-08/tuerkei-syrien-pkk-erdogan
    – vermutlich aus rein taktischen Gründen: 2005 brauchte er sie als Verbündete gegen die Kemalisten im Staatapparat, auf deren überfälligen Putsch sozusagen alle Welt wartete (basierend auf den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte). 2007 brauchte er die Kurden nicht mehr, denn er hatte Ergenekon, d.h. die kemalistischen Seilschaften in Militär und Staatsapparat endgültig besiegt.

    Durch die „Entdeckung“ und Publizierung der Döner-Morde als Ceska-Serie leisteten 2005 die deutschen Geheimdienste Schützenhilfe für die Kemalisten, auf deren Sieg bzw. Putsch sie damals wohl noch setzten – also auf das falsche Pferd, wie sie (allerspätestens) zwei Jahre später wussten.

    Vielleicht sollte man daher auch den letzten Döner-/Ceska-Mord 2006 in Kassel in diesem Licht betrachten: Um die künftige Kooperation mit dem NATO-Partner Türkei nicht zu gefährden, musste die bisherige (d.h. die gerade ein Jahr zuvor noch demonstrativ geoutete) deutsche (Ceska-)Unterstützung für kemalistische Killer schon wieder so umgedeutet werden, dass die Erdogan-Leute (d.h. die unerwarteten und ungeliebten Nachfolger der Kemalisten) damit einigermaßen leben konnten.

    Was konnte da besser helfen, als wenn bei einem neuen Mord eindeutig kein kemalistischer Täter (mit einer deutschen Geheimdienst-Waffe) mordete, sondern ganz ohne Kemalisten-Beteiligung ein deutscher Geheimdienstler höchstpersönlich die berüchtigte Ceska abdrückte? (Das türkische Opfer sollte dabei natürlich nicht gerade ein AKP-Mann sein.)

    Wenn dieser deutsche „Putativ-Täter“ sich dann zwar als Geheimdienstler herausstellt, aber noch mehr als verschrobener Einzelgänger und als doppelt peinlicher Hitler-Verehrer mit Sexsucht, dann signalisiert dies den Erdogan-Leuten zweierlei: Nicht der deutsche Staat kooperierte mit kemalistischen Mördern, sondern allenfalls einzelne Wirrköpfe im Apparat und auch deren „Kooperation“ war wohl eher nur vorgetäuscht, um die eigene Täterschaft besser zu tarnen.

    Hinter der anscheinend grenzen- wie bedingungslosen Protegierung Temmes durch Innenminister Bouffier seit 2006 bis heute, gegen die auch jetzt in München die Justiz nicht wirklich ankämpft, übersieht man jedenfalls leicht eine zweite Merkwürdigkeit:
    Wenn Bouffier schon unbeirrt mit oberpeinlicher und anrüchiger Temme-Loyalität die polizeilichen Ermittler ausbremste, warum ließ er zu, dass die eigenen LfV-Kollegen gegen Temme aussagen mussten und ihn auch tatsächlich belasteten?
    Umgekehrt: Gerade die Schlapphüte, die sonst nie Infos an die Polizei weitergeben, plaudern dort unbekümmert und ohne erst eine (notwendige und hier für sie erkennbar heikle) Aussagegenehmigung von oben eingeholt zu haben?

    Sollte der unvollkommen vertuschte Skandal in Wirklichkeit genau das sein: ein unvollkommen vertuschter, einer mit klarer Botschaft Richtung Türkei?
    Die Frage der BILD bereits in 2006, ob Temme evtl. sogar bei allen Ceska-Mordern dabei war, sandte jedenfalls die geopolitisch höchst erwünschte Message: „Wir“ haben nichts mit den kemalistischen Mördern zu tun, und vermutlich nicht mal diese(r) Einzelgänger!

    Die „Eindeutschung der Döner-Morde“ könnte man so in vier Stufen einteilen:

    – 2005 : „Entdeckung“ der Ceska als Serienwaffe; indirekte Botschaft (für Türken in Deutschland): „Wir“ helfen bedrängten kemalistischen Kollegen, euch Respekt einzuflößen!

    – 2006 : „Entdeckung“ Temmes bei einer frischen Leiche; indirekte Botschaft (an die Erdogan-Leute): Ok, der wirre Einzeltäter in Kassel und seine Waffe waren von uns, aber die Serie ist ja jetzt vorbei und „wir“ haben nie und nicht mal indirekt bei Morden geholfen, schon gar nicht den Kemalisten!

    – 2010 : „Entdeckung“ der Schweizer Ceska-Spur; indirekte Botschaft (im Vorgriff auf 2011): Wieso Stasi-Waffe? Diese unüberschaubaren 55 Spezial-Ceskas konnte im deutsch-sprachigen Raum von Anfang doch jeder kaufen und die von der Stasi an „uns“ vererbten Exemplare wurden von Experten schon 2009 „freigesprochen“! Wir stehen vor einem Rätsel, aber dass Temme genausowenig mit den Morden zu tun hat wie „wir“, war doch schon immer klar! Jedenfalls besteht keinerlei Grund, bei den anlaufenden Ergenekon-Massen-Prozessen bösartige Verschwörungs-Theorien zu verbreiten!

    – 2011 : „Entdeckung“ der Uwes beim Spontan-Suizid;
    indirekte Botschaft an die Welt: Für alle rätselhaften Morde dieser Republik fallen uns jetzt die Scheuklappen wie Schuppen von den Augen bzw. wie DNA-Wattestäbchen aus den Ohren. Wir entschuldigen uns für den langen Schlaf und werden dieses rein deutsche Problem in einem eigenen riesengroßen Prozess „Deutschland gegen NSU“ gründlich aufarbeiten.

    indirekte Botschaft an die Türken in Deutschland:
    Unser Herz schlägt für euch, denn wir wussten irgendwie schon immer, dass Türken nicht von Türken getötet werden, jedenfalls nicht bei uns. Aber natürlich auch nicht durch „uns“, die Leute vom Apparat. Und nicht durch unsere V-Leute. Und nicht unter deren Augen. Und auch wenn deren Ansichten ganz schön braun waren: als Verräter der Szene werden sie geschnitten, das ist für die schon Strafe genug und die Uwes als Hauptproblem sind ja auch endlich weg!

    1. Das ist recht brauchbar als These.

      Aber: Die Frage Nr. 1 zu Temme fehlt: War Yozgat ein Informant Temmes in Bezug auf die nahe gelegene Moschee, die zu beobachten seit Jan 2006 Temmes Auftrag war, wie er auch 2006 bei der Polizei aussagte?

      Frage Nr. 2: Ist das der Grund, warum die Polizei die 5 islamischen V-Leute (und Pappdrache Gärtner, den auch niemand am Tatort sah, wie die Uwes) nicht vernehmen durfte, weil da einer fehlte?

  7. Ohne über konkrete Details zu verfügen: In der Moschee dürften sich eher Erdogan- und AKP-nahe Leute getummelt haben, während Halit Yozgat als weltlicher Café-Besitzer vermutlich eher als eher AKP-fern zu gelten hat.
    Das passt gut zur These, dass der nächste (d.h. letzte) Ceska-Mord keinesfalls einen Mann der AKP treffen durfte, an die man sich ja (auf höherer Ebene natürlich) vorsichtig nähern wollte.

    Falls Halit Yozgat tatsächlich (und geführt von seinem späteren Mörder Temme) die Moschee bespitzelte, macht ihn das in den Augen von AKP-Leuten noch unsympathischer (d.h. zusätzlich zu seiner „Weltlichkeit“). Und vor allem macht es für sie glaubhafter, dass Temme als Einzeltäter handelte, denn warum sollte sein Arbeitgeber einen eigenen Spitzel ermorden wollen? Den eigenen Mann und Nicht-Islamisten Yozgat zu ermorden, z.B. bloß um sich den islamistischen AKP-Leuten anzubiedern, wäre ein unglaubwürdiges und geschmackloses Begrüßungsgeschenk, das nicht geeignet ist Vetrauen zu schaffen.

    Und Halit Yozgat als kleiner Moschee-Spitzel konnte kaum was in der Hand haben, um das „Amt“ zu erpressen und zu einer Radikal-Lösung zu nötigen. (Selbst falls er doch was hatte: nur Wahnsinnige trauen sich, als Einzelne eine solche Institution herauszufordern.)

    Ganz anders gegenüber Temme: Seine heimlich-peinliche Sexsucht, ausgelebt in Yozgats Café, war eine Schwäche, die Erpresser geradezu anlocken muss. Zumal Temme ihn vermutlich mit einer Unart nervte, die auch Spitzel Benjamin Gärtner vor Gericht beklagte: die schleppende Auszahlung fälliger Spitzel-Löhne.

    Egal, ob es so war – Yozgat in der Rolle als Temmes Spitzel, der ihm aus persönlichen Gründen lästig wurde, passt so gut zu Bouffiers Ceska-Verwendungs-Inszenierung für Erdogan, dass man entsprechende Gerüchte geradezu erfinden müsste, wenn es sie nicht schon gäbe. Also (außenpolitisch) kein Motiv ersichtlich, solchen Gerüchten entgegen zu treten.

    Innenpolitisch gibt es natürlich schon ein Motiv, keine nähere Aufklärung zuzulassen: Dem Volk müssen ja als Täter-Bären die (völlig unsichtbaren) NSU-Uwes aufgebunden werden, da stört ein konkretes Freund-Feind-Drama zwischen Yozgat und Temme nur!
    (Dieses Motiv gibt es zwar erst seit 2011, aber die Show für Erdogan ließ schon zuvor kein Reine-Tisch-machen zu und eine dunkle Wolke staatlicher Geheimnisse muss sicherstellen, dass gegen Bouffiers Eingriff in die Polizeiarbeit nie Justiz-Ermittlungen anlaufen dürfen.)

    Ob die 5 islamischen V-Leute genug über Halit Yozgats Schicksal wissen, so dass ihr Schweigen sichergestellt werden muss, ist daher auch nicht erheblich. Wichtig ist nur, dass offiziell irgendwelche Staatsgeheimnisse gewahrt bleiben müssen und Ermittlungen generell zu unterbleiben haben.
    Sollten die fünf wirklich Brisantes wissen, dürften sie aber heute noch klarer als damals wissen, dass Schweigen Gold und Reden Blei bedeutet.

  8. So wird noch kein Schuh draus. Durch die geleakten Fatalist Akten wird klar, dass ein PKK Kommando 2001 dadurch gefasst werden konnte, dass Informationen aus der Teestube von Ismael Yosgat deren Aufenthaltsort in Kassel zur Kenntnis brachten. Ob er selbst daran beteiligt war bleibt offen. Es sind Informationen gegen die PKK. Die erste Mordserie endet. Das Kommando wandert in den Knast. Wegen Anstiftung zum Mord. Eine Pistole 7,65 mm und eine Patrone 6,35 mm werden sichergestellt, so die Akten. Diese Waffe schied jedoch als Serientatwaffe aus, heißt es dort. Es waren aber vier verhaftete und verurteilte Personen. Da könnte bei den sichergestellten Asservaten auch etwas fehlen, – zum Beispiel die Tatwaffe einer oder sogar zwei der Morde der ersten Serie. Betrachtet man es politisch, würde das Sinn machen. Zu der Zeit konnte niemand ein Interesse an weiterem Kurden- Rabbatz in Deutschland haben , und erst recht nicht an einem weiteren kurdisch- türkischem Clash auf deutschem Boden, nach allem, was man um das PKK- Verbot und die Verhaftung Öcalans erlebt hatte. Denkt man an den Kampf der Jugoslawischen Regierung gegen die kroatischen Nationalisten in Westdeutschland der sechziger und siebzieger Jahre zeigen sich Parallelen. Solche Entscheidungen fallen auf der Ebene der Politik. Ziemlich weit oben. Eine mögliche Mordserie war damals nur in wenigen Regionalmedien thematisiert worden, und dabei sollte es bleiben. Erdogan hat einige Zeit gebraucht, um Zugriff auf die hermetisch abgeschlossenen kemalstischen Strukturen der türkischen Sicherheitsarchitektur zu bekommen. Es stellte sich heraus, dass nur ein großer Aufwasch einer Staatsverschwörung geeignet wäre, dies durchgreifend und nachhaltig zu ändern. Dem allseits erwarteten Putsch kam Erdogan zuvor mit der „Ergenekon“- Verschwörung. Deshalb macht es mehr Sinn, in der Kasseler Tat etwas anderes zu erkennen: Nämlich das ein jetzt islamistischer MIT- Kader des türkischen Geheimdienstes die Verbindung der alten rechten mit der Mafia verbandelten Sruktur dieses Dienstes und dessen Verbindung mit dem deutschen Inlandsgeheimdienst auffliegen lässt. In Flagranti.
    Die neuen AKP Leute in den Diensten haben jetzt langsam genauer herausbekommen, dass ihre Vorgänger in Schutzgelderpressungen, Drogen- und Waffenhandel sowie Ausschaltung von linken türkischen und PKK Kadern in Europa verstrickt sind. Und das sie dies mit Hilfe von Inlandsgeheimdiensten von befreundeten NATO Staaten bewerkstelligt haben. Da sie zu der Zeit berechtigt annehmen können, dass diese den gewaltsamen Sturz ihrer neuen Herrschaft nicht nur erwarten, sondern befördern, entschließen sie sich, ein Zeichen zu setzen. Wirklich schwer ist es nicht, Temme als einen Agenten zu identifizieren, der ihnen wohl gesonnene Agitatoren in der Kasseler Moschee beobachten lässt. Auch werden sie Wissen darüber erlangt haben, dass Ismael Yosgat bei der Verhaftung der PKK Kader 2001 eine Rolle spielte. Und das 2006 das der Teestube folgende Internetcafé als informationsbörse genutzt wird, über mailaccounts, „entwürfe“ in briefkästen ect. Es ist die türkische Seite, die handelt. Vielleicht war Ismael Yosgat das Ziel, schließlich sollte er ab 17.00 Uhr die Aufsicht führen, sein Sohn Halit sollte zu der Zeit schon zur Abendschule gefahren sein.
    Als um 17.01 Uhr nichts passiert, geht Temme nach eigener Aussage nach vorne heraus auf die Straße, um nach dem Betreiber zu schauen, den er angeblich im Laden nicht finden kann. Er kehrt zurück, legt eine 50 Cent Münze auf den Tresen und verlässt nach Angaben der beiden jugendlichen Surfer das Café DURCH DEN HINTERAUSGANG. (Stern)
    Irgendetwas ist seltsam. Der irakische Zeuge, der nur zwei Meter entfernt das Tatgeschehen nur als „Knall, wie das Platzen eines Luftballons“ wahrnimmt, sagt, dass eine „große Gestalt sich danach zum Vorderausgang begeben hätte“. Die Tat ist anders als alle vorherigen der so genannten Ceska-Serie. . Es sind mehrere Zeugen anwesend. Ein recht guter Schalldämpfer einer Waffe muss zum Einsatz gekommen sein, denn die Geräusche des Niederfallens des Mordopfers werden von den Zeugen als lauter als die tödlichen Schüsse wahrgenommen. Das ist anders als bei vorherigen Morden der angeblichen Serie. Da wurde immer wieder von lauten Schussgeräuschen berichtet.
    Der neue türkische Dienst hat hier ein Zeichen setzten können. So geht es hier nicht weiter. Die Medienaufmerksamkeit war gewiss und man konnte sie auch eine gewisse Zeit lang mitsteuern. Eine Fortsetzng der Kooperation von Bundesdeutschen Inlandsgeheimdiensten mit dem alten türkischen Netzwerk ist von da an nicht mehr möglich. Man hat Temme und seine Auftraggeber wissentlich reingelegt. Das war es aus deren Sicht allemal wert.

  9. Konnte ein Mörder den 21-jährigen Halit mit dessen Vater verwechselt haben?
    Obwohl der Vater erst 1-2 Minuten vor dem Schuss planmäßig an der Kasse erscheinen sollte, also nichts naheliegender war als eine Verzögerung dieser Ablösung?
    Warum sollte ein (türkisch-islamistischer) AKP-Mann den 5 Jahre zurück liegenden evtl. Verrat an (kurdisch-kommunistischen) PKK-Leuten überhaupt „rächen“ wollen?

    Wieso sollte der Saubermann Erdogan seine islamistischen Agenten morden lassen: Wie kann ein neuer eigener (und in diesem Fall reichlich undurchsichtiger) Mord den evtl. bisherigen mörderischen anti-islamischen Bund zwischen deutschen und kemalistischen Schlapphüten eindeutig und verwechslungsfrei anprangern?
    Zum Zeitpunkt von Halits Tod war der Machtkampf hinter den Kulissen in der Türkei vielleicht weitgehend, aber noch nicht ganz entschieden; die Verhaltungswelle gegen die Kemalisten begann jedenfalls erst 15 Monate später. Wieso sollte er also die ebenfalls noch nicht restlos beseitigte Putschgefahr mutwillig anfachen, indem er Kemalisten im Ausland liquidieren lässt? Ein solcher Mord hätte somit eine kleine, missverständliche Botschaft an die Deutschen beinhaltet, hingegen eine evtl. selbstmörderische an Erdogans Gegner.

    Für das Signal an die Deutschen „Jetzt weht ein anderer Wind“ hatte er doch reichlich diplomatische Kanäle. Und für ein öffentliches Anprangern hatte er die damals noch anstehenden Egernekon-Massen-Prozess. Deren Vorab-Ankündigung und lange Dauer verschaffte ihm langfristig auf diplomatischer wie auf öffentlicher Bühne eine ideale Droh- und Druckkulisse gegenüber alten Kemalisten-Freunden im deutschen Staatsapparat. Einen plumpen Mord an einem kleinen Licht hatte er da doch gar nicht nötig.

    Und wenn AKP-Leute „Temme und seine Auftraggeber wissentlich reingelegt“ und ans Licht der Medienöffentlichket gezerrt hätten, dann hätte Temme nicht vor „unzuverlässigen Kollegen“ den Einzelgänger gespielt und nicht ihnen gegenüber geprahlt, vor der Polizei vom Serien-Charakter der Tatwaffe gewusst zu haben. Und dass diese „unzuverlässigen Kollegen“ – ob sie ihm den Einzelgänger-Status nun abnehmen oder nicht – ihn nie ohne Rückendeckung von oben (Aussage-Genehmigung inkl. Aussage-„Beratung“) bei der Polizei anschwärzen würden (gerade im Punkt Waffen-Kenntnis), hatten wir ja schon.
    Der umfassende Bouffier-Schutz für Temme „versagte“ ja ausgerechnet an dieser „kleinen“ Stelle – das wäre nur dann verwunderlich, wenn man nicht mit Händen greifen könnte, dass da gezielt und koordiniert eine Wunsch-Nachricht der Schlapphüte an (insbesondere) die türkische Öffentlichkeit lanciert wurde.
    Durchgestochen werden sollte: Die Ceska, deren veröffentlichter Serien-Charakter noch 2005 die Unterstützung der gesamten deutschen Geheimdienste für die Kemalisten symbolisieren konnte, befindet sich in Wirklichkeit in der Hand eines (Geheimdienst-)Einzelgängers, der keine offiziell-außenpolitische Agenda hat, sondern eine persönlich-rassistische.

    Erdogan ist zwar Profi genug um zu erkennen, dass die Deutschen vermutlich eine kleine Show abziehen, wenn sie ihn, den alten Feind, nun plötzlich zum Freund machen wollen.
    Wenn aber im Mittelpunkt dieser Show eine Verbeugung steht in Form einer Selbstdemütigung der deutschen Seite (sexsüchtiger Nazi-Wirrkopf blamiert seinen Arbeitgeber), dann kann das für einen stolzen Mann wie Erdogan Genugtuung und Kotau genug sein, damit er Vorbehalte zurückstellt und die ausgestreckte Hand annimmt. Denn dass es in der Politik sowieso nur Zweckpartnerschaften gibt und keine echten Freunde und Liebesheiraten, das muss ihm genausowenig jemand erklären wie die Notwendigkeit, (vorerst) in der NATO zu bleiben und mit deren Mitgliedern zu kooperieren.

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